Stichwort: EU


Zeit zur Umkehr

März. 18th 2013 — 18:51

Der Ver­gleich von EU-​​Prognosen für die Kri­sen­staa­ten und deren Ent­wick­lung seit 2007 zeigt, wie nötig ein Rich­tungs­wech­sel in Theo­rie und Poli­tik ist. Die Aus­te­ri­täts­po­li­tik in den soge­nann­ten Pro­gramm­län­dern in der EU hat zuneh­mend kata­stro­phale Fol­gen, und die Pro­gno­sen sind stets bes­ser als das Ergebnis.

Eine Theo­rie, deren Pro­gno­sen regel­mä­ßig falsch lie­gen, sollte laut Sir Karl Pop­per ver­wor­fen wer­den. Eine Kon­junk­tur­po­li­tik, die nur darin besteht, die Hoff­nung auf den Auf­schwung auf den in der Zukunft lie­gen­den Pro­gno­se­ho­ri­zont zu ver­schie­ben, eben­falls. Bei­des trifft auf die momen­tane Poli­tik der Troika zu. Zunächst wurde die Krise etwas zu pes­si­mis­tisch ein­ge­schätzt; es wurde eine expan­sive Wirt­schafts­po­li­tik ein­ge­schla­gen. Doch seit 2010 herrscht in den Pro­gno­sen über­trie­be­ner Opti­mis­mus, und in den Pro­gramm­län­dern wird eisern gespart.

In Grie­chen­land war die Ent­wick­lung beson­ders schlimm. Im Mai 2010 hoffte man noch für 2011 mit einem wei­te­ren Minus von 4% gegen­über 2009 aus der Krise zu kom­men. Im Novem­ber 2010 rech­nete man schon mit einem Minus von 7% für 2011. Dies setzte sich von Jahr zu Jahr fort: 2013 glaubte man nun mit gut 20% Ver­lust an Wirt­schafts­leis­tung sei die Tal­sohle erreicht. Es ist zu hof­fen, dass diese Pro­gnose nun nicht noch­mals nach unten kor­ri­giert wird. An der kata­stro­pha­len Per­for­mance von Pro­gno­sen und Poli­tik ändert das aller­dings nichts mehr.

Die fol­gen­den Gra­fi­ken zei­gen die Ent­wick­lung des rea­len BIP im Ver­gleich zu 2009, anhand der zu den jewei­li­gen Zeit­punk­ten erstell­ten Pro­gno­sen. Die Pro­gnose vom Februar 2013 ent­hält für die Jahre bis 2011 die tat­säch­li­chen und für 2012 die vor­läu­fi­gen Werte.

In Irland lie­gen Pro­gno­sen und Poli­tik eben­falls unter den Erwar­tun­gen. Der ein­zige, wenn auch schwa­che Trost ist, dass es in Irland zumin­dest lang­sam bes­ser wird.

Sor­gen berei­tet das Bild für Por­tu­gal und Spa­nien. Hier scheint es momen­tan zu einem Wech­sel vom iri­schen Regen in die grie­chi­sche Traufe zu kom­men. Sah es zunächst noch nach lang­sa­mer Erho­lung aus, so scheint seit 2011 ein mas­si­ver Ein­bruch im Gange zu sein. Ein Grund mehr, Theo­rie und Poli­tik zu wechseln.

Ange­sichts die­ser Bil­der ist es kein Wun­der, dass die DG Eco­fin die adjust­ment Pro­gramme für Grie­chen­land, Irland, Por­tu­gal und für Spa­ni­ens Finanz­sek­tor stets mit fol­gen­dem Dis­clai­mer versieht:

„Neit­her the Euro­pean Com­mis­sion nor any per­son acting on its behalf may be held responsi­ble for the use which may be made of the infor­ma­tion con­tai­ned in this publication.”

Na ja, wenn sie damit durchkommt.

PS: Ein Lob muss man der DG Eco­fin jedoch machen: Diese Dar­stel­lun­gen wären nicht mög­lich gewe­sen, wenn die DG nicht schon seit Län­ge­rem ihre AMECO Daten­bank mit den Makro-​​Daten (ein­schließ­lich der Pro­gno­sen) im Inter­net öffent­lich zur Ver­fü­gung stellte. 

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It´s the ideology, stupid oder warum mehr Europa weniger für die Menschen bedeuten könnte! Zu den aktuellen Diskussionen über die länderspezifischen Empfehlungen und die Fiskalunion

