Archiv für April 2009


Risiko

30. April 2009 – 18:10 Uhr

Seit Ulrich Beck 1986 mit der Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Risi­ko­ge­sell­schaft einen aka­de­mi­schen Voll­tref­fer gelan­det hat (Tscher­no­byl!), pro­pa­giert er die­sen Gedan­ken wo immer man ihn lässt. Inzwi­schen ist ihm sein Trade­mark zur Welt­ri­si­ko­ge­sell­schaft ange­wach­sen. In einem Kom­men­tar im Stan­dard schreibt Beck von der Zukunft der EU und malt den Teu­fel an die Wand:

„Wenn Europa an der glo­ba­len Wirt­schafts­krise zer­bre­chen sollte, dann wird es keine Gren­zen geben für das Unglück, die Not und die Schande sei­ner Poli­ti­ker und fünf­hun­dert Mil­lio­nen Menschen!“

Becks Inten­tion ist sicher ehren­wert, er rich­tet sich gegen einen neuen Natio­na­lis­mus und for­dert eine „durch die Krise erneu­erte EU“. Aber abge­se­hen vom schlech­ten Deutsch („Die Lage spitzt sich zu: ent­we­der Mehr-​​Europa oder Nicht-​​Europa. Die­ser Impe­ra­tiv des mög­li­chen Schei­terns [sic!] begrün­det die Hoff­nung à la baisse“ und so wei­ter) hat Beck kein Argu­ment anzu­brin­gen. Son­dern nur, seien wir ehr­lich, Ideologie:

„In der Welt­ri­si­ko­ge­sell­schaft sind iso­lierte Natio­nal­staa­ten weder hand­lungs­fä­hig noch über­le­bens­fä­hig noch sou­ve­rän.“ Und: „Nur eine durch die Krise erneu­erte EU kann im Zusam­men­spiel mit der neuen US-​​Weltoffenheit Oba­mas glaub­wür­dig und wir­kungs­voll die Regu­lie­rung der Finanz­märkte einfordern.“

Wel­che Regu­lie­rung? Hier mache ich einen radi­ka­len Schnitt. Im gest­ri­gen Pod­cast von Pla­net Money (den ich allen, die an der Wirt­schafts­krise inter­es­siert sind, wirk­lich ans Herz legen will) spricht Nas­sim Taleb, Autor von Black Swan, über seine Vor­stel­lun­gen einer ver­nünf­ti­gen Regu­lie­rung der Finanz­märkte. Taleb spricht deut­li­che Worte (meine Transkription):

„Any pro­duct that relies on mathe­ma­ti­cal models will disap­pear or needs to disap­pear because we know not­hing about these pro­ba­bi­li­ties and the past of course is no indi­ca­tion and I pro­ved it […]. This idea of using his­to­ri­cal ana­ly­sis is com­ple­tely bogus and the idea of making an apriori theory of what a pro­ba­bi­lity of events should be is also bogus, so we should aban­don them. […] Ban these products!“

Taleb teilt nicht nur Becks opti­mis­ti­schen Blick auf die Obama-​​Administration nicht („The US govern­ment eco­no­mists, they are not equip­ped to under­stand that environ­ment [of the cur­rent cri­sis]. They are trai­ned in con­ven­tio­nal ways, they can­not under­stand it.“), er bringt auch kon­krete Vor­schläge zur Regulierung:

„We even­tually need to be orga­ni­zed in a way that resem­bles Mother Nature with not­hing too big to fail, with pro­ducts that are much less sen­si­tive to large devia­tion, namely, you know, just very sim­ple finan­cial pro­ducts, and, what people don’t like, and I say sorry, but we can no lon­ger afford debt. Debt doesn’t give you room for error. […] Unless you shut down the inter­net, unless you stop glo­ba­liza­tion, there is no room for errors. […] Debt is some­thing that fra­ge­li­zes the sys­tem. You have to choose: debt or glo­ba­liza­tion.“

Warum bringe ich diese bei­den in allen Belan­gen unglei­chen media­len Berichte? Inter­es­sant ist jeweils der Zugang zum Risiko. Für Ulrich Beck ist „das Risiko“ etwas gesell­schaft­lich Gege­be­nes, etwas Unhin­ter­geh­ba­res. Man kann allen­falls dar­über spe­ku­lie­ren, ob er zu die­sem Schluss basie­rend auf sei­nen sozio­lo­gi­schen Unter­su­chun­gen gekom­men ist, oder ob es sich um die Pro­pa­gie­rung sei­nes wich­tigs­ten Mar­ke­ting­pro­dukt han­delt (self-​​fulfilling pro­phecy). Nas­sim Taleb hin­ter­fragt die Evi­denz, die Nowen­dig­keit von Risiko, und lei­tet poli­ti­sche For­de­run­gen dar­aus ab. Das ist unge­wöhn­lich, und daher muten seine Vor­schläge radi­kal an. Intel­lek­tu­ell ist es jeden­falls ungleich bereichender.

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„Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt“

27. April 2009 – 21:49 Uhr

Der deut­sche Bun­des­prä­si­dent Horst Köh­ler hat einige Kri­tik geern­tet, als er mit Blick auf die aktu­elle Krise von sich gab: „Wir haben alle über unsere Ver­hält­nisse gelebt.“ Dass der stei­gende Wohl­stand eben nicht „allen“ zu Gute kam, sollte dabei auch Herr Köh­ler wis­sen: Die Real­löhne in Deutsch­land sind gesun­ken (!), die Steu­ern für Gewinne und hohe Ein­kom­men auch. Aber der Arbei­ter mit sin­ken­dem Lohn trotz Pro­duk­ti­vi­täts­wachs­tum hat über seine Ver­hält­nisse gelebt. Köh­ler strickt bereits an der Legende, dass eben nicht bspw. Dere­gu­lie­rung und eine unglei­che Ein­kom­mens­ver­tei­lung, mit­hin ein spe­zi­fi­sches (neo­li­be­ra­les) Akku­mu­la­ti­ons­re­gime Schuld an der Krise sind, son­dern der Nor­mal­bür­ger, der sei­nen Anteil am Wohl­stand einfordert.


