Stichwort: Krise


Zeit zur Umkehr

März. 18th 2013 — 18:51

Der Ver­gleich von EU-​​Prognosen für die Kri­sen­staa­ten und deren Ent­wick­lung seit 2007 zeigt, wie nötig ein Rich­tungs­wech­sel in Theo­rie und Poli­tik ist. Die Aus­te­ri­täts­po­li­tik in den soge­nann­ten Pro­gramm­län­dern in der EU hat zuneh­mend kata­stro­phale Fol­gen, und die Pro­gno­sen sind stets bes­ser als das Ergebnis.

Eine Theo­rie, deren Pro­gno­sen regel­mä­ßig falsch lie­gen, sollte laut Sir Karl Pop­per ver­wor­fen wer­den. Eine Kon­junk­tur­po­li­tik, die nur darin besteht, die Hoff­nung auf den Auf­schwung auf den in der Zukunft lie­gen­den Pro­gno­se­ho­ri­zont zu ver­schie­ben, eben­falls. Bei­des trifft auf die momen­tane Poli­tik der Troika zu. Zunächst wurde die Krise etwas zu pes­si­mis­tisch ein­ge­schätzt; es wurde eine expan­sive Wirt­schafts­po­li­tik ein­ge­schla­gen. Doch seit 2010 herrscht in den Pro­gno­sen über­trie­be­ner Opti­mis­mus, und in den Pro­gramm­län­dern wird eisern gespart.

In Grie­chen­land war die Ent­wick­lung beson­ders schlimm. Im Mai 2010 hoffte man noch für 2011 mit einem wei­te­ren Minus von 4% gegen­über 2009 aus der Krise zu kom­men. Im Novem­ber 2010 rech­nete man schon mit einem Minus von 7% für 2011. Dies setzte sich von Jahr zu Jahr fort: 2013 glaubte man nun mit gut 20% Ver­lust an Wirt­schafts­leis­tung sei die Tal­sohle erreicht. Es ist zu hof­fen, dass diese Pro­gnose nun nicht noch­mals nach unten kor­ri­giert wird. An der kata­stro­pha­len Per­for­mance von Pro­gno­sen und Poli­tik ändert das aller­dings nichts mehr.

Die fol­gen­den Gra­fi­ken zei­gen die Ent­wick­lung des rea­len BIP im Ver­gleich zu 2009, anhand der zu den jewei­li­gen Zeit­punk­ten erstell­ten Pro­gno­sen. Die Pro­gnose vom Februar 2013 ent­hält für die Jahre bis 2011 die tat­säch­li­chen und für 2012 die vor­läu­fi­gen Werte.

In Irland lie­gen Pro­gno­sen und Poli­tik eben­falls unter den Erwar­tun­gen. Der ein­zige, wenn auch schwa­che Trost ist, dass es in Irland zumin­dest lang­sam bes­ser wird.

Sor­gen berei­tet das Bild für Por­tu­gal und Spa­nien. Hier scheint es momen­tan zu einem Wech­sel vom iri­schen Regen in die grie­chi­sche Traufe zu kom­men. Sah es zunächst noch nach lang­sa­mer Erho­lung aus, so scheint seit 2011 ein mas­si­ver Ein­bruch im Gange zu sein. Ein Grund mehr, Theo­rie und Poli­tik zu wechseln.

Ange­sichts die­ser Bil­der ist es kein Wun­der, dass die DG Eco­fin die adjust­ment Pro­gramme für Grie­chen­land, Irland, Por­tu­gal und für Spa­ni­ens Finanz­sek­tor stets mit fol­gen­dem Dis­clai­mer versieht:

„Neit­her the Euro­pean Com­mis­sion nor any per­son acting on its behalf may be held responsi­ble for the use which may be made of the infor­ma­tion con­tai­ned in this publication.”

Na ja, wenn sie damit durchkommt.

PS: Ein Lob muss man der DG Eco­fin jedoch machen: Diese Dar­stel­lun­gen wären nicht mög­lich gewe­sen, wenn die DG nicht schon seit Län­ge­rem ihre AMECO Daten­bank mit den Makro-​​Daten (ein­schließ­lich der Pro­gno­sen) im Inter­net öffent­lich zur Ver­fü­gung stellte. 