Juni. 20th 2012 — 10:47

Die euro­päi­sche Union ist in der Krise, was beson­ders deut­lich sicht­bar wird durch die Gleich­zei­tig­keit von mehr Inte­gra­tion, etwa in Rich­tung Fis­kal­union, und Des­in­te­gra­tion, etwa das Zurück­grei­fen auf bila­te­rale, völ­ker­recht­li­che Ver­träge. Die Ursa­chen sind län­ger­fris­ti­ger Natur: Die EU ist nie bei den Men­schen ange­kom­men, sie ist ein Pro­jekt der euro­päi­schen Eli­ten geblie­ben, das diese jenen nie zu ver­mit­teln such­ten („die ver­ste­hen das ja gar nicht …“). Hinzu kommt ein ideo­lo­gi­scher Grund: Die markt­li­be­rale, ja – radi­kale Aus­rich­tung des Inte­gra­ti­ons­pro­jek­tes, sicht­bar gewor­den in beson­de­rem Maße am Bin­nen­markt­pro­jekt und der Wäh­rungs­union, gene­riert vor allem Vor­teile für die Unter­neh­men, die in gewis­sem Aus­maß als zusätz­li­che Beschäf­ti­gung auch bei den Arbeit­neh­me­rIn­nen ankom­men. Aber es wer­den häu­fig pre­käre Beschäf­ti­gungs­for­men geschaf­fen, der Arbeits­druck stieg ins­ge­samt enorm an, sodass der Nut­zen für den Ein­zel­nen ent­we­der nicht sicht­bar wurde oder über­haupt aus­blieb. Dar­über hin­aus ver­hin­derte diese staats­feind­li­che Ideo­lo­gie ein sinn­vol­les Aus­maß an Regu­lie­rung des Han­dels mit Deri­va­ten und des Trei­bens der Invest­ment­ban­ker und Hedge­fonds­ma­na­ger. Das sind aber die wah­ren Ursa­chen der gegen­wär­ti­gen Krise der EU, die dazu füh­ren, dass kon­ser­va­tive Regie­rungs­che­fin­nen Ent­schei­dun­gen auf EU-​​Ebene, wie Kon­junk­tur­pro­gram­men und de-​​facto Haf­tun­gen für die Schul­den ande­rer Län­der zustim­men, die dia­me­tral gegen ihre ideo­lo­gi­schen Aus­rich­tung sind. Daher diese Gleich­zei­tig­keit von Inte­gra­tion und Des­in­te­gra­tion. Daher die Unmög­lich­keit, den Men­schen zu erklä­ren, was ihnen die EU denn für kon­krete Vor­teile bringe – der Ver­weis auf die Abwe­sen­heit von Krieg hat seine Strahl­kraft längst auf­ge­braucht.
Ein Mehr an Europa kann im Kern ja nur bedeu­ten, neben dem Euro­päi­schen Par­la­ment die EU-​​Kommission zu stär­ken. Mit dem Vor­pre­schen von Frank­reich und Deutsch­land in den letz­ten Jah­ren ist jedoch de facto das Gegen­teil pas­siert. Herr Bar­roso spielt äußerst unfrei­wil­lig den Sta­tis­ten. Die EU-​​Kommission zu stär­ken würde aber auch hei­ßen, ihren Appa­rat zu stär­ken. Wer, im Gegen­satz zu einem nicht unbe­kann­ten öster­rei­chi­scher Lite­ra­ten, mehr als nur ein paar Monate mit Kom­mis­si­ons­be­am­ten zu tun hatte, dem wird Angst und Bange bei dem Gedan­ken, ihnen mehr Macht und Ein­fluss zu über­ant­wor­ten. Arro­ganz, Igno­ranz, Oppor­tu­nis­mus und, ja, man muss es lei­der so deut­lich sagen, ideo­lo­gi­sche Ver­bohrt­heit sind nicht sel­ten ein Mar­ken­zei­chen die­ses Schla­ges von Beam­ten. Hinzu kommt die domi­nante Stel­lung der Gene­ral­di­rek­tion für Wirt­schaft und Finan­zen und von Finanz­mi­nis­te­rien ganz all­ge­mein in allen wirt­schafts­po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen der EU, die sie stän­dig auf Bud­get­dis­zi­plin und Struk­tur­re­for­men redu­zie­ren wol­len. Häu­fig denkt man sich dabei: Säckel­wart, wärst du doch bei dei­nem Leis­ten geblie­ben! Ein aktu­el­les Bei­spiel, das die Malaise beson­ders deut­lich zum Aus­druck bringt, sind die Dis­kus­sio­nen zu den län­der­spe­zi­fi­schen Emp­feh­lun­gen, laut Arti­kel 121 und 148 AEUV, immer­hin nicht das unwe­sent­lichste Ver­fah­ren! Die EU-Kom¬mission legte am 30. Mai 2012 einen Vor­schlag vor (nach­zu­le­sen unter http://ec.europa.eu/europe 2020/making-it-happen/country-specific-recommendations/index_en.htm), von dem sie beharr­lich aus­geht, dass er nicht von den Mit­glied­staa­ten abge­än­dert wer­den dürfe, obwohl diese Emp­feh­lun­gen letzt­lich der Rat beschließt. Eine Viel­zahl die­ser Emp­feh­lun­gen greift im Detail in natio­nale Rege­lun­gen ein. Dies jedoch nicht sel­ten ohne ent­spre­chende empi­ri­sche Grund­lage. Bei­spiels­weise wird Luxem­burg (und Bel­gien, Malta und Zypern) drin­gend emp­foh­len, das Sys­tem der Lohn­in­de­xie­rung abzu­schaf­fen, bei dem die Löhne mit­tel­fris­tig etwa im Aus­maß der Infla­tion stei­gen sol­len (um Real­lohn­ver­luste zu ver­hin­dern). Das ist eine Debatte aus den 1980er Jah­ren, als es noch mili­tante Gewerk­schaf­ten gab und Infla­tion ein Pro­blem war. Ist Infla­tion heute ein Pro­blem (in die­sen Län­dern)? Jeder der die Daten kennt, wird die Frage natür­lich mit Nein beant­wor­ten. Aber die Fak­ten­lage lässt die Beam­ten der Kom­mis­sion und die Ver­tre­ter der EZB unbe­ein­druckt. Ein ande­res Bei­spiel aus dem Vor­schlag der EU-​​Kommission zu den Emp­feh­lun­gen rich­tet sich an Spa­nien, dem nach­drück­lich emp­foh­len wird: „Acce­le­rate the increase in the sta­tutory reti­re­ment age” – dies trifft wahr­lich den Kern der Pro­bleme, die Spa­nien im Moment hat! Bei Öster­reich wie­derum wird unnach­gie­big ver­langt, die Anhe­bung des gesetz­li­chen(!) Pen­si­ons­al­ters im Aus­maß des Anstie­ges der Lebens­er­war­tung vor­zu­neh­men. Der Ein­wand, dass Öster­reich zuerst ver­sucht, den gro­ßen Abstand zwi­schen fak­ti­schem und gesetz­li­chem Antritts­al­ter bei den Män­nern zu redu­zie­ren, wird geflis­sent­lich igno­riert. Aber wirk­lich empö­rend ist die Vor­gangs­weise: Bei einer gemein­sa­men Sit­zung des Wirt­schafts­po­lit­schen und Beschäf­ti­gungs­po­li­ti­schen Aus­schuss am 7. Juni wur­den bei den Abstim­mun­gen zwei­mal ein­fach zu wenig Stim­men gezählt (16 anstelle von 18), wodurch ver­hin­dert wurde, dass die Ände­rungs­wün­sche des Mit­glied­staa­tes ange­nom­men wor­den wären. Der schwer­wie­gende Vor­wurf der Mani­pu­la­tion einer Abstim­mung muss an den Vor­sit­zen­den vom Wirt­schafts­po­li­ti­schen Aus­schuss gerich­tet wer­den (Zeu­gen des wirk­lich empö­ren­den Vor­gan­ges sind alle Mit­glie­der der bei­den Aus­schüsse, die im Inter­net zu fin­den sind). Und dass es Absicht und kein Miss­ge­schick war, dafür spricht die extrem ein­sei­tige Vor­sitz­füh­rung gegen die Mit­glied­staa­ten: es wurde zu Beginn nicht geklärt, nach wel­chem Ver­fah­ren abge­stimmt wer­den würde; die schwei­gen­den Mehr wurde immer als Votum gegen die Mit­glied­staa­ten inter­pre­tiert, weil nur die Ja-​​Stimmen abge­fragt wur­den, etc. Die gesamte Sit­zung war eigent­lich ein Skan­dal, ein Tief­punkt der beson­de­ren Art, jeden­falls kein gutes Zei­chen für Kom­men­des – wenn es etwa darum gehen soll, der Kom­mis­sion im Rah­men eines zukünf­ti­gen Fis­kal­pak­tes mehr Kom­pe­ten­zen zu über­tra­gen.
Wir sind dabei, beim Auf­bau eines inte­grier­ten Euro­pas die Men­schen end­gül­tig zu ver­lie­ren. Weil die mark­tra­di­ka­len Ideo­lo­gen am Werk sind. Weil Min­dest­stan­dards an demo­kra­ti­schen Ver­fah­ren nicht ein­ge­hal­ten wer­den. Weil die Tech­no­kra­ten und Ökono­men in Brüs­sel und andern Ortes hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand ohne­hin der Mei­nung sind, dass es ein Ende haben müsste mit den inef­fi­zi­en­ten demo­kra­ti­schen Ver­fah­ren der natio­na­len Par­la­mente und Par­teien. Alles Zei­chen an der Wand, die nichts Gutes ver­hei­ßen für die Zukunft die­ser Euro­päi­schen Union, ja eigent­lich auf ihren Ver­fall hinweisen.

