Private Pensionssysteme und die Finanzkrise

Agnes Streissler am 12. Oktober 2009 um 15:06h

Die Ver­mö­gen, die inter­na­tio­nal für die Alters­vor­sorge „ange­spart“ wur­den, sind rie­sig. Die Pen­si­ons­fonds alleine (also ohne pri­vate Ver­si­che­rungs­ver­träge, Pen­si­ons­rück­stel­lun­gen und Fonds von Finanz­in­sti­tu­tio­nen) hat­ten 2007 ein Ver­mö­gen von sage und schreibe 17.900.000.000.000 also fast 18 Bil­lio­nen US Dol­lar. 57 Pro­zent davon lagen in den Pen­si­ons­fonds der USA. Im OECD-​​Schnitt sind damit über 75 Pro­zent des BIP in Pen­si­ons­fonds ver­an­lagt. 2001 waren es 67 Pro­zent. Getrie­ben waren diese Aus­wei­tun­gen von der Vor­stel­lung immer höhe­rer Renditen.

USA mach­ten es vor, Europa folgte

Seit 2000 zieht Europa nach. Zwi­schen 2001 und 2007 stieg das in Pen­si­ons­fonds ver­an­lagte Ver­mö­gen in Europa um 141 Pro­zent auf 4.300 Mrd US Dol­lar. Zum Ver­gleich: Das BIP stieg im glei­chen Zeit­raum um 32 Pro­zent. Spit­zen­rei­ter sind die Nie­der­lande (fast 160 Pro­zent des BIP) vor Groß­bri­tan­nien (110 Pro­zent). Öster­reich, das auch ein star­kes Wachs­tum der pri­va­ten Pen­si­ons­fonds in die­sem Zeit­raum auf­wies, befin­det sich mit rund 6 Pro­zent auf einem eher nie­de­ren Niveau.

Absturz und Ver­luste in der Krise

Der Trend in Rich­tung pri­va­ter Pen­si­ons­vor­sorge hat auf­grund der dadurch erzeug­ten „Kapi­tal­markt­in­fla­tion“ die Finanz­märkte zusätz­lich auf­ge­bläht. Die ver­spro­che­nen hohen Ertrags­ra­ten kapi­tal­ge­deck­ter Alters­vor­sorge haben die share­hol­der– Phi­lo­so­phie und die Kurz­sich­tig­keit der Finanz­märkte noch ver­stärkt. Die ste­tige Ver­grö­ße­rung der Dis­kre­panz zwi­schen Bör­sen­kur­sen und rea­len Wer­ten baute ein enor­mes Absturz­po­ten­tial auf.
Die mas­sive Ent­wer­tung von Pen­si­ons­ver­mö­gen führt nun zu erheb­li­chen Finan­zie­rungs­lü­cken und bringt bei Leis­tungs­zu­sa­gen Unter­neh­men zusätz­lich unter Druck. Leis­tungs­kür­zun­gen und redu­zierte Ertrags­er­war­tun­gen füh­ren zu Nach­fra­ge­aus­fäl­len und ver­schär­fen den wirt­schaft­li­chen Abschwung. Die stark pro­zy­kli­schen Effekte kapi­tal­ge­deck­ter Vor­sorge in Kri­sen­zei­ten wir­ken zusätz­lich destabilisierend.

Fünf Bil­lio­nen Dol­lar vernichtet

In der gesam­ten OECD ist der Markt­wert von pri­va­ten Pen­si­ons­an­spar­plä­nen zwi­schen Dezem­ber 2007 und Okto­ber 2008 um ca fünf Bil­lio­nen Dol­lar gefal­len (5.000.000.000.000 Dol­lar bzw 3,6 Bil­lio­nen Euro – das ent­spricht 33 Pro­zent der gesam­ten Wirt­schafts­leis­tung der EU-​​27 Län­der). In den USA haben selbst die Fonds, die ein rela­tiv aus­ge­wo­ge­nes Port­fo­lio (rund 30 Pro­zent Akti­en­an­teil) haben, im Durch­schnitt 17 Pro­zent ihres Werts ver­lo­ren.
Die Finanz­krise hat die kapi­tal­ge­deck­ten Pen­si­ons­sys­teme mas­siv getrof­fen. Die Ver­luste der pri­va­ten Pen­si­ons­sys­teme in den Jah­ren 2008 und 2009 sind enorm. In den USA wird gerech­net, dass die Ver­luste der Pen­si­ons­fonds fünf Jahre an Gewin­nen aus­ra­diert haben. Die öster­rei­chi­schen Pen­si­ons­kas­sen haben im Durch­schnitt 13 Pro­zent ver­lo­ren. Im Jän­ner 2009 hat der Fach­ver­band der öster­rei­chi­schen Pen­si­ons­kas­sen bekannt gege­ben, dass ca 42.000 der 63.000 Bezie­he­rIn­nen von Frmen­pen­sio­nen mit Ver­lus­ten rech­nen müs­sen. In etli­chen Fäl­len kam es zu Kür­zun­gen um 20 Pro­zent und mehr.

