Krise – BEIGEWUM

Stichwort: Krise


Krise: Zwischenstop in Irland

November. 26th 2010 — 12:56

Der­zeit hält die Kri­se in Irland. Mit Sicher­heit wird es nicht die letz­te Sta­ti­on sein.  EU und IWF schnü­ren an einem Hilfs­pa­ket von bis zu 100 Mil­li­ar­den Euro, um die Bewäl­ti­gung der hohen  Schul­den der iri­schen Ban­ken zu meistern.


Ähn­lich wie Island war Irland lan­ge Zeit ein neo­li­be­ra­ler Mus­ter­staat: Unter­neh­mens­steu­er-Dum­ping, hohe wirt­schaft­li­che Anpas­sungs­be­reit­schaft, Bud­get­über­schüs­se, tol­les Wachs­tum. 2008 stell­te sich her­aus, dass der Wohl­stand nicht Ergeb­nis einer erfolg­rei­chen wirt­schafts­po­li­ti­schen Linie, son­dern einer kre­dit­fi­nan­zier­ten Immo­bi­li­en­bla­se war, deren Plat­zen zu einem Schul­den­berg führ­te. Die­ser Schul­den­berg über­stieg anfangs die Kräf­te der Ban­ken, die dar­auf­hin staat­lich unter­stützt bzw. ganz ver­staat­licht wur­den. Durch das Ein­tref­fen lau­fen­der Kor­rek­tu­ren der Ver­lust­schät­zun­gen der Ban­ken nach oben über­steigt er nun auch die Kräf­te des Lan­des (das mit einer Garan­tie­er­klä­rung für sämt­li­che Ein­la­gen über das zwei­ein­halb­fa­che der jähr­li­chen Wirt­schafts­leis­tung schon 2008 eine gigan­ti­sche Ansa­ge getrof­fen hat­te). Wenn nach Irland auch Por­tu­gal, dann Spa­ni­en und viel­leicht Ita­li­en die Kräf­te aus­ge­hen, ist wohl auch die nächst­hö­he­re Sicher­heits­netz-Ebe­ne, EU und IWF, in der Bre­douil­le. Das Schul­den-Wei­ter­rei­chen und damit Zeit kau­fen ist dann zu Ende, und die Stun­de der For­de­rungs­ver­zich­te schlägt. Die ers­ten Ver­zich­te hat ein gerin­ger Teil der unbe­si­cher­ten Anlei­he­hal­ter der Anglo Irish Bank (und zwar Spe­zia­lis­ten­fonds, die die­se For­de­run­gen mit Abschlä­gen von aus­län­di­schen Ban­ken erwor­ben hat­ten, in der Hoff­nung, dass sie bei den Ver­hand­lun­gen mit Anglo Irish ein biss­chen mehr raus­krie­gen als sie bezahlt haben) letz­te Woche bereits hin­ge­nom­men, wei­te­re wer­den wohl fol­gen müssen.


In einem offe­nen Brief in der Finan­cial Times hat der iri­sche Finanz­mi­nis­ter ange­kün­digt, trotz immensen Bud­get­drucks kei­nes­falls an den nied­ri­gen Unter­neh­mens­steu­er­sät­zen in Irland rüt­teln zu wol­len. Irland müs­se wach­sen, um die Schul­den­last abzu­tra­gen. Er zitiert eine OECD Stu­die, wonach eine Erhö­hung der Unter­neh­men­steu­ern mit größ­ter Wahr­schein­lich­keit das Wachs­tum behin­de­re. Irlands Regie­rung scheint den neo­li­be­ra­len Rat­schlä­gen also unge­bro­chen zu fol­gen. Mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne dro­hen Irland in der Tat mit Abwan­de­rung im Fall einer Steu­er­erhö­hung. Dass bei einer auch nur gering­fü­gi­gen Anhe­bung der Steu­ern sofor­ti­ger Mas­sen-Exo­dus statt­fin­det ist jedoch nicht zu erwar­ten, schließ­lich hat Irland auch ande­re „Stand­ort­vor­tei­le“ (Lage, Aus­bil­dungs­ni­veau, Spra­che etc.). Mit dem klas­sisch keyne­sia­ni­schen Argu­ment, eine ein­sei­ti­ge Auf­bür­dung der Anpas­sungs­las­ten auf die Schul­tern der Lohn­ab­hän­gi­gen wür­de die Mas­sen­kauf­kraft in Irland und somit auch den Unter­neh­men scha­den, wer­den die Kon­zer­ne jedoch nicht zu beein­dru­cken sein: Irland hat Züge einer ver­län­ger­ten Werk­bank, wo Mul­tis für den Export statt für den Bin­nen­kon­sum pro­du­zie­ren. Schät­zun­gen, wonach das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt (Ein­künf­te der Staats­an­ge­hö­ri­gen) um rund ein Fünf­tel unter dem Brut­to­in­lands­pro­dukt (Ein­künf­te der Orts­an­säs­si­gen) lie­ge, sind ein Indiz, dass mas­si­ve Zuflüs­se von Aus­lands­ka­pi­tal rein der Ver­lo­ckung nied­ri­ger Steu­ern zu ver­dan­ken sind. Die­se Gel­der wer­den in Irland ver­steu­ert, in wei­te­rer Fol­ge aber über ver­zerr­te Trans­fer­prei­se inner­halb mul­ti­na­tio­na­ler Unter­neh­men wie­der ins Aus­land trans­fe­riert. In die­sem Modell abhän­gi­gen Wachs­tums bleibt Irland durch die wirt­schafts­po­li­ti­sche Wei­chen­stel­lung der Regie­rung gefan­gen. Aus der dar­über geleg­ten Finan­zia­li­sie­rung, die eine Zeit­lang die Illu­si­on von Wohl­stand über das Land brach­te, ist für abseh­ba­re Zeit die Luft raus – außer von irgend­wo­her kom­men mas­si­ve Zuströ­me von wohl­ha­ben­den Men­schen, die iri­sche Häu­ser kau­fen, und den Immo­bi­li­en­boom wie­der in Gang brin­gen. Die poli­ti­schen Eli­ten, die in kor­rup­ter Wei­se mit dem Finanz­boom ver­knüpft waren, sind dele­gi­ti­miert. Ob es zu einem sys­tem­in­ter­nen Umsturz wie in Island kom­men wird, wird sich bei den Wah­len spä­tes­tens im Früh­jahr zeigen.


Irland und die Län­der der Süd­pe­ri­phe­rie (Por­tu­gal, Ita­li­en, Spa­ni­en), die im Fokus der aktu­el­len Finanz­be­sorg­nis ste­hen haben eine auf­fäl­li­ge Gemein­sam­keit: Sie bil­den die Grup­pe mit der höchs­ten Ein­kom­mensun­gleich­heit inner­halb des Euro­raums (und gemein­sam mit ande­ren Haupt-Kri­sen­be­trof­fe­nen Lett­land und UK auch inner­halb der EU) (Gini Koef­fi­zi­ent lt. UN Defi­ni­ti­on, Wer­te von 2008). Die viel beschwo­re­nen Ungleich­ge­wich­te zwi­schen Zen­trum und Peri­phe­rie in Han­del und Finan­zie­rung wer­den ergänzt durch inter­ne Ungleich­hei­ten in den Peri­phe­rie-Län­dern. Der neo­li­be­ra­le Glau­be, Ungleich­heit sei eine not­wen­di­ge Begleit­erschei­nung von öko­no­mi­scher Pro­spe­ri­tät wird dadurch ein­mal mehr in Fra­ge gestellt. Eine wirt­schafts­po­li­ti­sche Kurs­kor­rek­tur steht nicht an. Ihre Eig­nung als kurz­fris­ti­ge Kri­sen­hil­fe in der jet­zi­gen ver­fah­re­nen Situa­ti­on wäre auch unge­wiss. Über­haupt ist die Fan­ta­sie betref­fend kurz­fris­ti­ge Lösun­gen der­zeit aller­orts ziem­lich verpufft.