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30. Mai: Die EU in der Krise

Mai. 23rd 2012 — 11:19

Die EU in der Krise: Zwi­schen auto­ri­tä­rem Eta­tis­mus und euro­päi­schem Frühling

Datum: Mitt­woch, 30. Mai, 19 Uhr

Ort: NIG, 2. Stock, Hör­saal 1, Uni­ver­si­täts­straße 7, 1010 Wien

Buch­prä­sen­ta­tion und Diskussion mit

Pia Eber­hardt (Cor­po­rate Europe Obser­vatory, Brüs­sel): Lob­by­is­mus und euro­päi­sche Post­de­mo­kra­tie – Ein­bli­cke in den EU-​​Staats-​​Zivilgesellschaftskomplex
Lukas Obern­dor­fer (juri­di­kum und Asso­zia­tion für kri­ti­sche Gesell­schafts­for­schung): Hege­mo­nie­krise in Europa: Eco­no­mic Gover­nance und Fis­kal­pakt – Ele­mente einer auto­ri­tä­ren Wende?
Mode­ra­tion und Ein­lei­tung: Oli­ver Praus­mül­ler (BEIGEWUM)

Der euro­päi­sche Inte­gra­ti­ons­pro­zess wird durch eine „Viel­fach­krise“ erschüt­tert: Euro-​​Krise, Staats­kri­sen, der Legi­ti­ma­ti­ons­ver­lust der EU sowie das Feh­len eines neuen popu­lä­ren euro­päi­schen Pro­jek­tes. Die sozia­len Kämpfe gegen eine Abwäl­zung der Kri­sen­fol­gen nach unten und für eine weit­ge­hende Demo­kra­ti­sie­rung der Gesell­schaft eska­lie­ren zuneh­mend. Der Bei­trag der sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen ‚Euro­pa­for­schung‘ zum kri­ti­schen Ver­ständ­nis die­ser Ent­wick­lun­gen ist mar­gi­nal. Dazu will der vor­lie­gende Band der Asso­zia­tion für kri­ti­sche Gesell­schafts­for­schung (AkG) und der For­schungs­gruppe Staats­pro­jekt Europa  einen Kon­trast set­zen. Die Bei­träge unter­su­chen aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven einer kri­ti­schen Inte­gra­ti­ons­for­schung Hin­ter­gründe und Dyna­mik der Krise und dis­ku­tie­ren eman­zi­pa­to­ri­sche Stra­te­gien für ein ande­res Europa. Anläss­lich der Buch­prä­sen­ta­tion stel­len Pia Eber­hardt und Lukas Obern­dor­fer ihre Bei­träge zum jüngst erschie­nen Sam­mel­band der Asso­zia­tion für kri­ti­sche Gesell­schafts­for­schung vor und dis­ku­tie­ren die jüngs­ten Ent­wick­lun­gen der euro­päi­schen Krise.

Ver­an­stal­te­rIn­nen:
Asso­zia­tion für kri­ti­sche Gesell­schafts­for­schung, BEIGEWUM, Chick­Lit – femi­nis­ti­sche Buch­hand­lung, Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Wien und  juri­di­kum (zeit­schrift für kritik|recht|gesellschaft)

Wei­tere Infos:
www.staatsprojekt-europa.eu
www.facebook.com/staatsprojekteuropa

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29. Mai: Frankreich nach der Wahl

Mai. 23rd 2012 — 11:17

FRANKREICH NACH DER WAHL: Bilanz für Sar­kozy. Mit Hol­lande für ein ande­res Europa?

Diens­tag, 29. Mai 2012, 18.30 Uhr

Ort: Repu­bli­ka­ni­scher Club, Rockhg. 1, 1010 Wien

Rudolf WALTHER (Publi­zist aus Frankfurt/​M., u.a. Der Stan­dard, Die Zeit, die tages­zei­tung, Der Freitag)

Mode­ra­tion: Gian­luca WALLISCH (Redak­teur Außen­po­li­tik, Der Stan­dard)
Begrü­ßung: Ulrich BRAND (Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft, Uni­ver­si­tät Wien)


Nach den jüngs­ten Wah­len in Frank­reich wird viel­fach von einem wirt­schafts­po­li­ti­schen Para­dig­men­wech­sel in Europa gespro­chen. Wie sieht die Bilanz des schei­den­den Prä­si­den­ten Nico­las Sar­kozy aus? Was hat er erreicht, wo lie­gen Pro­bleme? Beim neuen Amts­in­ha­ber François Hol­lande stellt sich die Frage nach sei­ner Wirt­schafts– und Gesell­schafts­po­li­tik und jene nach den Chan­cen der Umsetz­bar­keit sei­ner pro­gram­ma­ti­schen Erklärungen.


