Stichwort: Finanzkrise


Zeit zur Umkehr

März. 18th 2013 — 18:51

Der Ver­gleich von EU-​​Prognosen für die Kri­sen­staa­ten und deren Ent­wick­lung seit 2007 zeigt, wie nötig ein Rich­tungs­wech­sel in Theo­rie und Poli­tik ist. Die Aus­te­ri­täts­po­li­tik in den soge­nann­ten Pro­gramm­län­dern in der EU hat zuneh­mend kata­stro­phale Fol­gen, und die Pro­gno­sen sind stets bes­ser als das Ergebnis.

Eine Theo­rie, deren Pro­gno­sen regel­mä­ßig falsch lie­gen, sollte laut Sir Karl Pop­per ver­wor­fen wer­den. Eine Kon­junk­tur­po­li­tik, die nur darin besteht, die Hoff­nung auf den Auf­schwung auf den in der Zukunft lie­gen­den Pro­gno­se­ho­ri­zont zu ver­schie­ben, eben­falls. Bei­des trifft auf die momen­tane Poli­tik der Troika zu. Zunächst wurde die Krise etwas zu pes­si­mis­tisch ein­ge­schätzt; es wurde eine expan­sive Wirt­schafts­po­li­tik ein­ge­schla­gen. Doch seit 2010 herrscht in den Pro­gno­sen über­trie­be­ner Opti­mis­mus, und in den Pro­gramm­län­dern wird eisern gespart.

In Grie­chen­land war die Ent­wick­lung beson­ders schlimm. Im Mai 2010 hoffte man noch für 2011 mit einem wei­te­ren Minus von 4% gegen­über 2009 aus der Krise zu kom­men. Im Novem­ber 2010 rech­nete man schon mit einem Minus von 7% für 2011. Dies setzte sich von Jahr zu Jahr fort: 2013 glaubte man nun mit gut 20% Ver­lust an Wirt­schafts­leis­tung sei die Tal­sohle erreicht. Es ist zu hof­fen, dass diese Pro­gnose nun nicht noch­mals nach unten kor­ri­giert wird. An der kata­stro­pha­len Per­for­mance von Pro­gno­sen und Poli­tik ändert das aller­dings nichts mehr.

Die fol­gen­den Gra­fi­ken zei­gen die Ent­wick­lung des rea­len BIP im Ver­gleich zu 2009, anhand der zu den jewei­li­gen Zeit­punk­ten erstell­ten Pro­gno­sen. Die Pro­gnose vom Februar 2013 ent­hält für die Jahre bis 2011 die tat­säch­li­chen und für 2012 die vor­läu­fi­gen Werte.

In Irland lie­gen Pro­gno­sen und Poli­tik eben­falls unter den Erwar­tun­gen. Der ein­zige, wenn auch schwa­che Trost ist, dass es in Irland zumin­dest lang­sam bes­ser wird.

Sor­gen berei­tet das Bild für Por­tu­gal und Spa­nien. Hier scheint es momen­tan zu einem Wech­sel vom iri­schen Regen in die grie­chi­sche Traufe zu kom­men. Sah es zunächst noch nach lang­sa­mer Erho­lung aus, so scheint seit 2011 ein mas­si­ver Ein­bruch im Gange zu sein. Ein Grund mehr, Theo­rie und Poli­tik zu wechseln.

Ange­sichts die­ser Bil­der ist es kein Wun­der, dass die DG Eco­fin die adjust­ment Pro­gramme für Grie­chen­land, Irland, Por­tu­gal und für Spa­ni­ens Finanz­sek­tor stets mit fol­gen­dem Dis­clai­mer versieht:

„Neit­her the Euro­pean Com­mis­sion nor any per­son acting on its behalf may be held responsi­ble for the use which may be made of the infor­ma­tion con­tai­ned in this publication.”

Na ja, wenn sie damit durchkommt.

PS: Ein Lob muss man der DG Eco­fin jedoch machen: Diese Dar­stel­lun­gen wären nicht mög­lich gewe­sen, wenn die DG nicht schon seit Län­ge­rem ihre AMECO Daten­bank mit den Makro-​​Daten (ein­schließ­lich der Pro­gno­sen) im Inter­net öffent­lich zur Ver­fü­gung stellte. 

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30. Mai: Die EU in der Krise

Mai. 23rd 2012 — 11:19

Die EU in der Krise: Zwi­schen auto­ri­tä­rem Eta­tis­mus und euro­päi­schem Frühling

Datum: Mitt­woch, 30. Mai, 19 Uhr

Ort: NIG, 2. Stock, Hör­saal 1, Uni­ver­si­täts­straße 7, 1010 Wien

Buch­prä­sen­ta­tion und Diskussion mit

Pia Eber­hardt (Cor­po­rate Europe Obser­vatory, Brüs­sel): Lob­by­is­mus und euro­päi­sche Post­de­mo­kra­tie – Ein­bli­cke in den EU-​​Staats-​​Zivilgesellschaftskomplex
Lukas Obern­dor­fer (juri­di­kum und Asso­zia­tion für kri­ti­sche Gesell­schafts­for­schung): Hege­mo­nie­krise in Europa: Eco­no­mic Gover­nance und Fis­kal­pakt – Ele­mente einer auto­ri­tä­ren Wende?
Mode­ra­tion und Ein­lei­tung: Oli­ver Praus­mül­ler (BEIGEWUM)

Der euro­päi­sche Inte­gra­ti­ons­pro­zess wird durch eine „Viel­fach­krise“ erschüt­tert: Euro-​​Krise, Staats­kri­sen, der Legi­ti­ma­ti­ons­ver­lust der EU sowie das Feh­len eines neuen popu­lä­ren euro­päi­schen Pro­jek­tes. Die sozia­len Kämpfe gegen eine Abwäl­zung der Kri­sen­fol­gen nach unten und für eine weit­ge­hende Demo­kra­ti­sie­rung der Gesell­schaft eska­lie­ren zuneh­mend. Der Bei­trag der sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen ‚Euro­pa­for­schung‘ zum kri­ti­schen Ver­ständ­nis die­ser Ent­wick­lun­gen ist mar­gi­nal. Dazu will der vor­lie­gende Band der Asso­zia­tion für kri­ti­sche Gesell­schafts­for­schung (AkG) und der For­schungs­gruppe Staats­pro­jekt Europa  einen Kon­trast set­zen. Die Bei­träge unter­su­chen aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven einer kri­ti­schen Inte­gra­ti­ons­for­schung Hin­ter­gründe und Dyna­mik der Krise und dis­ku­tie­ren eman­zi­pa­to­ri­sche Stra­te­gien für ein ande­res Europa. Anläss­lich der Buch­prä­sen­ta­tion stel­len Pia Eber­hardt und Lukas Obern­dor­fer ihre Bei­träge zum jüngst erschie­nen Sam­mel­band der Asso­zia­tion für kri­ti­sche Gesell­schafts­for­schung vor und dis­ku­tie­ren die jüngs­ten Ent­wick­lun­gen der euro­päi­schen Krise.

Ver­an­stal­te­rIn­nen:
Asso­zia­tion für kri­ti­sche Gesell­schafts­for­schung, BEIGEWUM, Chick­Lit – femi­nis­ti­sche Buch­hand­lung, Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Wien und  juri­di­kum (zeit­schrift für kritik|recht|gesellschaft)

Wei­tere Infos:
www.staatsprojekt-europa.eu
www.facebook.com/staatsprojekteuropa

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29. Mai: Frankreich nach der Wahl

Mai. 23rd 2012 — 11:17

FRANKREICH NACH DER WAHL: Bilanz für Sar­kozy. Mit Hol­lande für ein ande­res Europa?

Diens­tag, 29. Mai 2012, 18.30 Uhr

Ort: Repu­bli­ka­ni­scher Club, Rockhg. 1, 1010 Wien

Rudolf WALTHER (Publi­zist aus Frankfurt/​M., u.a. Der Stan­dard, Die Zeit, die tages­zei­tung, Der Freitag)

Mode­ra­tion: Gian­luca WALLISCH (Redak­teur Außen­po­li­tik, Der Stan­dard)
Begrü­ßung: Ulrich BRAND (Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft, Uni­ver­si­tät Wien)


Nach den jüngs­ten Wah­len in Frank­reich wird viel­fach von einem wirt­schafts­po­li­ti­schen Para­dig­men­wech­sel in Europa gespro­chen. Wie sieht die Bilanz des schei­den­den Prä­si­den­ten Nico­las Sar­kozy aus? Was hat er erreicht, wo lie­gen Pro­bleme? Beim neuen Amts­in­ha­ber François Hol­lande stellt sich die Frage nach sei­ner Wirt­schafts– und Gesell­schafts­po­li­tik und jene nach den Chan­cen der Umsetz­bar­keit sei­ner pro­gram­ma­ti­schen Erklärungen.


Eine Ver­an­stal­tung des Insti­tuts für Poli­tik­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Wien in Koope­ra­tion u.a. mit dem BEIGEWUM, „Der Stan­dard“, Grüne Bil­dungs­werk­statt und dem Repu­bli­ka­ni­schen Club – Neues Österreich.