Es ist jeden­falls schwer vor­stell­bar, wie es ohne eine Schul­den­re­struk­tu­rie­rung, also teil­wei­sen For­de­rungs­ver­zicht, für sämt­li­che in Dis­kus­si­on ste­hen­de Staa­ten der Euro-Peri­phe­rie (Grie­chen­land, Irland, Spa­ni­en, Por­tu­gal, Ita­li­en) wei­ter­ge­hen kann. Ein­zel­fall­lö­sun­gen hal­ten nicht, denn die Restruk­tu­rie­rung in Ein­zel­fäl­len erhöht sofort den Druck auf ver­gleich­ba­re Fäl­le (Anstieg der Finan­zie­rungs­kos­ten für Staa­ten bzw. Ban­ken aus die­sen Län­dern). Die ande­ren Staa­ten zögern mit die­ser Lösung, denn die Schul­den­re­duk­tio­nen tref­fen die For­de­run­gen der eige­nen Ban­ken und Fonds: In Deutsch­land, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en etc wür­den mas­si­ve Ver­lus­te aus For­de­run­gen an Irland und Co. wei­te­re staat­li­che Ban­ken­hilfs­pa­ke­te auf die Tages­ord­nung set­zen. Die Furcht vor Domi­no­ef­fek­ten und anschlie­ßen­dem Cha­os ist groß.


Der neo­li­be­ra­le Weg aus der Sta­gna­ti­on ist geschei­tert und hat die gesam­te nörd­li­che Hemi­sphä­re in eine ver­fah­re­ne Situa­ti­on manö­vriert, in der guter Rat teu­er ist.

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Steuersenkungsbremse

Mai. 16th 2010 — 22:28

Finanz­mi­nis­ter Pröll will eine Schul­den­brem­se nach deut­schem Vor­bild, um die Staats­ver­schul­dung in Euro­pa ein­zu­däm­men. Das ist zwar rei­ner Popu­lis­mus – in Deutsch­land sind noch nicht ein­mal die Kon­junk­tur­be­rei­ni­gungs­ver­fah­ren klar, nach denen die struk­tu­rel­le Neu­ver­schul­dung berech­net wer­den soll – den­noch kann sich Pröll ver­mut­lich brei­ter Zustim­mung sicher sein. Vor­ur­tei­le gegen Schul­den im All­ge­mei­nen und süd­eu­ro­päi­sche Haus­halts­dis­zi­plin im Spe­zi­el­len wer­den dafür sor­gen. Nur: Was heißt das eigent­lich, Schul­den­brem­se? In ers­ter Linie ver­mut­lich, dass die Staats­fi­nan­zen aus­ga­ben­sei­tig saniert wer­den sol­len. In Deutsch­land hat der hes­si­sche Minis­ter­prä­si­dent Koch – der den Haus­halt fit für die Schul­den­brem­se machen muss – auch schon gesagt, wie dies gesche­hen soll: Die Bil­dungs­aus­ga­ben sol­len zurück­ge­fah­ren werden! 
Erin­nern wir uns doch mal kurz zurück: In den ver­gan­ge­nen Jah­ren sind euro­pa­weit die Steu­ern gesenkt wor­den – und zwar nicht für die nor­ma­len Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer. Aber Unter­neh­men zahl­ten immer weni­ger Steu­ern, wer es sich leis­ten konn­te grün­de­te eine Pri­vat­stif­tung, und das Bank­ge­heim­nis hilft Steu­er­hin­ter­zie­hern aus dem Aus­land beim Par­ken des Schwarz­gel­des. Die, auch auf Grund sin­ken­der Besteue­rung, stei­gen­den Gewin­ne und die zuneh­men­de Ungleich­ver­tei­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen führ­ten zu gigan­ti­schen Mas­sen anla­ge­su­chen­den Kapi­tals. Die­se wur­den durch eine zuneh­men­de Pri­va­ti­sie­rung der Alters­vor­sor­ge noch aus­ge­wei­tet. So vaga­bun­dier­ten erheb­li­che Sum­men Spiel­geld durch die inter­na­tio­na­len Finanz­ca­si­nos. Immer wei­te­re Dere­gu­lie­run­gen folg­ten, kurz­um: Para­die­se für Zocker ent­stan­den. Als das dann alles zusam­men­brach war der Staat da und stütz­te die Ban­ken. Natür­lich, indem er Schul­den auf­nahm. Die­se Schul­den wie­der­um sind der Anlass für diver­se Fonds, gegen ein­zel­ne Staa­ten zu spe­ku­lie­ren um so Mil­li­ar­den auf Kos­ten der All­ge­mein­heit zu ver­die­nen. Frau Mer­kel spiel­te sich als Madame Non auf, und das Pro­blem Grie­chen­land wuchs sich zu einem Pro­blem Euro aus. Die Fol­ge: Wei­te­re Hilfs­pa­ke­te mit evtl. fol­gen­der wei­te­rer gigan­ti­scher Staats­ver­schul­dung. Was aber macht die Poli­tik? Etwa Kre­dit­aus­fall­ver­si­che­run­gen zu ver­bie­ten, wenn es kei­ne Kre­di­te gibt? Die Finanz­märk­te regu­lie­ren? Die Finan­zie­rung der Kri­sen­kos­ten über Ver­mö­gens­steu­ern, Finanz­trans­ak­ti­ons­steu­ern, Erb­schafts­steu­ern, Unter­neh­mens­steu­ern, Spit­zen­steu­er­sät­ze vor­an­trei­ben und so die Staats­ver­schul­dung redu­zie­ren? Nein, Josef Pröll will eine Schul­den­brem­se. Anders for­mu­liert: Josef Pröll will eine finanz­ma­the­ma­ti­sche Legi­ti­ma­ti­on für den anste­hen­den Sozialabbau.
Natür­lich, das schön­rech­nen des grie­chi­schen Haus­hal­tes ist nicht zu tole­rie­ren. Natür­lich, eine spar­sa­me Haus­halts­po­li­tik ist immer not­wen­dig, die Mit­tel sol­len und müs­sen gezielt – das heißt poli­tisch gewollt – ein­ge­setzt wer­den. Und ja: Staats­ver­schul­dung ist in guten Zei­ten auch abzu­bau­en. Nur: Das wäre alles kein Pro­blem, wür­de man nicht bei jeder Gele­gen­heit die Steu­ern für Unter­neh­men, Ver­mö­gen­de, Erben usw. sen­ken oder abschaf­fen. Denn ein Haus­halt lässt sich auch ein­nah­me­sei­tig sanie­ren. Und es ist höchs­te Zeit, dass es eine Steu­er­sen­kungs­brem­se gibt. Die Steu­ern müs­sen hoch – und zwar dort, wo sie am meis­ten gesenkt wur­den, also bei Unter­neh­men, bei Ver­mö­gen­den, bei Erben gro­ßer Erb­schaf­ten, bei Spit­zen­ver­die­nern. Dage­gen aber sperrt sich Josef Pröll. Sei­ne Poli­tik zielt dar­auf ab, die Las­ten der Kri­se auf die Schwächs­ten der Gesell­schaft abzu­wäl­zen – auf die­je­ni­gen, die auf einen star­ken Staat ange­wie­sen sind. Dage­gen gilt es sich zu weh­ren – und zwar bereits bei der schein­hei­li­gen Debat­te über eine Schuldenbremse.

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Veranstaltungsbericht + Video „Griechenland – eine europäische Tragödie“

Mai. 12th 2010 — 12:29
Gro­ßer Andrang herrsch­te bei der Ver­an­stal­tung „Grie­chen­land – eine euro­päi­sche Tra­gö­die“ am 11.Mai im Repu­bli­ka­ni­schen Club, zur Prä­sen­ta­ti­on von Kurs­wech­sel 1/​10 „Kri­se in EUro­pa“. Mit dem Publi­kum dis­ku­tier­ten Joa­chim Becker, Wer­ner Raza, Eli­sa­beth Spring­ler, mode­riert von Beat Weber. Eini­ge zen­tra­le Diskussionspunkte:

* In der grie­chi­schen Bevöl­ke­rung herrscht gewis­se Akzep­tanz für Kon­so­li­die­rungs­be­darf, aber die beschlos­se­nen Maß­nah­men tref­fen laut herr­schen­der Ein­schät­zung die Fal­schen (Pro­ble­me wie Steu­er­hin­ter­zie­hung, Ver­mö­gensun­gleich­heit, Mili­tär­aus­ga­ben zu wenig angegangen).


* Unter den inter­nen Fak­to­ren ist neben der Ban­ken­kri­se vor allem die Olym­pi­schen Spie­le 2004 als maß­geb­lich für die Eska­la­ti­on der grie­chi­schen Staats­ver­schul­dungs-Pro­ble­ma­tik zu nennen.


* Die aktu­el­le Staats­schul­den­kri­se ist weni­ger inter­nen Fak­to­ren zuzu­schrei­ben, als viel­mehr die letz­te Etap­pe der Finanz­kri­se – jetzt geht es um die Fra­ge, wer zahlt.