Eine Ver­an­stal­tung des Insti­tuts für Poli­tik­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Wien in Koope­ra­tion u.a. mit dem BEIGEWUM, „Der Stan­dard“, Grüne Bil­dungs­werk­statt und dem Repu­bli­ka­ni­schen Club – Neues Österreich.

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Retrospektive: Quo vadis, Ungarn? (18.03.)

April. 17th 2012 — 11:20

Am 18.03. fand im Repu­bli­ka­ni­schen Club die Podiumsdiskussions-​​Veranstaltung „Quo vadis, Ungarn?“ statt. Bei der vom Beige­wum, dem Renner-​​Institut und dem Repu­bli­ka­ni­schen Club gemein­sam orga­ni­sier­ten Ver­an­stal­tung dis­ku­tier­ten Ist­ván Gra­jcz­jar und Susan Zim­mer­mann mit Julia Hof­mann. Ist­ván Gra­jcz­jar kon­zen­trierte sich in sei­nem Bei­trag auf die his­to­ri­sche Ent­wick­lung des Rechts­ex­tre­mis­mus in Ungarn und ver­suchte zu erklä­ren, warum Orbán so viel Zuspra­che aus der Bevöl­ke­rung bekommt. Susan Zim­mer­mann the­ma­ti­sierte die Pro­bleme von EU-​​Interventionen in Ungarn, da diese zur Per­pe­tu­ie­rung der Macht­ver­hält­nisse zwi­schen Zen­tren und Peri­phe­rien füh­ren kön­nen. Durch die große Teil­nahme an der Ver­an­stal­tung war auch die anschlie­ßende Publi­kums­dis­kus­sion sehr leb­haft und spannend.

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Spanien als Musterbeispiel für scheiternde europäische Austeritätspolitik

April. 2nd 2012 — 14:33

Trotz – bzw. gerade wegen – meh­re­rer Spar­pa­kete und Schul­den­bremse in der Ver­fas­sung fin­det Spa­nien kei­nen Halt. Zusätz­lich zur pro­gnos­ti­zier­ten Schrump­fung der Wirt­schaft um 1,7 % und wei­ter­hin stei­gen­der Arbeits­lo­sig­keit (Stand Februar: 23,6 %; Jugend­ar­beits­lo­sig­keit 50,5 %) kommt nun ein neu­er­li­ches Spar­pa­ket, das die Rezes­sion merk­lich ver­schär­fen wird. Damit ent­wi­ckelt sich das bud­get­po­li­tisch vor der Krise als vor­bild­lich gel­tende Spa­nien neu­er­lich zu einem Vorzeige-​​Mitgliedstaat – dies­mal aller­dings für eine schei­ternde euro­päi­sche Austeritätspolitik.

Meh­rere Fak­to­ren tra­gen zu die­sem Schei­tern bei. Der wich­tigste ist die Wirt­schafts­krise, die auf­grund der natio­na­len Immo­bi­li­en­krise deut­lich stär­ker aus­fiel und auch nicht so rasch über­wun­den wer­den konnte wie zB in Deutsch­land und Öster­reich. Die Arbeits­lo­sig­keit hat sich in den letz­ten drei Jah­ren bei­nahe ver­drei­facht, wodurch ein immen­ser Steu­er­aus­fall sowie ein hoher Anstieg der Sozi­al­kos­ten folg­ten. Gleich­zei­tig kamen die Ban­ken auf­grund der geplatz­ten Immo­bi­li­en­blase in beson­dere Bedräng­nis. Der Staat hatte damit beson­dere Belas­tun­gen zu tra­gen und ein Kon­junk­tur­pa­ket zu finan­zie­ren, um den Absturz zu brem­sen. So drehte der Maastricht-​​Saldo von einem Über­schuss von knapp 2 % des BIP 2007 auf ein Rekord­de­fi­zit von 11,2 % des BIP 2009.

Ein wei­te­rer Fak­tor ist die poli­ti­sche Dyna­mik. Der Plan der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Min­der­heits­re­gie­rung Zapa­tero bestand 2009 aus Opti­mis­mus und einem ambi­tio­nier­ten mit­tel­fris­ti­gen Kon­so­li­die­rungs­plan, der die EU-​​Vorgaben – mind. –6 %p. in den kom­men­den vier Jah­ren – über­er­fül­len würde. Die­ser Plan schei­terte im Früh­jahr 2010, als in Folge der Griechenland-​​Panik die Zin­sen auf spa­ni­sche Staats­an­lei­hen in unge­ahnte Höhen schos­sen, die nega­tive Wirt­schafts– und Beschäf­ti­gungs­ent­wick­lung wei­ter ging und gleich­zei­tig auf Euro­päi­scher Ebene klar­ge­stellt wurde, dass es keine wesent­li­che Hilfe zu erwar­ten gab. Ein har­tes Not-​​Sparprogramm sollte sicher­stel­len, dass die euro­päi­sche Kon­so­li­die­rungs­vor­gabe von durch­schnitt­lich 1,5 %p. des BIP pro Jahr bereits 2010 und 2011 erfüllt wer­den – trotz pro­gnos­ti­zier­ter Rezes­sion 2010.

Gefan­gen in der Spi­rale nach unten

2010 wur­den die Ziele auch weit­ge­hend erfüllt, aller­dings nicht 2011: Statt den ange­streb­ten 6 % erreichte das Defi­zit 8,5 % des BIP. Schuld war aller­dings nicht die alte, Ende Novem­ber abge­wählte Zen­tral­re­gie­rung. Die hatte ihr Spar­pro­gramm trotz deut­lich schlech­te­rer Beschäf­ti­gungs– und damit Bud­get­ent­wick­lung durch­ge­zo­gen. Mit einem Defi­zit von 5,1 statt 4,8 % des BIP ver­fehlte sie ihr Ziel nur knapp (bzw. 5,2 statt 4,4 %p. inklu­sive Sozi­al­ver­si­che­rung). Der über­wie­gende Teil der Defizit-​​Verfehlung ging auf die Kon­ten der fast aus­schließ­lich kon­ser­va­tiv regier­ten Bun­des­län­der (die aber eben­falls erheb­li­che Spar­an­stren­gun­gen unter­nah­men). Bezeich­nend für den eiser­nen Spar­wil­len war eine Mel­dung in ElPaís Anfang Okto­ber, wonach der öffent­li­che Sek­tor in eini­gen Mona­ten bereits einen grö­ße­ren Bei­trag zum Zuwachs zur Arbeits­lo­sig­keit lie­ferte als der private.