Die­sen Sub­text gibt es auch in Öster­reich. Hans Rau­scher etwa kommt im Stan­dard von der Finanz­krise über die Hack­ler­re­ge­lung zu fol­gen­der Aus­sage: „Und die gut Orga­ni­sier­ten, die es sich in den Nischen und Win­keln des Sozi­al­staa­tes gemüt­lich gemacht haben, betrei­ben eine Umver­tei­lung min­des­tens so pro­ble­ma­tisch wie die Meinls.“ Zwar unter­stellt Rau­scher nicht, dass diese Men­schen an der Krise Schuld seien. Den­noch ist die Funk­tion die­ser Äuße­run­gen klar: Die unglei­che Ein­kom­mens– und Ver­mö­gens­ver­tei­lung ist gerecht­fer­tigt, und schwarze Schafe gibt es nun mal über­all. Daher müs­sen auch alle den Gür­tel enger schnal­len – wir wer­den die For­de­run­gen nach Lohn­ver­zicht schon bald zu hören bekom­men, wenn es um die Finan­zie­rung der Krise geht. Daher muss die Debatte genutzt wer­den, einige For­de­run­gen auch durch­zu­set­zen. Am lau­tes­ten dis­ku­tiert wird in Öster­reich der­zeit die Ver­mö­gen­steuer. Diese Debatte gilt es aus­zu­wei­ten – auf Ver­tei­lung, Lohn­po­li­tik und die Frage nach der Gesell­schaft, in der wir leben möchten.

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Hopebreak

27. April 2009 – 9:13 Uhr

Ich fina­li­siere grade einen Arti­kel für den kom­men­den Kurs­wech­sel über die ver­schie­de­nen Mass­nah­men­pa­kete der Regie­rung Obama. Im Grunde geht es dabei um drei Bereiche:

Ers­tens um eine etwas genauere Beschrei­bung der Viel­zahl an Initia­ti­ven, die in den letz­ten sechs Mona­ten gestar­tet wur­den. Neben dem Trou­bled Asset Relief Pro­gram (TARP), ein Ver­mächt­nis von Hank Paulson (Tre­a­sury Secretary in der Bush Admi­nis­tra­tion) sind inzwi­schen der Sti­mu­lus (Ame­ri­can Reco­very and Reinvest­ment Act, ARRA) abge­seg­net sowie das Bud­get für Fis­cal Year 2010 (begin­nend mit 1.10.2009) im Kon­gress ein­ge­bracht wor­den. Dane­ben hat Ben Bern­anke die Auf­ga­ben­be­rei­che der Federal Reserve Bank in bei­spiel­lo­ser Weise erwei­tert (die Fed ver­gibt nun Kre­dite an Nicht­ban­ken) und lässt wie ver­rückt Dol­lar drucken.

Zwei­tens die Vision der Obama-​​Administration und die Stra­te­gie, wie sie diese Vision umset­zen will. Oba­mas Ziel ist ein moder­ni­sier­ter, ener­gie­po­li­tisch unab­hän­gi­ger Wohl­fahrts­staat. Vie­les, was ins­be­son­dere im Pro­zess der Bud­get­er­stel­lung vor­ge­ge­ben wurde, wie die Gesund­heits­re­form, ist in der Tat ermu­ti­gend. Obama selbst hat von den fünf Säu­len der Bud­get­re­form gespro­chen, und darin sind die maß­geb­li­chen Ver­än­de­run­gen etwa im Bud­get des Pen­ta­gon noch gar nicht ent­hal­ten. Damit zur Stra­te­gie: Obama will die Krise für einen Umbau des poli­ti­schen Sys­tems und der Reich­tums­ver­tei­lung nut­zen, aller­dings sich zugleich nicht mit der herr­schen­den Finan­zo­lig­ar­chie anle­gen. Die Stra­te­gie ist daher, den Finanz­sek­tor kurz­fris­tig wie­der­her­zu­stel­len („res­tore the con­fi­dence“). Basie­rend auf die­sem poli­ti­schen wie ökono­mim­schen Erfolg sol­len die wei­ter­rei­chen­den Ziele rea­li­siert werden.

Drit­tens: Das Ziel ist gut gemeint, doch die Stra­te­gie hat meh­rere Tücken:

- Zunächst: was, wenn sich das Finanz­sys­tem gar nicht mehr in der bekann­ten Weise repa­rie­ren lässt? Bis­her zei­gen alle Äuße­run­gen und Initia­ti­ven um Larry Sum­mers und Tim Geith­ner, dass die Admi­nis­tra­tion fest an einen blo­ßen Liqui­di­täts­eng­pass bei den Ban­ken glaubt (zuletzt etwa P-​​PIP). Was aber, wenn sie insol­vent sind?

- Außer­dem wid­met sich die Admi­nis­tra­tion, ins­be­son­dere der Finanz­mi­nis­ter, fast aus­schließ­lich der Finanz­krise. Auch die Men­gen an Geld, die bereits effek­tiv in die­sen Sek­tor geschüt­tet wur­den, über­stei­gen die pro­jek­tier­ten Aus­ga­ben für die Real­wirt­schaft und den gesell­schaft­li­chen Umbau bei wei­tem.

- Nicht zuletzt zeigt der Skan­dal um die AIG-​​Bonuszahlungen, dass die Alli­anz mit der Finan­zo­lig­ar­chie für die poli­ti­sche Glaub­wür­dig­keit der Admi­nis­tra­tion schwer­wie­gende Fol­gen haben kann.

- Und ganz gene­rell stellt sich die Frage, ob rei­ner Prag­ma­tis­mus wirk­lich aus­reicht, um hoch­ste­hende Ziele zu errei­chen. Obama scheint, abge­se­hen von mar­ki­gen Wor­ten, nicht bereit zu sein, irgend jeman­dem auf die Füsse zu stei­gen; nach dem klei­nen ABC der poli­ti­schen Ökono­mie bedeu­tet das aber, dass die Haupt­last der Krise den Schwächs­ten zuge­spielt wird.