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Spanien als Musterbeispiel für scheiternde europäische Austeritätspolitik

April. 2nd 2012 — 14:33

Trotz – bzw. gerade wegen – meh­re­rer Spar­pa­kete und Schul­den­bremse in der Ver­fas­sung fin­det Spa­nien kei­nen Halt. Zusätz­lich zur pro­gnos­ti­zier­ten Schrump­fung der Wirt­schaft um 1,7 % und wei­ter­hin stei­gen­der Arbeits­lo­sig­keit (Stand Februar: 23,6 %; Jugend­ar­beits­lo­sig­keit 50,5 %) kommt nun ein neu­er­li­ches Spar­pa­ket, das die Rezes­sion merk­lich ver­schär­fen wird. Damit ent­wi­ckelt sich das bud­get­po­li­tisch vor der Krise als vor­bild­lich gel­tende Spa­nien neu­er­lich zu einem Vorzeige-​​Mitgliedstaat – dies­mal aller­dings für eine schei­ternde euro­päi­sche Austeritätspolitik.

Meh­rere Fak­to­ren tra­gen zu die­sem Schei­tern bei. Der wich­tigste ist die Wirt­schafts­krise, die auf­grund der natio­na­len Immo­bi­li­en­krise deut­lich stär­ker aus­fiel und auch nicht so rasch über­wun­den wer­den konnte wie zB in Deutsch­land und Öster­reich. Die Arbeits­lo­sig­keit hat sich in den letz­ten drei Jah­ren bei­nahe ver­drei­facht, wodurch ein immen­ser Steu­er­aus­fall sowie ein hoher Anstieg der Sozi­al­kos­ten folg­ten. Gleich­zei­tig kamen die Ban­ken auf­grund der geplatz­ten Immo­bi­li­en­blase in beson­dere Bedräng­nis. Der Staat hatte damit beson­dere Belas­tun­gen zu tra­gen und ein Kon­junk­tur­pa­ket zu finan­zie­ren, um den Absturz zu brem­sen. So drehte der Maastricht-​​Saldo von einem Über­schuss von knapp 2 % des BIP 2007 auf ein Rekord­de­fi­zit von 11,2 % des BIP 2009.

Ein wei­te­rer Fak­tor ist die poli­ti­sche Dyna­mik. Der Plan der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Min­der­heits­re­gie­rung Zapa­tero bestand 2009 aus Opti­mis­mus und einem ambi­tio­nier­ten mit­tel­fris­ti­gen Kon­so­li­die­rungs­plan, der die EU-​​Vorgaben – mind. –6 %p. in den kom­men­den vier Jah­ren – über­er­fül­len würde. Die­ser Plan schei­terte im Früh­jahr 2010, als in Folge der Griechenland-​​Panik die Zin­sen auf spa­ni­sche Staats­an­lei­hen in unge­ahnte Höhen schos­sen, die nega­tive Wirt­schafts– und Beschäf­ti­gungs­ent­wick­lung wei­ter ging und gleich­zei­tig auf Euro­päi­scher Ebene klar­ge­stellt wurde, dass es keine wesent­li­che Hilfe zu erwar­ten gab. Ein har­tes Not-​​Sparprogramm sollte sicher­stel­len, dass die euro­päi­sche Kon­so­li­die­rungs­vor­gabe von durch­schnitt­lich 1,5 %p. des BIP pro Jahr bereits 2010 und 2011 erfüllt wer­den – trotz pro­gnos­ti­zier­ter Rezes­sion 2010.

Gefan­gen in der Spi­rale nach unten

2010 wur­den die Ziele auch weit­ge­hend erfüllt, aller­dings nicht 2011: Statt den ange­streb­ten 6 % erreichte das Defi­zit 8,5 % des BIP. Schuld war aller­dings nicht die alte, Ende Novem­ber abge­wählte Zen­tral­re­gie­rung. Die hatte ihr Spar­pro­gramm trotz deut­lich schlech­te­rer Beschäf­ti­gungs– und damit Bud­get­ent­wick­lung durch­ge­zo­gen. Mit einem Defi­zit von 5,1 statt 4,8 % des BIP ver­fehlte sie ihr Ziel nur knapp (bzw. 5,2 statt 4,4 %p. inklu­sive Sozi­al­ver­si­che­rung). Der über­wie­gende Teil der Defizit-​​Verfehlung ging auf die Kon­ten der fast aus­schließ­lich kon­ser­va­tiv regier­ten Bun­des­län­der (die aber eben­falls erheb­li­che Spar­an­stren­gun­gen unter­nah­men). Bezeich­nend für den eiser­nen Spar­wil­len war eine Mel­dung in ElPaís Anfang Okto­ber, wonach der öffent­li­che Sek­tor in eini­gen Mona­ten bereits einen grö­ße­ren Bei­trag zum Zuwachs zur Arbeits­lo­sig­keit lie­ferte als der private.

Wie auch immer, mit die­sem hohen Defizit-​​Startwert und der sich ver­schär­fen­den Rezes­sion (statt dem Ende 2010 pro­gnos­ti­zier­ten Wachs­tum von 1,7 % wird nun mit minus 1 bis 2 % gerech­net) wurde klar, dass 2012 weder das ursprüng­li­che Defi­zit­ziel von 5,3 % des BIP vom Juni 2010 noch das bis Jah­res­ende 2011 auf­recht erhal­tene ambi­tio­nierte Ziel von 4,4 % des BIP erreicht wer­den kön­nen. Daran wird auch der eben erst beschlos­sene radi­kale Abbau der Arbeits­markt­stan­dards (bei Umsatz­rück­gang dür­fen Arbeit­ge­be­rIn­nen Arbeits­ver­träge ver­schlech­tern, leich­tere Kün­di­gung auch lang­jäh­rig Beschäf­tig­ter, etc.), der gemäß OECD, EU-​​Kommission und spa­ni­scher Regie­rung Beschäf­ti­gung schaf­fen soll, nichts ändern.

Euro­päi­sche Wirt­schafts­po­li­tik versagt

An die­ser Stelle kommt der Fak­tor „Ver­sa­gen der euro­päi­schen Wirt­schafts­po­li­tik“ zu tra­gen. Am spa­ni­schen Bei­spiel offen­barte sich die Absur­di­tät der Economic-​​Governance/​Six-​​Pack/​Fiskalpakt-​​Debatte: Obwohl es eine Kon­junk­tur­klau­sel gibt, die eine Stre­ckung des Kon­so­li­die­rungs­pfa­des pro­blem­los erlau­ben würde, und obwohl selbst die ver­schärf­ten Spar­vor­ga­ben hin­sicht­lich des mit­tel­fris­ti­gen struk­tu­rel­len Defi­zits wie auch schon vor der Krise ein­ge­hal­ten wer­den, wird bei­des igno­riert und wei­ter­hin an der dümms­ten aller Vor­ga­ben – näm­lich dem von der Kon­junk­tur­ent­wick­lung maß­geb­lich bestimm­ten Maastricht-​​Defizit – fest­ge­hal­ten. Der Rat der Finanz­mi­nis­te­rIn­nen kam der spa­ni­schen Regie­rung nur inso­fern ent­ge­gen, als dass nun wie­der die alte Pro­gnose für den Defi­zit­pfad mit 5,3 % des BIP 2012 (neben den unver­än­der­ten 3 % im Jahr 2013) als ver­pflich­ten­der Ziel­wert gilt. Detail am Rande: gemäß ElPaís übte sich eine kleine Gruppe von Hard­li­ne­rIn­nen – dar­un­ter natür­lich auch die öster­rei­chi­sche Ver­tre­te­rin – in völ­li­ger Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung mit der For­de­rung Spa­nien müsse am Defizit-​​Ziel von 4,4 % des BIP festhalten.

Mit die­sem Beschluss haben die euro­päi­schen Finanz­mi­nis­te­rIn­nen eines klar zum Aus­druck gebracht: Es ist ihnen ernst mit der in der Reform der Eco­no­mic Gover­nance ange­leg­ten und mit dem Fis­kal­pakt voll­en­de­ten Ver­un­mög­li­chung einer aus­ge­wo­ge­nen Wirt­schafts­po­li­tik. Immer­wäh­rende Aus­te­ri­täts­po­li­tik plus Wett­be­werbs­fä­hig­keit ste­hen über Wohl­stand, des­sen Ver­tei­lung, nied­rige Arbeits­lo­sig­keit oder ökolo­gi­sche Nach­hal­tig­keit. Die spa­ni­sche Regie­rung bemüht sich trotz­dem dies­be­züg­lich Mus­ter­schü­le­rin zu blei­ben: Statt Pro­gramme gegen die gras­sie­rende Arbeits­lo­sig­keit, Armut oder für leist­bare Woh­nun­gen (seit 2008 wur­den bereits etwa 1 % der Haus­halte delo­giert; selbst Erwach­sene müs­sen viel­fach bei ihren Eltern woh­nen) wurde ver­gan­ge­nen Frei­tag das bereits zweite Spar­pa­ket in nur 100 Tagen prä­sen­tiert. Die Kon­so­li­die­rung der Zen­tral­re­gie­rung soll 27,3 Mrd Euro (über 2,5 % des BIP) betra­gen. Hinzu kommt eine Ver­ein­ba­rung mit Län­der und Gemein­den, wonach diese ihr Defi­zit 2012 um 1,7 % des BIP sen­ken müs­sen (wobei ein unbe­stimm­ter Teil davon bereits in den 2,5 % aus dem Zen­tral­re­gie­rungs­pa­ket ent­hal­ten sein dürfte).

