Stichwort: Krise


Steuersenkungsbremse

Mai. 16th 2010 — 22:28

Finanz­mi­nis­ter Pröll will eine Schul­den­bremse nach deut­schem Vor­bild, um die Staats­ver­schul­dung in Europa ein­zu­däm­men. Das ist zwar rei­ner Popu­lis­mus – in Deutsch­land sind noch nicht ein­mal die Kon­junk­tur­be­rei­ni­gungs­ver­fah­ren klar, nach denen die struk­tu­relle Neu­ver­schul­dung berech­net wer­den soll – den­noch kann sich Pröll ver­mut­lich brei­ter Zustim­mung sicher sein. Vor­ur­teile gegen Schul­den im All­ge­mei­nen und süd­eu­ro­päi­sche Haus­halts­dis­zi­plin im Spe­zi­el­len wer­den dafür sor­gen. Nur: Was heißt das eigent­lich, Schul­den­bremse? In ers­ter Linie ver­mut­lich, dass die Staats­fi­nan­zen aus­ga­ben­sei­tig saniert wer­den sol­len. In Deutsch­land hat der hes­si­sche Minis­ter­prä­si­dent Koch – der den Haus­halt fit für die Schul­den­bremse machen muss – auch schon gesagt, wie dies gesche­hen soll: Die Bil­dungs­aus­ga­ben sol­len zurück­ge­fah­ren wer­den!
Erin­nern wir uns doch mal kurz zurück: In den ver­gan­ge­nen Jah­ren sind euro­pa­weit die Steu­ern gesenkt wor­den – und zwar nicht für die nor­ma­len Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer. Aber Unter­neh­men zahl­ten immer weni­ger Steu­ern, wer es sich leis­ten konnte grün­dete eine Pri­vat­stif­tung, und das Bank­ge­heim­nis hilft Steu­er­hin­ter­zie­hern aus dem Aus­land beim Par­ken des Schwarz­gel­des. Die, auch auf Grund sin­ken­der Besteue­rung, stei­gen­den Gewinne und die zuneh­mende Ungleich­ver­tei­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen führ­ten zu gigan­ti­schen Mas­sen anla­ge­su­chen­den Kapi­tals. Diese wur­den durch eine zuneh­mende Pri­va­ti­sie­rung der Alters­vor­sorge noch aus­ge­wei­tet. So vaga­bun­dier­ten erheb­li­che Sum­men Spiel­geld durch die inter­na­tio­na­len Finanz­ca­si­nos. Immer wei­tere Dere­gu­lie­run­gen folg­ten, kurzum: Para­diese für Zocker ent­stan­den. Als das dann alles zusam­men­brach war der Staat da und stützte die Ban­ken. Natür­lich, indem er Schul­den auf­nahm. Diese Schul­den wie­derum sind der Anlass für diverse Fonds, gegen ein­zelne Staa­ten zu spe­ku­lie­ren um so Mil­li­ar­den auf Kos­ten der All­ge­mein­heit zu ver­die­nen. Frau Mer­kel spielte sich als Madame Non auf, und das Pro­blem Grie­chen­land wuchs sich zu einem Pro­blem Euro aus. Die Folge: Wei­tere Hilfs­pa­kete mit evtl. fol­gen­der wei­te­rer gigan­ti­scher Staats­ver­schul­dung. Was aber macht die Poli­tik? Etwa Kre­dit­aus­fall­ver­si­che­run­gen zu ver­bie­ten, wenn es keine Kre­dite gibt? Die Finanz­märkte regu­lie­ren? Die Finan­zie­rung der Kri­sen­kos­ten über Ver­mö­gens­steu­ern, Finanz­trans­ak­ti­ons­steu­ern, Erb­schafts­steu­ern, Unter­neh­mens­steu­ern, Spit­zen­steu­er­sätze vor­an­trei­ben und so die Staats­ver­schul­dung redu­zie­ren? Nein, Josef Pröll will eine Schul­den­bremse. Anders for­mu­liert: Josef Pröll will eine finanz­ma­the­ma­ti­sche Legi­ti­ma­tion für den anste­hen­den Sozi­al­ab­bau.
Natür­lich, das schön­rech­nen des grie­chi­schen Haus­hal­tes ist nicht zu tole­rie­ren. Natür­lich, eine spar­same Haus­halts­po­li­tik ist immer not­wen­dig, die Mit­tel sol­len und müs­sen gezielt – das heißt poli­tisch gewollt – ein­ge­setzt wer­den. Und ja: Staats­ver­schul­dung ist in guten Zei­ten auch abzu­bauen. Nur: Das wäre alles kein Pro­blem, würde man nicht bei jeder Gele­gen­heit die Steu­ern für Unter­neh­men, Ver­mö­gende, Erben usw. sen­ken oder abschaf­fen. Denn ein Haus­halt lässt sich auch ein­nah­me­sei­tig sanie­ren. Und es ist höchste Zeit, dass es eine Steu­er­sen­kungs­bremse gibt. Die Steu­ern müs­sen hoch – und zwar dort, wo sie am meis­ten gesenkt wur­den, also bei Unter­neh­men, bei Ver­mö­gen­den, bei Erben gro­ßer Erb­schaf­ten, bei Spit­zen­ver­die­nern. Dage­gen aber sperrt sich Josef Pröll. Seine Poli­tik zielt dar­auf ab, die Las­ten der Krise auf die Schwächs­ten der Gesell­schaft abzu­wäl­zen – auf die­je­ni­gen, die auf einen star­ken Staat ange­wie­sen sind. Dage­gen gilt es sich zu weh­ren – und zwar bereits bei der schein­hei­li­gen Debatte über eine Schuldenbremse.

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Veranstaltungsbericht + Video „Griechenland – eine europäische Tragödie“

Mai. 12th 2010 — 12:29
Gro­ßer Andrang herrschte bei der Ver­an­stal­tung „Grie­chen­land – eine euro­päi­sche Tra­gö­die“ am 11.Mai im Repu­bli­ka­ni­schen Club, zur Prä­sen­ta­tion von Kurs­wech­sel 1/​10 „Krise in EUropa“. Mit dem Publi­kum dis­ku­tier­ten Joa­chim Becker, Wer­ner Raza, Eli­sa­beth Spring­ler, mode­riert von Beat Weber. Einige zen­trale Diskussionspunkte:

* In der grie­chi­schen Bevöl­ke­rung herrscht gewisse Akzep­tanz für Kon­so­li­die­rungs­be­darf, aber die beschlos­se­nen Maß­nah­men tref­fen laut herr­schen­der Ein­schät­zung die Fal­schen (Pro­bleme wie Steu­er­hin­ter­zie­hung, Ver­mö­gens­un­gleich­heit, Mili­tär­aus­ga­ben zu wenig angegangen).


* Unter den inter­nen Fak­to­ren ist neben der Ban­ken­krise vor allem die Olym­pi­schen Spiele 2004 als maß­geb­lich für die Eska­la­tion der grie­chi­schen Staatsverschuldungs-​​Problematik zu nennen.


* Die aktu­elle Staats­schul­den­krise ist weni­ger inter­nen Fak­to­ren zuzu­schrei­ben, als viel­mehr die letzte Etappe der Finanz­krise – jetzt geht es um die Frage, wer zahlt.


* Die süd­li­chen (wie auch die meis­ten östli­chen) EU-​​Staaten haben eines gemein­sam: Import­ab­hän­gig­keit und Abhän­gig­keit von Kapi­tal­zu­fuhr aus dem Aus­land, oft ist bzw. war das Wachs­tum Immobilienboom-​​getrieben. Das Spie­gel­bild sind Über­schuss­län­der, allen voran Deutsch­land (aber auch Nie­der­lande, und Öster­reich gegen­über Ost­eu­ropa): Sie expor­tie­ren Waren und Kapital.