* Die süd­li­chen (wie auch die meis­ten öst­li­chen) EU-Staa­ten haben eines gemein­sam: Import­ab­hän­gig­keit und Abhän­gig­keit von Kapi­tal­zu­fuhr aus dem Aus­land, oft ist bzw. war das Wachs­tum Immo­bi­li­en­boom-getrie­ben. Das Spie­gel­bild sind Über­schuss­län­der, allen vor­an Deutsch­land (aber auch Nie­der­lan­de, und Öster­reich gegen­über Ost­eu­ro­pa): Sie expor­tie­ren Waren und Kapital.


*  Das Ret­tungs­pa­ket ist über­fäl­lig gewe­sen, aber in eine pro­ble­ma­ti­sche Stra­te­gie ein­ge­bet­tet. Die wirt­schafts­po­li­ti­sche Stra­te­gie der EU läuft dar­auf hin­aus, dass alle Mit­glie­der Export­über­schüs­se anstre­ben sol­len – was aber zumin­dest glo­bal nicht für alle geht.


* Den öst­li­chen Staa­ten ist von der EU schon frü­her jene Stra­te­gie ver­ord­net wor­den, wie jetzt dem Süden: Lohn­sen­kun­gen und Bud­get­kon­so­li­die­rung. Weil das zur Rezes­si­on führt, wird die Bud­get­kon­so­li­die­rung nicht erreicht. Die Reduk­ti­on des Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zits gelang jedoch. Aller­dings zu einem hohen Preis: Zer­stö­rung indus­tri­el­ler Struk­tu­ren und Armut.

Die­se Stra­te­gie hat das Poten­zi­al eines Domi­no­ef­fekts: Anpas­sungs­druck auf die Löh­ne nach unten wird auf den Wes­ten der EU über­sprin­gen. Es han­delt sich also um eine Radi­ka­li­sie­rung der neo­li­be­ra­len Poli­tik der letz­ten Jahre.


* Hat sich die Rol­le des IWF geän­dert? Der „Strauss-Kahn-Effekt“ macht sich nur mode­rat bemerk­bar: Statt wie ursprüng­lich geplant 3 Jah­re, erhält Grie­chen­land für die Bud­ge­t­an­pas­sung nun 5 Jah­re Zeit.


*  Mög­li­che Alter­na­ti­ven: For­de­rungs­ver­zicht der Gläu­bi­ger, flan­kiert von Kapi­tal­ver­kehrs­kon­trol­len; Auf­bau von Pro­duk­ti­ons­struk­tu­ren in Defi­zit­län­dern, finan­ziert durch Trans­fers aus Überschussländern.


Hier ist eine Video­auf­zeich­nung der Veranstaltung.

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Und das Ziel der Sache?

April. 20th 2010 — 8:32

Im Blog der Zeit­schrift „The Economist“:

What exact­ly was the pur­po­se of the finan­cial sec­tor sup­po­sed to be, again? Becau­se I‘m pret­ty sure „infla­ting bub­bles so as to bet on their col­lap­se, thus for­cing the tax­payers to bail out your coun­ter­par­ties“ wasn’t it. [link]

Es geht natür­lich um die Ankla­ge der U.S.-amerikanischen Auf­sichts­be­hör­de SEC gegen die Invest­ment­bank Gold­man Sachs. Die Empö­rung schwappt über; selbst wenn die juris­ti­sche Fra­ge der Ankla­ge noch bei wei­tem nicht geklärt ist, poli­tisch scheint es sich für die Oba­ma-Admi­nis­tra­ti­on schon jetzt aus­zu­zah­len.

Zeit­gleich zur Gold­man Sachs-Sto­ry ist am Wochen­en­de eine ein­stün­di­ge Sen­dung auf „This Ame­ri­can Life“ gelau­fen, die – zeit­lich beschränkt – auch als pod­cast zur Ver­fü­gung steht, und in der ein ähn­li­ches Vor­ge­hen, wie es Gold­man Sachs vor­ge­wor­fen wird, beim Chi­ca­go­er Hedge­fund Magne­tar dia­gnos­ti­ziert wird. Die Geschich­te wur­de zuerst von Jour­na­lis­ten auf pro­pu­bli­ca publi­ziert und ist sehr lesens­wert; unter ande­rem, weil das sys­te­ma­ti­sche Vor­ge­hen sehr deut­lich wird:

Deut­sche, Magne­tar and Sta­te Street cal­led the $1.6 bil­li­on CDO they crea­ted Cari­na, a con­stel­la­ti­on who­se name in Latin means a ship’s keel. In Novem­ber 2007, Cari­na had the dis­tinc­tion of being the first sub­prime CDO of its kind to be for­ced into liqui­da­ti­on. [link]

Die Sache bleibt aus meh­re­ren Grün­den inter­es­sant. Kann die SEC, die in den letz­ten Jah­ren stark kri­ti­siert wur­de (man den­ke nur an Mad­off), mit einem auf­se­hen­er­re­gen­den Fall wie gegen Gold­man Sachs ihre Repu­ta­ti­on wie­der her­stel­len? Kann die Regie­rung Oba­ma die umstrit­te­ne Finanz­markt­re­gu­lie­rung durch den Kon­gress brin­gen? Und wie wer­den sich die Ban­ken wehren?

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Trivia

März. 9th 2010 — 11:15

All­tags­weis­hei­ten oder, was wir schon vor einem Jahr gewusst haben (und die­ser Tage trotz­dem für Schlag­zei­len sorgt):

Dass Pres. Oba­ma die öko­no­mi­schen Pro­ble­me sei­nes Lan­des nicht rich­tig angeht (sie­he mei­nen Kurs­wech­sel-Bei­trag von 2009 hier)

Dass in Zei­ten der Kri­se Plan­wirt­schaft inno­va­ti­ver ist als Free Mar­ket Liberalism;

Dass Nost­al­gie eine Emo­ti­on ist, die gar wun­der­li­che Din­ge hervorbringt.

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Was es mir wert ist.

Januar. 11th 2010 — 20:13

Finanz­mi­nis­ter Pröll will die Öster­rei­chi­sche Natio­nal­bank ver­staat­li­chen. Ich kann nur ver­mu­ten, die hier ver­sam­mel­ten Wirt­schafts­wis­sen­schaft­le­rIn­nen stim­men die­sem Schritt voll inhalt­lich zu. Von mir nur ein Hin­weis auf eine seman­ti­sche Irri­ta­ti­on. In der Ankün­di­gung, die rest­li­chen, nicht-staat­li­chen Antei­le der ÖNB für die Repu­blik auf­kau­fen zu wol­len, hat Pröll heu­te gesagt:

50 Mil­lio­nen – das ist es mir wert.“

Ich will ja nicht klein­lich erschei­nen. Aber, wirk­lich: wie kann ein Finanz­mi­nis­ter – wie kann irgend jemand, der über öffent­li­che Gel­der ver­fügt – sich so eine Aus­sa­ge erlau­ben? Dass es ihm das wert ist? Im Sin­ne von: Das geneh­mi­ge ich mir? Statt viel­leicht dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es den staat­li­chen Inter­es­sen ent­spre­chen wür­de, einen sol­chen Schritt zu set­zen? Statt den Satz etwa so zu for­mu­lie­ren: „50 Mil­lio­nen – das ist die Sache wert.“ – ?

Wie geschrie­ben, eine seman­ti­sche Irri­ta­ti­on. Aber vom Ges­tus schon auf­fäl­lig. Wie nen­nen wir das: geleb­ten Josefinismus?

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Krise der Demokratie und mögliche Alternativen

November. 13th 2009 — 18:10

Krise der Demokratie und mögliche Alternativen*

Bern­hard Leubolt**


Die Welt­wirt­schafts­kri­se wird als Teil von mul­ti­plen sys­te­mi­schen Kri­sen ver­stan­den, wobei die Demo­kra­tie­kri­se und mög­li­che Stra­te­gien zu deren Bewäl­ti­gung im Mit­tel­punkt stehen.