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30. Mai: Die EU in der Krise

Mai. 23rd 2012 — 11:19

Die EU in der Krise: Zwi­schen auto­ri­tä­rem Eta­tis­mus und euro­päi­schem Frühling

Datum: Mitt­woch, 30. Mai, 19 Uhr

Ort: NIG, 2. Stock, Hör­saal 1, Uni­ver­si­täts­straße 7, 1010 Wien

Buch­prä­sen­ta­tion und Diskussion mit

Pia Eber­hardt (Cor­po­rate Europe Obser­vatory, Brüs­sel): Lob­by­is­mus und euro­päi­sche Post­de­mo­kra­tie – Ein­bli­cke in den EU-​​Staats-​​Zivilgesellschaftskomplex
Lukas Obern­dor­fer (juri­di­kum und Asso­zia­tion für kri­ti­sche Gesell­schafts­for­schung): Hege­mo­nie­krise in Europa: Eco­no­mic Gover­nance und Fis­kal­pakt – Ele­mente einer auto­ri­tä­ren Wende?
Mode­ra­tion und Ein­lei­tung: Oli­ver Praus­mül­ler (BEIGEWUM)

Der euro­päi­sche Inte­gra­ti­ons­pro­zess wird durch eine „Viel­fach­krise“ erschüt­tert: Euro-​​Krise, Staats­kri­sen, der Legi­ti­ma­ti­ons­ver­lust der EU sowie das Feh­len eines neuen popu­lä­ren euro­päi­schen Pro­jek­tes. Die sozia­len Kämpfe gegen eine Abwäl­zung der Kri­sen­fol­gen nach unten und für eine weit­ge­hende Demo­kra­ti­sie­rung der Gesell­schaft eska­lie­ren zuneh­mend. Der Bei­trag der sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen ‚Euro­pa­for­schung‘ zum kri­ti­schen Ver­ständ­nis die­ser Ent­wick­lun­gen ist mar­gi­nal. Dazu will der vor­lie­gende Band der Asso­zia­tion für kri­ti­sche Gesell­schafts­for­schung (AkG) und der For­schungs­gruppe Staats­pro­jekt Europa  einen Kon­trast set­zen. Die Bei­träge unter­su­chen aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven einer kri­ti­schen Inte­gra­ti­ons­for­schung Hin­ter­gründe und Dyna­mik der Krise und dis­ku­tie­ren eman­zi­pa­to­ri­sche Stra­te­gien für ein ande­res Europa. Anläss­lich der Buch­prä­sen­ta­tion stel­len Pia Eber­hardt und Lukas Obern­dor­fer ihre Bei­träge zum jüngst erschie­nen Sam­mel­band der Asso­zia­tion für kri­ti­sche Gesell­schafts­for­schung vor und dis­ku­tie­ren die jüngs­ten Ent­wick­lun­gen der euro­päi­schen Krise.

Ver­an­stal­te­rIn­nen:
Asso­zia­tion für kri­ti­sche Gesell­schafts­for­schung, BEIGEWUM, Chick­Lit – femi­nis­ti­sche Buch­hand­lung, Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Wien und  juri­di­kum (zeit­schrift für kritik|recht|gesellschaft)

Wei­tere Infos:
www.staatsprojekt-europa.eu
www.facebook.com/staatsprojekteuropa

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Retrospektive: Quo vadis, Ungarn? (18.03.)

April. 17th 2012 — 11:20

Am 18.03. fand im Repu­bli­ka­ni­schen Club die Podiumsdiskussions-​​Veranstaltung „Quo vadis, Ungarn?“ statt. Bei der vom Beige­wum, dem Renner-​​Institut und dem Repu­bli­ka­ni­schen Club gemein­sam orga­ni­sier­ten Ver­an­stal­tung dis­ku­tier­ten Ist­ván Gra­jcz­jar und Susan Zim­mer­mann mit Julia Hof­mann. Ist­ván Gra­jcz­jar kon­zen­trierte sich in sei­nem Bei­trag auf die his­to­ri­sche Ent­wick­lung des Rechts­ex­tre­mis­mus in Ungarn und ver­suchte zu erklä­ren, warum Orbán so viel Zuspra­che aus der Bevöl­ke­rung bekommt. Susan Zim­mer­mann the­ma­ti­sierte die Pro­bleme von EU-​​Interventionen in Ungarn, da diese zur Per­pe­tu­ie­rung der Macht­ver­hält­nisse zwi­schen Zen­tren und Peri­phe­rien füh­ren kön­nen. Durch die große Teil­nahme an der Ver­an­stal­tung war auch die anschlie­ßende Publi­kums­dis­kus­sion sehr leb­haft und spannend.