*  Das Ret­tungs­pa­ket ist über­fäl­lig gewe­sen, aber in eine pro­ble­ma­ti­sche Stra­te­gie ein­ge­bet­tet. Die wirt­schafts­po­li­ti­sche Stra­te­gie der EU läuft dar­auf hin­aus, dass alle Mit­glie­der Export­über­schüsse anstre­ben sol­len – was aber zumin­dest glo­bal nicht für alle geht.


* Den östli­chen Staa­ten ist von der EU schon frü­her jene Stra­te­gie ver­ord­net wor­den, wie jetzt dem Süden: Lohn­sen­kun­gen und Bud­get­kon­so­li­die­rung. Weil das zur Rezes­sion führt, wird die Bud­get­kon­so­li­die­rung nicht erreicht. Die Reduk­tion des Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zits gelang jedoch. Aller­dings zu einem hohen Preis: Zer­stö­rung indus­tri­el­ler Struk­tu­ren und Armut.

Diese Stra­te­gie hat das Poten­zial eines Domi­no­ef­fekts: Anpas­sungs­druck auf die Löhne nach unten wird auf den Wes­ten der EU über­sprin­gen. Es han­delt sich also um eine Radi­ka­li­sie­rung der neo­li­be­ra­len Poli­tik der letz­ten Jahre.


* Hat sich die Rolle des IWF geän­dert? Der „Strauss-​​Kahn-​​Effekt“ macht sich nur mode­rat bemerk­bar: Statt wie ursprüng­lich geplant 3 Jahre, erhält Grie­chen­land für die Bud­getan­pas­sung nun 5 Jahre Zeit.


*  Mög­li­che Alter­na­ti­ven: For­de­rungs­ver­zicht der Gläu­bi­ger, flan­kiert von Kapi­tal­ver­kehrs­kon­trol­len; Auf­bau von Pro­duk­ti­ons­struk­tu­ren in Defi­zit­län­dern, finan­ziert durch Trans­fers aus Überschussländern.


Hier ist eine Video­auf­zeich­nung der Veranstaltung.

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Und das Ziel der Sache?

April. 20th 2010 — 8:32

Im Blog der Zeit­schrift „The Economist“:

What exactly was the pur­pose of the finan­cial sec­tor sup­po­sed to be, again? Because I‘m pretty sure „infla­ting bub­bles so as to bet on their col­lapse, thus for­cing the tax­pay­ers to bail out your coun­ter­par­ties“ wasn’t it. [link]

Es geht natür­lich um die Anklage der U.S.-amerikanischen Auf­sichts­be­hörde SEC gegen die Invest­ment­bank Gold­man Sachs. Die Empö­rung schwappt über; selbst wenn die juris­ti­sche Frage der Anklage noch bei wei­tem nicht geklärt ist, poli­tisch scheint es sich für die Obama-​​Administration schon jetzt aus­zu­zah­len.

Zeit­gleich zur Gold­man Sachs-​​Story ist am Wochen­ende eine ein­stün­dige Sen­dung auf „This Ame­ri­can Life“ gelau­fen, die – zeit­lich beschränkt – auch als pod­cast zur Ver­fü­gung steht, und in der ein ähnli­ches Vor­ge­hen, wie es Gold­man Sachs vor­ge­wor­fen wird, beim Chi­ca­goer Hedge­fund Magne­tar dia­gnos­ti­ziert wird. Die Geschichte wurde zuerst von Jour­na­lis­ten auf pro­pu­blica publi­ziert und ist sehr lesens­wert; unter ande­rem, weil das sys­te­ma­ti­sche Vor­ge­hen sehr deut­lich wird:

Deut­sche, Magne­tar and State Street cal­led the $1.6 bil­lion CDO they crea­ted Carina, a con­stel­la­tion whose name in Latin means a ship’s keel. In Novem­ber 2007, Carina had the dis­tinc­tion of being the first sub­prime CDO of its kind to be forced into liqui­da­tion. [link]

Die Sache bleibt aus meh­re­ren Grün­den inter­es­sant. Kann die SEC, die in den letz­ten Jah­ren stark kri­ti­siert wurde (man denke nur an Madoff), mit einem auf­se­hen­er­re­gen­den Fall wie gegen Gold­man Sachs ihre Repu­ta­tion wie­der her­stel­len? Kann die Regie­rung Obama die umstrit­tene Finanz­markt­re­gu­lie­rung durch den Kon­gress brin­gen? Und wie wer­den sich die Ban­ken wehren?

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Trivia

März. 9th 2010 — 11:15

All­tags­weis­hei­ten oder, was wir schon vor einem Jahr gewusst haben (und die­ser Tage trotz­dem für Schlag­zei­len sorgt):

Dass Pres. Obama die ökono­mi­schen Pro­bleme sei­nes Lan­des nicht rich­tig angeht (siehe mei­nen Kurswechsel-​​Beitrag von 2009 hier)

Dass in Zei­ten der Krise Plan­wirt­schaft inno­va­ti­ver ist als Free Mar­ket Liberalism;

Dass Nost­al­gie eine Emo­tion ist, die gar wun­der­li­che Dinge hervorbringt.

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Was es mir wert ist.

Januar. 11th 2010 — 20:13

Finanz­mi­nis­ter Pröll will die Öster­rei­chi­sche Natio­nal­bank ver­staat­li­chen. Ich kann nur ver­mu­ten, die hier ver­sam­mel­ten Wirt­schafts­wis­sen­schaft­le­rIn­nen stim­men die­sem Schritt voll inhalt­lich zu. Von mir nur ein Hin­weis auf eine seman­ti­sche Irri­ta­tion. In der Ankün­di­gung, die rest­li­chen, nicht-​​staatlichen Anteile der ÖNB für die Repu­blik auf­kau­fen zu wol­len, hat Pröll heute gesagt:

„50 Mil­lio­nen – das ist es mir wert.“

Ich will ja nicht klein­lich erschei­nen. Aber, wirk­lich: wie kann ein Finanz­mi­nis­ter – wie kann irgend jemand, der über öffent­li­che Gel­der ver­fügt – sich so eine Aus­sage erlau­ben? Dass es ihm das wert ist? Im Sinne von: Das geneh­mige ich mir? Statt viel­leicht dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es den staat­li­chen Inter­es­sen ent­spre­chen würde, einen sol­chen Schritt zu set­zen? Statt den Satz etwa so zu for­mu­lie­ren: „50 Mil­lio­nen – das ist die Sache wert.“ – ?

Wie geschrie­ben, eine seman­ti­sche Irri­ta­tion. Aber vom Ges­tus schon auf­fäl­lig. Wie nen­nen wir das: geleb­ten Josefinismus?

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Krise der Demokratie und mögliche Alternativen

November. 13th 2009 — 18:10

Krise der Demokratie und mögliche Alternativen*

Bern­hard Leubolt**


Die Welt­wirt­schafts­krise wird als Teil von mul­ti­plen sys­te­mi­schen Kri­sen ver­stan­den, wobei die Demo­kra­tie­krise und mög­li­che Stra­te­gien zu deren Bewäl­ti­gung im Mit­tel­punkt stehen.