Wie auch immer, mit die­sem hohen Defizit-​​Startwert und der sich ver­schär­fen­den Rezes­sion (statt dem Ende 2010 pro­gnos­ti­zier­ten Wachs­tum von 1,7 % wird nun mit minus 1 bis 2 % gerech­net) wurde klar, dass 2012 weder das ursprüng­li­che Defi­zit­ziel von 5,3 % des BIP vom Juni 2010 noch das bis Jah­res­ende 2011 auf­recht erhal­tene ambi­tio­nierte Ziel von 4,4 % des BIP erreicht wer­den kön­nen. Daran wird auch der eben erst beschlos­sene radi­kale Abbau der Arbeits­markt­stan­dards (bei Umsatz­rück­gang dür­fen Arbeit­ge­be­rIn­nen Arbeits­ver­träge ver­schlech­tern, leich­tere Kün­di­gung auch lang­jäh­rig Beschäf­tig­ter, etc.), der gemäß OECD, EU-​​Kommission und spa­ni­scher Regie­rung Beschäf­ti­gung schaf­fen soll, nichts ändern.

Euro­päi­sche Wirt­schafts­po­li­tik versagt

An die­ser Stelle kommt der Fak­tor „Ver­sa­gen der euro­päi­schen Wirt­schafts­po­li­tik“ zu tra­gen. Am spa­ni­schen Bei­spiel offen­barte sich die Absur­di­tät der Economic-​​Governance/​Six-​​Pack/​Fiskalpakt-​​Debatte: Obwohl es eine Kon­junk­tur­klau­sel gibt, die eine Stre­ckung des Kon­so­li­die­rungs­pfa­des pro­blem­los erlau­ben würde, und obwohl selbst die ver­schärf­ten Spar­vor­ga­ben hin­sicht­lich des mit­tel­fris­ti­gen struk­tu­rel­len Defi­zits wie auch schon vor der Krise ein­ge­hal­ten wer­den, wird bei­des igno­riert und wei­ter­hin an der dümms­ten aller Vor­ga­ben – näm­lich dem von der Kon­junk­tur­ent­wick­lung maß­geb­lich bestimm­ten Maastricht-​​Defizit – fest­ge­hal­ten. Der Rat der Finanz­mi­nis­te­rIn­nen kam der spa­ni­schen Regie­rung nur inso­fern ent­ge­gen, als dass nun wie­der die alte Pro­gnose für den Defi­zit­pfad mit 5,3 % des BIP 2012 (neben den unver­än­der­ten 3 % im Jahr 2013) als ver­pflich­ten­der Ziel­wert gilt. Detail am Rande: gemäß ElPaís übte sich eine kleine Gruppe von Hard­li­ne­rIn­nen – dar­un­ter natür­lich auch die öster­rei­chi­sche Ver­tre­te­rin – in völ­li­ger Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung mit der For­de­rung Spa­nien müsse am Defizit-​​Ziel von 4,4 % des BIP festhalten.

Mit die­sem Beschluss haben die euro­päi­schen Finanz­mi­nis­te­rIn­nen eines klar zum Aus­druck gebracht: Es ist ihnen ernst mit der in der Reform der Eco­no­mic Gover­nance ange­leg­ten und mit dem Fis­kal­pakt voll­en­de­ten Ver­un­mög­li­chung einer aus­ge­wo­ge­nen Wirt­schafts­po­li­tik. Immer­wäh­rende Aus­te­ri­täts­po­li­tik plus Wett­be­werbs­fä­hig­keit ste­hen über Wohl­stand, des­sen Ver­tei­lung, nied­rige Arbeits­lo­sig­keit oder ökolo­gi­sche Nach­hal­tig­keit. Die spa­ni­sche Regie­rung bemüht sich trotz­dem dies­be­züg­lich Mus­ter­schü­le­rin zu blei­ben: Statt Pro­gramme gegen die gras­sie­rende Arbeits­lo­sig­keit, Armut oder für leist­bare Woh­nun­gen (seit 2008 wur­den bereits etwa 1 % der Haus­halte delo­giert; selbst Erwach­sene müs­sen viel­fach bei ihren Eltern woh­nen) wurde ver­gan­ge­nen Frei­tag das bereits zweite Spar­pa­ket in nur 100 Tagen prä­sen­tiert. Die Kon­so­li­die­rung der Zen­tral­re­gie­rung soll 27,3 Mrd Euro (über 2,5 % des BIP) betra­gen. Hinzu kommt eine Ver­ein­ba­rung mit Län­der und Gemein­den, wonach diese ihr Defi­zit 2012 um 1,7 % des BIP sen­ken müs­sen (wobei ein unbe­stimm­ter Teil davon bereits in den 2,5 % aus dem Zen­tral­re­gie­rungs­pa­ket ent­hal­ten sein dürfte).

Schei­tern vorprogrammiert

Die­ser Plan wird aller­dings nicht genü­gen um das Defi­zit tat­säch­lich aus­rei­chend zu sen­ken, da die nega­ti­ven Rück­kop­pe­lungs­ef­fekte auf Wachs­tum und Beschäf­ti­gung nicht ein­ge­rech­net zu sein schei­nen. Die Kür­zun­gen in den Minis­te­rien von durch­schnitt­lich 17 % wer­den jedoch sehr deut­li­che Aus­wir­kun­gen haben – vor allem da bei Inves­ti­tio­nen oder akti­ver Arbeits­markt­po­li­tik über­pro­por­tio­nal gespart wird. Damit wird die Jugend­ar­beits­lo­sig­keit wohl noch län­ger über 50 % blei­ben und die soziale Krise verschärfen.