Die Situa­tion sieht daher im Augen­blick so aus, als würde die Regie­rung, bei allen enor­men Anstren­gun­gen, die sie unter­nimmt, einem über­kom­me­nen Schema fol­gen: „defe­ring to big banks and pre­fe­ring fis­cal expan­sion“. Ein ebenso abseh­ba­rer wie unmit­tel­ba­rer Effekt aus der Per­so­nal­aus­wahl, die Obama bei Erstel­lung sei­nes Wirt­schafts­teams getrof­fen hat.


Noch ein Wort zur Infor­ma­ti­ons­lage: Diese ist in der Regel aus­rei­chend, man könnte fast sagen: über­wäl­ti­gend. Die online-​​Quellen, aus denen ich meine Infor­ma­tio­nen beziehe, sofern sie im Arti­kel dann nicht genannt wer­den, sind – abge­se­hen von News­pa­pers wie Washing­ton Post, NY Times, Poli­tico – im wesent­li­chen NPRs Pla­net Money sowie die Pro­phets of Doom: base­line sce­na­rio (mit Simon John­son), RGE Moni­tor (mit Nou­riel Rou­bini), Paul Krug­man.


PS: der Titel für die­sen Blo­gen­try stammt aus Naomi Kleins hüb­scher Samm­lung an Obama-​​Neologismen.

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Diskussion „… aller Länder vereinigt euch?“ am 6.5.

23. April 2009 – 12:18 Uhr

6. Mai um 19h30 an der Uni­ver­si­tät Wien  (Hör­saal 29)
„… aller Län­der ver­ei­nigt euch?“ Die Krise und Per­spek­ti­ven trans­na­tio­na­ler Solidarität

mit:
Andreas Bie­ler (Centre for the Study of Social and Glo­bal Justice/​Nottingham)
Karin Fischer (Pro­jekt Inter­na­tio­nale Entwicklung/​Wien)
Ilker Atac (Insti­tut für Politikwissenschaft/​Wien)

Ulrich Brand (Insti­tut für Politikwissenschaft/​Wien)


Die vor­herr­schen­den Krisen-​​Politiken bewe­gen nicht nur Debat­ten über die Kon­ti­nui­tä­ten und Brü­che des so genann­ten Neo­li­be­ra­lis­mus. Sie füh­ren auch zur Frage nach den Mög­lich­kei­ten sowie Hin­der­nis­sen für trans­na­tio­nale Ant­wor­ten auf Aus­beu­tung, Dis­kri­mi­nie­rung und Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung. Doch an wel­che Erfah­run­gen könnte ange­knüpft wer­den? Und wel­che Ein­drü­cke beste­hen ange­sichts bis­he­ri­ger Krisen-​​Bearbeitungen und Ent­wick­lun­gen? Dar­über wol­len wir diskutieren.

Ver­an­stal­tet von: Grüne Bil­dungs­werk­statt Wien, BEIGEWUM, ATTAC
unter­stützt durch: juri­di­kum, Perspektiven

im Rah­men der Reihe „Ein ande­res Europa ist notwendig!“


Ver­an­stal­tungs­be­richt

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Was hat die Finanzkrise mit der Einkommensverteilung zu tun?

22. April 2009 – 14:37 Uhr

Seit den frü­hen 80er Jah­ren ist es zu dra­ma­ti­schen Ver­än­de­run­gen in der Ein­kom­mens­ver­tei­lung gekom­men. In den meis­ten Län­dern hat sich die Ein­kom­mens­ver­tei­lung pola­ri­siert – die Rei­chen sind rei­cher und die Armen (rela­tiv) ärmer gewor­den. In prak­tisch allen Län­dern ist die Lohn­quote, d.h. der Anteil der Löhne und Gehäl­ter am Volks­ein­kom­men gesun­ken, in Öster­reich seit 1980 gar um mehr als 15 %. Schlimm, aber was hat das mit der Finanz­krise zu tun?

Auf den ers­ten Blick wenig, mag es schei­nen. Die Finanz­krise wurde ver­ur­sacht durch die Dere­gu­lie­rung der Finanz­märkte: Ban­ken bün­del­ten Hypo­the­kar­kre­dite, tran­chier­ten sie und ver­kauf­ten sie; unre­gu­lierte Hedge Fonds ver­schul­de­ten sich gewal­tig und waren damit kri­sen­an­fäl­lig; starke Kapi­tal­zu­flüsse in die USA, die diese zur Deckung ihres Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zits benö­tig­ten, finan­zier­ten die Spe­ku­la­tion … So, oder so ähnlich sind die gän­gi­gen Kri­sen­er­klä­run­gen – alles Ent­wick­lun­gen eines außer Rand und Band gera­te­nen Finanzsektors.

Kor­rekt, aber der Fokus auf die Fehl­ent­wick­lun­gen im Finanz­sek­tor droht dahin­ter­lie­gende struk­tu­relle Ursa­chen aus dem Bewusst­sein zu ver­drän­gen – und die haben viel mit der Ver­än­de­rung der Ein­kom­mens­ver­tei­lung zu tun.

Für den Groß­teil der Haus­halte sind Lohn­ein­kom­men die Haupt­ein­kom­mens­quelle. Aus ihnen wird der Gross­teil der Kon­sum­aus­ga­ben finan­ziert. Blei­ben die Löhne hin­ter dem Pro­duk­ti­vi­täts­wachs­tums zurück, so wird weni­ger kon­su­miert. Ökono­me­tri­sche Schät­zun­gen erge­ben, dass Eine Umver­tei­lung von 100 € von den Pro­fi­ten zu den Löh­nen zu rund 30 bis 40 € mehr Kon­sum­aus­ga­ben führt.

Eine nied­ri­gere Lohn­quote bedeu­tet defi­ni­ti­ons­ge­mäß eine höhere Pro­fit­quote. Und höhere Pro­fite füh­ren zu mehr Inves­ti­tio­nen. Kom­pen­sie­ren die höhe­ren Inves­ti­ti­ons­aus­ga­ben nicht die gesun­ke­nen Kon­sum­aus­ga­ben? Nein; zwar füh­ren höhere Gewinne tat­säch­lich zu mehr Inves­ti­tio­nen, aber in einem beschei­de­nen Aus­maß. 100 € höhere Gewinne füh­ren zu rund 10 € höhe­ren Investitionen.