Multiple Krisen – aufkommende „Post-Demokratie


Die aktu­el­le Welt­wirt­schafts­kri­se ist zwar seit den 1920er/​30er Jah­ren die schwers­te, aber auch bei wei­tem nicht die ers­te Finanz­kri­se der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit. Die euro­päi­schen Regie­run­gen reagier­ten weit­ge­hend mit Ver­staat­li­chung der pri­va­ten Ver­lus­te – ins­be­son­de­re mit­tels der „Ban­ken­ret­tungs­pa­ke­te“ – „auf Pump“. Die dadurch aus­ufern­den Bud­get­de­fi­zi­te wer­den wohl Grund­la­ge für Fis­kal­kri­sen der Staa­ten ablie­fern. Ähn­lich wie unter Rea­gans Regie­rung wo das mit­tels unpro­por­tio­na­ler Anhe­bun­gen des Rüs­tungs­bud­gets geschah, wird die­se „Poli­tik der lee­ren Staats­kas­sen“ in wei­te­rer Fol­ge zum „Sach­zwang Bud­get­kon­so­li­die­rung“ füh­ren. Somit besteht dann eine neue Argu­men­ta­ti­ons­grund­la­ge für wei­te­re Kür­zun­gen der Sozi­al­aus­ga­ben, die als unfi­nan­zier­bar dar­ge­stellt wer­den kön­nen. Die Wirt­schafts­kri­se wird somit aller Vor­aus­sicht nach – im Gefol­ge von stei­gen­der Arbeits­lo­sig­keit und sin­ken­den Sozi­al­aus­ga­ben – eine mehr oder weni­ger schwe­re sozia­le Kri­se nach sich ziehen.


Die­se sozia­len und öko­no­mi­schen Kri­sen wer­den von wei­te­ren Kri­sen beglei­tet: Nicht zuletzt der Kli­ma­wan­del zeigt eine pro­fun­de und struk­tu­rel­le Umwelt­kri­se auf. Beglei­tet wer­den die­se Kri­sen außer­dem von einer über die letz­ten Jah­ren auf­kom­men­de Demo­kra­tie-Kri­se. Obwohl Demo­kra­tie auf glo­ba­ler Ebe­ne for­mal ihren Durch­bruch erreicht zu haben scheint, sind Phä­no­me­ne wie Poli­tik­ver­dros­sen­heit an der Tages­ord­nung – ins­be­son­de­re in Län­dern, die als „kon­so­li­dier­te Demo­kra­tien“ gal­ten. Der bri­ti­sche Poli­tik­wis­sen­schaf­ter Colin Crouch brach­te die dies­be­züg­li­che Debat­te in sei­nem 2003 in Ita­li­en erschie­ne­nen Buch auf den Punkt – es hand­le sich um „Post-Demo­kra­tie“:

Der Begriff bezeich­net ein Gemein­we­sen, in dem zwar nach wie vor Wah­len ab-gehal­ten wer­den, Wah­len, die sogar dazu füh­ren, daß Regie­run­gen ihren Abschied neh­men müs­sen, in dem aller­dings kon­kur­rie­ren­de Teams pro­fes­sio­nel­ler PR-Exper­ten die öffent­li­che Debat­te wäh­rend der Wahl­kämp­fe so stark kon­trol­lie­ren, daß sie zu einem rei­nen Spek­ta­kel ver­kommt, bei dem man nur über eine Rei­he von Pro­ble­men dis­ku­tiert, die die Exper­ten zuvor aus­ge­wählt haben. […] Im Schat­ten die­ser poli­ti­schen Insze­nie­rung wird die rea­le Poli­tik hin­ter ver­schlos­se­nen Türen gemacht: von gewähl­ten Regie­run­gen und Eli­ten, die vor allem die Inter­es­sen der Wirt­schaft ver­tre­ten.“ (Crouch 2008, S. 10)


Der dem kri­ti­schen Main­stream zure­chen­ba­re Crouch geht in die­sem Zusam­men­hang von einer Dege­ne­ra­ti­on der Demo­kra­tie aus, die sich ins­be­son­de­re durch die Ori­en­tie­rung auf die poli­ti­sche Mit­te und angeb­lich objek­ti­ve Pro­blem­lö­sun­gen mit­tels „Exper­ten­gre­mi­en“ aus­zeich­net. Sei­ne Kol­le­gin Chan­tal Mouf­fe (2006) warnt in die­sem Zusam­men­hang vor der Ent­po­li­ti­sie­rung, die einer­seits Inter­es­sen ver­schlei­ert und dadurch den Inter­es­sen mäch­ti­ger Min­der­hei­ten zu Gute kommt und ande­rer­seits das Wie­der­auf­kom­men des Faschis­mus bzw. der extre­men Rech­ten ermög­licht. Letz­te­re bleibt vie­ler­orts im poli­ti­schen Spek­trum als ein­zi­ge Kraft bestehen, die glaub­haft Alter­na­ti­ven ver­tritt, die sich jen­seits des „post-poli­ti­schen“ Kon­sens befinden.


Demokratisierung von Staat und Budget


Alter­na­ti­ven zur Post-Demo­kra­tie gehen unwei­ger­lich mit Poli­ti­sie­rung ein­her. Gesell­schaft­lich rele­van­te Ent­schei­dun­gen soll­ten dem­nach demo­kra­tisch ent­schie­den wer­den statt an „Exper­ten­gre­mi­en“ dele­giert zu wer­den. Vor­der­grün­dig betrifft das Ent­schei­dun­gen im All­tag. Die femi­nis­ti­sche For­de­rung „das Pri­va­te öffent­lich zu machen“ und somit also zu pri­va­ti­sie­ren kann dies­be­züg­lich auf vie­le Berei­che umge­legt werden.


Das betrifft einer­seits den Staat selbst. Die gebräuch­li­che For­mu­lie­rung des „öffent­li­chen Sek­tors“ ist dies­be­züg­lich dahin­ge­hend zu über­prü­fen, in wie fern staat­li­che Poli­tik auch de fac­to öffent­lich gemacht wird. Hier gibt es auf loka­ler Ebe­ne posi­ti­ve Ten­den­zen zur Eta­blie­rung von Par­ti­zi­pa­ti­ons­pro­jek­ten. Loka­le Par­ti­zi­pa­ti­on gilt dabei oft­mals als „All­heil-mit­tel“ gegen Poli­tik­ver­dros­sen­heit und mög­li­che Pro­tes­te der von den poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen betrof­fe­nen Grup­pen. Die posi­ti­ve Kon­no­ta­ti­on von Par­ti­zi­pa­ti­on ist jedoch mit Vor­sicht zu betrach­ten. Meis­tens han­delt es sich dabei bloß um Befra­gun­gen und nicht um effek­ti­ve Mit­be­stim­mung. Außer­dem betrifft Par­ti­zi­pa­ti­on nahe­zu immer gesell­schaft­lich rela­tiv mar­gi­na­le The­men auf der Mikro-Ebe­ne wie z.B. Park­ge­stal­tung. Dabei ist die Gefahr der Instru­men­ta­li­sie­rung hoch: Aktu­ell wäre eine par­ti­el­le Ein­bin­dung im Rah­men eines „par­ti­zi­pa­ti­ves Spar­pa­kets“ vor­stell­bar, um „Spar­zwän­ge“ zu legi­ti­mie­ren. Das führt die Wich­tig­keit der Poli­ti­sie­rung stra­te­gisch zen­tra­ler Poli­tik­be­rei­che vor Augen. Hier müs­sen in der Zivil­ge­sell­schaft die­se Berei­che erst iden­ti­fi­ziert wer­den, um dann Druck zu deren Demo­kra­ti­sie­rung auf­bau­en zu können.


Ein Feld, das sich dafür aktu­ell beson­ders gut eig­nen wür­de, ist die Bud­get­po­li­tik. Dies­be­züg­lich gibt es das prak­ti­sche Bei­spiel aus Por­to Alegre, wo die Bevöl­ke­rung über vie­le Jah­re hin­weg effek­tiv Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz im Hin­blick auf staat­li­che Aus­ga­ben bekam. For­de­run­gen an den Lokal­staat – etwa nach Stra­ßen oder Kin­der­gär­ten – wur­den von den betref­fen­den Grup­pen öffent­lich in Sit­zun­gen ein­ge­bracht und in wei­te­rer Fol­ge auch öffent­lich beschlos­sen oder abge­lehnt. Der Staat wur­de also ansatz­wei­se „ver­öf­fent­licht“ (näher dazu: Leu­bolt 2006) und gleich­zei­tig fun­gier­te das Par­ti­zi­pa­ti­ve Bud­get auch für teil­neh­men­de Bür­ge­rIn­nen als „Schu­le der Demo­kra­tie“ wie fol­gen­de Aus­sa­ge einer Teil­neh­me­rin zeigt:

Sogar ich habe nur an mei­ne Stra­ße gedacht, als ich zum Par­ti­zi­pa­ti­ven Bud­get gekom­men bin. Aber ich habe ande­re Per­so­nen und Gemein­schaf­ten getrof­fen und habe viel grö­ße­re Pro­ble­me ken­nen gelernt. Was ich als Rie­sen­pro­blem gese­hen habe, war nichts im Ver­gleich zur Situa­ti­on ande­rer Per­so­nen. Kei­ne Woh­nung zu haben, unter einem Tuch zu schla­fen oder die Fra­ge der Abwäs­ser unter frei­em Him­mel, wo Kin­der spie­len und lau­fen. Ich ver­gaß mei­ne Stra­ße, sodass sie sogar bis heu­te nicht asphal­tiert ist.“ (Rose­lai­ne; in: Leu­bolt 2006, S.74f.)