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Vermögensungleichheit USA 2007-2009

November. 21st 2011 — 16:57

Von der Fed wurde eine außer­tour­li­che Erhe­bung zu pri­va­tem Ver­mö­gen in den USA in der Krise durch­ge­führt. Ziel­set­zung war es, fest­zu­stel­len, wie sich die Ver­mö­gens­po­si­tio­nen der pri­va­ten Haus­halte in den USA im Zuge der Finanz­krise ver­än­dert haben. Der Sur­vey of Con­su­mer Finan­ces (SCF) wird ansons­ten regel­mä­ßig alle drei Jahre seit 1983 erho­ben. Die Fed ver­glich nun die Ver­mö­gens­si­tua­tion der US-​​Bevölkerung im Kri­sen­jahr 2009 mit jener im Vor­kri­sen­jahr 2007. Es wur­den die­sel­ben Haus­halte befragt (Paneldaten).


 Wich­tige Ergebnisse  

 1.     Enorme Sta­bi­li­tät in der Ver­mö­gens­un­gleich­heit in den USA seit den 1980er Jah­ren. Der Anteil des obers­ten 1 % bleibt bei einem Drit­tel des gesam­ten Ver­mö­gens aller Haus­halte (33,3%). Und dies obwohl die Ver­mö­gens­ver­luste durch die Krise auf die Reichs­ten kon­zen­triert waren; d.h. abso­lut ver­lo­ren die Rei­chen zwar beträcht­lich (99. Per­zen­til­wert: 9 Mio. USD 2007 Rück­gang auf 7 Mio. USD 2009); rela­tiv betrach­tet ver­än­dert sich in der Krise für die Rei­chen nichts (2007: 33,3%).

 

2.     Fast die gesam­ten Anlei­hen wer­den von den reichs­ten 10% in den USA gehal­ten; und fast 2/​3 hat das reichste 1 %. Auch Unter­neh­mens­ver­mö­gen ist enorm kon­zen­triert: über die Hälfte wird vom obers­ten 1% gehalten.

 

3.     Der Anteil der unte­ren Hälfte der pri­va­ten Haus­halte (0–50%) am gesam­ten Ver­mö­gen aller Haus­halte sank von 2,5% auf 1,5%. Hat­ten die unte­ren 50% schon vor der Krise – rela­tiv gese­hen – fast nichts an Ver­mö­gens­wer­ten, so sank die­ser Wert in der Krise signifikant.





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ÖkonomInnen-Appell gegen Schuldenbremse

November. 17th 2011 — 13:54

Die öster­rei­chi­sche Regie­rung nimmt sich das deut­sche Modell einer „Schul­den­bremse“ als Vor­bild. Als die Schul­den­bremse in Deutsch­land ein­ge­führt wurde, rea­gier­ten 64 Ökono­mIn­nen mit dem Appell „Die Schul­den­bremse gefähr­det die gesamt­wirt­schaft­li­che Sta­bi­li­tät und die Zukunft unse­rer Kin­der“. Aus aktu­el­lem Anlass hier zur Wieder-​​Lektüre.

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Die Schuldenbremse als Farce

November. 15th 2011 — 11:51

Nun befin­det sich die Bun­des­re­gie­rung also auf direk­tem Weg eine soge­nannte Schul­den­bremse in Ver­fas­sungs­rang zu heben. Die wesent­li­che Frage, was das nun genau bedeu­tet, dürfte zwar noch offen sein, doch fest steht, dass damit pünkt­lich zum Wirt­schafts­ab­schwung ein neu­er­li­ches Spar­pa­ket ver­han­delt wer­den wird. Diese Unbe­stimmt­heit liegt auch daran, dass es meh­rere For­men von Fis­kal­re­geln gibt, die in der Debatte alle als Schul­den­bremse bezeich­net werden.