Kurz, die hei­mi­sche Nach­frage sta­gniert, wenn die Löhne nicht stei­gen. Ver­schie­dene Län­der ent­wi­ckel­ten unter­schied­li­che Stra­te­gien damit umzu­ge­hen. Etli­che Län­der, z.B. Deutsch­land und Japan, haben das schwa­che Wachs­tum der hei­mi­schen Nach­frage durch Export­über­schüsse kompensiert.

Das Pro­blem: es kön­nen nicht alle Län­der gleich­zei­tig Export­über­schüsse erzie­len. Jedem Leis­tungs­bi­lanz­über­schuß muss ein Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zit in einem ande­ren Land gegen­über­ste­hen. Irgend­wer muss impor­tie­ren. Es waren die angel­säch­si­schen Län­dern, allen voran die USA, die sich als Wachs­tums­mo­tor der Welt­wirt­schaft eta­blier­ten. Waren in die­sen Län­dern die Löhne etwa stär­ker gewach­sen? Nein, im gros­sen und gan­zen nicht. Auf­grund ihres Immo­bi­li­en­mark­tes und ihres Finanz­sys­tem ent­wi­ckel­ten diese Län­der mit der Dere­gu­lie­rung des Finanz­sek­tors ein schein­bar bril­lan­tes Sys­tem der Nach­fra­ge­an­kur­be­lung: der Kon­sum wurde kre­dit­fi­nan­ziert und die Kre­dite durch stei­gende Immo­bi­li­en­preise besi­chert. Die­ses kredit-​​finanzierte Wachs­tums ging gut, solange die Haus­preise wei­ter stie­gen. Als diese zu fal­len began­nen, began­nen auch die Ban­ken zu krachen. 

Wie finan­zier­ten die Ban­ken eigent­lich die­ses Kre­dit­wachs­tum? Größ­ten­teils nicht über Ein­la­gen, son­dern indem sie die Kre­dite wei­ter­ver­kauf­ten, teils in Form recht kom­pli­zier­ter Wert­pa­piere. Und wer kaufte eigent­lich diese Papiere? Zu einem Teil inter­na­tio­nale Anle­ger. Das muß so sein: ein Land das Export­über­schüsse (an Gütern) hat, muß auch Kapi­tal expor­tie­ren. Indi­rekt finan­zier­ten damit China, Japan und Deutsch­land die Kre­dite für die Immo­bi­li­en­blase. In einem ver­nünf­ti­gen Wech­sel­kurs­sys­tem hät­ten der US-​​Dollar schon vor Jah­ren abwer­ten müs­sen. Aber im heu­ti­gen Sys­tem sind die Wech­sel­kurse den Märk­ten über­las­sen. Die Aus­sen­han­delsun­gleich­wichte konn­ten damit in unge­wohnte Höhen steigen. 

Fas­sen wir also zusam­men: Einige Län­der, in denen wegen Lohn­zu­rück­hal­tung die hei­mi­sche Nach­frage schwä­chelt, expor­tie­ren fleis­sig und finan­zie­ren mit ihren Kapi­tal­ex­por­ten die Kre­dit­ge­ne­rie­rung in jene Län­der, wo die Haus­halte fleis­sig ein­kau­fen, was sie sich wegen des gerin­gen Lohn­wachs­tums gar nicht leis­ten kön­nen und daher über Kre­dite finan­zie­ren müs­sen. Ins­ge­samt ein per­ver­ses Sys­tem. Mög­lich wurde all dies durch die Dere­gu­lie­rung des Finanz­sys­tems, aber auch durch eine Pola­ri­sie­rung der Einkommensverteilung.

Und die Moral von der Geschicht? Eine Reform des Finanz­sys­tems kann daher nur ein Teil der Repa­ra­tur des Sys­tems sein. Der andere Bereich der der Repa­ra­tur bedarf ist die Lohn– und Ver­tei­lungs­po­li­tik. Erst wenn die Löhne wie­der mit der Pro­duk­ti­vi­tät wach­sen ist ein wirt­schaft­li­ches Gleich­ge­wicht mög­lich, das ohne spe­ku­la­tive Bla­sen und stei­gende Haus­halts­ver­schul­dung auskommt. 

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„Weltfinanzsystem im Umbruch? Nord-Süd-Perspektiven“ 23.4.

20. April 2009 – 16:45 Uhr

Zeit: Don­ners­tag, 23.April 2009, 17:00–18:30 Uhr
Ort: Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft, Neues Insti­tuts­ge­bäude (NIG), Uni­ver­si­täts­strasse 7, 2.Stock, Raum A222

Prä­sen­ta­tion des Jour­nal für Entwicklungspolitik

Es dis­ku­tie­ren:

Hans-​​Jürgen Bie­ling (Uni­ver­si­tät Ham­burg)
Johan­nes Jäger (Fach­hoch­schule des bfi Wien)
Karin Küb­lböck (ÖFSE)
Tho­mas Sablow­ski (Uni­ver­si­tät Wien)
Beat Weber (BEIGEWUM)

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Staatseuphorie ohne Strategie

20. April 2009 – 13:20 Uhr

Zur Lage der Lin­ken im Postneoliberalismus

Die aktu­elle Wirt­schafts­krise hat auch unter den poli­tisch und ökono­misch Herr­schen­den – wie bei­spiels­weise jüngst beim Welt­wirt­schafts­fo­rum in Davos – eine inten­sive Aus­ein­an­der­set­zung dar­über aus­ge­löst, was künf­tig ver­än­dert wer­den muss.

In der aktu­el­len Krise scheint es – zumin­dest auf den ers­ten Blick –, als würde das neo­li­be­rale Dogma eines Bes­se­ren belehrt. Aber auch wenn der­zeit Ban­ken ver­staat­licht und Vor­schläge für eine Rere­gu­lie­rung der Finanz­märkte dis­ku­tiert wer­den, so ist doch wei­ter­hin offen, inwie­weit damit ein Gestal­tungs­an­spruch staat­li­cher Poli­tik gegen die Inter­es­sen der star­ken Kapi­tal­grup­pen ein­her­geht. Denn es han­delt sich zuvor­derst – bei aller rui­nö­sen Kon­kur­renz – um eine Kri­sen­in­ter­ven­tion im Inter­esse der domi­nan­ten Kräfte.