Mul­ti­ple Kri­sen – auf­kom­mende „Post-​​Demokratie


Die aktu­elle Welt­wirt­schafts­krise ist zwar seit den 1920er/​30er Jah­ren die schwerste, aber auch bei wei­tem nicht die erste Finanz­krise der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit. Die euro­päi­schen Regie­run­gen rea­gier­ten weit­ge­hend mit Ver­staat­li­chung der pri­va­ten Ver­luste – ins­be­son­dere mit­tels der „Ban­ken­ret­tungs­pa­kete“ – „auf Pump“. Die dadurch aus­ufern­den Bud­get­de­fi­zite wer­den wohl Grund­lage für Fis­kalkri­sen der Staa­ten ablie­fern. Ähnlich wie unter Rea­gans Regie­rung wo das mit­tels unpro­por­tio­na­ler Anhe­bun­gen des Rüs­tungs­bud­gets geschah, wird diese „Poli­tik der lee­ren Staats­kas­sen“ in wei­te­rer Folge zum „Sach­zwang Bud­get­kon­so­li­die­rung“ füh­ren. Somit besteht dann eine neue Argu­men­ta­ti­ons­grund­lage für wei­tere Kür­zun­gen der Sozi­al­aus­ga­ben, die als unfi­nan­zier­bar dar­ge­stellt wer­den kön­nen. Die Wirt­schafts­krise wird somit aller Vor­aus­sicht nach – im Gefolge von stei­gen­der Arbeits­lo­sig­keit und sin­ken­den Sozi­al­aus­ga­ben – eine mehr oder weni­ger schwere soziale Krise nach sich ziehen.


Diese sozia­len und ökono­mi­schen Kri­sen wer­den von wei­te­ren Kri­sen beglei­tet: Nicht zuletzt der Kli­ma­wan­del zeigt eine pro­funde und struk­tu­relle Umwelt­krise auf. Beglei­tet wer­den diese Kri­sen außer­dem von einer über die letz­ten Jah­ren auf­kom­mende Demokratie-​​Krise. Obwohl Demo­kra­tie auf glo­ba­ler Ebene for­mal ihren Durch­bruch erreicht zu haben scheint, sind Phä­no­mene wie Poli­tik­ver­dros­sen­heit an der Tages­ord­nung – ins­be­son­dere in Län­dern, die als „kon­so­li­dierte Demo­kra­tien“ gal­ten. Der bri­ti­sche Poli­tik­wis­sen­schaf­ter Colin Crouch brachte die dies­be­züg­li­che Debatte in sei­nem 2003 in Ita­lien erschie­ne­nen Buch auf den Punkt – es handle sich um „Post-​​Demokratie“:

Der Begriff bezeich­net ein Gemein­we­sen, in dem zwar nach wie vor Wah­len ab-​​gehalten wer­den, Wah­len, die sogar dazu füh­ren, daß Regie­run­gen ihren Abschied neh­men müs­sen, in dem aller­dings kon­kur­rie­rende Teams pro­fes­sio­nel­ler PR-​​Experten die öffent­li­che Debatte wäh­rend der Wahl­kämpfe so stark kon­trol­lie­ren, daß sie zu einem rei­nen Spek­ta­kel ver­kommt, bei dem man nur über eine Reihe von Pro­ble­men dis­ku­tiert, die die Exper­ten zuvor aus­ge­wählt haben. […] Im Schat­ten die­ser poli­ti­schen Insze­nie­rung wird die reale Poli­tik hin­ter ver­schlos­se­nen Türen gemacht: von gewähl­ten Regie­run­gen und Eli­ten, die vor allem die Inter­es­sen der Wirt­schaft ver­tre­ten.“ (Crouch 2008, S. 10)


Der dem kri­ti­schen Main­stream zure­chen­bare Crouch geht in die­sem Zusam­men­hang von einer Dege­ne­ra­tion der Demo­kra­tie aus, die sich ins­be­son­dere durch die Ori­en­tie­rung auf die poli­ti­sche Mitte und angeb­lich objek­tive Pro­blem­lö­sun­gen mit­tels „Exper­ten­gre­mien“ aus­zeich­net. Seine Kol­le­gin Chan­tal Mouffe (2006) warnt in die­sem Zusam­men­hang vor der Ent­po­li­ti­sie­rung, die einer­seits Inter­es­sen ver­schlei­ert und dadurch den Inter­es­sen mäch­ti­ger Min­der­hei­ten zu Gute kommt und ande­rer­seits das Wie­der­auf­kom­men des Faschis­mus bzw. der extre­men Rech­ten ermög­licht. Letz­tere bleibt vie­ler­orts im poli­ti­schen Spek­trum als ein­zige Kraft beste­hen, die glaub­haft Alter­na­ti­ven ver­tritt, die sich jen­seits des „post-​​politischen“ Kon­sens befinden.


Demo­kra­ti­sie­rung von Staat und Budget


Alter­na­ti­ven zur Post-​​Demokratie gehen unwei­ger­lich mit Poli­ti­sie­rung ein­her. Gesell­schaft­lich rele­vante Ent­schei­dun­gen soll­ten dem­nach demo­kra­tisch ent­schie­den wer­den statt an „Exper­ten­gre­mien“ dele­giert zu wer­den. Vor­der­grün­dig betrifft das Ent­schei­dun­gen im All­tag. Die femi­nis­ti­sche For­de­rung „das Pri­vate öffent­lich zu machen“ und somit also zu pri­va­ti­sie­ren kann dies­be­züg­lich auf viele Berei­che umge­legt werden.


Das betrifft einer­seits den Staat selbst. Die gebräuch­li­che For­mu­lie­rung des „öffent­li­chen Sek­tors“ ist dies­be­züg­lich dahin­ge­hend zu über­prü­fen, in wie fern staat­li­che Poli­tik auch de facto öffent­lich gemacht wird. Hier gibt es auf loka­ler Ebene posi­tive Ten­den­zen zur Eta­blie­rung von Par­ti­zi­pa­ti­ons­pro­jek­ten. Lokale Par­ti­zi­pa­tion gilt dabei oft­mals als „Allheil-​​mittel“ gegen Poli­tik­ver­dros­sen­heit und mög­li­che Pro­teste der von den poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen betrof­fe­nen Grup­pen. Die posi­tive Kon­no­ta­tion von Par­ti­zi­pa­tion ist jedoch mit Vor­sicht zu betrach­ten. Meis­tens han­delt es sich dabei bloß um Befra­gun­gen und nicht um effek­tive Mit­be­stim­mung. Außer­dem betrifft Par­ti­zi­pa­tion nahezu immer gesell­schaft­lich rela­tiv mar­gi­nale The­men auf der Mikro-​​Ebene wie z.B. Park­ge­stal­tung. Dabei ist die Gefahr der Instru­men­ta­li­sie­rung hoch: Aktu­ell wäre eine par­ti­elle Ein­bin­dung im Rah­men eines „par­ti­zi­pa­ti­ves Spar­pa­kets“ vor­stell­bar, um „Spar­zwänge“ zu legi­ti­mie­ren. Das führt die Wich­tig­keit der Poli­ti­sie­rung stra­te­gisch zen­tra­ler Poli­tik­be­rei­che vor Augen. Hier müs­sen in der Zivil­ge­sell­schaft diese Berei­che erst iden­ti­fi­ziert wer­den, um dann Druck zu deren Demo­kra­ti­sie­rung auf­bauen zu können.


Ein Feld, das sich dafür aktu­ell beson­ders gut eig­nen würde, ist die Bud­get­po­li­tik. Dies­be­züg­lich gibt es das prak­ti­sche Bei­spiel aus Porto Ale­gre, wo die Bevöl­ke­rung über viele Jahre hin­weg effek­tiv Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz im Hin­blick auf staat­li­che Aus­ga­ben bekam. For­de­run­gen an den Lokal­staat – etwa nach Stra­ßen oder Kin­der­gär­ten – wur­den von den betref­fen­den Grup­pen öffent­lich in Sit­zun­gen ein­ge­bracht und in wei­te­rer Folge auch öffent­lich beschlos­sen oder abge­lehnt. Der Staat wurde also ansatz­weise „ver­öf­fent­licht“ (näher dazu: Leu­bolt 2006) und gleich­zei­tig fun­gierte das Par­ti­zi­pa­tive Bud­get auch für teil­neh­mende Bür­ge­rIn­nen als „Schule der Demo­kra­tie“ wie fol­gende Aus­sage einer Teil­neh­me­rin zeigt:

Sogar ich habe nur an meine Straße gedacht, als ich zum Par­ti­zi­pa­ti­ven Bud­get gekom­men bin. Aber ich habe andere Per­so­nen und Gemein­schaf­ten getrof­fen und habe viel grö­ßere Pro­bleme ken­nen gelernt. Was ich als Rie­sen­pro­blem gese­hen habe, war nichts im Ver­gleich zur Situa­tion ande­rer Per­so­nen. Keine Woh­nung zu haben, unter einem Tuch zu schla­fen oder die Frage der Abwäs­ser unter freiem Him­mel, wo Kin­der spie­len und lau­fen. Ich ver­gaß meine Straße, sodass sie sogar bis heute nicht asphal­tiert ist.“ (Roselaine; in: Leu­bolt 2006, S.74f.)