Wahr­schein­lich ist, dass die deut­sche Rege­lung über­nom­men wird, die weit­ge­hend mit den soeben erst ver­schärf­ten euro­päi­schen Bud­get­vor­ga­ben überein­stimmt. Beide ent­hal­ten im Kern die Umset­zung der äußert rigi­den soge­nann­ten Medium Term Objec­tives (mit­tel­fris­tige Haus­halts­ziele). Im Falle Öster­reichs und Deutsch­lands ist das (fast) ein struk­tu­rel­les Null­de­fi­zit. Aus­ge­hend von der soeben ver­öf­fent­lich­ten Herbst­pro­gnose der EU-​​Kommission, die das struk­tu­relle Defi­zit für Öster­reich mit 2,8 % des BIP (2013) pro­gnos­ti­ziert, müsste die Kon­so­li­die­rung folg­lich über 8 Mrd. Euro betra­gen – ein Viel­fa­ches des Spar– und Steu­er­pa­kets aus dem Vor­jahr. Das würde pro Per­son zu einer durch­schnitt­li­chen Zusatz­be­las­tung von 1.000 Euro pro Jahr füh­ren, was ange­sichts die­ses Volu­mens – selbst bei einer schwer­punkt­mä­ßi­gen Belas­tung der reichs­ten Haus­halte – auch die Mit­tel­schicht emp­find­lich tref­fen würde.

Neben einer Kopie der deut­schen Schul­den­bremse wur­den als Alter­na­tive anschei­nend zwei wei­tere Fis­kal­re­geln dis­ku­tiert. Die mode­ra­teste Ver­sion wäre eine Erwei­te­rung der bis­he­ri­gen Pra­xis der Aus­ga­ben­ober­gren­zen auf alle Gebiets­kör­per­schaf­ten plus Beschrän­kung ihrer Zuwächse mit der mit­tel­fris­ti­gen Wachs­tums­rate. Aus­ga­ben­ober­gren­zen könn­ten zwar prin­zi­pi­ell wirt­schafts­po­li­tisch ver­kraft­bar aus­ge­stal­tet wer­den, hät­ten aber bereits eine lang­fris­tige Kür­zung des Staats­haus­halts und somit eine Behin­de­rung des sozia­len Fort­schritts zur Folge. Völ­lig jen­sei­tig wäre hin­ge­gen eine wei­tere Fis­kal­re­gel, näm­lich die von der ÖVP ver­langte Fest­schrei­bung einer Staats­schul­den­quote von 60 % des BIP bis 2020. Hier­für wären etwa 40 Mrd Euro – das ent­spricht mehr als der Hälfte des Bun­des­bud­gets – not­wen­dig. Wür­den zwi­schen­zeit­lich z.B. wei­tere Ban­ken­hil­fen gewährt, kämen sogar noch wei­tere Mil­li­ar­den hinzu.

Denn sie wis­sen, was sie tun?

Wäre die Sache wirt­schafts­po­li­tisch nicht so ernst, wäre diese grobe Fest­le­gung kaba­rett­reif: Jene Regie­rung, die noch im Vor­jahr mit der ver­spä­te­ten Bud­get­vor­lage die Ver­fas­sung gebro­chen hat, ver­pflich­tet sich und zukünf­tige Regie­rung mit­tels Ver­fas­sungs­än­de­rung zu wei­te­ren dra­ko­ni­schen Kon­so­li­die­rungs­maß­nah­men – die sie bis­her zu Recht mit dem Hin­weis auf die rela­tive Sta­bi­li­tät und die schwa­chen Wirt­schafts­pro­gno­sen aus­ge­schlos­sen hatte. Völ­lig unklar ist zudem, wes­halb es diese ver­fas­sungs­mä­ßige poli­ti­sche Selbst­ent­mün­di­gung braucht, denn nichts – abge­se­hen von wirt­schafts­po­li­ti­schem Sach­ver­stand – hin­dert die Regie­rung jed­wede Regel zu befol­gen, die sie poli­tisch auch tat­säch­lich befol­gen will.

Trotz­dem ist diese Inkon­se­quenz in gewis­sem Sinne auch wie­der kon­se­quent: Im Novem­ber des Vor­jah­res schloss der Bun­des­kanz­ler wei­tere Kon­so­li­die­rungs­maß­nah­men in die­ser Legis­la­tur­pe­riode aus, ehe er dann im März in Brüs­sel recht­li­che Ände­run­gen abseg­nete, die wei­tere Spar­pa­kete erfor­der­lich mach­ten. Und nun im Okto­ber bil­ligte er das Regie­rungs­ziel eines maxi­ma­len Defi­zits von 3,2 % des BIP 2012, nur um dann kurz dar­auf gemein­sam mit sei­nen euro­päi­schen Amts­kol­le­gIn­nen aus­ge­gli­chene Haus­halte in allen euro­päi­schen Staa­ten zu for­dern. Über­trof­fen wird er nur von sei­ner Finanz­mi­nis­te­rin, die zeit­gleich die Steu­er­be­las­tung redu­zie­ren, den Bud­get­pfad fort­füh­ren und die Staats­ver­schul­dung auf 60 % sen­ken will. Alles klar?