Im Grunde geht es hier um die Neu­auf­lage eines keyne­sia­ni­schen Pro­gramms, bei dem der Staat kor­ri­gie­rend in ökono­mi­sche Zyklen und die Macht des Kapi­tals ein­greift. Im Zuge der unter Lin­ken der­zeit gras­sie­ren­den Staats­eu­pho­rie sind Refle­xio­nen über die sich ver­än­dern­den For­men der Staats­in­ter­ven­tion seit den 70er Jah­ren – und beson­ders in der aktu­el­len Krise – aus­ge­spro­chen sel­ten anzu­tref­fen. Die Vor­schläge der Kri­sen­be­ar­bei­tung blei­ben weit­ge­hend makro­öko­no­misch aus­ge­rich­tet. Letzt­lich ver­birgt sich hin­ter den meis­ten Dia­gno­sen eine dif­fuse Hoff­nung auf die Ein­sichts­fä­hig­keit der poli­ti­schen und ökono­mi­schen Eli­ten. Bei rea­lis­ti­scher Betrach­tung erweist sich diese Hoff­nung jedoch als Illusion.

Nicht zufäl­lig kommt das Pro­blem der Hege­mo­nie in den meis­ten aktu­el­len Dia­gno­sen nicht vor. Kri­sen bedeu­ten nicht unbe­dingt eine Abkehr von der herr­schen­den Poli­tik, son­dern füh­ren oft zu deren gra­du­el­ler Erneue­rung und fes­ti­gen auf diese Weise die zugrunde lie­gen­den Herr­schafts­ver­hält­nisse. Anto­nio Gramsci nannte das eine „pas­sive Revo­lu­tion“, in der Zustim­mung zur „gro­ßen Poli­tik“ und makro­öko­no­mi­schen Ent­wick­lung, aber auch hin­sicht­lich all­täg­li­cher Ori­en­tie­run­gen und Prak­ti­ken aus­ge­ar­bei­tet wird. Hier liegt denn auch der Kern des erfolg­ten neo­li­be­ra­len Gesell­schafts­um­baus. Er bestand ja nicht zuletzt darin, den Markt– und Kon­kur­renzim­pe­ra­tiv tief in der Gesell­schaft, ja bis in die Sub­jekte hin­ein zu ver­an­kern. Das ist mit der Krise nicht vorbei.

Der Staat ist aus herr­schen­der Per­spek­tive teil­weise ein Opfer, vor allem jedoch ein Pro­blem­lö­ser, eine neu­trale Instanz und den gesell­schaft­li­chen All­ge­mein­in­ter­es­sen ver­pflich­tet. Der Staat soll’s rich­ten: Die­ses Ver­ständ­nis domi­niert der­zeit auch die Dis­kus­sion um die Finanz­markt­krise. Dem­ge­gen­über ver­steht eine kri­ti­sche Ana­lyse den Staat gerade nicht als „neu­trale Instanz“, son­dern als sozia­les Ver­hält­nis oder genauer: als insti­tu­tio­nell ver­dich­te­tes gesell­schaft­li­ches Kräf­te­ver­hält­nis, in dem die herr­schen­den Kräfte domi­nie­ren und ihre Inter­es­sen leich­ter durch­set­zen kön­nen als die schwä­che­ren Akteure.

Der Staat, ins­be­son­dere in den OECD-​​Ländern, hat die Glo­ba­li­sie­rung kräf­tig vor­an­ge­trie­ben und wurde zum „natio­na­len Wett­be­werbs­staat“ (Joa­chim Hirsch) transformiert.

Durch die Staats­in­ter­ven­tion wer­den Unter­neh­mens­ver­luste sozia­li­siert (Ban­ken­ret­tungs­schirme), und die Krise selbst wird von mäch­ti­gen Kon­zer­nen dazu genutzt, geschwächte Kon­kur­ren­ten zu erwer­ben (bei­spiels­weise der Kauf der Dresd­ner Bank durch die Commerzbank).

Wäh­rend­des­sen gilt der Schutz der von Arbeits­lo­sig­keit Bedroh­ten (von sym­bo­lisch und für die herr­schende Poli­tik wich­ti­gen Kämp­fen wie jenen um Opel abge­se­hen) oder der im Zuge der Hypo­the­ken­krise ihre Häu­ser ver­lie­ren­den Men­schen als nachrangig.

Die kapi­ta­lis­ti­sche Ent­wick­lung pro­du­ziert jedoch nicht nur Kri­sen, son­dern auch ihre eige­nen Gegen­kräfte in Form von Wider­stand und Alter­na­ti­ven. Diese kön­nen reak­tio­när oder gar faschis­tisch sein, aber auch eman­zi­pa­to­risch und demokratisch.

Im Unter­schied zu den staats­zen­trier­ten Kri­sen­dia­gno­sen plä­diere ich daher dafür, die unter­schied­li­chen Vor­schläge und Stra­te­gien zur Kri­sen­be­ar­bei­tung mit dem Begriff des Post­neo­li­be­ra­lis­mus zu fas­sen. Anders als im Dis­kurs vom „Ende des Neo­li­be­ra­lis­mus“ und der „Rück­kehr des Staa­tes“ gera­ten auf diese Weise die Brü­che, aber eben auch die Kon­ti­nui­tä­ten in den Blick. Kurz: Post­neo­li­be­rale Stra­te­gien bedeu­ten nicht per se eine Abkehr von neo­li­be­ra­ler Poli­tik; mit dem Begriff wer­den viel­mehr unter­schied­li­che Optio­nen der Kri­sen­be­ar­bei­tung in den Blick genom­men. Dies erlaubt eine prä­zi­sere Ein­schät­zung der gesell­schaft­li­chen Kräf­te­ver­hält­nisse, die sich in ein­zel­nen gesell­schaft­li­chen Kon­flikt­fel­dern durch­aus unter­schied­lich ausformen.