Dass ärmere Teil­neh­me­rIn­nen – ins­be­son­dere Frauen – über­durch­schnitt­lich stark ver­tre­ten waren, lag auch stark daran, dass Par­ti­zi­pa­tion nicht bloß kleine Pro­jekte, son­dern das gesamte Bud­get betraf. Die auf­ge­wen­dete Zeit zahlte sich für die teil­neh­men­den Men­schen aus, da sie Ent­schei­dun­gen tref­fen konn­ten, die von beson­de­rer Rele­vanz waren. Lob­by­ing war in Porto Ale­gre nicht mehr pri­va­ti­siert – weg­wei­sende Ent­schei­dun­gen nicht bloß zwi­schen Poli­ti­ke­rIn­nen und „wich­ti­gen Men­schen“ in Vier-​​Augen-​​Gesprächen gefällt. Viel­mehr fand öffent­li­ches Lob­by­ing um staat­li­che Geld­ver­gabe statt und einige Teil­neh­me­rIn­nen ent­wi­ckel­ten wie Roselaine einen neuen sozia­len Geist: Im Aufeinander-​​prallen von per­sön­li­chen Bedürf­nis­sen konnte zumin­dest teil­weise das „ich“ zum „wir“ und somit eine „Schule der Demo­kra­tie“ eta­bliert werden.


Demo­kra­ti­sie­rung der Arbeitswelt


Die betrieb­li­che Rea­li­tät stellt für die meis­ten einen wenig dis­ku­tier­ten unde­mo­kra­ti­schen Raum dar. Mit dem Ein­tritt an den Arbeits­platz wird gleich­zei­tig die Mög­lich­keit zur Mit­be­stim­mung an Vor­ge­setzte abge­ge­ben. Außer­halb Latein­ame­ri­kas wurde die­ser Umstand in den letz­ten Jah­ren wenig dis­ku­tiert. Dabei kamen wich­tige Impulse für die Debatte vom öster-​​reichischen Sozi­al­de­mo­kra­ten Otto Bauer, der in sei­nem Werk „Der Weg zum Sozia­lis­mus“ schon 1919 ausführte:

Wenn die Regie­rung alle mög­li­chen Betriebe beherrschte, dann würde sie dem Volk und er Volks­ver­tre­tung gegen­über allzu mäch­tig; sol­che Stei­ge­rung der Macht der Regie­rung wäre der Demo­kra­tie gefähr­lich. Und zugleich würde die Regie­rung die ver­ge­sell­schaf­tete Indus­trie schlecht ver­wal­ten; nie­mand ver­wal­tet Indus­trie­be­triebe schlech­ter als der Staat. Des­halb haben wir Sozi­al­de­mo­kra­ten nie die Ver­staat­li­chung, immer nur die Ver­ge­sell­schaf­tung der Indus­trie gefor­dert.“ (Bauer 1976 [1919],S.96; Herv.B.L.)

Relikte des Ansat­zes der Sozia­li­sie­rung fin­den sich heute noch in den Bestim­mun­gen zu Be-​​triebsräten in der öster­rei­chi­schen Ver­fas­sung: Die nicht ganz zur Gel­tung kom­mende Idee dahin­ter war, dass Betriebe mit zuneh­men­der Größe ver­ge­sell­schaf­tet wer­den soll­ten – der Betriebs­rat sollte dabei als demo­kra­ti­sches Organ des Manage­ments die­nen, als Basis für die kol­lek­tive Selbst­ver­wal­tung der Arbei­te­rIn­nen. Das wei­tere demo­kra­ti­sche Kon­zept sah vor, über Betriebs­räte, KonsumentInnen-​​Räte und staat­li­chen Ver­tre­te­rIn­nen die unter-​​nehmerischen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und somit eine Art „basis­de­mo­kra­ti­sche Sozi­al­part­ne­rIn­nen­schaft“ mit ein­ge­schränk­tem Mit­spra­che­recht der Kapi­ta­lis­tIn­nen zu schaffen.


In Zei­ten der Welt­wirt­schafts­krise würde sich somit eine Per­spek­tive für staat­lich „zu ret­tende Betriebe“ wie z.B. die Aus­trian Air­lines auf­tun: Der staat­li­chen Sub­ven­tio­nie­rung gro­ßer Kon­zerne wie Luft­hansa oder Magna könnte die For­de­rung nach Errich­tung eines öffent­li­chen Betrie­bes mit demo­kra­ti­schen Bestim­mungs­rech­ten für Beleg­schaft und Gesell­schaft ent­ge­gen­ge­stellt werden.

Kon­kret wird die Per­spek­tive der Demo­kra­ti­sie­rung der Arbeits­welt beson­ders inner­halb der Bewe­gung soli­da­ri­scher Ökono­mie wie­der dis­ku­tiert (vgl. z.B. www.solidarische-oekonomie.at; Altvater/​Sekler 2006). Dabei geht es meis­tens noch um Bewe­gun­gen, die in ers­ter Linie jen­seits oder gegen den Staat agie­ren und dabei ver­su­chen auf loka­ler Ebene Kon­zepte zur Demo­kra­ti­sie­rung der Arbeits­welt zu ver­wirk­li­chen. Der Bezug auf einen zu ver­öf­fent­li­chen­den Staat könnte hier in zwei­er­lei Hin­sicht Impulse geben: Einer­seits kann mit Hilfe staat­li­cher Gel­der das Beste­hen im Kon­kur­renz­kampf erleich­tert wer­den, um Pro­ble­men wie mög­li­cher „Selbst­aus­beu­tung“ begeg­nen zu kön­nen; ande­rer­seits könn­ten solidar-​​ökonomisch geführte Betriebe auch als „Schu­len der Demo­kra­tie“ wir­ken, die Impulse zur Ver­öf­fent­li­chung und Ver­ge­sell­schaf­tung von Staat und Wirt­schaft geben.


Fazit: Demo­kra­ti­sie­rung von Wirt­schaft und Gesellschaft


Die hier ver­tre­tene Per­spek­tive der Demo­kra­ti­sie­rung setzt an der All­tags­welt an. Das schließt natür­lich auch die Fami­lie bzw. den Haus­halt als ursprüng­li­chen Hort des Pri­va­ten mit ein. Im Hin­blick auf Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit und inner­fa­mi­lä­rer Demo­kra­tie sind dabei viele Pro­zesse invol­viert, die hier nicht geson­dert behan­delt wur­den. Die zen­tra­len Bezüge die­ses Bei­trags waren im Hin­blick auf das Auf­kom­men einer post-​​demokratischen Gesell­schaft alter­na­tive Zugänge in Form der Demo­kra­ti­sie­rung von Wirt­schaft und Gesell­schaft vor­zu­stel­len. Das impli­ziert auch, nicht jeg­li­che Ver­staat­li­chung bzw. Ein­satz staat­li­cher Mit­tel posi­tiv zu sehen. Viel­mehr gilt es, bestän­dig demo­kra­ti­sche Mei­nungs­bil­dung ein­zu­for­dern und somit Staat und Öffent­lich­keit begriff­lich von­ein­an­der zu unter­schei­den. Dabei kann ein wahr­haft öffent­li­cher Sek­tor als kon­krete Uto­pie die­nen. Das schließt auch die Sozia­li­sie­rung bzw. Demo­kra­ti­sie­rung von Unter­neh­men mit ein, was als Alter­na­tive zu staat­lich sub­ven­tio­nier­ten Pri­va­ti­sie­run­gen oder der rei­nen staat­li­chen Sub­ven­tio­nie­rung pri­va­ter Unter­neh­men gese­hen wer­den kann.