Schei­tern vorprogrammiert

Die­ser Plan wird aller­dings nicht genü­gen um das Defi­zit tat­säch­lich aus­rei­chend zu sen­ken, da die nega­ti­ven Rück­kop­pe­lungs­ef­fekte auf Wachs­tum und Beschäf­ti­gung nicht ein­ge­rech­net zu sein schei­nen. Die Kür­zun­gen in den Minis­te­rien von durch­schnitt­lich 17 % wer­den jedoch sehr deut­li­che Aus­wir­kun­gen haben – vor allem da bei Inves­ti­tio­nen oder akti­ver Arbeits­markt­po­li­tik über­pro­por­tio­nal gespart wird. Damit wird die Jugend­ar­beits­lo­sig­keit wohl noch län­ger über 50 % blei­ben und die soziale Krise verschärfen.

Inter­es­sant ist die Reak­tion auf euro­päi­scher Ebene: das deut­sche EZB-​​Direktoriumsmitglied for­derte gemäß ElPaís, dass das Kon­so­li­die­rungs­pa­ket per Not­stands­ge­setz­ge­bung beschlos­sen wer­den sollte um eine schnellst­mög­li­che Umset­zung sicher­zu­stel­len. Was das alles mit glaub­wür­di­ger Bud­get­po­li­tik oder einer Über­win­dung der Krise in der Euro­zone zu tun hat, so wie auf euro­päi­scher Ebene mehr­fach fan­ta­siert wurde, bleibt ein offe­nes Rät­sel. Es würde im Gegen­teil nicht über­ra­schen, wenn damit die wirt­schaft­li­che Situa­tion in der Euro­zone neu­er­lich belas­tet würde – mit all den nega­ti­ven Kon­se­quen­zen für alle Mit­glied­staa­ten. Trotz­dem ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass der Kurs in der Euro­zone wie in Spa­nien selbst unver­än­dert bleibt und auch in den nächs­ten 100 Tagen Amts­zeit der neuen spa­ni­schen Regie­rung ein wei­te­res Spar­pa­ket ver­ab­schie­det wird um die euro­päi­schen Vor­ga­ben ein­zu­hal­ten. Schließ­lich geht es ja um die Glaub­wür­dig­keit der euro­päi­schen Austeritätspolitik …

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80 Jahre ›Schwarzer Donnerstag‹ – John Kenneth Galbraith neu gelesen

Oktober. 19th 2009 — 18:19

Am Don­ners­tag, den 24. Okto­ber 1929 „wech­sel­ten 12.894.650 Anteile den Besit­zer, die meis­ten zu einem Preis, der die Träume und Hoff­nung der bis­he­ri­gen Inha­ber rest­los Zer­störte“ (S. 136). Das schreibt John Ken­neth Galbraith in sei­nem Buch Der Große Crash 1929. Ursa­chen, Ver­lauf, Fol­gen.* An die­sem Tag – und nicht am ›Schwar­zen Frei­tag‹ – gin­gen die Bör­sen­kurse in New York am stärks­ten wäh­rend des Bör­sen­crashs 1929 zurück. Am kom­men­den Sams­tag jährt sich die­ser Tag zum acht­zigs­ten Mal. Ange­sichts der aktu­el­len Wirt­schafts­krise ist es loh­nend, den Klas­si­ker von Galbraith neu zu lesen.


Galbraith beschreibt in sei­nem Buch zunächst den Ver­lauf der Ent­wick­lun­gen, die spä­ter zum Gro­ßen Crash füh­ren soll­ten. Zwar ging es den Bau­ern bereits nach der Depres­sion der Jahre 1920 und 1921 auf Grund der gesun­ke­nen Agrar­preise schlecht, ins­ge­samt waren die 1920er-​​Jahre aber eine gute Zeit für die USA. Die Pro­duk­ti­vi­tät erhöhte sich, die Beschäf­ti­gung war auf einem hohen Niveau, und Armut konnte zwar nicht gänz­lich über­wun­den, aber ein gutes Stück zurück­ge­drängt wer­den (vgl. S. 34). Rück­bli­ckend stellt sich die Frage, ob die Zei­ten nicht nur gut, son­dern zu gut waren… Jeden­falls stie­gen in der Folge die zu Beginn der 1920er-​​Jahre nied­ri­gen Akti­en­kurse. Trotz eini­ger Rück­schläge war die Rich­tung der Kurse ein­deu­tig: Sie stie­gen. „Bis Anfang 1928 muss­ten selbst äußerst kon­ser­va­tiv ein­ge­stellte Leute glau­ben, dass die Akti­en­kurse sich sowohl den wach­sen­den Unter­neh­mens­ge­win­nen als auch den Aus­sich­ten auf wei­tere künf­tige Stei­ge­run­gen anpas­sen wür­den. Auch die Phase des Frie­dens und die ruhi­gen Zei­ten konnte man guten Gewis­sens ein­kal­ku­lie­ren, ebenso die Sicher­heit, dass die Regie­rung in Washing­ton die Erträge nicht stär­ker als im not­wen­di­gen Maß besteu­ern würde. Anfang 1928 begann dann die Phase der Über­trei­bung: eine Mas­sen­flucht in die Schein­welt […] nahm ernst­hafte For­men an“ (S. 44). 1928 schließ­lich wurde Her­bert Hoo­ver als neuer US-​​Präsident gewählt. Er hatte zwar zuvor als Han­dels­mi­nis­ter und Prä­si­dent Coo­lidge ver­sucht, den Markt unter Kon­trolle zu bekom­men, aller­dings war seine kri­ti­sche Hal­tung zur Ent­wick­lung an der Börse wenig bekannt. Nach Hoo­vers Wahl gab es einen regel­rech­ten Boom, am Tag nach der Wahl stie­gen die Papiere um 5 bis 15 Pro­zent. Außer Hoo­vers Wahl war nichts pas­siert, was als Ursa­che für die­sen Anstieg genannt wer­den könnte (S. 50).

Mit leich­ten Schwan­kun­gen ging es so wei­ter, wobei vor allem Ter­min­ge­schäfte stark aus­ge­wei­tet wur­den. Galbraith beschreibt, wie zuneh­mend Spe­ku­la­tio­nen ohne Eigen­tum ein­setz­ten. Am Eigen­tum als sol­ches waren Spe­ku­lan­ten nicht inter­es­siert – son­dern ledig­lich am Wert­zu­wachs. Daher wur­den ein Mecha­nis­mus ent­wi­ckelt, der das Spe­ku­lie­ren von den „Las­ten des Eigen­tums befreit“ und über Kre­dite funk­tio­niert (S. 51ff, Zitat S. 53). Damit war der Spe­ku­la­tion Tür und Tor geöff­net, und der Glaube, dass jeder gewin­nen könne (und würde) tat sein übriges.

In der Folge gab es kein Hal­ten mehr. War­nende Stim­men gab es wenige, und die, die es gab, wur­den igno­riert oder denun­ziert als Men­schen, die die gute Stim­mung kaputt­re­den wol­len. Ein bis heute berühm­ter Beschwich­ti­ger der dama­li­gen Zeit war Prof. Irving Fis­her (bspw. S. 107). Auch andere Wis­sen­schaft­ler und zahl­rei­che Medien gehör­ten zu den unkri­ti­schen Beglei­tern – und oft genug betei­lig­ten Spe­ku­lan­ten – im Jahre 1929. Zwei­fel waren weder erlaubt noch erwünscht, und wei­tere Instru­mente zur Aus­wei­tung der Spe­ku­la­tio­nen wur­den ein­ge­setzt, ins­be­son­dere die Hebel­kraft (Lever­age) spielte eine immer grö­ßere Rolle (S. 93ff.), wie übri­gens auch in der aktu­el­len Krise. Es wur­den Trusts mit wohl­klin­gen­den Namen wie Shen­an­doah gegrün­det, die direkt über­zeich­net waren und im Wert oft kräf­tig anstie­gen – um nach dem Crash kaum noch etwas Wert zu sein.