Inter­es­sant ist die Reak­tion auf euro­päi­scher Ebene: das deut­sche EZB-​​Direktoriumsmitglied for­derte gemäß ElPaís, dass das Kon­so­li­die­rungs­pa­ket per Not­stands­ge­setz­ge­bung beschlos­sen wer­den sollte um eine schnellst­mög­li­che Umset­zung sicher­zu­stel­len. Was das alles mit glaub­wür­di­ger Bud­get­po­li­tik oder einer Über­win­dung der Krise in der Euro­zone zu tun hat, so wie auf euro­päi­scher Ebene mehr­fach fan­ta­siert wurde, bleibt ein offe­nes Rät­sel. Es würde im Gegen­teil nicht über­ra­schen, wenn damit die wirt­schaft­li­che Situa­tion in der Euro­zone neu­er­lich belas­tet würde – mit all den nega­ti­ven Kon­se­quen­zen für alle Mit­glied­staa­ten. Trotz­dem ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass der Kurs in der Euro­zone wie in Spa­nien selbst unver­än­dert bleibt und auch in den nächs­ten 100 Tagen Amts­zeit der neuen spa­ni­schen Regie­rung ein wei­te­res Spar­pa­ket ver­ab­schie­det wird um die euro­päi­schen Vor­ga­ben ein­zu­hal­ten. Schließ­lich geht es ja um die Glaub­wür­dig­keit der euro­päi­schen Austeritätspolitik …

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Staatsbankrott – Alternative zu Austeritätspolitik und Weg aus der Euro-Krise ?

Oktober. 18th 2011 — 9:50

Über die Sinn­haf­tig­keit und die Fol­gen einer Staats­in­sol­venz im Euro­raum gibt es geteilte Mei­nun­gen. Inwie­weit ist eine geord­nete Staats­in­sol­venz sinn­voll und würde die ökono­mi­schen und sozia­len Kos­ten der Krise in den betrof­fe­nen Län­dern und im Euro­raum redu­zie­ren? Wel­che Erfah­run­gen gibt es mit dem Instru­ment des Staat­bank­rotts beson­ders in Län­dern des Südens, wo die­ses Instru­ment seit lan­gem gefor­dert wird ? Wie kann eine gere­gelte Staats­in­sol­venz im Euro­raum gestal­tet wer­den ? Inwie­weit würde eine gere­gelte Staats­in­sol­venz zu Anste­ckungs­ef­fek­ten füh­ren und dadurch die Krise ver­schär­fen? Wel­che alter­na­ti­ven Poli­ti­ken gibt es zum Staats­bank­rott, um die Krise zu ent­schär­fen und die ökono­mi­schen und sozia­len Kos­ten der Krise reduzieren?


Im aktu­el­len Kurs­wech­sel  (Haupt­thema: „Roh­stoffe“) kom­men dazu zwei unter­schied­li­che Posi­tio­nen zu Wort: Kuni­bert Raf­fer (Uni Wien) for­dert schon seit Jahr­zehn­ten eine Staats­in­sol­venz­pro­ze­dur vor allem für Län­der des Südens. Tors­ten Niechoj (IMK) betont hin­ge­gen die Gefah­ren einer Staats­in­sol­venz im Euro­raum und argu­men­tiert für alter­na­tive Lösungen.


Das Heft erscheint Mitte Novem­ber, die Debat­ten­bei­träge sind vorab online.

Am 10.November 2011 um 19h in C3 (Sen­s­en­gasse 3, 1090 Wien) gibt es eine BEIGEWUM/​ÖFSEDis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung zum Thema mit Helene Schu­berth und Kuni­bert Raf­fer.

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„Wage moderation“, die lohnpolitische Obsession der EU