Dass ärme­re Teil­neh­me­rIn­nen – ins­be­son­de­re Frau­en – über­durch­schnitt­lich stark ver­tre­ten waren, lag auch stark dar­an, dass Par­ti­zi­pa­ti­on nicht bloß klei­ne Pro­jek­te, son­dern das gesam­te Bud­get betraf. Die auf­ge­wen­de­te Zeit zahl­te sich für die teil­neh­men­den Men­schen aus, da sie Ent­schei­dun­gen tref­fen konn­ten, die von beson­de­rer Rele­vanz waren. Lob­by­ing war in Por­to Alegre nicht mehr pri­va­ti­siert – weg­wei­sen­de Ent­schei­dun­gen nicht bloß zwi­schen Poli­ti­ke­rIn­nen und „wich­ti­gen Men­schen“ in Vier-Augen-Gesprä­chen gefällt. Viel­mehr fand öffent­li­ches Lob­by­ing um staat­li­che Geld­ver­ga­be statt und eini­ge Teil­neh­me­rIn­nen ent­wi­ckel­ten wie Rose­lai­ne einen neu­en sozia­len Geist: Im Auf­ein­an­der-pral­len von per­sön­li­chen Bedürf­nis­sen konn­te zumin­dest teil­wei­se das „ich“ zum „wir“ und somit eine „Schu­le der Demo­kra­tie“ eta­bliert werden.


Demokratisierung der Arbeitswelt


Die betrieb­li­che Rea­li­tät stellt für die meis­ten einen wenig dis­ku­tier­ten unde­mo­kra­ti­schen Raum dar. Mit dem Ein­tritt an den Arbeits­platz wird gleich­zei­tig die Mög­lich­keit zur Mit­be­stim­mung an Vor­ge­setz­te abge­ge­ben. Außer­halb Latein­ame­ri­kas wur­de die­ser Umstand in den letz­ten Jah­ren wenig dis­ku­tiert. Dabei kamen wich­ti­ge Impul­se für die Debat­te vom öster-rei­chi­schen Sozi­al­de­mo­kra­ten Otto Bau­er, der in sei­nem Werk „Der Weg zum Sozia­lis­mus“ schon 1919 ausführte:

Wenn die Regie­rung alle mög­li­chen Betrie­be beherrsch­te, dann wür­de sie dem Volk und er Volks­ver­tre­tung gegen­über all­zu mäch­tig; sol­che Stei­ge­rung der Macht der Regie­rung wäre der Demo­kra­tie gefähr­lich. Und zugleich wür­de die Regie­rung die ver­ge­sell­schaf­te­te Indus­trie schlecht ver­wal­ten; nie­mand ver­wal­tet Indus­trie­be­trie­be schlech­ter als der Staat. Des­halb haben wir Sozi­al­de­mo­kra­ten nie die Ver­staat­li­chung, immer nur die Ver­ge­sell­schaf­tung der Indus­trie gefor­dert.“ (Bau­er 1976 [1919],S.96; Herv.B.L.)

Relik­te des Ansat­zes der Sozia­li­sie­rung fin­den sich heu­te noch in den Bestim­mun­gen zu Be-triebs­rä­ten in der öster­rei­chi­schen Ver­fas­sung: Die nicht ganz zur Gel­tung kom­men­de Idee dahin­ter war, dass Betrie­be mit zuneh­men­der Grö­ße ver­ge­sell­schaf­tet wer­den soll­ten – der Betriebs­rat soll­te dabei als demo­kra­ti­sches Organ des Manage­ments die­nen, als Basis für die kol­lek­ti­ve Selbst­ver­wal­tung der Arbei­te­rIn­nen. Das wei­te­re demo­kra­ti­sche Kon­zept sah vor, über Betriebs­rä­te, Kon­su­men­tIn­nen-Räte und staat­li­chen Ver­tre­te­rIn­nen die unter-neh­me­ri­schen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und somit eine Art „basis­de­mo­kra­ti­sche Sozi­al­part­ne­rIn­nen­schaft“ mit ein­ge­schränk­tem Mit­spra­che­recht der Kapi­ta­lis­tIn­nen zu schaffen.


In Zei­ten der Welt­wirt­schafts­kri­se wür­de sich somit eine Per­spek­ti­ve für staat­lich „zu ret­ten­de Betrie­be“ wie z.B. die Aus­tri­an Air­lines auf­tun: Der staat­li­chen Sub­ven­tio­nie­rung gro­ßer Kon­zer­ne wie Luft­han­sa oder Magna könn­te die For­de­rung nach Errich­tung eines öffent­li­chen Betrie­bes mit demo­kra­ti­schen Bestim­mungs­rech­ten für Beleg­schaft und Gesell­schaft ent­ge­gen­ge­stellt werden.

Kon­kret wird die Per­spek­ti­ve der Demo­kra­ti­sie­rung der Arbeits­welt beson­ders inner­halb der Bewe­gung soli­da­ri­scher Öko­no­mie wie­der dis­ku­tiert (vgl. z.B. www.solidarische-oekonomie.at; Altvater/​Sekler 2006). Dabei geht es meis­tens noch um Bewe­gun­gen, die in ers­ter Linie jen­seits oder gegen den Staat agie­ren und dabei ver­su­chen auf loka­ler Ebe­ne Kon­zep­te zur Demo­kra­ti­sie­rung der Arbeits­welt zu ver­wirk­li­chen. Der Bezug auf einen zu ver­öf­fent­li­chen­den Staat könn­te hier in zwei­er­lei Hin­sicht Impul­se geben: Einer­seits kann mit Hil­fe staat­li­cher Gel­der das Bestehen im Kon­kur­renz­kampf erleich­tert wer­den, um Pro­ble­men wie mög­li­cher „Selbst­aus­beu­tung“ begeg­nen zu kön­nen; ande­rer­seits könn­ten soli­dar-öko­no­misch geführ­te Betrie­be auch als „Schu­len der Demo­kra­tie“ wir­ken, die Impul­se zur Ver­öf­fent­li­chung und Ver­ge­sell­schaf­tung von Staat und Wirt­schaft geben.


Fazit: Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft


Die hier ver­tre­te­ne Per­spek­ti­ve der Demo­kra­ti­sie­rung setzt an der All­tags­welt an. Das schließt natür­lich auch die Fami­lie bzw. den Haus­halt als ursprüng­li­chen Hort des Pri­va­ten mit ein. Im Hin­blick auf Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit und inner­fa­milä­rer Demo­kra­tie sind dabei vie­le Pro­zes­se invol­viert, die hier nicht geson­dert behan­delt wur­den. Die zen­tra­len Bezü­ge die­ses Bei­trags waren im Hin­blick auf das Auf­kom­men einer post-demo­kra­ti­schen Gesell­schaft alter­na­ti­ve Zugän­ge in Form der Demo­kra­ti­sie­rung von Wirt­schaft und Gesell­schaft vor­zu­stel­len. Das impli­ziert auch, nicht jeg­li­che Ver­staat­li­chung bzw. Ein­satz staat­li­cher Mit­tel posi­tiv zu sehen. Viel­mehr gilt es, bestän­dig demo­kra­ti­sche Mei­nungs­bil­dung ein­zu­for­dern und somit Staat und Öffent­lich­keit begriff­lich von­ein­an­der zu unter­schei­den. Dabei kann ein wahr­haft öffent­li­cher Sek­tor als kon­kre­te Uto­pie die­nen. Das schließt auch die Sozia­li­sie­rung bzw. Demo­kra­ti­sie­rung von Unter­neh­men mit ein, was als Alter­na­ti­ve zu staat­lich sub­ven­tio­nier­ten Pri­va­ti­sie­run­gen oder der rei­nen staat­li­chen Sub­ven­tio­nie­rung pri­va­ter Unter­neh­men gese­hen wer­den kann.