Der Crash

Selbst als die Akti­en­kurse ein­bra­chen gin­gen viele von einem tem­po­rä­ren Knick aus. Ende Okto­ber 1929 gab es dann jedoch kein Hal­ten mehr. Dazu Galbraith: „Was den Anstoß gab, wis­sen wir nicht. Wahr­schein­lich ist es auch gar nicht wich­tig, dass wir es wis­sen“ (S. 129). Bei den ers­ten Ein­brü­chen machte die Hoff­nung einer „orga­ni­sier­ten Unter­stüt­zung“ die Runde, die Lage spitzte sich den­noch mehr und mehr zu. Und am 24. Okto­ber gab es dann schlicht keine Käu­fer mehr für die Anteile, deren Werte daher ins Boden­lose stürz­ten (S. 136f.). Zwar ver­such­ten große Ban­ken mit einer orga­ni­sier­ten Stüt­zung des Mark­tes ein­zu­grei­fen (S. 138ff.), was die Preise auch kurz­fris­tig wie­der zum Stei­gen brachte. Tat­säch­lich glaub­ten viele nach dem Schwar­zen Don­ners­tag, dass man das Schlimmste über­stan­den habe. Aller­ding folgte am Diens­tag, dem 29. Okto­ber „der ver­hee­rendste Tag in der Geschichte der New Yor­ker Börse“ (S. 150, das Buch von Galbraith erschien 1954!).

Galbraith beschreibt in sei­nem Buch detail­liert die Tage Ende Okto­ber, die in die Geschichte als Gro­ßer Crash ein­gin­gen. Er räumt dabei auch mit eini­gen Legen­den auf (etwa, dass es zahl­rei­che Selbst­morde in New York gege­ben habe, S. 168f.). Er beschreibt die Hilf­lo­sig­keit der Akteure und die Auf­de­ckung von Unter­schla­gun­gen sowie die Pleite zahl­rei­cher Unter­neh­men. Galbraith beschreibt fer­ner die schwie­rige Auf­ar­bei­tung der Krise. Vor allem aber: Er ana­ly­siert ihre Ursachen. 


Die Ursa­chen

John Ken­neth Galbraith benennt fünf Punkte als Ursa­chen für den Gro­ßen Crash und die fol­gende Welt­wirt­schafts­krise (S. 216ff.):

  1. Die schlechte Ein­kom­mens­ver­tei­lung: Die Ein­kom­men waren 1929 beson­ders ungleich ver­teilt. Genaue Zah­len lägen für diese Zeit nicht vor, aller­dings sei davon aus­zu­ge­hen, dass 5 Pro­zent der Bevöl­ke­rung mehr als 30 Pro­zent des Ein­kom­mens erziel­ten. „Auf­grund die­ser höchst unglei­chen Ein­kom­mens­ver­tei­lung war die Wirt­schaft von mög­lichst hohen Inves­ti­tio­nen oder von einem mög­lichst hohen Ver­brauch an Luxus­gü­tern oder von bei­den Fak­to­ren gleich­zei­tig abhän­gig. Die Rei­chen konn­ten nicht Unmen­gen von Brot kau­fen, um ihr Geld umzu­set­zen.“ Die Aus­ga­ben der Rei­chen waren jedoch für die schlech­ten Nach­rich­ten von der Börse beson­ders emp­fäng­lich. Mit Blick auf die aktu­elle Krise hat Engel­bert Stock­ham­mer bereits im April die Frage gestellt: Was hat die Finanz­krise mit der Ein­kom­mens­ver­tei­lung zu tun?

  2. Die pre­käre Struk­tur der Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten. Galbraith nennt eine „außer­ge­wöhn­li­che Anzahl von aus­ge­buff­ten Geschäf­te­ma­chern, Blen­dern und Schwind­lern“ in den Direk­ti­ons­bü­ros der Unter­neh­men. Zen­tra­ler Schwach­punkt – auch das erin­nert an heute – waren die unüber­schau­ba­ren neuen Struk­tu­ren bei den Hol­dings und Trusts. Die Ver­schach­te­lun­gen waren so stark, dass ein Aus­fall an einer Stelle oft gra­vie­rende Fol­gen hatte.

  3. Die Labi­li­tät des Ban­ken­we­sens. Hier­bei geht es Galbraith vor allem um die Ket­ten­re­ak­tion aus der Pleite einer Bank und dem Abzug der Ein­la­gen bei ande­ren Ban­ken (Ban­ken­run). Hier­auf wurde nach der Krise mit der Ein­rich­tung von Ein­la­gesi­che­rungs­sy­te­men rea­giert. Aktu­ell muss das nie­der­län­di­sche Sys­tem nach der Pleite der DSB-​​Bank nach einem Ban­ken­run ein­grei­fen.

  4. Der deso­late Zustand der Außen­han­dels­bi­lanz. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten waren nach dem ers­ten Welt­krieg der größte Gläu­bi­ger der Welt. Zudem bestand zunächst noch ein Han­dels­über­schuss, der diese Posi­tion wei­ter stärkte. Zwar war der Saldo zwi­schen Expor­ten und Impor­ten nicht son­der­lich groß, den­noch musste er abge­deckt wer­den. „Das Aus­land konnte die Pas­siv­sal­den gegen­über den Ver­ei­nig­ten Staa­ten nicht mehr oder nicht mehr lange mit erhöh­ten Gold­über­wei­sun­gen bezah­len. Das hieß, es musste ent­we­der seine Importe aus den USA zurück­fah­ren oder alter­na­tiv mit sei­nen Dar­le­hens­ver­bind­lich­kei­ten in Ver­zug gera­ten.“ Auch die unaus­ge­gli­chene Leis­tungs­bi­lanz, aller­dings unter umge­kehr­ten Vor­zei­chen, ist in der aktu­el­len Krise ein Thema. So set­zen u.a. Öster­reich, vor allem aber Deutsch­land auf eine reine Export­stra­te­gie (sin­kende Real­löhne, sin­kende Bin­nen­nach­frage aber gute Wett­be­werbs­fä­hig­keit auf den Weltmärkten).

  5. Der schlechte Zustand der Wirt­schafts­po­li­tik und der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. Galbraith nennt die Ideo­lo­gie des aus­ge­gli­chen Haus­halts (=Kon­trak­tion der Nach­frage) und die Angst vor Infla­tion (=stei­gende Zin­sen und Ver­teue­rung von Geld), die eine ver­nünf­tige Geld­po­li­tik ver­hin­derte, obwohl das Land vor einer Defla­tion stand. Auch diese Debat­ten ken­nen wir von heute. Galbraith schrieb sei­ner­zeit (S. 225): „Sowohl die aktive Fis­kal­po­li­tik – Besteue­rung und Staats­aus­ga­ben – als auch eine ver­nünf­tige Geld­po­li­tik zu unter­las­sen war das Glei­che, wie jeg­li­che kon­struk­tive Wirt­schafts­po­li­tik abzu­leh­nen. Die Wirt­schafts­ex­per­ten jener Tage besa­ßen genü­gend Ein­mü­tig­keit und Auto­ri­tät, um die Füh­rer bei­der Par­teien zu ver­an­las­sen, alles, was Defla­tion und Depres­sion hätte bekämp­fen kön­nen, zu ver­mei­den […], ein Tri­umph der Schul­weis­heit über die Pra­xis. Die Fol­gen waren verheerend.“

 

Galbraith 2009

Natür­lich waren Ursa­chen, Ver­lauf und Fol­gen 1929 andere als 2009, auch wenn heute noch nicht klar ist, wie die aktu­elle Krise wei­ter­geht. Erschre­ckend sind einige Par­al­le­len aber schon, die Dog­ma­tik der Ökono­mie, die Ein­kom­mens­ver­tei­lung usw. Es lohnt sicher daher unbe­dingt, sich eine der bekann­tes­ten Inter­pre­ta­tion der Welt­wirt­schafts­krise zu Gemüte zu füh­ren – und John Ken­neth Galbraith neu zu lesen.

 

* Alle Sei­ten­an­ga­ben bezie­hen sich auf den unver­än­der­ten Nach­druck der 4. Auf­lage aus dem Jahr 2009. Das Buch erschien erst­mals 1954.

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Private Pensionssysteme und die Finanzkrise

Oktober. 12th 2009 — 15:06

Die Ver­mö­gen, die inter­na­tio­nal für die Alters­vor­sorge „ange­spart“ wur­den, sind rie­sig. Die Pen­si­ons­fonds alleine (also ohne pri­vate Ver­si­che­rungs­ver­träge, Pen­si­ons­rück­stel­lun­gen und Fonds von Finanz­in­sti­tu­tio­nen) hat­ten 2007 ein Ver­mö­gen von sage und schreibe 17.900.000.000.000 also fast 18 Bil­lio­nen US Dol­lar. 57 Pro­zent davon lagen in den Pen­si­ons­fonds der USA. Im OECD-​​Schnitt sind damit über 75 Pro­zent des BIP in Pen­si­ons­fonds ver­an­lagt. 2001 waren es 67 Pro­zent. Getrie­ben waren diese Aus­wei­tun­gen von der Vor­stel­lung immer höhe­rer Renditen.

USA mach­ten es vor, Europa folgte

Seit 2000 zieht Europa nach. Zwi­schen 2001 und 2007 stieg das in Pen­si­ons­fonds ver­an­lagte Ver­mö­gen in Europa um 141 Pro­zent auf 4.300 Mrd US Dol­lar. Zum Ver­gleich: Das BIP stieg im glei­chen Zeit­raum um 32 Pro­zent. Spit­zen­rei­ter sind die Nie­der­lande (fast 160 Pro­zent des BIP) vor Groß­bri­tan­nien (110 Pro­zent). Öster­reich, das auch ein star­kes Wachs­tum der pri­va­ten Pen­si­ons­fonds in die­sem Zeit­raum auf­wies, befin­det sich mit rund 6 Pro­zent auf einem eher nie­de­ren Niveau.