Das Argu­ment für diese poli­ti­sche Farce: Es brau­che ein glaub­haf­tes Signal an die Finanz­märkte, um die Zins­kos­ten rela­tiv nied­rig zu hal­ten. Die Pointe: In Spa­nien, wo eben erst eine Schul­den­bremse beschlos­sen wurde, hat man bewie­sen, dass ein aus­ge­gli­che­ner Haus­halt in der Ver­fas­sung das eben nicht leis­ten kann. Die Sekun­där­markt­zins­sätze spa­ni­scher Staats­an­lei­hen stie­gen in den Tagen rund um den Beschluss wei­ter an und wur­den erst durch die EZB-​​Intervention kurz­fris­tig sta­bi­li­siert – mitt­ler­weile haben sie sogar ein neues, untrag­ba­res Rekord­ni­veau erreicht.

Im Gegen­satz zu vie­len Poli­ti­ke­rIn­nen dürfte den meis­ten Finanz­markt­ak­teu­ren klar sein, dass reine Spar­po­li­tik ohne Rück­sicht auf Ver­luste nicht die lang­fris­ti­gen Ein­nah­men sichern kann, die es zur Bedie­nung der Staats­schul­den bei gleich­zei­ti­ger Auf­recht­er­hal­tung selbst rudi­men­tä­rer Staats­auf­ga­ben braucht. Ins­be­son­dere weil die grund­le­gen­den ökono­mi­schen Pro­bleme (Spa­nien: geplatzte Immo­bi­li­en­blase, Rekord­ar­beits­lo­sig­keit, pri­vate Ver­schul­dung; Öster­reich: Ban­ken­sek­tor bzw. des­sen Ost-​​Abhängigkeit, Italien-​​Verflechtung) unge­löst blei­ben, ist eine Schul­den­bremse in der Ver­fas­sung etwa so wirk­sam bzw. glaub­wür­dig wie ein Gesetz gegen schlech­tes Wetter.

Schul­den­bremse = Wohl­stands­bremse = Ablenkungsmanöver

Und das führt zum erns­ten Teil die­ser Farce. Was eine Schul­den­bremse brin­gen wird, ist also weni­ger eine Redu­zie­rung der Zins­kos­ten oder sta­bile Staats­haus­halte, son­dern im Gegen­teil eine ten­den­zi­elle Desta­bi­li­sie­rung von Wirt­schaft und Gesell­schaft durch die Ein­schrän­kung zukünf­ti­gen Wohl­stan­des. Für die­sen braucht es näm­lich Inves­ti­tio­nen, die sinn­vol­ler Weise von jenen bezahlt wer­den, die den größ­ten Nut­zen dar­aus zie­hen, näm­lich die zukünf­ti­gen Begüns­tig­ten über höhere zukünf­tige Ein­kom­men. Zudem braucht es die Mög­lich­keit, kon­junk­tu­relle Schwan­kun­gen aus­zu­glei­chen, um die kurz– wie lang­fris­ti­gen, indi­vi­du­el­len wie gesell­schaft­li­chen Fol­gen von Arbeits­lo­sig­keit abzu­mil­dern. Schul­den­brem­sen gefähr­den bei­des und kön­nen somit rasch zu Wohlstands-​​, Investitions-​​, Beschäftigungs-​​, Sozial– und Zukunfts­brem­sen mutieren.