Oktober. 6th 2011 — 10:17

Jetzt fehlt gerade noch, dass der ökono­mi­sche Main­stream die Lohn­po­li­tik der Gewerkschaf-​​ten für die Finanz­krise ver­ant­wort­lich macht! Denn nach­dem die mehr­heit­lich kon­ser­va­ti­ven Staa­ten­len­ke­rin­nen in der Union sich gegen­über dem pene­tran­ten Lob­by­ing der Bank– und Hedge­fonds­ma­na­ger à la Acker­mann offen­sicht­lich nicht zur Wehr setz­ten kön­nen, wen­det sich die EU wie­der ihren bei­den Lieb­lings­the­men zu: neben dem Spa­ren sind das die so ge-​​nannten Struk­tur­re­for­men, die Lohn­fin­dungs­sys­teme im Spe­zi­el­len. Dabei wird zum Schein eine tech­ni­sche Debatte geführt, im Hin­ter­grund geht es jedoch um Inter­es­sen und Ideolo-​​gien, so sim­ple. Aber der Reihe nach.
Mitte Sep­tem­ber 2011 fand in Brüs­sel eine ExpertInnen-​​Konferenz zum Thema „Wage trends in Europe“ statt. Weil das Tref­fen von der Gene­ral­di­rek­tion Beschäf­ti­gung ver­an­stal­tet wurde, war für Aus­ge­wo­gen­heit auf den Panels und in den Work­shops gesorgt: einem Ge-​​werkschafts-​​Vertreter folgte einer von der Arbeit­ge­ber­seite, einem Red­ner der Generaldi-​​rektion Wirt­schaft und Finan­zen einer von der Beschäf­ti­gungs­seite, usw. So kamen viele in-​​teressante Argu­mente zu Wort, nur mit­ein­an­der gere­det und dis­ku­tiert wurde nicht. Das ist aber nicht wei­ter von Bedeu­tung, denn was wirt­schafts­po­li­tisch Sache ist in der EU, das be-​​stimmen ohne­hin noch immer die Finanz­mi­nis­te­rIn­nen!
Im Kern ging es um zwei Fra­gen: (1) In wel­chem Zusam­men­hang steht die Ent­wick­lung von Löh­nen und Gehäl­tern mit der Wett­be­werbs­fä­hig­keit? Seit M. Por­ter wis­sen wir, dass diese von vie­len Fak­to­ren wie den örtli­chen Stand­ort­be­din­gun­gen (Infra­struk­tur, Aus­bil­dungs– und Tech­no­lo­gie­stan­dards, Fleiß und Prä­zi­sion der Mit­ar­bei­te­rIn­nen), den Nachfrageverhältnis-​​sen und der Wett­be­werbs­in­ten­si­tät am Heim­markt, etc. abhängt; die Lohn­höhe ist dabei nur eine Größe unter vie­len! Den­noch schielt die EU-​​KOM in ihren wirt­schafts­po­li­ti­schen Emp-​​fehlungen, aber auch beim so genann­ten Score­board im Rah­men des neuen „Exces­sive Im-​​balance Pro­ce­dure“ bei­nahe aus­schließ­lich auf die Arbeits­kos­ten. Dabei sind die Zusam-​​menhänge zwi­schen der Ent­wick­lung von Löh­nen, Prei­sen, Pro­duk­ti­vi­tät, Real­zin­sen und dem Wachs­tum von Expor­ten, Inlands­nach­frage, BIP und Beschäf­ti­gung wie so oft in der Ökono­mie alles andere als klar – das zeigt auch ein Blick auf die tat­säch­li­che Ent­wick­lung ver­schie­de­ner Län­der in ver­schie­de­nen Perio­den. Alleine der Haus­ver­stand würde einem schon sagen, dass bei der Frage, wodurch ein Unter­neh­men erfolg­reich auf den Exportmärk-​​ten ist, das Niedrig-​​Halten von Löh­nen viel­leicht nicht gerade eine inno­va­tive Vorwärtsstra-​​tegie genannt wer­den kann. Der Export­welt­meis­ter Deutsch­land ist v. a. des­halb erfolg­reich, weil er die stark gestie­gene Import­nach­frage der Schwel­len­län­der mit qua­li­ta­tiv hochwerti-​​gen Pro­duk­ten bedie­nen kann. Die jah­re­lange Lohn­zu­rück­hal­tung in Deutsch­land, aber auch in Öster­reich, wirkt dabei unter­stüt­zend, ist aber nicht ent­schei­dend! Wen­det man die so genannte „Gol­den Rule“ (frü­her hieß sie „Benya-​​Formel“) an – die Nomi­nal­löhne sol­len im Aus­maß von Pro­duk­ti­vi­tät und Infla­ti­ons­ziel stei­gen –, dann hat sich Öster­reich seit Beginn der Wäh­rungs­union einen 10%igen Wett­be­werbs­vor­teil ergat­tert, Deutsch­land gar über 17%. Aber bei die­ser Betrach­tung der Wett­be­werbs­fä­hig­keit sind die Vor­teile der einen (DT, Ö) eben die Nach­teile der ande­ren (GR, ITA, ESP, P); soviel zum Thema euro­päi­sche Solidari-​​tät.
Die zweite zen­trale Fra­ge­stel­lung der Kon­fe­renz bezog sich dar­auf, wie die unglei­cher wer-​​dende Ver­tei­lung ein­zu­schät­zen sei? Hier ist mitt­ler­weile die Fak­ten­lage der­art ein­deu­tig, dass selbst die hart­ge­sot­te­nen Ökono­men der OECD (wie Ste­fano Scar­petta) fest­stel­len muss­ten: „While over­all redis­tri­bu­tion has increa­sed, this was not enough to off­set gro­wing market-​​income ine­qua­lity.“ Die Daten der OECD zei­gen ein­deu­tig, dass in der über­wie­gen­den Mehr­zahl der Indus­trie­län­der die Ein­kom­mens­un­gleich­heit in den letz­ten 25 Jah­ren grö­ßer gewor­den ist. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Lage wahr­schein­lich noch wesent­lich dra­ma­ti­scher ist, weil: die Qua­li­tät der Daten noto­risch schlecht ist, etwa bei den Ein­kom­men der Selbst­stän­di­gen; und weil sich die Ungleich­ver­tei­lung bei den Ver­mö­gen noch wesent­lich dra­ma­ti­scher dar­stellt. Diese Ein­sich­ten zur neuen Ver­tei­lungs­frage blei­ben jedoch in der EU fol­gen­los, ganz im Gegen­satz zu den unzäh­li­gen Emp­feh­lun­gen und Mah­nun­gen zur Lohn­zu­rück­hal­tung. Nicht zuletzt an die­ser Stelle wird sicht­bar, wie ideo­lo­gisch der Dis­kurs bis dato geführt wird. Prag­ma­tisch wäre anders.
Ange­sichts der Ein­sei­tig­keit der Kon­tro­verse und der begin­nen­den Herbst­lohn­runde hierzu-​​lande liegt fol­gen­der Schluss nahe: Um sich selbst, aber auch den grie­chi­schen Kol­le­gIn­nen zu hel­fen, soll­ten die öster­rei­chi­schen Gewerk­schaf­ten höhere Lohn­ab­schlüsse als in der Ver­gan­gen­heit durch­set­zen. Das wäre doch ein ver­nunft­ge­lei­te­ter Bei­trag zur Lage in Öster-​​reich und in der EU

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Europäische Wirtschaftsregierung – eine stille neoliberale Revolution?

März. 16th 2011 — 11:27

Wäh­rend die Finanz– und Wirt­schafts­krise deut­lich zutage brachte, dass nicht nur die Dere­gu­lie­rung der Finanz­märkte, son­dern auch die Wirt­schafts­po­li­tik der letz­ten Jahr­zehnte mit wach­sen­den Leis­tungs­bi­lan­zun­gleich­ge­wich­ten, rapide zuneh­men­den Ungleich­hei­ten in der Ver­tei­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen, anhal­ten­der Wachs­tums­schwä­che durch eine im Rah­men des Sta­bi­li­täts– und Wachs­tums­pak­tes (SWP) kon­zer­tierte öffent­li­che Kon­so­li­die­rungs­po­li­tik und schäd­li­chem Steu­er­wett­be­werb, beglei­tet von Dere­gu­lie­rung und Pri­va­ti­sie­rung, wirt­schafts­po­li­tisch der fal­sche Weg und kon­tra­pro­duk­tiv ist, zeigt sich gegen­wär­tig eine erstaun­li­che Dyna­mik : Die öffent­li­che Debatte ist domi­niert von Geschich­ten über Staa­ten die – vor­nehm­lich selbst­ver­schul­det – nahe am Staats­bank­rott sind, dra­ma­ti­schen Ret­tungs­ak­tio­nen, Refi­nan­zie­rungs­schwie­rig­kei­ten, Gefah­ren des Aus­ein­an­der­bre­chens des Euros und Dis­zi­pli­nie­rung durch Finanz­märkte (Zins­druck). In einer der­art dra­ma­ti­schen Situa­tion müs­sen die »unver­ant­wort­li­chen EU-​​Mitgliedsstaaten« hart her­ge­nom­men wer­den : »Die EU schlägt zurück« und »the EU gets tough«, so die Pres­se­ver­laut­ba­run­gen der Euro­päi­schen Kom­mis­sion. Und : wer erlaubt sich ange­sichts einer der­ar­ti­gen Dra­ma­tik über­haupt den Luxus, Kri­tik zu üben ?