Absturz und Ver­luste in der Krise

Der Trend in Rich­tung pri­va­ter Pen­si­ons­vor­sorge hat auf­grund der dadurch erzeug­ten „Kapi­tal­markt­in­fla­tion“ die Finanz­märkte zusätz­lich auf­ge­bläht. Die ver­spro­che­nen hohen Ertrags­ra­ten kapi­tal­ge­deck­ter Alters­vor­sorge haben die share­hol­der– Phi­lo­so­phie und die Kurz­sich­tig­keit der Finanz­märkte noch ver­stärkt. Die ste­tige Ver­grö­ße­rung der Dis­kre­panz zwi­schen Bör­sen­kur­sen und rea­len Wer­ten baute ein enor­mes Absturz­po­ten­tial auf.
Die mas­sive Ent­wer­tung von Pen­si­ons­ver­mö­gen führt nun zu erheb­li­chen Finan­zie­rungs­lü­cken und bringt bei Leis­tungs­zu­sa­gen Unter­neh­men zusätz­lich unter Druck. Leis­tungs­kür­zun­gen und redu­zierte Ertrags­er­war­tun­gen füh­ren zu Nach­fra­ge­aus­fäl­len und ver­schär­fen den wirt­schaft­li­chen Abschwung. Die stark pro­zy­kli­schen Effekte kapi­tal­ge­deck­ter Vor­sorge in Kri­sen­zei­ten wir­ken zusätz­lich destabilisierend.

Fünf Bil­lio­nen Dol­lar vernichtet

In der gesam­ten OECD ist der Markt­wert von pri­va­ten Pen­si­ons­an­spar­plä­nen zwi­schen Dezem­ber 2007 und Okto­ber 2008 um ca fünf Bil­lio­nen Dol­lar gefal­len (5.000.000.000.000 Dol­lar bzw 3,6 Bil­lio­nen Euro – das ent­spricht 33 Pro­zent der gesam­ten Wirt­schafts­leis­tung der EU-​​27 Län­der). In den USA haben selbst die Fonds, die ein rela­tiv aus­ge­wo­ge­nes Port­fo­lio (rund 30 Pro­zent Akti­en­an­teil) haben, im Durch­schnitt 17 Pro­zent ihres Werts ver­lo­ren.
Die Finanz­krise hat die kapi­tal­ge­deck­ten Pen­si­ons­sys­teme mas­siv getrof­fen. Die Ver­luste der pri­va­ten Pen­si­ons­sys­teme in den Jah­ren 2008 und 2009 sind enorm. In den USA wird gerech­net, dass die Ver­luste der Pen­si­ons­fonds fünf Jahre an Gewin­nen aus­ra­diert haben. Die öster­rei­chi­schen Pen­si­ons­kas­sen haben im Durch­schnitt 13 Pro­zent ver­lo­ren. Im Jän­ner 2009 hat der Fach­ver­band der öster­rei­chi­schen Pen­si­ons­kas­sen bekannt gege­ben, dass ca 42.000 der 63.000 Bezie­he­rIn­nen von Frmen­pen­sio­nen mit Ver­lus­ten rech­nen müs­sen. In etli­chen Fäl­len kam es zu Kür­zun­gen um 20 Pro­zent und mehr.

Die kri­ti­schen Varia­blen von Pensionssystemen

Demo­gra­phie
Die demo­gra­phi­sche Ent­wick­lung stellt alle Pen­si­ons­sys­teme vor Her­aus­for­de­run­gen, Kapi­tal­de­ckungs­sys­teme sind dabei nicht demo­gra­phie­re­sis­ten­ter. Wie mit der demo­gra­phi­schen Ent­wick­lung umge­gan­gen wird, ist letzt­lich immer eine Frage der Ver­tei­lung des jeweils real erwirt­schaf­te­ten Ein­kom­mens. Auch in kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men mit in Aktien, Anlei­hen und sons­ti­gen Finanz­pro­duk­ten ver­an­lag­ten Pen­si­ons­ver­mö­gen kann immer nur das als Arbeits-​​, Gewinn-​​, Pen­si­ons­ein­kom­men etc. ver­teilt wer­den, was auch tat­säch­lich real erwirt­schaf­tet wird. Wäh­rend öffent­li­che Umla­ge­sys­teme hier­bei ein brei­tes Risi­ko­poo­ling und einen brei­ten Las­ten­aus­gleich ermög­li­chen, erfolgt der „Aus­gleich“ in den meis­ten kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men über die hef­ti­gen „Ups and Downs“ der Börsenkurse.

Wirt­schafts­wachs­tum
Jedes Pen­si­ons­sys­tem hängt vom Wachs­tum der Real­wirt­schaft ab

Es gibt keine wun­der­bare Ren­ten­ver­meh­rung, jedes Pen­si­ons­sys­tem ist von der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung abhän­gig. Es geht dabei letzt­lich um die Real­wirt­schaft und nicht um vir­tu­elle Erträge aus „fan­ta­sie­vol­len“ Finanz­pro­duk­ten. Wäh­rend die Argu­mente für Wachs­tum för­dernde Effekte kapi­tal­ge­deck­ter Sys­teme wenig über­zeu­gen, wer­den die nega­ti­ven Effekte auf das Wachs­tum durch deren pro­zy­kli­sche, desta­bi­li­sie­rende Wir­kung gerade in Kri­sen­zei­ten umso deut­li­cher. Dem­ge­gen­über gehen von öffent­li­chen, auch in der Krise die Kauf­kraft erhal­ten­den Umla­ge­sys­te­men wesent­li­che sta­bi­li­sie­rende und damit Wachs­tum för­dernde Effekte aus (auto­ma­ti­sche Stabilisatoren).

Jedes Pen­si­ons­sys­tem hängt von der demo­gra­phi­schen und der real­wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung ab, kapi­tal­ge­deckte Sys­teme zusätz­lich auch von den insta­bi­len Finanz­märk­ten. Da das Risiko und die Schwan­kun­gen auf den Finanz­märk­ten sehr hoch sind, ist eine auch nur eini­ger­ma­ßen ver­läss­li­che Vor­her­sage der Höhe kapi­tal­ge­deck­ter Ren­ten – über etwaige, zumeist sehr nied­rige Garan­tie­zins­sätze hin­aus (z.B. klas­si­sche Lebens­ver­si­che­rung) – nicht mög­lich. Die Pen­si­ons­höhe wird ganz ent­schei­dend vom Zeit­punkt des Pen­si­ons­an­tritts und der dann jeweils vor­herr­schen­den Lage am Finanz­markt mit­be­stimmt. Abrupte dras­ti­sche Kurs­ein­brü­che kön­nen die Lebens­pla­nung von Jahr­zehn­ten inner­halb weni­ger Tage oder Wochen völ­lig auf den Kopf stel­len. Hohe, oft völ­lig unrea­lis­ti­sche Ertrags­er­war­tun­gen trei­ben das Risiko wei­ter in die Höhe und füh­ren zu oft­mals völ­lig unzu­rei­chen­den Sum­men, die für die Pen­sion ange­spart wer­den. Zu beach­ten ist in die­sem Zusam­men­hang, dass die Vola­ti­li­tät der Finanz­märkte seit Anfang der Neun­zi­ger Jahre stark zu genom­men hat.


Jedes Sys­tem ver­wen­det die ange­spar­ten Mit­tel in der Gegenwart


Weder in einem umla­ge­fi­nan­zier­ten noch in einem kapi­tal­ge­deck­ten Sys­tem bleibt das „ange­sparte“ Geld im Tre­sor lie­gen – es fin­det immer sofort wie­der sei­nen Ein­gang in das Wirt­schafts– und/​oder Finanz­sys­tem. So legt der Staat die ein­be­zahl­ten Pen­si­ons­bei­träge nicht „unter den Kopf­pols­ter“: Sie flie­ßen in Form von Pen­sio­nen für die ältere Gene­ra­tion und sichern damit deren Teil­ha­be­chan­cen und ermög­li­chen Konsum.


Eben­so­we­nig kom­men die Pen­si­ons­bei­träge für kapi­tal­ge­deckte Sys­teme in ein Spar­schwein. Sie flie­ßen auf die Finanz­märkte, wo ver­sucht wird höchst­mög­li­che Ren­di­ten zu erzie­len. Die­ses Geld ist daher kei­nes­wegs „sicher“, wie gerade die Ereig­nisse der letz­ten Monate deut­lich vor Augen geführt haben.


Wie stark der Zusam­men­hang zwi­schen den so der Wirt­schaft zunächst ent­nom­me­nen (über Bei­träge bzw Spar­ein­la­gen) und dann wie­der zurück­flie­ßen­den Mit­teln (über Pen­si­ons­leis­tun­gen) ist, ist aber stark sys­tem­ab­hän­gig und mit unter­schied­lichs­ten Ris­ken behaftet.