Ein wei­te­res Pro­blem ist, dass mit der Schul­den­bremse indi­rekt sug­ge­riert wird, die Staats­ver­schul­dung wäre auf unver­ant­wort­li­che Bud­get­po­li­tik zurück­zu­füh­ren. Damit wird davon abge­lenkt, dass erst mit der Krise 2008 die Staats­ver­schul­dung wie­der gestie­gen, zuvor aller­dings in der Euro­zone kon­ti­nu­ier­lich gesun­ken ist (von 72,8 % vor ihrer Grün­dung auf 66,1 % des BIP 2007, ähnlich auch in Öster­reich). Würde man die­sen Zusam­men­hang stär­ker berück­sich­ti­gen, wäre zu erken­nen, dass es zur mit­tel­fris­ti­gen Redu­zie­rung der Staats­ver­schul­dung keine wirt­schafts­po­li­ti­sche Zwangs­ja­cke, son­dern Maß­nah­men gegen die haupt­säch­li­chen schul­den­trei­ben­den Fak­to­ren braucht: Ein kri­sen­an­fäl­li­ges Finanz­sys­tem, das Ban­ken­ret­tun­gen not­wen­dig macht; Kon­junk­tur­schwä­che und stei­gende Arbeits­lo­sig­keit, die die Steu­er­ein­nah­men sen­ken und zu höhe­ren Aus­ga­ben füh­ren (ins­be­son­dere für Arbeits­markt­po­li­tik); und letzt­lich unzu­rei­chende Bei­träge von Rei­chen und Unter­neh­men, die von der wirt­schaft­li­chen und steu­er­po­li­ti­schen Ent­wick­lung vor der Krise beson­ders profitierten.

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Staatsbankrott – Alternative zu Austeritätspolitik und Weg aus der Euro-Krise ?

Oktober. 18th 2011 — 9:50

Über die Sinn­haf­tig­keit und die Fol­gen einer Staats­in­sol­venz im Euro­raum gibt es geteilte Mei­nun­gen. Inwie­weit ist eine geord­nete Staats­in­sol­venz sinn­voll und würde die ökono­mi­schen und sozia­len Kos­ten der Krise in den betrof­fe­nen Län­dern und im Euro­raum redu­zie­ren? Wel­che Erfah­run­gen gibt es mit dem Instru­ment des Staat­bank­rotts beson­ders in Län­dern des Südens, wo die­ses Instru­ment seit lan­gem gefor­dert wird ? Wie kann eine gere­gelte Staats­in­sol­venz im Euro­raum gestal­tet wer­den ? Inwie­weit würde eine gere­gelte Staats­in­sol­venz zu Anste­ckungs­ef­fek­ten füh­ren und dadurch die Krise ver­schär­fen? Wel­che alter­na­ti­ven Poli­ti­ken gibt es zum Staats­bank­rott, um die Krise zu ent­schär­fen und die ökono­mi­schen und sozia­len Kos­ten der Krise reduzieren?


Im aktu­el­len Kurs­wech­sel  (Haupt­thema: „Roh­stoffe“) kom­men dazu zwei unter­schied­li­che Posi­tio­nen zu Wort: Kuni­bert Raf­fer (Uni Wien) for­dert schon seit Jahr­zehn­ten eine Staats­in­sol­venz­pro­ze­dur vor allem für Län­der des Südens. Tors­ten Niechoj (IMK) betont hin­ge­gen die Gefah­ren einer Staats­in­sol­venz im Euro­raum und argu­men­tiert für alter­na­tive Lösungen.


Das Heft erscheint Mitte Novem­ber, die Debat­ten­bei­träge sind vorab online.

Am 10.November 2011 um 19h in C3 (Sen­s­en­gasse 3, 1090 Wien) gibt es eine BEIGEWUM/​ÖFSEDis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung zum Thema mit Helene Schu­berth und Kuni­bert Raf­fer.

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Imagewandel für Grasser

August. 20th 2011 — 7:55

Ex-​​Finanzminister Gras­sers Lebens­freude ist seit gerau­mer Zeit beein­träch­tigt: Seine Tele­fon­samm­lung wird abge­hört, seine hilf­rei­che Kof­fer­trä­ge­rei öffent­lich ver­un­glimpft, und seine Bade­fo­tos müs­sen auf den Titel­blät­tern mit Nega­tiv­schlag­zei­len kon­kur­rie­ren. Gibt es denn gar kein Ent­kom­men aus dem Tief?


Viel­leicht doch – Vor­bil­der jen­seits der Grenze zei­gen vor, wie es gehen könnte: In den USA hat Mil­li­ar­där War­ren Buf­fet in einem offe­nen Brief die Regie­rung auf­ge­for­dert, ihn und sei­nes­glei­chen höher zu besteu­ern. Kurz dar­auf folg­ten die fran­zö­si­schen Mil­lio­näre Pierre Berge und Mau­rice Levy in der glei­chen Stoß­rich­tung für Frank­reich. Rei­che, die eine höhere Besteue­rung for­dern – so etwas gab es in Öster­reich  – von einer weit­ge­hend erfolg­lo­sen klei­nen Initia­tive der Grü­nen abge­se­hen – bis­lang nicht.