Gleich­zei­tig ist auch zu beto­nen, dass der ers­te Schritt zur Demo­kra­ti­sie­rung die öffent­li­che The­ma­ti­sie­rung – d.h. die Poli­ti­sie­rung – gesell­schaft­li­cher Pro­ble­me ste­hen muss. Die­se Poli­ti­sie­rung beginnt im All­tag, im eige­nen Haus­halt, am eige­nen Arbeits­platz, geht aber gleich­zei­tig auch in die Makro-Ebe­ne poli­ti­schen Han­delns. Die Zusam­men­set­zung von „Exper­ten­gre­mi­en“ für poli­ti­sche Refor­men ist dem­nach im Hin­blick auf die ver­tre­te­nen und aus­ge­schlos­se­nen Inter­es­sen genau­so zu hin­ter­fra­gen wie Ent­schei­dungs­struk­tu­ren auf natio­na­ler, euro­päi­scher und inter­na­tio­na­ler Ebene.


Im Hin­blick auf poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen im Zuge der Kri­sen­be­wäl­ti­gung ist die Bud­get­po­li­tik von beson­de­rem Inter­es­se: Wer bezahlt für die Kri­se? Wem wird gehol­fen? Wer lei­det beson­ders unter den Aus­wir­kun­gen? „Ban­ken­ret­tungs­pa­ke­te“, staat­li­che Gel­der an die männ­lich domi­nier­te Auto­mo­bil­in­dus­trie, Pri­va­ti­sie­rung und gleich­zei­ti­ge Sub­ven­tio­nie­rung gro­ßer Flug­li­ni­en spre­chen dies­be­züg­lich eine deut­li­che Spra­che. Um zu die­sen Prak­ti­ken Alter­na­ti­ven for­mu­lie­ren zu kön­nen, lohnt sich ein Blick auf aktu­el­le Ent­wick­lun­gen in Latein­ame­ri­ka eben­so sehr wie ein Blick in die jün­ge­re Geschich­te Euro­pas. In der Ver­ar­bei­tung die­ser Erfah­run­gen ist jedoch eben­so wich­tig, aus den damals auf­ge­tre­te­nen Pro­ble­men und Wider­sprü­chen zu ler­nen, um neue – bes­se­re – Alter­na­ti­ven rea­lis­tisch for­mu­lie­ren zu kön­nen. Es bleibt die Hoff­nung, dass die­ser Weg von pro­gres­si­ven Kräf­ten und nicht von deren neo­li­be­ra­len oder neo-faschis­ti­schen Wider­parts erfolg­reich beschrit­ten wird.


Literatur

Alt­va­ter, Elmar/​Sekler, Nico­la (Hg., 2006): Soli­da­ri­sche Öko­no­mie. Rea­der des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats von Attac. Ham­burg: VSA.
Bau­er, Otto (1976): Der Weg zum Sozia­lis­mus. Werk­aus­ga­be. Wien: Euro­pa­ver­lag. Erst­aufl. 1919, 89–131.
Crouch, Colin (2008): Post­de­mo­kra­tie. Frank­furt: Suhrkamp.
Leu­bolt, Bern­hard (2006): Staat als Gemein­we­sen. Das Par­ti­zi­pa­ti­ve Bud­get in Rio Gran­de do Sul und Por­to Alegre. Wien: LIT.
Mouf­fe, Chan­tal (2006): On the Poli­ti­cal. Lon­don: Routledge.


* Der vor­lie­gen­de Arti­kel basiert auf einem Bei­trag zum Eröff­nungs­po­di­um der attac Som­mer-aka­de­mie 2009 in Krems zum The­men­feld „Alter­na­ti­ven rund um die glo­ba­le Kri­se, Stra­te­gien zu einem zukünf­ti­gen Wirt­schafts- und Gesell­schafts­sys­tem“ und wird auch in einer Bro­schü­re im ÖGB-Ver­lag veröffentlicht.
** Sti­pen­di­at der Hein­rich-Böll-Stif­tung im Pro­mo­ti­ons­kol­leg „Glo­bal Social Poli­ci­es and Gover­nan­ce“ an der Uni­ver­si­tät Kas­sel, wis­sen­schaft­li­cher Pro­jekt­mit­ar­bei­ter an der WU-Wien, Redak­ti­ons­mit­glied des „Jour­nal für Ent­wick­lungs­po­li­tik“, Vor­stands­mit­glied des BEIGEWUM.

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Wege aus der Krise? Einige Anmerkungen

November. 9th 2009 — 17:19

Es gibt zwei Grund­mus­ter des Wirtschaftens:
* Gemein­wirt­schaft­lich­keit: Nie­mand kann bei wirt­schaft­li­chen Hand­lun­gen zu Las­ten ande­rer (Erwerbs-)Vorteile für sich erzielen.
* Eigen­wirt­schaft­lich­keit: Wirt­schaft­li­che Hand­lun­gen wer­den mit der Absicht unter­nom­men, (Erwerbs-)Vorteile für sich ohne Rück­sicht dar­auf zu erzie­len, zu wes­sen Las­ten sie gehen.

Dem­ge­mäß gibt es zwei Grund­mus­ter der Ver­tei­lung von Über­schüs­sen: Sie werden
* ent­we­der von der Gemein­schaft, die sie her­vor­ge­bracht hat, nach von der Gemein­schaft selbst fest­ge­leg­ten Regeln eben­so gemein­schaft­lich genutzt bezie­hungs­wei­se verbraucht
* oder von einer Per­son oder Wirt­schafts­ein­heit auf eine ande­re Per­son oder Wirt­schafts­ein­heit über­tra­gen, wobei die­se Übertragung
— ent­we­der als Raub, also als erzwun­ge­ne Her­ga­be und gewalt­sa­me Aneignung,
— oder als Tausch, also als Ver­kauf und Kauf auf einem Markt (Ver­trag durch schlüs­si­ge Hand­lun­gen) statt­fin­den kann.


Die­se Grund­mus­ter las­sen sich zeit­ge­nös­sisch als Soli­da­ri­sche Öko­no­mie und als Kapi­ta­lis­ti­sche Riva­li­täts­wirt­schaft fassen.


Bedingt durch die poli­ti­sche Schwä­che der Arbeiter/​innenbewegung nicht erst seit zwei Jahr­zehn­ten wur­den soli­dar­öko­no­mi­sche Ele­men­te zuneh­mend aus der vor­herr­schen­den kapi­ta­lis­ti­schen Öko­no­mie ver­drängt. Das neo­li­be­ra­le Dog­ma vom „frei­en Wett­be­werb in offe­ner Markt­wirt­schaft“ hat zur Riva­li­tät (auch unter den Kapi­tal­frak­tio­nen) und zum Tota­li­ta­ris­mus des pri­va­ten Gewin­ne­ma­chens geführt. Der Leis­tungs­fe­ti­schis­mus wur­de zum Leis­tungs­fa­schis­mus wei­ter per­ver­tiert. Leistungsträger/​innen, die den maxi­ma­len Anfor­de­run­gen des Finanz­ka­pi­tals nicht gewach­sen sind („Minderleister/​innen“) oder sogar Wider­stand ent­ge­gen­set­zen, wer­den durch Hin­aus­wurf aus den „Tem­peln der Mehr­wert­ab­schöp­fung“ bei gleich­zei­ti­ger Kür­zung von Sozi­al­leis­tun­gen gesell­schaft­lich „liqui­diert“. Die in den öko­no­mi­schen Struk­tu­ren ver­bor­ge­ne Gewalt läuft eben­so bru­tal auf eine sozia­le Ver­nich­tung hin­aus wie die offe­ne Gewalt des Faschis­mus auf die phy­si­sche Vernichtung.