Im Umla­ge­ver­fah­ren wer­den die Bei­träge sofort wie­der als Pen­sio­nen aus­be­zahlt und damit nach­fra­ge­wirk­sam. In kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men gibt es zuerst eine Ver­an­la­gung auf den Finanz­märk­ten, die für sich noch keine Aus­wei­tung der rea­len Inves­ti­tio­nen, son­dern mit­un­ter nur ein Auf­blä­hen der Bör­sen­kurse bewirkt.


Finanz­markt­ris­ken tref­fen vor allem kapi­tal­ge­deckte Systeme


Eine Wirt­schafts­krise, wie die aktu­ell gege­bene, ist auf­grund der all­ge­mei­nen Belas­tung der öffent­li­chen Haus­halte und der pro­ble­ma­ti­schen Ent­wick­lung auf den Arbeits­märk­ten selbst­ver­ständ­lich auch für umla­ge­fi­nan­zierte Sys­teme eine finan­zi­elle Belas­tung. Das Risiko aber, dass schlag­ar­tig Ver­mö­gen ent­wer­tet wer­den und somit die Alters­si­che­rung nicht mehr aus­rei­chend gege­ben ist, gibt es nur in kapi­tal­ge­deck­ten Systemen.


In einem umla­ge­fi­nan­zier­ten Sys­tem, wie dem öster­rei­chi­schen (Aus­falls­haf­tung des Bun­des), sind auch bei kri­sen­be­ding­ten Bei­trags­aus­fäl­len die Pen­si­ons­leis­tun­gen sicher­ge­stellt. Die damit ein­her­ge­hende Finan­zie­rungs­lü­cke erhöht zwar kurz­fris­tig den erfor­der­li­chen Bun­des­bei­trag, deren Aus­maß ist aber nicht annä­hernd so hoch wie die, durch die Finanz­krise ver­u­sach­ten Fehl­be­träge in kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men. Gleich­zei­tig gehen davon auch wesent­li­che kon­junk­tur­sta­bi­li­sie­rende Effekte (auto­ma­ti­sche Sta­bi­li­sa­to­ren) aus. Wäh­rend die Ver­mö­gens­ver­nich­tung bei kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men hin­ge­gen kri­sen­ver­schär­fend wirkt.


Auch Kos­ten­ab­wä­gun­gen spre­chen für umla­ge­fi­nan­zierte, öffent­li­che Sys­teme. Die Zur­ver­fü­gung­stel­lung adäqua­ter Ein­kom­men im Alter ver­ur­sacht natür­lich erheb­li­che Kos­ten und zwar unab­hän­gig vom Finan­zie­rungs­ver­fah­ren. Öffent­li­che Umla­ge­ver­fah­ren erwei­sen sich dabei auf­grund gerin­ge­rer Ver­wal­tungs– und Ver­triebs­kos­ten sowie feh­len­der Ver­mö­gens­ver­wal­tungs­kos­ten und Gewinn­zah­lun­gen auch als effi­zi­en­ter als kapi­tal­ge­deckte pri­vate Sys­teme. Ver­meint­li­che Kos­ten­vor­teile kapi­tal­ge­deck­ter Sys­teme resul­tie­ren aus viel ein­ge­schränk­te­ren Leis­tungs­spek­tren (z.B. keine Abde­ckung des Inva­li­di­täts­ri­si­kos) und/​oder (oft weit) über­höh­ten Renditeannahmen.


Lang­zeit­be­rech­nun­gen bele­gen: Die Finan­zie­rung des öster­rei­chi­schen Umla­ge­ver­fah­ren läuft nicht aus dem Ruder. Das öster­rei­chi­sche Umla­ge­sys­tem bleibt trotz mas­si­ver Ver­schie­bun­gen in der Alters­struk­tur finan­zier­bar, die Kos­ten­ent­wick­lung läuft kei­nes­wegs aus dem Ruder. Trotz stei­gen­der Zahl der Älte­ren in der Gesell­schaft wird es nur zu einem mode­ra­ten Anstieg beim Pen­si­ons­auf­wand kommen.


Die Stu­die ist hier down­load­bar.

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Ist die Krise männlich?

September. 9th 2009 — 11:55

Vor genau zehn Jah­ren warf sie end­gül­tig das Hand­tuch. Brooks­ley Born, damals Vor­sit­zende der Com­mo­dity Futures Tra­ding Com­mis­sion, der für den Deri­va­te­han­del zustän­di­gen US-​​amerikanischen Auf­sichts­be­hörde, hat einen lan­gen von Anfang an aus­sichts­lo­sen Kampf für die Regu­lie­rung der Kre­dit­de­ri­vate ver­lo­ren und legte schließ­lich ihre Vor­sitz­funk­tion zurück. Alan Green­span, neben Finanz­mi­nis­ter James Rubin und Chef­be­ra­ter Law­rence Sum­mers einer ihrer mäch­ti­gen Geg­ner, warf ihr nicht nur Inkom­pe­tenz vor, son­dern ging einen Schritt wei­ter: Ihre Regu­lie­rungs­vor­schläge wür­den gar eine Finanz­krise aus­lö­sen. Vor weni­gen Wochen erhielt Born eine große Aus­zeich­nung der John-F.-Kennedy-Bibliothek in Bos­ton für ihren Mut. Hätte sie sich damals mit ihren schein­bar harm­lo­sen For­de­run­gen nach einer Clea­ring­stelle und Beauf­sich­ti­gung des Kre­dit­de­ri­va­te­han­dels durch­ge­setzt, wären die Aus­wir­kun­gen der Finanz­krise bei wei­tem nicht so dramatisch. 

Das Bei­spiel einer Frau, die einen aus­sichts­lo­sen Kampf für das Selbst­ver­ständ­li­che führt, ist mehr als die von Wis­sen­schaf­tern viel belä­chelte anek­do­ti­sche Evi­denz. Die­ser Fall offen­bart zahl­rei­che struk­tu­relle Cha­rak­te­ris­tika der Finanz­welt, die dar­auf hin­deu­ten, dass Finanz­kri­sen nicht bloß mit Regu­lie­rungs­ver­sa­gen, feh­len­der Moral oder makro­öko­no­mi­schen Ungleich­ge­wich­ten zusam­men­hän­gen. Die Krise ist sys­te­misch. Eine der sys­te­mi­schen Ele­mente ist das Feh­len von Frauen und deren Inter­es­sen in den regu­la­to­ri­schen Ent­schei­dungs­gre­mien. Die Finanz­krise ist männ­lich, aber nicht in dem sim­plen Sinne, wie er oft dis­ku­tiert wird, dass Finanz­markt­ak­teure männ­lich sind. Letz­tere sind Getrie­bene, die unter unge­heu­rem Ren­di­te­druck ein laxes Regel­werk aus­rei­zen, oder wie es John May­nard Keynes for­mu­liert hat: „Es gibt nichts, was so ver­hee­rend ist, wie ratio­na­les Anla­ge­ver­hal­ten in einer irra­tio­na­len Welt.“ Dass Frauen in die­sem Regel­werk anders agie­ren wür­den oder kön­nen, ist frag­lich, wenn­gleich empi­ri­sche Unter­su­chun­gen gezeigt haben, dass Frauen weni­ger risi­ko­freu­dig seien (Bar­ber and Odean 2001) und daher – ent­ge­gen dem gän­gi­gen Vor­ur­teil – stär­ker ratio­nal agier­ten, das Inves­ti­ti­ons­ver­hal­ten von Inves­to­ren männ­li­chen Geschlechts hin­ge­gen von über­trie­be­nem Selbst­ver­trauen gekenn­zeich­net sei, das in kei­ner Bezie­hung zur Fähig­keit die­ser stehe. Irra­tio­na­li­tät und inef­fi­zi­ente, kri­sen­an­fäl­lige Märkte seien die Folge. 

Betrach­tet man aber die Finanz­krise mit dem Blick einer his­to­risch und legis­tisch inter­es­sier­ten Ökono­mIn, dann rücken soge­nannte epis­te­mi­sche Netz­werke ins Blick­feld, die in den letz­ten zwei bis drei Jahr­zehn­ten wesent­lich dafür ver­ant­wort­lich waren, dass sich neo­li­be­rale regu­la­to­ri­sche Prak­ti­ken, die am bes­ten mit dem Begriff der Selbst­re­gu­lie­rung umschrie­ben wer­den kön­nen, welt­weit aus­ge­brei­tet haben. An die Stelle des Staa­tes tra­ten staatlich-​​private Netz­werke: unab­hän­gige Finanz­markt­auf­sichts­be­hör­den, Exper­ten und auch Ver­tre­ter der Finanz­in­dus­trie. Es ent­stand eine Struk­tur, in der sich natio­nal­staat­li­che und inter­na­tio­nale, halb­staat­li­che und pri­vate Netz­werke über­la­gern, und die, wie der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Phil Cerny sagt, den im Mit­tel­al­ter übli­chen Herr­schafts­for­men nicht unähn­lich ist. Diese epis­te­mi­schen Netz­werke sind selbst-​​referenziell; sie sind immun gegen Kri­tik von außen, da sie sich ihr nicht stel­len. Das über­bor­dende Selbst­ver­trauen und die Legi­ti­ma­tion, ein sol­ches zu haben, bezieht man aus der Zuge­hö­rig­keit zur Denk­schule der neo­klas­si­schen mark­tra­di­ka­len Ökono­mie, ein von Männ­nern kon­stru­ier­tes Gedan­ken­ge­bäude, das die letz­ten Jahr­zehnte umfas­sende Gül­tig­keit bean­spruchte und dies nach wie vor tut.