Wäh­rend die Not­wen­dig­keit bes­se­rer und ver­stärk­ter wirt­schafts­po­li­ti­scher Koor­di­nie­rung und Steue­rung inner­halb der EU weit­ge­hend unbe­strit­ten ist, sind sowohl hin­sicht­lich der Aus­ge­stal­tung der vor­ge­schla­ge­nen Instru­mente und Pro­zesse als auch hin­sicht­lich des Zustan­de­kom­mens der neuen Rege­lun­gen aus wirt­schafts– und demo­kra­tie­po­li­ti­scher Per­spek­tive grund­le­gende Ein­wände anzu­mel­den. Diese Maß­nah­men haben gra­vie­rende Aus­wir­kun­gen auf die wirt­schafts­po­li­ti­schen Spiel­räume der Mit­glied­staa­ten, sie stel­len de facto Ein­griffe in die Bud­get­ho­heit und eine Umge­hung von demo­kra­ti­schen Mecha­nis­men in Mit­glied­staa­ten und auf EU Ebene dar.

In einer online Vorab-​​Version ihres Bei­trags für Kurs­wech­sel 1/​2011 („Zukunfts­aus­sich­ten“) ana­ly­sie­ren Eli­sa­beth Klat­zer und Christa Schla­ger die geplan­ten EU-​​Reformen.

Am 31.3.2011 laden wir zu einer Dis­kus­sion zum Thema mit der Bei­trags­au­to­rin Eli­sa­beth Klat­zer und dem deut­schen Gewerk­schafts­öko­no­men Dierk Hirschel.

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Veranstaltungsbericht + Video „Griechenland – eine europäische Tragödie“

Mai. 12th 2010 — 12:29
Gro­ßer Andrang herrschte bei der Ver­an­stal­tung „Grie­chen­land – eine euro­päi­sche Tra­gö­die“ am 11.Mai im Repu­bli­ka­ni­schen Club, zur Prä­sen­ta­tion von Kurs­wech­sel 1/​10 „Krise in EUropa“. Mit dem Publi­kum dis­ku­tier­ten Joa­chim Becker, Wer­ner Raza, Eli­sa­beth Spring­ler, mode­riert von Beat Weber. Einige zen­trale Diskussionspunkte:

* In der grie­chi­schen Bevöl­ke­rung herrscht gewisse Akzep­tanz für Kon­so­li­die­rungs­be­darf, aber die beschlos­se­nen Maß­nah­men tref­fen laut herr­schen­der Ein­schät­zung die Fal­schen (Pro­bleme wie Steu­er­hin­ter­zie­hung, Ver­mö­gens­un­gleich­heit, Mili­tär­aus­ga­ben zu wenig angegangen).


* Unter den inter­nen Fak­to­ren ist neben der Ban­ken­krise vor allem die Olym­pi­schen Spiele 2004 als maß­geb­lich für die Eska­la­tion der grie­chi­schen Staatsverschuldungs-​​Problematik zu nennen.


* Die aktu­elle Staats­schul­den­krise ist weni­ger inter­nen Fak­to­ren zuzu­schrei­ben, als viel­mehr die letzte Etappe der Finanz­krise – jetzt geht es um die Frage, wer zahlt.


* Die süd­li­chen (wie auch die meis­ten östli­chen) EU-​​Staaten haben eines gemein­sam: Import­ab­hän­gig­keit und Abhän­gig­keit von Kapi­tal­zu­fuhr aus dem Aus­land, oft ist bzw. war das Wachs­tum Immobilienboom-​​getrieben. Das Spie­gel­bild sind Über­schuss­län­der, allen voran Deutsch­land (aber auch Nie­der­lande, und Öster­reich gegen­über Ost­eu­ropa): Sie expor­tie­ren Waren und Kapital.


*  Das Ret­tungs­pa­ket ist über­fäl­lig gewe­sen, aber in eine pro­ble­ma­ti­sche Stra­te­gie ein­ge­bet­tet. Die wirt­schafts­po­li­ti­sche Stra­te­gie der EU läuft dar­auf hin­aus, dass alle Mit­glie­der Export­über­schüsse anstre­ben sol­len – was aber zumin­dest glo­bal nicht für alle geht.


* Den östli­chen Staa­ten ist von der EU schon frü­her jene Stra­te­gie ver­ord­net wor­den, wie jetzt dem Süden: Lohn­sen­kun­gen und Bud­get­kon­so­li­die­rung. Weil das zur Rezes­sion führt, wird die Bud­get­kon­so­li­die­rung nicht erreicht. Die Reduk­tion des Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zits gelang jedoch. Aller­dings zu einem hohen Preis: Zer­stö­rung indus­tri­el­ler Struk­tu­ren und Armut.

Diese Stra­te­gie hat das Poten­zial eines Domi­no­ef­fekts: Anpas­sungs­druck auf die Löhne nach unten wird auf den Wes­ten der EU über­sprin­gen. Es han­delt sich also um eine Radi­ka­li­sie­rung der neo­li­be­ra­len Poli­tik der letz­ten Jahre.


* Hat sich die Rolle des IWF geän­dert? Der „Strauss-​​Kahn-​​Effekt“ macht sich nur mode­rat bemerk­bar: Statt wie ursprüng­lich geplant 3 Jahre, erhält Grie­chen­land für die Bud­getan­pas­sung nun 5 Jahre Zeit.


*  Mög­li­che Alter­na­ti­ven: For­de­rungs­ver­zicht der Gläu­bi­ger, flan­kiert von Kapi­tal­ver­kehrs­kon­trol­len; Auf­bau von Pro­duk­ti­ons­struk­tu­ren in Defi­zit­län­dern, finan­ziert durch Trans­fers aus Überschussländern.


Hier ist eine Video­auf­zeich­nung der Veranstaltung.

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