So offen­bart sich in der aktu­el­len Kri­se die Sys­tem­ei­gen­tüm­lich­keit des Kapi­ta­lis­mus: die Beein­träch­ti­gung der Gesamt­ge­sell­schaft durch die „Kauf­kraft­schwä­chung“ ihrer Mehr­heit. Als „Kos­ten­fak­to­ren“ sind erwerbs­ar­bei­ten­de Men­schen Stör­ele­men­te im ver­selbst­stän­dig­ten Haupt­zweck der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft, dem Trieb der pri­va­ten Kapi­tal­an­häu­fung. Das Kapi­tal als „Kom­man­do über unbe­zahl­te Arbeit“, wie Karl Marx und Fried­rich Engels in ihrem Haupt­werk sein unde­mo­kra­ti­sches Wesen bloß­le­gen, ruft den Wider­spruch zwi­schen gesell­schaft­li­cher Pro­duk­ti­on und indi­vi­du­el­ler Aneig­nung her­vor. Er bewirkt, dass „die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­on … auf der einen Sei­te für die Gesell­schaft ver­liert, was sie auf der ande­ren für den ein­zel­nen Kapi­ta­lis­ten gewinnt“. Dazu tra­gen auch geziel­te Pri­va­ti­sie­run­gen öffent­li­chen und gemein­wirt­schaft­li­chen Eigen­tums bei. Dadurch wer­den bedeut­sa­me Berei­che der Gesell­schaft dem Ein­fluss form­alde­mo­kra­tisch legi­ti­mier­ter Kör­per­schaf­ten ent­zo­gen und der Ver­fü­gungs­ge­walt demo­kra­tie­lo­ser Kapi­tal­ei­gen­tü­mer­gre­mi­en unterworfen.


Das Kapi­tal ist ein herr­schaft­li­ches Ver­hält­nis zwi­schen Per­so­nen, das durch die Ver­fü­gung über Sachen ver­mit­telt wird. So erfolgt unter dem trü­ge­ri­schen Schein von „Sach­lich­keit“ die Her­ab­wür­di­gung von Men­schen zu „Arbeits­kräf­ten“, die nur solan­ge Erwerbs­ar­beit fin­den, solan­ge sie als „Waren“ für das Kapi­tal ver­wert­bar sind. Dar­aus resul­tiert eine ten­den­zi­el­le Beein­träch­ti­gung ihres Zutrau­ens in die Zuver­läs­sig­keit ihrer eige­nen Erfah­rung. Die­ser Zer­stö­rungs­vor­gang berei­tet die see­li­sche Grund­la­ge für das Emp­fin­den auf, bedeu­tungs­los zu sein, und führt zum Ent­ste­hen von Ich-Schwä­che. Ganz zu schwei­gen davon, dass die­se psy­chi­schen Mecha­nis­men bei Erwerbs­ar­beits­lo­sen noch viel hef­ti­ger wir­ken. Feh­len­de poli­ti­sche Bil­dung und man­geln­de Kennt­nis­se von gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hän­gen begüns­ti­gen zusätz­lich die Anfäl­lig­keit vie­ler Betrof­fe­ner für auto­ri­tä­re Lösun­gen zu Las­ten ande­rer Benach­tei­lig­ter. Die Ent­frem­dung durch Erwerbs­ar­beit oder ihr Feh­len wird poli­tisch zur mensch­li­chen Selbst­ent­frem­dung ver­dreht. Das Kapi­tal erweist sich dadurch nicht bloß als demo­kra­tie­los, son­dern viel­mehr als demokratiegefährdend.


Die Demo­kra­tie­lo­sig­keit der Wirt­schaft wird damit zum Haupt­an­satz­punkt für Bemü­hun­gen, Wege aus der Kri­se zu fin­den. Denn mil­li­ar­den­schwe­re Kon­junk­tur­pa­ke­te, Stüt­zun­gen und Garan­tien der Öffent­li­chen Hand nahe­zu bedin­gungs­los über die bestehen­de kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­struk­tur aus­zu­schüt­ten, die die­se Kri­se her­vor­ge­bracht hat, läuft nur dar­auf hin­aus, der nächs­ten Kri­se Vor­schub zu leisten.


Über­schüs­se sind unver­zicht­bar, aber ihre auto­ma­ti­sche Ver­tei­lung zum Kapi­tal ist es nicht. Es genügt aber nicht, bloß Umver­tei­lung und die­se nur durch Steu­ern (Sekun­där­ver­tei­lung) oder Trans­fer­leis­tun­gen (Ter­tiär­ver­tei­lung) bewerk­stel­li­gen zu wol­len. Die­se von reprä­sen­ta­tiv-demo­kra­ti­schen Kör­per­schaf­ten zu beschlie­ßen­den Maß­nah­men kön­nen auf Dau­er die „auto­ma­ti­sche“ Umver­tei­lung von der Arbeit zum Kapi­tal durch die anti­de­mo­kra­ti­sche kapi­ta­lis­ti­sche Eigen­tums­ord­nung nicht kor­ri­gie­ren. Dafür bedarf es Ein­grif­fe in die Pri­mär­ver­tei­lung, also in die Ver­tei­lung des gesell­schaft­li­chen Mehr­pro­dukts dort, wo es ent­steht: im demo­kra­tie­lo­sen Bereich der Arbeits­welt. Es geht damit auch um die Ver­wirk­li­chung eines ande­ren Arbeits­be­griffs, der auf einem Bewusst­sein der Men­schen von ihrer gesell­schaft­li­chen Ver­bun­den­heit beruht, von den Ele­men­ten der Soli­da­ri­tät sowie des Schöp­fe­ri­schen und Iden­ti­täts­stif­ten­den geprägt und die Grund­la­ge eines „guten Lebens für alle“ ist.


Gesell­schaft­li­ches Eigen­tum an Grund und Boden, Fabrik und Büro ist Vor­aus­set­zung und Aus­druck die­ses Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zes­ses. Es ent­steht, wenn demo­kra­tisch legi­ti­mier­te Öffent­li­che Hän­de die in ihrem Ein­fluss­be­reich befind­li­chen Betrie­be und Unter­neh­men gemein­sam mit demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Vertreter/​inne/​n der Beschäf­tig­ten und der Verbraucher/​innen, „also der­je­ni­gen Grup­pen, für die der Betrieb da sein soll“, ver­wal­ten. Das soll zur „wirt­schaft­li­chen Selbst­ver­wal­tung des gan­zen Vol­kes“ füh­ren, wie es der Theo­re­ti­ker des Aus­tromar­xis­mus Otto Bau­er in sei­nen Sozia­li­sie­rungs­kon­zep­ten formulierte.


Gesell­schaft­li­ches Eigen­tum mani­fes­tiert sich in der Bestel­lung von Auf­sichts- und Lei­tungs­or­ga­nen durch die Tria­de Öffent­li­che Hand, Beschäf­tig­te und Verbraucher/​innen, in der demo­kra­ti­schen Ver­tei­lung des inner­be­trieb­li­chen Über­schus­ses auf die ein­zel­nen Ein­kom­mens­ar­ten nach gesetz­lich fest­ge­leg­ten sta­tu­ta­ri­schen Prin­zi­pi­en bezie­hungs­wei­se des außer­be­trieb­lich zu ver­tei­len­den Über­schus­ses nach gesetz­lich fest­ge­leg­ten Zweck­bin­dun­gen. Die­se Struk­tur­merk­ma­le sol­len der Beein­träch­ti­gung der Gesamt­ge­sell­schaft durch die Schwä­chung ihrer gesell­schaft­li­chen Mehr­heit vor­beu­gen sowie einem bedarfs­de­ckungs­ori­en­tier­ten, gebrauchs­wert­ge­lei­te­ten und selbst­kos­ten­ba­sier­ten Wirt­schaf­ten Vor­schub leisten.


In der Neu­zeit rei­chen Bemü­hun­gen um gesell­schaft­li­ches Eigen­tum bei­spiels­wei­se von den Dig­gers und der New Model Army im Eng­land der Mit­te des 17. Jahr­hun­derts über die Pari­ser Kom­mu­ne vom Früh­jahr 1871 und die Land­be­set­zun­gen in Mexi­ko Anfang des 20. Jahr­hun­derts bis zu den Arbei­ter­rä­ten in Mit­tel- und Ost­eu­ro­pa sowie den Gemein­wirt­schaft­li­chen Anstal­ten in Öster­reich nach dem Ers­ten Welt­krieg. Sie setz­ten sich nach dem Zusam­men­bruch des Faschis­mus in der jugo­sla­wi­schen Arbei­ter­selbst­ver­wal­tung, den eng­li­schen Arbei­ter­ko­ope­ra­ti­ven und den besetz­ten Betrie­ben Frank­reichs fort und leben gegen­wär­tig wei­ter in den viel­fäl­ti­gen Mus­tern der Soli­dar­öko­no­mie in Argen­ti­ni­en, Bra­si­li­en und ande­ren latein­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern sowie wie im Genos­sen­schafts­netz­werk Mond­ra­gon im spa­ni­schen Bas­ken­land. Die­se Bemü­hun­gen waren und sind nicht frei von Irr­tü­mern und Feh­lern der Bemü­hen­den und sie unter­la­gen bezie­hungs­wei­se unter­lie­gen oft den Anfein­dun­gen des Kapi­tals. Doch bele­gen die­se Anfein­dun­gen die grund­sätz­li­che Rich­tig­keit die­ser Stoßrichtung.