Frauen wer­den von die­sen Netz­wer­ken fern gehal­ten. Der Frau­en­an­teil in den diver­sen Komi­tees liegt im Durch­schnitt bei weit unter zehn Pro­zent (Schu­berth und Young 2009). Die Ent­schei­dungs­trä­ger sind fast aus­schließ­lich männ­lich, Ent­schei­dun­gen wer­den hin­ter ver­schlos­se­nen Türen getrof­fen. Frauen sind hier aus­ge­schlos­sen, weil ihr Den­ken und Han­deln der ökono­mi­schen Ratio­na­li­tät nicht ent­spre­chen würde, da sie wenig Ver­ständ­nis dafür auf­bräch­ten, so das Vor­ur­teil, dass nur das ziel­stre­bige und durch Regu­lie­rung unge­störte Ver­fol­gen des Eigen­nut­zens im rauen Wind des Wett­be­werbs den Fort­schritt für die Mensch­heit brin­gen würde. Frauen, die mit­spie­len wol­len, müs­sen über­zeu­gend die­ses Vor­ur­teil wider­le­gen, so wie über­haupt der refle­xive Mit­spie­ler das Äußerste ist, was gedul­det wird. Sofern es den Frauen gelingt, in diese, Glau­bens­bru­der­schaf­ten nicht unähn­li­chen, exklu­si­ven Klubs vor­zu­drin­gen, ist dies mit hohen Anpas­sungs­leis­tun­gen ver­bun­den, mit der Unter­ord­nung unter die herr­schen­den Prin­zi­pien des ökono­mi­schen Mainstream.

Finanz­markt­re­gu­lie­rung wird als tech­ni­sche Ange­le­gen­heit begrif­fen. Der Ein­satz von quan­ti­ta­ti­ven Model­len der Risi­ko­ab­schät­zung hat bei den Regu­la­to­ren eine Kon­trol­lil­lu­sion erzeugt – mit den bekann­ten Fol­gen. Die Bedeu­tung der Finanz­markt­re­gu­lie­rung geht aller­dings weit über die Siche­rung der Finanz­markt­sta­bi­li­tät hin­aus. Das angel­säch­si­sche Selbst­re­gu­lie­rungs­sys­tem hat nicht nur die Welt­wirt­schaft an den Rand des Abgrunds geführt, son­dern unab­hän­gig davon weit­rei­chende gesell­schafts­po­li­ti­sche Aus­wir­kun­gen gehabt: unter dem Druck der Aktio­närs­in­ter­es­sen wurde Risiko indi­vi­dua­li­siert, Pen­si­ons­vor­sorge pri­va­ti­siert und sozi­al­staat­li­che Leis­tun­gen zurück­ge­drängt. Dies ging ein­her mit fal­len­den Lohn­quo­ten und Dere­gu­lie­rung und Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeits­märkte. Frauen sind von die­ser Umge­stal­tung der Gesell­schaft beson­ders betrof­fen: die Pre­ka­ri­sie­rung der Arbeits­welt trifft sie äußerst hart, die hohen geschlechts­spe­zi­fi­schen Ein­kom­mens­un­ter­schiede haben sich aus­ge­wei­tet, das Ver­mö­gen ist zwi­schen den Geschlech­tern noch stär­ker ungleich ver­teilt. Klar ist aber auch, dass die Erhö­hung der Staats­schul­den bereits jetzt den Druck enorm ver­stärkt, bei den Sozial-​​, Bil­dungs– und Gesund­heits­aus­ga­ben ein­zu­spa­ren; der Ver­tei­lungs­kampf um knappe Bud­get­mit­tel wird inten­si­ver; Frauen trifft das über­pro­por­tio­nal, da viele von ihnen Emp­fän­ge­rin­nen sozi­al­staat­li­cher Trans­fers sind. Die nach über­stan­de­ner Krise erfor­der­li­che Kon­so­li­die­rung des Bud­gets wird den Druck in diese Rich­tung noch wei­ter erhö­hen. Das „Zurück­drän­gen der Frauen an den Herd“, die Ver­rich­tung unbe­zahl­ter Haus-​​, Pflege– und Betreu­ungs­ar­beit wären die Folge.

Die Aus­ge­stal­tung des Finanz­sys­tems hat mas­sive Aus­wir­kun­gen auf die Lebens­be­din­gun­gen von Frauen. Dass diese nach wie vor in finanz­markt­re­gu­la­to­risch wich­ti­gen Ent­schei­dungs­gre­mien nicht ver­tre­ten sind, ist demo­kra­tie­po­li­tisch nicht zu akzep­tie­ren. Jene, die von wirt­schafts­po­li­ti­schen Maß­nah­men betrof­fen sind, müs­sen auch mit­ent­schei­den können.

In ihrer Dan­kes­rede bei der Preis­ver­lei­hung unter­nahm Brooks­ley Born den ver­zwei­fel­ten Ver­such, an die Ver­nunft der Ent­schei­dungs­trä­ger zu appel­lie­ren, die selbst­ver­ständ­li­chen regu­la­to­ri­schen Schritte nun doch umzu­set­zen, ansons­ten, so Born „wer­den wir in den kom­men­den Jah­ren von den Fol­gen unse­res Schei­terns ver­folgt wer­den“. Da nicht die­je­ni­gen schei­tern, die die Krise ver­ur­sacht haben, geht die­ser Appell ins Leere.


Lite­ra­tur

Bar­ber, Brad M. and Terrance Odean (2001), Boys will be Boys: Gen­der, Overe­con­fi­dence and Com­mon Stock Invest­ment, in: Quart­erly Jour­nal of Eco­no­mics. 116(1): 261–292.
Schu­berth, H: and B. Young, Finan­cial Mar­ket Regu­la­tion and Gen­der (2009), in: Young Bri­gitte and Diane Elson (Hrsg.), Glo­bal Finan­cial Gover­nance and Gen­der: Key Issues and Policy Rules. Rout­ledge, (forth­co­m­ing 2009).

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Christian Marazzi: „Finance as a real economy“ – Bericht