Gleich­zei­tig ist auch zu beto­nen, dass der erste Schritt zur Demo­kra­ti­sie­rung die öffent­li­che The­ma­ti­sie­rung – d.h. die Poli­ti­sie­rung – gesell­schaft­li­cher Pro­bleme ste­hen muss. Diese Poli­ti­sie­rung beginnt im All­tag, im eige­nen Haus­halt, am eige­nen Arbeits­platz, geht aber gleich­zei­tig auch in die Makro-​​Ebene poli­ti­schen Han­delns. Die Zusam­men­set­zung von „Exper­ten­gre­mien“ für poli­ti­sche Refor­men ist dem­nach im Hin­blick auf die ver­tre­te­nen und aus­ge­schlos­se­nen Inter­es­sen genauso zu hin­ter­fra­gen wie Ent­schei­dungs­struk­tu­ren auf natio­na­ler, euro­päi­scher und inter­na­tio­na­ler Ebene.


Im Hin­blick auf poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen im Zuge der Kri­sen­be­wäl­ti­gung ist die Bud­get­po­li­tik von beson­de­rem Inter­esse: Wer bezahlt für die Krise? Wem wird gehol­fen? Wer lei­det beson­ders unter den Aus­wir­kun­gen? „Ban­ken­ret­tungs­pa­kete“, staat­li­che Gel­der an die männ­lich domi­nierte Auto­mo­bil­in­dus­trie, Pri­va­ti­sie­rung und gleich­zei­tige Sub­ven­tio­nie­rung gro­ßer Flug­li­nien spre­chen dies­be­züg­lich eine deut­li­che Spra­che. Um zu die­sen Prak­ti­ken Alter­na­ti­ven for­mu­lie­ren zu kön­nen, lohnt sich ein Blick auf aktu­elle Ent­wick­lun­gen in Latein­ame­rika ebenso sehr wie ein Blick in die jün­gere Geschichte Euro­pas. In der Ver­ar­bei­tung die­ser Erfah­run­gen ist jedoch ebenso wich­tig, aus den damals auf­ge­tre­te­nen Pro­ble­men und Wider­sprü­chen zu ler­nen, um neue – bes­sere – Alter­na­ti­ven rea­lis­tisch for­mu­lie­ren zu kön­nen. Es bleibt die Hoff­nung, dass die­ser Weg von pro­gres­si­ven Kräf­ten und nicht von deren neo­li­be­ra­len oder neo-​​faschistischen Wider­parts erfolg­reich beschrit­ten wird.


Lite­ra­tur

Alt­va­ter, Elmar/​Sekler, Nicola (Hg., 2006): Soli­da­ri­sche Ökono­mie. Rea­der des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats von Attac. Ham­burg: VSA.
Bauer, Otto (1976): Der Weg zum Sozia­lis­mus. Werk­aus­gabe. Wien: Euro­pa­ver­lag. Erst­aufl. 1919, 89–131.
Crouch, Colin (2008): Post­de­mo­kra­tie. Frank­furt: Suhr­kamp.
Leu­bolt, Bern­hard (2006): Staat als Gemein­we­sen. Das Par­ti­zi­pa­tive Bud­get in Rio Grande do Sul und Porto Ale­gre. Wien: LIT.
Mouffe, Chan­tal (2006): On the Poli­ti­cal. Lon­don: Routledge.


* Der vor­lie­gende Arti­kel basiert auf einem Bei­trag zum Eröff­nungs­po­dium der attac Sommer-​​akademie 2009 in Krems zum The­men­feld „Alter­na­ti­ven rund um die glo­bale Krise, Stra­te­gien zu einem zukünf­ti­gen Wirt­schafts– und Gesell­schafts­sys­tem“ und wird auch in einer Bro­schüre im ÖGB-​​Verlag ver­öf­fent­licht.
** Sti­pen­diat der Heinrich-​​Böll-​​Stiftung im Pro­mo­ti­ons­kol­leg „Glo­bal Social Poli­cies and Gover­nance“ an der Uni­ver­si­tät Kas­sel, wis­sen­schaft­li­cher Pro­jekt­mit­ar­bei­ter an der WU-​​Wien, Redak­ti­ons­mit­glied des „Jour­nal für Ent­wick­lungs­po­li­tik“, Vor­stands­mit­glied des BEIGEWUM.

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Wege aus der Krise? Einige Anmerkungen

November. 9th 2009 — 17:19

Es gibt zwei Grund­mus­ter des Wirt­schaf­tens:
* Gemein­wirt­schaft­lich­keit: Nie­mand kann bei wirt­schaft­li­chen Hand­lun­gen zu Las­ten ande­rer (Erwerbs-)Vorteile für sich erzie­len.
* Eigen­wirt­schaft­lich­keit: Wirt­schaft­li­che Hand­lun­gen wer­den mit der Absicht unter­nom­men, (Erwerbs-)Vorteile für sich ohne Rück­sicht dar­auf zu erzie­len, zu wes­sen Las­ten sie gehen.

Dem­ge­mäß gibt es zwei Grund­mus­ter der Ver­tei­lung von Über­schüs­sen: Sie wer­den
* ent­we­der von der Gemein­schaft, die sie her­vor­ge­bracht hat, nach von der Gemein­schaft selbst fest­ge­leg­ten Regeln ebenso gemein­schaft­lich genutzt bezie­hungs­weise ver­braucht
* oder von einer Per­son oder Wirt­schafts­ein­heit auf eine andere Per­son oder Wirt­schafts­ein­heit über­tra­gen, wobei diese Über­tra­gung
- ent­we­der als Raub, also als erzwun­gene Her­gabe und gewalt­same Aneig­nung,
- oder als Tausch, also als Ver­kauf und Kauf auf einem Markt (Ver­trag durch schlüs­sige Hand­lun­gen) statt­fin­den kann.


Diese Grund­mus­ter las­sen sich zeit­ge­nös­sisch als Soli­da­ri­sche Ökono­mie und als Kapi­ta­lis­ti­sche Riva­li­täts­wirt­schaft fassen.


Bedingt durch die poli­ti­sche Schwä­che der Arbeiter/​innenbewegung nicht erst seit zwei Jahr­zehn­ten wur­den soli­dar­öko­no­mi­sche Ele­mente zuneh­mend aus der vor­herr­schen­den kapi­ta­lis­ti­schen Ökono­mie ver­drängt. Das neo­li­be­rale Dogma vom „freien Wett­be­werb in offe­ner Markt­wirt­schaft“ hat zur Riva­li­tät (auch unter den Kapi­tal­frak­tio­nen) und zum Tota­li­ta­ris­mus des pri­va­ten Gewin­ne­ma­chens geführt. Der Leis­tungs­fe­ti­schis­mus wurde zum Leis­tungs­fa­schis­mus wei­ter per­ver­tiert. Leistungsträger/​innen, die den maxi­ma­len Anfor­de­run­gen des Finanz­ka­pi­tals nicht gewach­sen sind („Minderleister/​innen“) oder sogar Wider­stand ent­ge­gen­set­zen, wer­den durch Hin­aus­wurf aus den „Tem­peln der Mehr­wert­ab­schöp­fung“ bei gleich­zei­ti­ger Kür­zung von Sozi­al­leis­tun­gen gesell­schaft­lich „liqui­diert“. Die in den ökono­mi­schen Struk­tu­ren ver­bor­gene Gewalt läuft ebenso bru­tal auf eine soziale Ver­nich­tung hin­aus wie die offene Gewalt des Faschis­mus auf die phy­si­sche Vernichtung.