Aus eman­zi­pa­to­ri­scher Per­spek­tive geht es darum, Ant­wor­ten auf die drän­gen­den Pro­bleme wie soziale Spal­tung und Ver­ar­mung, Angst und die Pri­va­ti­sie­rung der Risi­ko­ab­si­che­rung, ökolo­gi­sche Krise und Zunahme der Gewalt zu fin­den. Gleich­zei­tig gilt es, die herr­schaft­li­chen Defi­ni­tio­nen der „drän­gen­den Pro­bleme“ zurück­zu­wei­sen und zu ver­än­dern. Die Eng­füh­rung der meis­ten Miss­stände auf die aktu­elle Finanz– und sich anbah­nende Wirt­schafts­krise ist pro­ble­ma­tisch, denn eine sol­che Reduk­tion der Ursa­chen ten­diert dazu, einen unde­mo­kra­ti­schen Eta­tis­mus zu begüns­ti­gen. Die­ser setzt die soziale Spal­tung fort bzw. ver­tieft sie wei­ter – nicht zuletzt auch dadurch, dass er die Kri­sen der Ökolo­gie, der Inte­gra­tion, der Sicher­heit und der Demo­kra­tie für zweit­ran­gig erklärt.

Die­ses Pro­blem wird ana­ly­tisch dadurch gewis­ser­ma­ßen „ver­dop­pelt“, dass einer (guten) Real­öko­no­mie die aus dem Ruder gelau­fe­nen (schlech­ten) Finanz­märkte gegen­über­ge­stellt wer­den, die es in Kom­bi­na­tion mit pro­gres­si­ver Ver­tei­lungs­po­li­tik zu „ent­schleu­ni­gen“ gelte. Aber ist es denn über­haupt wün­schens­wert, rein makro­öko­no­misch die Wirt­schaft wie­der „anzu­kur­beln“, anstatt die aktu­el­len Mög­lich­kei­ten dafür zu nut­zen, eine qua­li­ta­tiv und von den kom­ple­xen Anreiz– und Bedürf­nis­struk­tu­ren her ganz andere Lebens­weise als die impe­riale durchzusetzen?

Für alle Kon­flikt­fel­der und umfas­sende gegen­he­ge­mo­niale Stra­te­gien gilt: Ent­schei­dend wird sein, ob die Macht der Kapi­tal– und Ver­mö­gens­be­sit­zer – samt ihrer politisch-​​institutionellen, media­len und wis­sen­schaft­li­chen Absi­che­rung – wirk­lich in Frage gestellt wer­den kann und ob ein Umbau der Pro­duk­ti­ons– und Lebens­weise akzep­tiert wird. Denn eines sollte nicht über­se­hen wer­den: Der neo­li­be­rale Gesell­schafts­um­bau wurde und wird auch des­halb breit akzep­tiert, weil er die impe­riale Lebens­weise der Bevöl­ke­rungs­mehr­heit in den Län­dern des glo­ba­len Nor­dens und der Mit­tel­klas­sen in den Län­dern des glo­ba­len Südens absichert.

In der lin­ken Dis­kus­sion sind alter­na­tive Ansätze kaum zu fin­den, wer­den die unter­schied­li­chen Kri­sen­di­men­sio­nen und Pro­ble­me­be­nen bis heute nicht zusam­men­ge­dacht. So wird der Wider­spruch zwi­schen kurz– und mit­tel­fris­ti­gen Kri­sen­in­ter­ven­tio­nen und dem gleich­zei­tig not­wen­di­gen Umbau der Ener­gie– und Res­sour­cen­ba­sis des glo­ba­len Nor­dens nur sel­ten benannt. Dies könnte in den kom­men­den Jah­ren das in vie­ler­lei Hin­sicht pro­ble­ma­ti­sche Pro­jekt eines „grü­nen New Deal“ zu der ver­meint­lich lin­ken sozial-​​ökologischen „Alter­na­tive“ machen. Hier liegt eine große intel­lek­tu­elle, stra­te­gi­sche und poli­ti­sche Aufgabe.

Der weit­rei­chen­den Ent­po­li­ti­sie­rung muss mit einer gesell­schaft­li­chen Mobi­li­sie­rung ent­ge­gen­ge­ar­bei­tet wer­den, deren Vor­aus­set­zung es ist, die „Par­zel­lie­rung“ der gesell­schaft­li­chen Pro­bleme in Poli­tik­be­rei­che und ent­spre­chende Lösungs­an­sätze aufzuheben.

(Eine Lang­ver­sion des Bei­trags erschien in „Blät­ter für deut­sche und inter­na­tio­nale Poli­tik“, April 2009).

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Is America doomed? Or Austria?

15. April 2009 – 21:58 Uhr

Der Kom­men­tar des (neo-)konservativen Kolum­nis­ten Charles Kraut­ham­mer hat es (in Aus­zü­gen) bis in den Stan­dard geschafft, weil er eine Wort­mel­dung der hie­si­gen Innen­mi­nis­te­rin als Aus­weis für die außen­po­li­ti­sche Inkom­pe­tenz Barack Oba­mas hält. Kraut­ham­mers Anmer­kung steht im Kon­text der ame­ri­ka­ni­schen Kri­tik an Oba­mas Euro­pa­reise, wie bei Cafe Cri­ti­que unter­stri­chen wird. Über Kraut­ham­mers Posi­tion lässt sich natür­lich strei­ten.* Mei­nes Erach­tens ist er eher einer jener leicht hys­te­ri­schen Exzep­tio­na­lis­ten, die unter Bush jun. ihre große Zeit hat­ten und denen nun in der Krise die Legi­ti­mie­rung ihrer doch eher extre­men Ansich­ten weg­bricht. (Siehe dazu die exzel­len­ten Bücher von And­rew Bace­vich, The New Ame­ri­can Mili­ta­rism, sowie von Fred Kaplan, Day­dream Belie­vers.)