Die kri­ti­schen Varia­blen von Pensionssystemen

Demo­gra­phie
Die demo­gra­phi­sche Ent­wick­lung stellt alle Pen­si­ons­sys­teme vor Her­aus­for­de­run­gen, Kapi­tal­de­ckungs­sys­teme sind dabei nicht demo­gra­phie­re­sis­ten­ter. Wie mit der demo­gra­phi­schen Ent­wick­lung umge­gan­gen wird, ist letzt­lich immer eine Frage der Ver­tei­lung des jeweils real erwirt­schaf­te­ten Ein­kom­mens. Auch in kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men mit in Aktien, Anlei­hen und sons­ti­gen Finanz­pro­duk­ten ver­an­lag­ten Pen­si­ons­ver­mö­gen kann immer nur das als Arbeits-​​, Gewinn-​​, Pen­si­ons­ein­kom­men etc. ver­teilt wer­den, was auch tat­säch­lich real erwirt­schaf­tet wird. Wäh­rend öffent­li­che Umla­ge­sys­teme hier­bei ein brei­tes Risi­ko­poo­ling und einen brei­ten Las­ten­aus­gleich ermög­li­chen, erfolgt der „Aus­gleich“ in den meis­ten kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men über die hef­ti­gen „Ups and Downs“ der Börsenkurse.

Wirt­schafts­wachs­tum
Jedes Pen­si­ons­sys­tem hängt vom Wachs­tum der Real­wirt­schaft ab

Es gibt keine wun­der­bare Ren­ten­ver­meh­rung, jedes Pen­si­ons­sys­tem ist von der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung abhän­gig. Es geht dabei letzt­lich um die Real­wirt­schaft und nicht um vir­tu­elle Erträge aus „fan­ta­sie­vol­len“ Finanz­pro­duk­ten. Wäh­rend die Argu­mente für Wachs­tum för­dernde Effekte kapi­tal­ge­deck­ter Sys­teme wenig über­zeu­gen, wer­den die nega­ti­ven Effekte auf das Wachs­tum durch deren pro­zy­kli­sche, desta­bi­li­sie­rende Wir­kung gerade in Kri­sen­zei­ten umso deut­li­cher. Dem­ge­gen­über gehen von öffent­li­chen, auch in der Krise die Kauf­kraft erhal­ten­den Umla­ge­sys­te­men wesent­li­che sta­bi­li­sie­rende und damit Wachs­tum för­dernde Effekte aus (auto­ma­ti­sche Stabilisatoren).

Jedes Pen­si­ons­sys­tem hängt von der demo­gra­phi­schen und der real­wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung ab, kapi­tal­ge­deckte Sys­teme zusätz­lich auch von den insta­bi­len Finanz­märk­ten. Da das Risiko und die Schwan­kun­gen auf den Finanz­märk­ten sehr hoch sind, ist eine auch nur eini­ger­ma­ßen ver­läss­li­che Vor­her­sage der Höhe kapi­tal­ge­deck­ter Ren­ten – über etwaige, zumeist sehr nied­rige Garan­tie­zins­sätze hin­aus (z.B. klas­si­sche Lebens­ver­si­che­rung) – nicht mög­lich. Die Pen­si­ons­höhe wird ganz ent­schei­dend vom Zeit­punkt des Pen­si­ons­an­tritts und der dann jeweils vor­herr­schen­den Lage am Finanz­markt mit­be­stimmt. Abrupte dras­ti­sche Kurs­ein­brü­che kön­nen die Lebens­pla­nung von Jahr­zehn­ten inner­halb weni­ger Tage oder Wochen völ­lig auf den Kopf stel­len. Hohe, oft völ­lig unrea­lis­ti­sche Ertrags­er­war­tun­gen trei­ben das Risiko wei­ter in die Höhe und füh­ren zu oft­mals völ­lig unzu­rei­chen­den Sum­men, die für die Pen­sion ange­spart wer­den. Zu beach­ten ist in die­sem Zusam­men­hang, dass die Vola­ti­li­tät der Finanz­märkte seit Anfang der Neun­zi­ger Jahre stark zu genom­men hat.


Jedes Sys­tem ver­wen­det die ange­spar­ten Mit­tel in der Gegenwart


Weder in einem umla­ge­fi­nan­zier­ten noch in einem kapi­tal­ge­deck­ten Sys­tem bleibt das „ange­sparte“ Geld im Tre­sor lie­gen – es fin­det immer sofort wie­der sei­nen Ein­gang in das Wirt­schafts– und/​oder Finanz­sys­tem. So legt der Staat die ein­be­zahl­ten Pen­si­ons­bei­träge nicht „unter den Kopf­pols­ter“: Sie flie­ßen in Form von Pen­sio­nen für die ältere Gene­ra­tion und sichern damit deren Teil­ha­be­chan­cen und ermög­li­chen Konsum.