Die Demo­kra­ti­sie­rung der Wirt­schaft eröff­net nicht zwangs­läu­fig das Para­dies. Kon­flik­te wer­den nicht ver­schwin­den, aber für ihre Lösung bie­ten sich ande­re Vor­gän­ge an als das Aus­spie­len öko­no­mi­scher Gewalt. Sie gewähr­leis­ten jeden­falls die Bedin­gung der Mög­lich­keit, nicht mehr län­ger eine Sup­pe aus­löf­feln zu müs­sen, die uns ande­re ein­bro­cken, son­dern, gesell­schaft­lich orga­ni­siert, unse­re Sup­pe soli­da­risch selbst zu kochen.

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OECD für öffentliche Beschäftigung und soziale Absicherung in der Krise

September. 16th 2009 — 9:48

Unver­däch­ti­ger könn­te der Zeu­ge nicht sein: Nach­dem die OECD über Jah­re, wenn nicht gar Jahr­zehn­te hin­weg der Dere­gu­lie­rung der Arbeits­märk­te das Wort gere­det hat, wer­den in letz­ter Zeit die Töne etwas mode­ra­ter und ana­ly­tisch differenzierter. 

Im heu­te (16. Sep­tem­ber 2009) ver­öf­fent­lich­ten „Employ­ment Out­look 2009“, einem Werk von immer­hin 282 eng beschrie­be­nen Sei­ten mit einer Unzahl an Daten, Fak­ten und Ana­ly­sen zum Arbeits­markt­ge­sche­hen, for­dert das OECD-Sekre­ta­ri­at die Mit­glied­staa­ten u. a. auf zu über­le­gen, ob für bestimm­te Pro­blem­grup­pen, zumin­dest tem­po­rär und auf enge Ziel­grup­pen focu­siert, nicht öffent­li­che Beschäf­ti­gungs­pro­jek­te und eine enge­re sozia­le Absi­che­rung wir­kungs­vol­le Mit­tel in der Kri­se wären. Das ist ein neu­er Ton!

Im zen­tra­len Kapi­tel zur Kri­se wird davon aus­ge­gan­gen, dass die Arbeits­lo­sig­keit in der OECD bis Ende 2010 um 25 Mio. Per­so­nen gegen­über dem Tief­punkt Ende 2007 zuneh­men wird; das ist ein Anstieg um ca. 80%! Die­se Zunah­me ist bis­her zwi­schen den Län­dern sehr unter­schied­lich aus­ge­fal­len – auf die nähe­ren Grün­de geht die OECD aller­dings nicht ein; und er wird bis Ende nächs­ten Jah­res sehr unter­schied­li­che Län­der­quo­ten mit sich brin­gen: ESP 19,8%, GER 11,8%, USA 10,1%, JAP und AUT 5,8%.

Die Kon­junk­tur- und Sta­bi­li­sie­rungs­pro­gram­me, die in ihrem Aus­maß sehr unter­schied­lich aus­ge­fal­len sind (FRA und KOR bil­den Mini­mum und Maxi­mum, AUT liegt am unte­ren Ende), haben ihre beab­sich­tig­ten Wir­kun­gen lt. OECD eini­ger­ma­ßen erfüllt.

Das Betrof­fen­heits­mus­ter nach Sek­to­ren, Alter, Aus­bil­dung, Beruf, Geschlecht, etc. ist dem vor­an­ge­gan­ge­ner Kri­sen nicht unähn­lich. In AUT fällt auf, dass Nied­rig­qua­li­fi­zier­te und Frau­en bis­her von der Kri­se nur durch­schnitt­lich betrof­fen sind.

Für OECD-Ver­hält­nis­se eben­falls inter­es­sant ist die Fest­stel­lung, dass zwar die Per­sis­tenz einer ein­mal gestie­ge­nen Arbeits­lo­sen­quo­te sich durch die Struk­tur­re­for­men der ver­gan­gen Jah­re redu­ziert hat, aller­dings auf Kos­ten einer höhe­ren zykli­schen Varia­bi­li­tät; d. h. hät­te es weni­ger Maß­nah­men zur Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeits­märk­te in der Ver­gan­gen­heit gege­ben, wäre der gegen­wär­ti­ge Anstieg der Arbeits­lo­sig­keit wohl gerin­ger ausgefallen.

Wie ein­gangs erwähnt, legt die OECD für Per­so­nen mit hohem Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keits­ri­si­ko nahe, öffent­li­che Beschäf­ti­gungs­pro­gram­me anzu­bie­ten. Das war bis­her stets ver­pönt. Aus öster­rei­chi­scher Sicht ist an dem Vor­schlag inter­es­sant, dass Sozi­al­öko­no­mi­sche Betrie­be (SÖB), die hie­si­ge Vari­an­te eines der­ar­ti­gen Pro­gramms, in meh­re­ren Eva­lu­ie­run­gen sehr posi­tiv abge­schnit­ten haben (Wifo 2006, Lech­ner et. al. 2007, Hujer et. al. 2009).

Auch der zwei­te Denk­an­stoß der OECD soll­te AUT eine Über­le­gung wert sein: Für all jene Grup­pen am Arbeits­markt mit pre­kä­ren Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen, die weni­ger abge­si­chert sind als die Kern­grup­pen mit lan­gen Ver­si­che­rungs­epi­so­den, soll­ten die sozia­len Siche­rungs­ma­schen enger gefloch­ten wer­den – zumin­dest tem­po­rär in der Kri­se. Dazu gehör­ten auch höhe­re Ersatz­quo­ten am Beginn der Arbeits­lo­sig­keit, weil hier das Absi­che­rungs­ni­veau in AUT im inter­na­tio­na­len Ver­gleich nied­rig ausfällt.

In einem wei­te­ren Kapi­tel des „Employ­ment Out­look“ wird die unor­tho­do­xe Fra­ge gestellt: „Is Work the best Anti­do­te to Poverty?“

Alles in Allem ist der dies­jäh­ri­ge Beschäf­ti­gungs­aus­blick der OECD ein äußerst lesens­wer­tes Doku­ment zum Ver­ständ­nis der Arbeits­markt­vor­gän­ge in der Krise.

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Blame it on the government

August. 24th 2009 — 9:14

Schreibt Paul Krug­man:

The asto­nis­hing thing about the cur­rent poli­ti­cal sce­ne is the extent to which not­hing has changed.“

Was lei­der abzu­se­hen war. Sehen wir von den Wahn­sin­nig­kei­ten in der aktu­el­len Gesund­heits­re­form­de­bat­te in den USA mal ab: Es zeigt sich doch recht deut­lich, dass die Stra­te­gie, die gro­ßen Refor­men durch mas­si­ves Stüt­zen der Vor­macht­stel­lung der Finanz­märk­te nicht funk­tio­niert. Die Finanz­in­sti­tu­te brum­men zwar fürs ers­te wie­der; aber die öffent­li­che Mei­nung spielt nicht mehr mit. Was selt­sa­me Blü­ten treibt, unter ande­rem, dass die Jour­na­lis­ten beim erz­li­be­ra­len Eco­no­mist zu den Ver­tei­di­gern einer Reform wer­den, die von vie­len als „sozia­lis­tisch“ denun­ziert wird.

Und iro­ni­scher­wei­se lässt sich dazu nur sagen: Bla­me it on the government. Noch­mals Krug­man:

I don’t know if admi­nis­tra­ti­on offi­cials rea­li­ze just how much dama­ge they’ve done them­sel­ves with their kid-gloves tre­at­ment of the finan­cial indus­try, just how bad­ly the specta­cle of government sup­por­ted insti­tu­ti­ons paying giant bonu­ses is play­ing. But I’ve had many con­ver­sa­ti­ons with peop­le who voted for Mr. Oba­ma, yet dis­miss the sti­mu­lus as a total was­te of money. When I press them, it turns out that they’re real­ly angry about the bai­louts rather than the sti­mu­lus — but that’s a dis­tinc­tion lost on most voters.“

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