Mai. 13th 2009 — 12:47

Bei einem Vor­trag am 4.5.09 in Wien sprach der pos­tope­rais­ti­sche Ökonom Chris­tian Marazzi (Pro­fes­sor an der Hoch­schule der ita­lie­ni­schen Schweiz und Autor von Büchern wie „Fetisch Geld. Wirt­schaft, Staat, Gesell­schaft im mone­ta­ris­ti­schen Zeit­al­ter“ und „Capi­tal and Lan­guage. From the New Eco­nomy to the War Eco­nomy“) über das Ver­hält­nis von Finanz– und Real­wirt­schaft. Frü­her seien Finanz­bla­sen am Ende von Kon­junk­tur­zy­klen auf­ge­tre­ten, und seien somit aus mar­xis­ti­scher Sicht als Aus­druck von Ver­wer­tungs­pro­ble­men im Real­sek­tor auf­ge­fasst wor­den: Dem­nach flüchte über­schüs­si­ges Kapi­tal in den Finanz­sek­tor, und führe dort zu Ver­mö­gens­preis­in­fla­tion, bis die Blase schließ­lich platzt. In die­sem Kon­text sei zu Recht von Ent­kop­pe­lung von Finanz– und Real­sphäre die Rede.
Diese Ana­lyse sei für die Periode des For­dis­mus tref­fend gewe­sen, so Marazzi, mitt­ler­weile habe sich aber ein Wan­del zu einem post­for­dis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­re­gime durch­ge­setzt, wo Finanz­we­sen und Real­wirt­schaft enger mit­ein­an­der ver­wo­ben sind. Post­for­dis­ti­sche Pro­duk­tion sei durch die fort­schrei­tende Aus­la­ge­rung des Wert­schöp­fungs­pro­zes­ses aus den Unter­neh­men gekenn­zeich­net. Unter­neh­men im fort­schrei­ten­den Bereich imma­te­ri­el­ler Pro­dukte über­las­sen das Pro­du­zie­ren ande­ren und kon­zen­trie­ren sich aufs Koor­di­nie­ren und die Abschöp­fung von Wert, der außer­halb ihrer selbst pro­du­ziert wird – von schlecht bezahl­ten Free­lan­cern, oder gar gra­tis von Kon­su­men­ten, die durch ihr Feed­back Ideen zur Pro­dukt­ent­wick­lung bei­steu­ern und ent­schei­dende Hand­griffe selbst bei­steu­ern (das Modell youtube) bzw. deren selbst­ge­schaf­fene Kul­tur ver­ein­nahmt und kom­mer­zi­ell ver­mark­tet wird (Lifestyle-​​Produkte). Das Finanz­we­sen spielt zum Funk­tio­nie­ren die­ses Modells eine ent­schei­dende Rolle. Ers­tens spielt die finan­zi­elle Steue­rung der Unter­neh­men eine zen­trale Rolle für das Out­sour­cing (Share­hol­der Value-​​Orientierung führt zu Druck auf Unter­neh­mens­ver­schlan­kung). Zwei­tens schließt der Kon­su­men­ten­kre­dit die Lücke zwi­schen gerin­gen Lohn­ein­kom­men und der not­wen­di­gen Kauf­kraft für den Kon­sum.
In der Aus­wei­tung der Pri­vat­ver­schul­dung komme auch ein eigen­sin­ni­ger Anspruch auf einen Lebens­stan­dard der Pri­vat­haus­halte zum Aus­druck, eine Ver­wei­ge­rung von Beschei­den­heit und Zufrie­den­heit mit einem kar­gen Lohn, was als eine Art Aus­druck des Klas­sen­kamp­fes unter Bedin­gun­gen des Post­for­dis­mus inter­pre­tiert wer­den könne, der sich ansons­ten vor allem in der Ver­tei­di­gung von Gemein­gü­tern gegen Pri­va­ti­sie­rung mani­fes­tiere.
Die aktu­elle Krise führt zu einem Weg­bre­chen der kre­dit­ge­stütz­ten Nach­frage, ohne die das Sys­tem nicht läuft.
Die Redi­men­sio­nie­rung und Ein­schrän­kung des Finanz­sek­tors und damit des Kre­dits allein sei die fal­sche Ant­wort auf die Krise, weil damit der Kre­dit als (pri­va­ti­sierte Form der) Arti­ku­la­tion und Finan­zie­rung von sozia­len Ansprü­chen zer­schla­gen werde, ohne dass ein Ersatz ange­bo­ten würde. Auf­grund der Zer­schla­gung des öffent­li­chen Sek­tors und Wohl­fahrts­staa­tes etwa sei ohne Stu­di­en­kre­dit von den pri­va­ten Haus­hal­ten keine Bil­dung zu finan­zie­ren.
Um aus der Krise zu kom­men, müsste man die Pri­vat­ver­schul­dung erset­zen durch ein Recht auf ein Sozi­al­ein­kom­men, also umver­tei­len. Für die unmit­tel­bare Lösung des Pro­blems der „toxic assets“ der Ban­ken sei die Refi­nan­zie­rung der Immo­bi­li­en­kre­dit­schuld­ner der beste Weg.

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Stress Test

Mai. 7th 2009 — 3:12

Heute wer­den in den USA die lange erwar­te­ten Stress Tests der Ban­ken ver­öf­fent­licht. Oder wer­den sie? Als Tre­a­sury Secretary Timo­thy Geith­ner die Tests vor 12 Wochen ankün­digte, rea­gier­ten die Märkte – und an denen misst sich die Regie­rung Obama offen­sicht­lich – posi­tiv. Inzwi­schen gibt es Zwei­fel am Effekt der Übung. Für Geith­ner besteht die Gefahr, dass er ent­we­der die Wahr­heit sagt – und damit einen Bankrun aus­löst –, oder so tut, als wäre alles in Ord­nung – und damit seine Glaub­wür­dig­keit untergräbt.

Jon Ste­wart fasste das in der gest­ri­gen Aus­gabe von The Daily Show so schön zusam­men: „Do you want to know how the finan­cial sys­tem works – or do you want the finan­cial sys­tem to work?“ Mir gefällt beson­ders die Ana­lo­gie zur Hei­sen­berg­schen Unschärferelation.


Update, 7.Mai: Das Ergeb­nis beein­druckt in den Staa­ten nie­man­den. Der Unter­schied zu Öster­reich: In den USA ist man schein­bar der Mei­nung, eine sol­che Medi­en­ver­an­stal­tung zu benö­ti­gen. Hier­zu­lande zieht man es vor, die Ergeb­nisse sol­cher Tests gleich gar nicht zu ver­öf­fent­li­chen.

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Risiko

April. 30th 2009 — 18:10

Seit Ulrich Beck 1986 mit der Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Risi­ko­ge­sell­schaft einen aka­de­mi­schen Voll­tref­fer gelan­det hat (Tscher­no­byl!), pro­pa­giert er die­sen Gedan­ken wo immer man ihn lässt. Inzwi­schen ist ihm sein Trade­mark zur Welt­ri­si­ko­ge­sell­schaft ange­wach­sen. In einem Kom­men­tar im Stan­dard schreibt Beck von der Zukunft der EU und malt den Teu­fel an die Wand:

„Wenn Europa an der glo­ba­len Wirt­schafts­krise zer­bre­chen sollte, dann wird es keine Gren­zen geben für das Unglück, die Not und die Schande sei­ner Poli­ti­ker und fünf­hun­dert Mil­lio­nen Menschen!“

Becks Inten­tion ist sicher ehren­wert, er rich­tet sich gegen einen neuen Natio­na­lis­mus und for­dert eine „durch die Krise erneu­erte EU“. Aber abge­se­hen vom schlech­ten Deutsch („Die Lage spitzt sich zu: ent­we­der Mehr-​​Europa oder Nicht-​​Europa. Die­ser Impe­ra­tiv des mög­li­chen Schei­terns [sic!] begrün­det die Hoff­nung à la baisse“ und so wei­ter) hat Beck kein Argu­ment anzu­brin­gen. Son­dern nur, seien wir ehr­lich, Ideologie:

„In der Welt­ri­si­ko­ge­sell­schaft sind iso­lierte Natio­nal­staa­ten weder hand­lungs­fä­hig noch über­le­bens­fä­hig noch sou­ve­rän.“ Und: „Nur eine durch die Krise erneu­erte EU kann im Zusam­men­spiel mit der neuen US-​​Weltoffenheit Oba­mas glaub­wür­dig und wir­kungs­voll die Regu­lie­rung der Finanz­märkte einfordern.“

Wel­che Regu­lie­rung? Hier mache ich einen radi­ka­len Schnitt. Im gest­ri­gen Pod­cast von Pla­net Money (den ich allen, die an der Wirt­schafts­krise inter­es­siert sind, wirk­lich ans Herz legen will) spricht Nas­sim Taleb, Autor von Black Swan, über seine Vor­stel­lun­gen einer ver­nünf­ti­gen Regu­lie­rung der Finanz­märkte. Taleb spricht deut­li­che Worte (meine Transkription):

„Any pro­duct that relies on mathe­ma­ti­cal models will disap­pear or needs to disap­pear because we know not­hing about these pro­ba­bi­li­ties and the past of course is no indi­ca­tion and I pro­ved it […]. This idea of using his­to­ri­cal ana­ly­sis is com­ple­tely bogus and the idea of making an apriori theory of what a pro­ba­bi­lity of events should be is also bogus, so we should aban­don them. […] Ban these products!“

Taleb teilt nicht nur Becks opti­mis­ti­schen Blick auf die Obama-​​Administration nicht („The US govern­ment eco­no­mists, they are not equip­ped to under­stand that environ­ment [of the cur­rent cri­sis]. They are trai­ned in con­ven­tio­nal ways, they can­not under­stand it.“), er bringt auch kon­krete Vor­schläge zur Regulierung:

„We even­tually need to be orga­ni­zed in a way that resem­bles Mother Nature with not­hing too big to fail, with pro­ducts that are much less sen­si­tive to large devia­tion, namely, you know, just very sim­ple finan­cial pro­ducts, and, what people don’t like, and I say sorry, but we can no lon­ger afford debt. Debt doesn’t give you room for error. […] Unless you shut down the inter­net, unless you stop glo­ba­liza­tion, there is no room for errors. […] Debt is some­thing that fra­ge­li­zes the sys­tem. You have to choose: debt or glo­ba­liza­tion.“

Warum bringe ich diese bei­den in allen Belan­gen unglei­chen media­len Berichte? Inter­es­sant ist jeweils der Zugang zum Risiko. Für Ulrich Beck ist „das Risiko“ etwas gesell­schaft­lich Gege­be­nes, etwas Unhin­ter­geh­ba­res. Man kann allen­falls dar­über spe­ku­lie­ren, ob er zu die­sem Schluss basie­rend auf sei­nen sozio­lo­gi­schen Unter­su­chun­gen gekom­men ist, oder ob es sich um die Pro­pa­gie­rung sei­nes wich­tigs­ten Mar­ke­ting­pro­dukt han­delt (self-​​fulfilling pro­phecy). Nas­sim Taleb hin­ter­fragt die Evi­denz, die Nowen­dig­keit von Risiko, und lei­tet poli­ti­sche For­de­run­gen dar­aus ab. Das ist unge­wöhn­lich, und daher muten seine Vor­schläge radi­kal an. Intel­lek­tu­ell ist es jeden­falls ungleich bereichender.

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