Das Inter­esse an Öster­reich jeden­falls ist in den USA tat­säch­lich grö­ßer als man den­ken möchte. Warum sonst schreibt Paul Krug­man (der auch gern mal den Teu­fel an die Wand malt, aber von der ande­ren Seite) in sei­nem Blog über den bedenk­lich hohen Anteil an Ver­pflich­tun­gen, den öster­rei­chi­sche Ban­ken in Ost­eu­ropa haben? Krug­man zeigt einen sim­plen Chart, den ich gern ein­mal in einem öster­rei­chi­schen Medium gese­hen hätte. Und er ver­weist dar­auf, dass ein Bail-​​out der Ban­ken not­wen­dig sein wird, um das Pro­blem in den Griff zu krie­gen. Jetzt sitze ich in den USA und frage mich: Wie wird das in Öster­reich dis­ku­tiert? Und: Warum haben ame­ri­ka­ni­sche Intel­lek­tu­elle in Bezug auf Öster­reich die Nase vorn?

(* Pas­sage nach­träg­lich korrigiert.)

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Was spricht eigentlich gegen eine Vermögensteuer?

9. April 2009 – 18:20 Uhr

Es ist wird wie­der ein­mal hef­tig über die Ver­mö­gen­steuer dis­ku­tiert, doch der Opti­mis­mus, dass sie wirk­lich kommt, hält sich in Gren­zen. Es stellt sich aber die Frage, was ökono­misch für oder gegen eine Besteue­rung von Ver­mö­gen spricht.

Die Finan­zie­rung öffent­li­cher Aus­ga­ben ist gerade auch in  Kri­sen­zei­ten uner­läss­lich, um soziale Leis­tun­gen aus­zu­bauen, Bil­dung und Kul­tur aus­rei­chend zu finan­zie­ren, öffent­li­che Infra­struk­tur­pro­jekte rea­li­sie­ren zu kön­nen, eine aktive Arbeits­markt­po­li­tik zu betrei­ben kurz: Um den Lebens­stan­dard der Men­schen zu sichern. Diese Aus­ga­ben sind grund­sätz­lich über Steu­er­ein­nah­men, zum Teil auch über eine staat­li­che Neu­ver­schul­dung zu rea­li­sie­ren. Und dabei muss gel­ten: Wer mehr hat, der hat auch eine grö­ßere Steu­er­last zu tra­gen. Es ist daher schwer ver­ständ­lich, warum Öster­reich auf Ein­nah­men aus Sub­stanz­steu­ern – also aus Erb­schafts– und Ver­mö­gen­steu­ern – weit­ge­hend ver­zich­tet.  Ein paar Argu­mente für die Debatte:

  1. Öster­reich ist bei der Besteue­rung von Ver­mö­gen und Erb­schaf­ten (fast) Schluss­licht in der EU. 2006 wur­den gerade ein­mal 0,6 des BIP durch diese Steu­ern ein­ge­ho­ben.  Der Durch­schnitt der EU lag 2006 bei knapp 2,0%, in Groß­bri­tan­nien waren es 4,6 Pro­zent des BIP (Stan­dard vom 09.04.09). Bei einer Anhe­bung auf den EU-​​Durchschnitt würde Öster­reich 4 Mrd. Euro jähr­lich zusätz­lich einnehmen.
  2. Ver­mö­gen sind extrem ungleich ver­teilt. Wer wirk­lich eine Umver­tei­lung will, der muss in die Sub­stanz die­ser Ver­mö­gen eingreifen.
  3. Die Angst vor einer Ver­mö­gen­steuer ist enorm. Men­schen, die durch bes­sere öffent­li­che Leis­tun­gen pro­fi­tie­ren wür­den, leh­nen deren Finan­zie­rung über eine Ver­mö­gen­steuer den­noch ab. Dabei muss klar sein: Eine Ver­mö­gen­steuer kann so aus­ge­stal­tet wer­den, dass klei­nere und mitt­lere Ver­mö­gen steu­er­frei blei­ben. Dafür kön­nen ent­spre­chende Frei­be­träge vor­ge­se­hen wer­den. Das Schü­ren der Angst vor Ver­mö­gen­steu­ern ist inter­es­sen­ge­lei­tet und nicht rational.
  4. Gegen die Ver­mö­gen­steuer wird ein­ge­wandt, dass die­ses Geld bereits ver­steu­er­tes Ein­kom­men sei und eine dop­pelte Besteue­rung nicht zuläs­sig ist. Nun wird aber jedes Ein­kom­men bei Ver­aus­ga­bung mehr­fach besteu­ert: Erst durch die Lohn– und Ein­kom­men­steuer, dann durch diverse Ver­brauch­steu­ern (Mehr­wert­steuer, Mine­ral­öl­steuer usw.). Es gibt kei­ner­lei Begrün­dung, warum das nicht so sein sollte. Daher kön­nen auch Ver­mö­gen­steu­ern ein­ge­ho­ben wer­den, so denn der poli­ti­sche Wille da ist.

Neben der Frage der Ein­nah­men ist immer die Frage der Funk­tion zu beach­ten. Eine Besteue­rung von Ver­mö­gen lässt sich einer­seits aus dem Leis­tungs­fä­hig­keits­prin­zip, ande­rer­seits aus dem Äqui­va­lenz­prin­zip begrün­den. Aus Ver­mö­gen ent­ste­hen Leis­tun­gen wie bspw. Ein­kom­men, Pres­tige, Macht, Sicher­heit. Eine Per­son, die Leis­tungs­fä­hi­ger ist, ist jedoch stär­ker zu besteu­ern. Dies ist kein Natur­ge­setz, aber eine poli­ti­sche Set­zung. Diese gilt es zu ver­tei­di­gen, weil das Leis­tungs­fä­hig­keits­prin­zip eine der zen­tra­len Säu­len eines Sozi­al­staa­tes dar­stellt. Ein sol­cher kann nur bei Umver­tei­lung funk­tio­nie­ren, denn wenn jede Gruppe für sich selbst sor­gen muss, dann ist das kein Wohl­fahrts­staat mehr. Zudem leis­tet der Staat auch etwas für die Ver­mö­gen­den: Er garan­tiert das Eigen­tum, er stellt die juris­ti­sche und säch­li­che Infra­struk­tur zur Ver­fü­gung, die not­wen­dig sind, dass Ver­mö­gen ent­ste­hen und exis­tie­ren kann. Daher kann der Staat nach dem Äqui­va­lenz­prin­zip auch Steu­ern auf Ver­mö­gen begrün­det ein­he­ben.
Es ist nicht ein­zu­se­hen, dass Öster­reich auf die drin­gend benö­tig­ten Ein­nah­men aus der Ver­mö­gen­steu­ern ver­zich­tet. Die posi­ti­ven Effekte – Ein­nah­me­stei­ge­rung, glei­chere Ver­tei­lung, weni­ger Kapi­ta­lak­ku­mu­la­tion – sind groß und soll­ten die Poli­tik dazu ver­an­las­sen, end­lich zu han­deln. Mit einem Ver­weis auf das Regie­rungs­pro­gramm ist es nicht getan. Ers­tens ist es ein Feh­ler, dass dort keine Ver­mö­gen­steuer benannt wird. Zwei­tens kann man Feh­ler kor­ri­gie­ren. Und Drit­tens ist die wirt­schaft­li­che Situa­tion eine deut­lich andere als zum Zeit­punkt der Koalitionsverhandlungen.