So offen­bart sich in der aktu­el­len Krise die Sys­tem­ei­gen­tüm­lich­keit des Kapi­ta­lis­mus: die Beein­träch­ti­gung der Gesamt­ge­sell­schaft durch die „Kauf­kraft­schwä­chung“ ihrer Mehr­heit. Als „Kos­ten­fak­to­ren“ sind erwerbs­ar­bei­tende Men­schen Stör­ele­mente im ver­selbst­stän­dig­ten Haupt­zweck der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft, dem Trieb der pri­va­ten Kapi­tal­an­häu­fung. Das Kapi­tal als „Kom­mando über unbe­zahlte Arbeit“, wie Karl Marx und Fried­rich Engels in ihrem Haupt­werk sein unde­mo­kra­ti­sches Wesen bloß­le­gen, ruft den Wider­spruch zwi­schen gesell­schaft­li­cher Pro­duk­tion und indi­vi­du­el­ler Aneig­nung her­vor. Er bewirkt, dass „die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­tion … auf der einen Seite für die Gesell­schaft ver­liert, was sie auf der ande­ren für den ein­zel­nen Kapi­ta­lis­ten gewinnt“. Dazu tra­gen auch gezielte Pri­va­ti­sie­run­gen öffent­li­chen und gemein­wirt­schaft­li­chen Eigen­tums bei. Dadurch wer­den bedeut­same Berei­che der Gesell­schaft dem Ein­fluss form­al­de­mo­kra­tisch legi­ti­mier­ter Kör­per­schaf­ten ent­zo­gen und der Ver­fü­gungs­ge­walt demo­kra­tie­lo­ser Kapi­tal­ei­gen­tü­mer­gre­mien unterworfen.


Das Kapi­tal ist ein herr­schaft­li­ches Ver­hält­nis zwi­schen Per­so­nen, das durch die Ver­fü­gung über Sachen ver­mit­telt wird. So erfolgt unter dem trü­ge­ri­schen Schein von „Sach­lich­keit“ die Her­ab­wür­di­gung von Men­schen zu „Arbeits­kräf­ten“, die nur solange Erwerbs­ar­beit fin­den, solange sie als „Waren“ für das Kapi­tal ver­wert­bar sind. Dar­aus resul­tiert eine ten­den­zi­elle Beein­träch­ti­gung ihres Zutrau­ens in die Zuver­läs­sig­keit ihrer eige­nen Erfah­rung. Die­ser Zer­stö­rungs­vor­gang berei­tet die see­li­sche Grund­lage für das Emp­fin­den auf, bedeu­tungs­los zu sein, und führt zum Ent­ste­hen von Ich-​​Schwäche. Ganz zu schwei­gen davon, dass diese psy­chi­schen Mecha­nis­men bei Erwerbs­ar­beits­lo­sen noch viel hef­ti­ger wir­ken. Feh­lende poli­ti­sche Bil­dung und man­gelnde Kennt­nisse von gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hän­gen begüns­ti­gen zusätz­lich die Anfäl­lig­keit vie­ler Betrof­fe­ner für auto­ri­täre Lösun­gen zu Las­ten ande­rer Benach­tei­lig­ter. Die Ent­frem­dung durch Erwerbs­ar­beit oder ihr Feh­len wird poli­tisch zur mensch­li­chen Selbst­ent­frem­dung ver­dreht. Das Kapi­tal erweist sich dadurch nicht bloß als demo­kra­tie­los, son­dern viel­mehr als demokratiegefährdend.


Die Demo­kra­tie­lo­sig­keit der Wirt­schaft wird damit zum Haupt­an­satz­punkt für Bemü­hun­gen, Wege aus der Krise zu fin­den. Denn mil­li­ar­den­schwere Kon­junk­tur­pa­kete, Stüt­zun­gen und Garan­tien der Öffent­li­chen Hand nahezu bedin­gungs­los über die beste­hende kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­struk­tur aus­zu­schüt­ten, die diese Krise her­vor­ge­bracht hat, läuft nur dar­auf hin­aus, der nächs­ten Krise Vor­schub zu leisten.


Über­schüsse sind unver­zicht­bar, aber ihre auto­ma­ti­sche Ver­tei­lung zum Kapi­tal ist es nicht. Es genügt aber nicht, bloß Umver­tei­lung und diese nur durch Steu­ern (Sekun­där­ver­tei­lung) oder Trans­fer­leis­tun­gen (Ter­tiärver­tei­lung) bewerk­stel­li­gen zu wol­len. Diese von repräsentativ-​​demokratischen Kör­per­schaf­ten zu beschlie­ßen­den Maß­nah­men kön­nen auf Dauer die „auto­ma­ti­sche“ Umver­tei­lung von der Arbeit zum Kapi­tal durch die anti­de­mo­kra­ti­sche kapi­ta­lis­ti­sche Eigen­tums­ord­nung nicht kor­ri­gie­ren. Dafür bedarf es Ein­griffe in die Pri­mär­ver­tei­lung, also in die Ver­tei­lung des gesell­schaft­li­chen Mehr­pro­dukts dort, wo es ent­steht: im demo­kra­tie­lo­sen Bereich der Arbeits­welt. Es geht damit auch um die Ver­wirk­li­chung eines ande­ren Arbeits­be­griffs, der auf einem Bewusst­sein der Men­schen von ihrer gesell­schaft­li­chen Ver­bun­den­heit beruht, von den Ele­men­ten der Soli­da­ri­tät sowie des Schöp­fe­ri­schen und Iden­ti­täts­stif­ten­den geprägt und die Grund­lage eines „guten Lebens für alle“ ist.


Gesell­schaft­li­ches Eigen­tum an Grund und Boden, Fabrik und Büro ist Vor­aus­set­zung und Aus­druck die­ses Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zes­ses. Es ent­steht, wenn demo­kra­tisch legi­ti­mierte Öffent­li­che Hände die in ihrem Ein­fluss­be­reich befind­li­chen Betriebe und Unter­neh­men gemein­sam mit demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Vertreter/​inne/​n der Beschäf­tig­ten und der Verbraucher/​innen, „also der­je­ni­gen Grup­pen, für die der Betrieb da sein soll“, ver­wal­ten. Das soll zur „wirt­schaft­li­chen Selbst­ver­wal­tung des gan­zen Vol­kes“ füh­ren, wie es der Theo­re­ti­ker des Aus­tromar­xis­mus Otto Bauer in sei­nen Sozia­li­sie­rungs­kon­zep­ten formulierte.


Gesell­schaft­li­ches Eigen­tum mani­fes­tiert sich in der Bestel­lung von Auf­sichts– und Lei­tungs­or­ga­nen durch die Triade Öffent­li­che Hand, Beschäf­tigte und Verbraucher/​innen, in der demo­kra­ti­schen Ver­tei­lung des inner­be­trieb­li­chen Über­schus­ses auf die ein­zel­nen Ein­kom­mens­ar­ten nach gesetz­lich fest­ge­leg­ten sta­tu­ta­ri­schen Prin­zi­pien bezie­hungs­weise des außer­be­trieb­lich zu ver­tei­len­den Über­schus­ses nach gesetz­lich fest­ge­leg­ten Zweck­bin­dun­gen. Diese Struk­tur­merk­male sol­len der Beein­träch­ti­gung der Gesamt­ge­sell­schaft durch die Schwä­chung ihrer gesell­schaft­li­chen Mehr­heit vor­beu­gen sowie einem bedarfs­de­ckungs­ori­en­tier­ten, gebrauchs­wert­ge­lei­te­ten und selbst­kos­ten­ba­sier­ten Wirt­schaf­ten Vor­schub leisten.