Welch eine ideale Vor­lage für den Selbstmarketing-​​versierten Gras­ser: Eine Insze­nie­rung als reui­ger Sün­der, inklu­sive Seitenblicke-​​begleiteter kol­lek­ti­ver Pil­ger­fahrt mit all sei­nen Bekann­ten nach Liech­ten­stein, Rück­kehr bar­fuß über die Grenze, in jeder Hand einen dicken Geld­kof­fer, dann per Bahn nach Wien und das glei­che noch mal von den hie­si­gen Ban­ken in Rich­tung Finanz­amt. Dort dann eine Rede, die die Nation und vor allem die Society-​​Szene bewegt. „Ich bereue, wider­rufe und for­dere: Über­fluss besteu­ern!“ Ein kirch­li­cher Wür­den­trä­ger erteilt die Abso­lu­tion, Trä­nen flie­ßen. Vor­hang. Der Coup sei­nes Lebens! Das wär doch was!

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Argumente in der (Staatsschulden-)Krise

Juni. 20th 2011 — 16:47

Der „Ret­tungs­schirm“ für Grie­chen­land und andere Euro­län­der mit Refi­nan­zie­rungs­pro­ble­men erhitzt sozi­al­dar­wi­nis­ti­sche Gemü­ter. Im Grunde wer­den mit dem Geld Export­märkte und Schuld­ner der Ban­ken im Kern Euro­pas sta­bi­li­siert. Die Spar­auf­la­gen, mit denen die Über­brü­ckungs­kre­dite ver­se­hen wur­den, sind makro­öko­no­misch und sozial desas­trös. Durch die popu­lis­ti­sche Welle, die selbst die­sen eigen­in­ter­es­sier­ten Sta­bi­li­sie­rungs­ver­su­chen ent­ge­gen­schwappt, wer­den sol­che Fra­gen jedoch über­schwemmt, und eine Dis­kus­sion um Alter­na­ti­ven (Mar­shall Plan für Grie­chen­land, Euro­bonds, inter­na­tio­nale Rege­lung für geord­nete Staa­ten­in­sol­venz, Regu­lie­rung der Finanz­märkte etc.) erstickt.
Nach jahr­zehn­te­lan­ger sozi­al­dar­wi­nis­ti­scher Rhe­to­rik neo­li­be­ra­ler Eli­ten wird die Gel­tung die­ser Prin­zi­pien jetzt von Rechts­ex­tre­men empört ein­ge­for­dert – in einem Moment, wo die wirt­schafts­po­li­ti­schen Eli­ten die Gren­zen der Leis­tungs­fä­hig­keit die­ser Dis­kurse und der damit ver­bun­de­nen wirt­schafts­po­li­ti­schen Para­dig­men erken­nen müs­sen. Die neo­li­be­rale Moral fliegt den Prot­ago­nis­tIn­nen jetzt um die Ohren.
Dem Mus­ter der BEIGEWUM-​​Mythen-​​Reihe ver­wandt hat die deut­sche Luxemburg-​​Stiftung jetzt ein sehr gutes Argu­men­ta­rium her­aus­ge­ge­ben, das „20 beliebte Irr­tü­mer in der Schul­den­krise“ auf­greift und Gegen­ar­gu­mente präsentiert. 

Hier öster­rei­chi­sche Zah­len zur Ergänzung:

3) „Faul­heit“? In Öster­reich beträgt die durch­schnitt­li­che Jah­res­ar­beits­zeit 1.621 Stun­den pro Beschäf­tig­teR (Grie­chen­land: 2.119 Stunden) 

5) Luxus­ren­ten? Das durch­schnitt­li­che Pen­si­ons­an­tritts­al­ter beträgt 58,9 Jahre in Öster­reich (Grie­chen­land: über 61,9 Jahre)

9) Man­gelnde Wett­be­werbs­fä­hig­keit? Spie­gel­bild öster­rei­chi­sche Exporte: Der Außen­han­dels­über­schuss gegen­über Grie­chen­land betrug in den letz­ten Jah­ren rund eine halbe Mrd. Euro pro Jahr

10) Kor­rup­tion: Die Schat­ten­wirt­schaft wird in Öster­reich auf 8% des BIP geschätzt. Grund­sätz­lich sind sol­che Schät­zun­gen sehr umstritten.