Eben­so­we­nig kom­men die Pen­si­ons­bei­träge für kapi­tal­ge­deckte Sys­teme in ein Spar­schwein. Sie flie­ßen auf die Finanz­märkte, wo ver­sucht wird höchst­mög­li­che Ren­di­ten zu erzie­len. Die­ses Geld ist daher kei­nes­wegs „sicher“, wie gerade die Ereig­nisse der letz­ten Monate deut­lich vor Augen geführt haben.


Wie stark der Zusam­men­hang zwi­schen den so der Wirt­schaft zunächst ent­nom­me­nen (über Bei­träge bzw Spar­ein­la­gen) und dann wie­der zurück­flie­ßen­den Mit­teln (über Pen­si­ons­leis­tun­gen) ist, ist aber stark sys­tem­ab­hän­gig und mit unter­schied­lichs­ten Ris­ken behaftet.


Im Umla­ge­ver­fah­ren wer­den die Bei­träge sofort wie­der als Pen­sio­nen aus­be­zahlt und damit nach­fra­ge­wirk­sam. In kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men gibt es zuerst eine Ver­an­la­gung auf den Finanz­märk­ten, die für sich noch keine Aus­wei­tung der rea­len Inves­ti­tio­nen, son­dern mit­un­ter nur ein Auf­blä­hen der Bör­sen­kurse bewirkt.


Finanz­markt­ris­ken tref­fen vor allem kapi­tal­ge­deckte Systeme


Eine Wirt­schafts­krise, wie die aktu­ell gege­bene, ist auf­grund der all­ge­mei­nen Belas­tung der öffent­li­chen Haus­halte und der pro­ble­ma­ti­schen Ent­wick­lung auf den Arbeits­märk­ten selbst­ver­ständ­lich auch für umla­ge­fi­nan­zierte Sys­teme eine finan­zi­elle Belas­tung. Das Risiko aber, dass schlag­ar­tig Ver­mö­gen ent­wer­tet wer­den und somit die Alters­si­che­rung nicht mehr aus­rei­chend gege­ben ist, gibt es nur in kapi­tal­ge­deck­ten Systemen.


In einem umla­ge­fi­nan­zier­ten Sys­tem, wie dem öster­rei­chi­schen (Aus­falls­haf­tung des Bun­des), sind auch bei kri­sen­be­ding­ten Bei­trags­aus­fäl­len die Pen­si­ons­leis­tun­gen sicher­ge­stellt. Die damit ein­her­ge­hende Finan­zie­rungs­lü­cke erhöht zwar kurz­fris­tig den erfor­der­li­chen Bun­des­bei­trag, deren Aus­maß ist aber nicht annä­hernd so hoch wie die, durch die Finanz­krise ver­u­sach­ten Fehl­be­träge in kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men. Gleich­zei­tig gehen davon auch wesent­li­che kon­junk­tur­sta­bi­li­sie­rende Effekte (auto­ma­ti­sche Sta­bi­li­sa­to­ren) aus. Wäh­rend die Ver­mö­gens­ver­nich­tung bei kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men hin­ge­gen kri­sen­ver­schär­fend wirkt.


Auch Kos­ten­ab­wä­gun­gen spre­chen für umla­ge­fi­nan­zierte, öffent­li­che Sys­teme. Die Zur­ver­fü­gung­stel­lung adäqua­ter Ein­kom­men im Alter ver­ur­sacht natür­lich erheb­li­che Kos­ten und zwar unab­hän­gig vom Finan­zie­rungs­ver­fah­ren. Öffent­li­che Umla­ge­ver­fah­ren erwei­sen sich dabei auf­grund gerin­ge­rer Ver­wal­tungs– und Ver­triebs­kos­ten sowie feh­len­der Ver­mö­gens­ver­wal­tungs­kos­ten und Gewinn­zah­lun­gen auch als effi­zi­en­ter als kapi­tal­ge­deckte pri­vate Sys­teme. Ver­meint­li­che Kos­ten­vor­teile kapi­tal­ge­deck­ter Sys­teme resul­tie­ren aus viel ein­ge­schränk­te­ren Leis­tungs­spek­tren (z.B. keine Abde­ckung des Inva­li­di­täts­ri­si­kos) und/​oder (oft weit) über­höh­ten Renditeannahmen.


Lang­zeit­be­rech­nun­gen bele­gen: Die Finan­zie­rung des öster­rei­chi­schen Umla­ge­ver­fah­ren läuft nicht aus dem Ruder. Das öster­rei­chi­sche Umla­ge­sys­tem bleibt trotz mas­si­ver Ver­schie­bun­gen in der Alters­struk­tur finan­zier­bar, die Kos­ten­ent­wick­lung läuft kei­nes­wegs aus dem Ruder. Trotz stei­gen­der Zahl der Älte­ren in der Gesell­schaft wird es nur zu einem mode­ra­ten Anstieg beim Pen­si­ons­auf­wand kommen.


Die Stu­die ist hier down­load­bar.


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