In der Neu­zeit rei­chen Bemü­hun­gen um gesell­schaft­li­ches Eigen­tum bei­spiels­weise von den Dig­gers und der New Model Army im Eng­land der Mitte des 17. Jahr­hun­derts über die Pari­ser Kom­mune vom Früh­jahr 1871 und die Land­be­set­zun­gen in Mexiko Anfang des 20. Jahr­hun­derts bis zu den Arbei­ter­rä­ten in Mit­tel– und Ost­eu­ropa sowie den Gemein­wirt­schaft­li­chen Anstal­ten in Öster­reich nach dem Ers­ten Welt­krieg. Sie setz­ten sich nach dem Zusam­men­bruch des Faschis­mus in der jugo­sla­wi­schen Arbei­ter­selbst­ver­wal­tung, den eng­li­schen Arbei­ter­ko­ope­ra­ti­ven und den besetz­ten Betrie­ben Frank­reichs fort und leben gegen­wär­tig wei­ter in den viel­fäl­ti­gen Mus­tern der Soli­dar­öko­no­mie in Argen­ti­nien, Bra­si­lien und ande­ren latein­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern sowie wie im Genos­sen­schafts­netz­werk Mon­dra­gon im spa­ni­schen Bas­ken­land. Diese Bemü­hun­gen waren und sind nicht frei von Irr­tü­mern und Feh­lern der Bemü­hen­den und sie unter­la­gen bezie­hungs­weise unter­lie­gen oft den Anfein­dun­gen des Kapi­tals. Doch bele­gen diese Anfein­dun­gen die grund­sätz­li­che Rich­tig­keit die­ser Stoßrichtung.


Die Demo­kra­ti­sie­rung der Wirt­schaft eröff­net nicht zwangs­läu­fig das Para­dies. Kon­flikte wer­den nicht ver­schwin­den, aber für ihre Lösung bie­ten sich andere Vor­gänge an als das Aus­spie­len ökono­mi­scher Gewalt. Sie gewähr­leis­ten jeden­falls die Bedin­gung der Mög­lich­keit, nicht mehr län­ger eine Suppe aus­löf­feln zu müs­sen, die uns andere ein­bro­cken, son­dern, gesell­schaft­lich orga­ni­siert, unsere Suppe soli­da­risch selbst zu kochen.

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OECD für öffentliche Beschäftigung und soziale Absicherung in der Krise

September. 16th 2009 — 9:48

Unver­däch­ti­ger könnte der Zeuge nicht sein: Nach­dem die OECD über Jahre, wenn nicht gar Jahr­zehnte hin­weg der Dere­gu­lie­rung der Arbeits­märkte das Wort gere­det hat, wer­den in letz­ter Zeit die Töne etwas mode­ra­ter und ana­ly­tisch differenzierter. 

Im heute (16. Sep­tem­ber 2009) ver­öf­fent­lich­ten „Employ­ment Out­look 2009“, einem Werk von immer­hin 282 eng beschrie­be­nen Sei­ten mit einer Unzahl an Daten, Fak­ten und Ana­ly­sen zum Arbeits­markt­ge­sche­hen, for­dert das OECD-​​Sekretariat die Mit­glied­staa­ten u. a. auf zu über­le­gen, ob für bestimmte Pro­blem­grup­pen, zumin­dest tem­po­rär und auf enge Ziel­grup­pen focu­siert, nicht öffent­li­che Beschäf­ti­gungs­pro­jekte und eine engere soziale Absi­che­rung wir­kungs­volle Mit­tel in der Krise wären. Das ist ein neuer Ton!

Im zen­tra­len Kapi­tel zur Krise wird davon aus­ge­gan­gen, dass die Arbeits­lo­sig­keit in der OECD bis Ende 2010 um 25 Mio. Per­so­nen gegen­über dem Tief­punkt Ende 2007 zuneh­men wird; das ist ein Anstieg um ca. 80%! Diese Zunahme ist bis­her zwi­schen den Län­dern sehr unter­schied­lich aus­ge­fal­len – auf die nähe­ren Gründe geht die OECD aller­dings nicht ein; und er wird bis Ende nächs­ten Jah­res sehr unter­schied­li­che Län­der­quo­ten mit sich brin­gen: ESP 19,8%, GER 11,8%, USA 10,1%, JAP und AUT 5,8%.

Die Kon­junk­tur– und Sta­bi­li­sie­rungs­pro­gramme, die in ihrem Aus­maß sehr unter­schied­lich aus­ge­fal­len sind (FRA und KOR bil­den Mini­mum und Maxi­mum, AUT liegt am unte­ren Ende), haben ihre beab­sich­tig­ten Wir­kun­gen lt. OECD eini­ger­ma­ßen erfüllt.

Das Betrof­fen­heits­mus­ter nach Sek­to­ren, Alter, Aus­bil­dung, Beruf, Geschlecht, etc. ist dem vor­an­ge­gan­ge­ner Kri­sen nicht unähn­lich. In AUT fällt auf, dass Nied­rig­qua­li­fi­zierte und Frauen bis­her von der Krise nur durch­schnitt­lich betrof­fen sind.

Für OECD-​​Verhältnisse eben­falls inter­es­sant ist die Fest­stel­lung, dass zwar die Per­sis­tenz einer ein­mal gestie­ge­nen Arbeits­lo­sen­quote sich durch die Struk­tur­re­for­men der ver­gan­gen Jahre redu­ziert hat, aller­dings auf Kos­ten einer höhe­ren zykli­schen Varia­bi­li­tät; d. h. hätte es weni­ger Maß­nah­men zur Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeits­märkte in der Ver­gan­gen­heit gege­ben, wäre der gegen­wär­tige Anstieg der Arbeits­lo­sig­keit wohl gerin­ger ausgefallen.

Wie ein­gangs erwähnt, legt die OECD für Per­so­nen mit hohem Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keits­ri­siko nahe, öffent­li­che Beschäf­ti­gungs­pro­gramme anzu­bie­ten. Das war bis­her stets ver­pönt. Aus öster­rei­chi­scher Sicht ist an dem Vor­schlag inter­es­sant, dass Sozi­al­öko­no­mi­sche Betriebe (SÖB), die hie­sige Vari­ante eines der­ar­ti­gen Pro­gramms, in meh­re­ren Eva­lu­ie­run­gen sehr posi­tiv abge­schnit­ten haben (Wifo 2006, Lech­ner et. al. 2007, Hujer et. al. 2009).

Auch der zweite Denk­an­stoß der OECD sollte AUT eine Über­le­gung wert sein: Für all jene Grup­pen am Arbeits­markt mit pre­kä­ren Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen, die weni­ger abge­si­chert sind als die Kern­grup­pen mit lan­gen Ver­si­che­rungs­epi­so­den, soll­ten die sozia­len Siche­rungs­ma­schen enger gefloch­ten wer­den – zumin­dest tem­po­rär in der Krise. Dazu gehör­ten auch höhere Ersatz­quo­ten am Beginn der Arbeits­lo­sig­keit, weil hier das Absi­che­rungs­ni­veau in AUT im inter­na­tio­na­len Ver­gleich nied­rig ausfällt.

In einem wei­te­ren Kapi­tel des „Employ­ment Out­look“ wird die unor­tho­doxe Frage gestellt: „Is Work the best Anti­dote to Poverty?“

Alles in Allem ist der dies­jäh­rige Beschäf­ti­gungs­aus­blick der OECD ein äußerst lesens­wer­tes Doku­ment zum Ver­ständ­nis der Arbeits­markt­vor­gänge in der Krise.