13) Gläu­bi­ger­be­tei­li­gung? Öster­rei­chi­sche Ban­ken hal­ten grie­chi­sche Staats­pa­piere im Wert rund 3–4 Mrd. Euro.

17) Für Freunde nicht bür­gen? Der öster­rei­chi­sche Anteil am Ret­tungs­schirm für Grie­chen­land liegt bis­lang bei rund 2,3 Mrd. Euro.
Von den Aus­ga­ben für die Ban­ken­rett­tung in Öster­reich sind bis­lang 1,4 Mrd. uneinbringlich.

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Europäische Wirtschaftsregierung – eine stille neoliberale Revolution?

März. 16th 2011 — 11:27

Wäh­rend die Finanz– und Wirt­schafts­krise deut­lich zutage brachte, dass nicht nur die Dere­gu­lie­rung der Finanz­märkte, son­dern auch die Wirt­schafts­po­li­tik der letz­ten Jahr­zehnte mit wach­sen­den Leis­tungs­bi­lan­zun­gleich­ge­wich­ten, rapide zuneh­men­den Ungleich­hei­ten in der Ver­tei­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen, anhal­ten­der Wachs­tums­schwä­che durch eine im Rah­men des Sta­bi­li­täts– und Wachs­tums­pak­tes (SWP) kon­zer­tierte öffent­li­che Kon­so­li­die­rungs­po­li­tik und schäd­li­chem Steu­er­wett­be­werb, beglei­tet von Dere­gu­lie­rung und Pri­va­ti­sie­rung, wirt­schafts­po­li­tisch der fal­sche Weg und kon­tra­pro­duk­tiv ist, zeigt sich gegen­wär­tig eine erstaun­li­che Dyna­mik : Die öffent­li­che Debatte ist domi­niert von Geschich­ten über Staa­ten die – vor­nehm­lich selbst­ver­schul­det – nahe am Staats­bank­rott sind, dra­ma­ti­schen Ret­tungs­ak­tio­nen, Refi­nan­zie­rungs­schwie­rig­kei­ten, Gefah­ren des Aus­ein­an­der­bre­chens des Euros und Dis­zi­pli­nie­rung durch Finanz­märkte (Zins­druck). In einer der­art dra­ma­ti­schen Situa­tion müs­sen die »unver­ant­wort­li­chen EU-​​Mitgliedsstaaten« hart her­ge­nom­men wer­den : »Die EU schlägt zurück« und »the EU gets tough«, so die Pres­se­ver­laut­ba­run­gen der Euro­päi­schen Kom­mis­sion. Und : wer erlaubt sich ange­sichts einer der­ar­ti­gen Dra­ma­tik über­haupt den Luxus, Kri­tik zu üben ?

Wäh­rend die Not­wen­dig­keit bes­se­rer und ver­stärk­ter wirt­schafts­po­li­ti­scher Koor­di­nie­rung und Steue­rung inner­halb der EU weit­ge­hend unbe­strit­ten ist, sind sowohl hin­sicht­lich der Aus­ge­stal­tung der vor­ge­schla­ge­nen Instru­mente und Pro­zesse als auch hin­sicht­lich des Zustan­de­kom­mens der neuen Rege­lun­gen aus wirt­schafts– und demo­kra­tie­po­li­ti­scher Per­spek­tive grund­le­gende Ein­wände anzu­mel­den. Diese Maß­nah­men haben gra­vie­rende Aus­wir­kun­gen auf die wirt­schafts­po­li­ti­schen Spiel­räume der Mit­glied­staa­ten, sie stel­len de facto Ein­griffe in die Bud­get­ho­heit und eine Umge­hung von demo­kra­ti­schen Mecha­nis­men in Mit­glied­staa­ten und auf EU Ebene dar.

In einer online Vorab-​​Version ihres Bei­trags für Kurs­wech­sel 1/​2011 („Zukunfts­aus­sich­ten“) ana­ly­sie­ren Eli­sa­beth Klat­zer und Christa Schla­ger die geplan­ten EU-​​Reformen.

Am 31.3.2011 laden wir zu einer Dis­kus­sion zum Thema mit der Bei­trags­au­to­rin Eli­sa­beth Klat­zer und dem deut­schen Gewerk­schafts­öko­no­men Dierk Hirschel.

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