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Blame it on the government

August. 24th 2009 — 9:14

Schreibt Paul Krug­man:

The asto­nis­hing thing about the cur­rent poli­ti­cal scene is the extent to which not­hing has changed.“

Was lei­der abzu­se­hen war. Sehen wir von den Wahn­sin­nig­kei­ten in der aktu­el­len Gesund­heits­re­form­de­batte in den USA mal ab: Es zeigt sich doch recht deut­lich, dass die Stra­te­gie, die gro­ßen Refor­men durch mas­si­ves Stüt­zen der Vor­macht­stel­lung der Finanz­märkte nicht funk­tio­niert. Die Finanz­in­sti­tute brum­men zwar fürs erste wie­der; aber die öffent­li­che Mei­nung spielt nicht mehr mit. Was selt­same Blü­ten treibt, unter ande­rem, dass die Jour­na­lis­ten beim erz­li­be­ra­len Eco­no­mist zu den Ver­tei­di­gern einer Reform wer­den, die von vie­len als „sozia­lis­tisch“ denun­ziert wird.

Und iro­ni­scher­weise lässt sich dazu nur sagen: Blame it on the govern­ment. Noch­mals Krug­man:

I don’t know if admi­nis­tra­tion offi­ci­als rea­lize just how much damage they’ve done them­sel­ves with their kid-​​gloves tre­at­ment of the finan­cial indus­try, just how badly the spec­ta­cle of govern­ment sup­por­ted insti­tu­ti­ons pay­ing giant bonu­ses is play­ing. But I’ve had many con­ver­sa­ti­ons with people who voted for Mr. Obama, yet dis­miss the sti­mu­lus as a total waste of money. When I press them, it turns out that they’re really angry about the bailouts rather than the sti­mu­lus — but that’s a dis­tinc­tion lost on most voters.“

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Es geht ans Bezahlen – Update

Juli. 22nd 2009 — 21:36

Es hat sich ja inzwi­schen her­um­ge­spro­chen, dass die Staats­ver­schul­dung nach der Krise eine andere sein wird als vor­her. Bis­her hat man sich jedoch gewei­gert, das zur Kennt­nis zu neh­men, und wenn man es dann doch zur Kennt­nis genom­men hat, dann hat man die fal­schen Schlüsse gezo­gen. Jetzt Steu­ern zu erhö­hen sei – so hörte man zunächst – kon­tra­pro­duk­tiv, da dies den Abschwung ver­stärke und außer­dem Ein­spa­run­gen der rich­tige Weg seien. Das wird aber kaum rei­chen und ist zudem falsch, da Staats­aus­ga­ben gerade auch den Schwä­che­ren zu Gute kom­men. Dann hieß es, Arbeit dürfe nicht ver­teu­ert wer­den und Ver­mö­gen­steu­ern bräch­ten nichts, daher müss­ten die Mehr­wert­steuer erhöht wer­den. Warum dies ziem­li­cher Unsinn ist, ist an ande­rer Stelle schon for­mu­liert worden.

In den Wochen und Mona­ten nach der Som­mer­pause wird es dann ans Ein­ge­machte gehen. Der Haus­halt ist auf­zu­stel­len, die Kol­lek­tiv­ver­trags­run­den begin­nen und die Frage, ob die Krise eine poli­ti­sche Kräf­te­ver­schie­bung gebracht hat, wird vor­läu­fig beant­wor­tet wer­den. Es ist natür­lich rich­tig, eine stär­kere Umver­tei­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen zu for­dern und damit ers­tens die Krise (zumin­dest teil­weise) zu finan­zie­ren und zwei­tens die fal­schen Ent­wick­lun­gen der ver­gan­ge­nen Jahre zu kor­ri­gie­ren. Je mehr vom Spar­po­ten­tial der Bes­ser­ver­die­nen­den über eine höhere Besteue­rung der Spit­zen­ein­kom­men (Anhe­bung des Spit­zen­steu­er­sat­zes, Decke­lung der begüns­tig­ten Besteue­rung der sons­ti­gen Bezü­gen, Ein­schrän­kung der Frei­be­träge, ins­be­son­dere des sog. Inves­ti­ti­ons­frei­be­trags ) und den Ver­mö­gen­den über eine Ver­mö­gen­steuer und die Wie­der­er­he­bung und Aus­wei­tung der Schen­kungs– und Erb­schafts­steuer abge­zo­gen und der Aus­wei­tung öffent­li­cher Aus­ga­ben (für Sozia­les, Bil­dung, Kul­tur, Infra­struk­tur) zuge­führt wird, desto eher kann die Bin­nen­nach­frage sti­mu­liert und gleich­zei­tig die Lebens­qua­li­tät der Men­schen ver­bes­sert wer­den. Wer hin­ge­gen die Mas­sen­kauf­kraft über eine Anhe­bung der Mehr­wert­steuer beschnei­det, tut das Gegen­teil: Ers­tens wird die Lage für einen Groß­teil der Bevöl­ke­rung ver­schlech­tert, zwei­tens wird die Krise von denen bezahlt, die weder daran ver­dient noch sie aus­ge­löst haben, drit­tens wer­den die Bes­ser­ver­die­nen­den und Ver­mö­gen­den erneut aus der Finan­zie­rung öffent­li­cher Auf­ga­ben ent­las­sen und vier­tens wird dem Bin­nen­markt mas­siv Kauf­kraft ent­zo­gen, was kri­sen­ver­schär­fend wirkt. Das ist nicht hinzunehmen.

Über­ra­schung in Deutsch­land
In Deutsch­land ist die Debatte im Kern die­selbe, viel­leicht noch etwas abstru­ser. Das mag an den anste­hen­den Bun­des­tags­wah­len am 27. Sep­tem­ber lie­gen, jeden­falls ver­spre­chen CDU/​CSU gar Steu­er­sen­kun­gen (!) nach der Wahl. Dabei soll der Ein­gangs­steu­er­satz gesenkt wer­den, was, bei ent­spre­chen­der Kom­pen­sa­tion – d.h. Nich­t­ent­las­tung – oben, sinn­voll ist. Aller­dings soll die Grenze, ab der der Spit­zen­steu­er­satz greift, eben­falls nach oben ver­scho­ben und damit Spit­zen­ver­die­ner erneut ent­las­tet wer­den. Sinn der Aktion? Popu­lis­mus vor den Wah­len, Inter­es­sen­po­li­tik und die Erzeu­gung neuer „Sach­zwänge“ über knappe, öffent­li­che Kas­sen!
Und jetzt das: Das Deut­sche Insti­tut für Wirt­schafts­for­schung (DIW) schlägt vor, dass man die ver­mö­gens­be­zo­ge­nen Steu­ern erhöht, gar die Ver­mö­gen­steuer wie­der ein­führt. Das ist doch mal was! Es gehört jedoch nicht viel Phan­ta­sie dazu, sich den Gegen­wind vor­zu­stel­len, der kom­men wird.

Und die Sozi­al­de­mo­kra­tie?
In Öster­reich sieht es nun ähnlich aus wie in Deutsch­land: Die Ein­nah­men aus ver­mö­gens­be­zo­ge­nen Steu­ern sind mas­siv unter­durch­schnitt­lich und könn­ten daher pro­blem­los nach oben ange­passt wer­den. Es ist also wie gemacht für die Sozi­al­de­mo­kra­tie: Eine ökono­misch sinn­voll Ent­schei­dung, die in die rich­tige Rich­tung umver­teilt und die geschun­dene Par­tei­se­ele strei­cheln könnte. Aber, nun ja, Herr Fay­mann ist ja dage­gen. Es muss daher in den kom­men­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen ins­be­son­dere in der Sozi­al­de­mo­kra­tie um die Frage der wirt­schafts­po­li­ti­schen Aus­rich­tung gehen. Ein Anfang scheint gemacht.

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