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G-20-Finanzgipfel: mehr Kontinuität als Wandel

8. April 2009 – 11:47 Uhr

Der G-​​20-​​Gipfel zur Finanz­krise Anfang April in Lon­don brachte zwar etwas mehr als erwar­tet, blieb aber weit hin­ter den Not­wen­dig­kei­ten zurück. Die Erwar­tun­gen waren durch die unter­schied­li­chen Inter­es­sen­la­gen und offen aus­ge­tra­ge­nen Dif­fe­ren­zen der zen­tra­len inter­na­tio­na­len Mächte gedämpft.

Die US-​​Regierung drängte im Vor­feld stark auf inter­na­tio­nale Kon­junk­tur­pa­kete, zeigte aber wenig Enthu­si­as­mus für weit­ge­hende Regu­lie­rungs­vor­schläge. Das ist ange­sichts des hyper­tro­phen US-​​Finanzsektors auch nicht über­ra­schend. Neben fis­ka­li­schen Anrei­zen setzt die US-​​Regierung beson­ders stark auf die Wie­der­be­le­bung der Kre­dit­me­cha­nis­men. Impulse sol­len aus der Finanz­sphäre kom­men. In den letz­ten Jahr­zehn­ten stan­den bei Wirt­schafts­auf­schwün­gen in den USA nicht mehr die Indus­trie und die pro­duk­ti­ven Inves­ti­tio­nen im Vor­der­grund, son­dern der Finanz– und Immo­bi­li­en­sek­tor. Die deut­sche Bun­des­re­gie­rung zeigte sich gegen­über wei­te­ren Kon­junk­tur­pa­ke­ten ableh­nend und stellte statt­des­sen Regu­lie­rungs­fra­gen in den Vor­der­grund. Die deut­sche Ökono­mie ist über­mä­ßig stark auf den Export aus­ge­rich­tet und lei­det jetzt stark unter den Expor­t­ein­brü­chen. Der deut­sche Poli­tik– und Wirt­schafts­main­stream setzt wei­ter auf Exporte als Weg aus der Krise. Nur die Links-​​Partei, linke Gewerk­schaf­ter, glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­sche Grup­pen und einige kri­ti­sche Ökono­men for­dern eine Reo­ri­en­tie­rung auf den Bin­nen­markt und starke fis­ka­li­sche Impulse sowie eine expan­sive Lohn­po­li­tik. Dies wird von der Bun­des­re­gie­rung abge­lehnt. Sie negiert, dass die Krise auch etwas mit Ver­tei­lungs­fra­gen – wie hohen anla­ge­su­chen­den Ein­kom­men der obe­ren Mit­tel­schich­ten und beim Kon­sum Kom­pen­sa­tion nied­ri­ger Ein­kom­men durch stei­gende Auf­nahme von Kon­sum­kre­di­ten –  sowie glo­ba­len Ungleich­ge­wich­ten zu tun hat. Sie iden­ti­fi­ziert als zen­trale Ursa­che der Krise pri­mär Fehl­re­gu­lie­run­gen der Finanz­märkte, die tat­säch­lich ein wich­ti­ger, aber nicht der ein­zige wich­tige Kri­sen­fak­tor waren. Bei der deut­schen Posi­tion ist zu beach­ten, dass durch den inter­na­tio­na­len Bedeu­tungs­ge­winn des angel­säch­si­schen Finanz­markt­mo­dells das deut­sche Wirt­schafts­mo­dell mit sei­nen tra­di­tio­nell engen Bezie­hun­gen zwi­schen Ban­ken und Indus­trie ero­diert war. Die chi­ne­si­sche Regie­rung zeigte sich ange­sichts der unkon­ven­tio­nel­len und stark expan­si­ven Geld­po­li­tik der US-​​Zentralbank offen um die rie­si­gen chi­ne­si­schen Finanz­an­la­gen in den USA besorgt. Aus China kamen erste Stim­men, wel­che die Rolle des US-​​Dollars als zen­trale US-​​Reservewährung vor­sich­tig in Frage stellten.

Die Pas­sa­gen zur wirt­schaft­li­chen Sti­mu­lie­rung sind eher all­ge­mein gehal­ten. Beson­de­res Gewicht legt die Abschluss­er­klä­rung auf die Wie­der­her­stel­lung eines „nor­ma­len Kre­dit­flus­ses“. Hier­bei ist unklar, was „nor­mal“ eigent­lich bedeu­tet. Sollte hier­mit die exzes­sive Kre­dit­ver­gabe der letz­ten Jahre gemeint sein, würde dies die Fort­set­zung eines grund­sätz­lich sehr kri­sen­an­fäl­li­gen Wirt­schafts­mo­dells bedeu­ten. In den USA gibt es bereits jetzt Anstren­gun­gen, den Han­del mit inno­va­ti­ven Finanz­ak­tiva, die in der Krise ihre destruk­tive Wir­kung deut­lich zeig­ten, mit staat­li­cher Hilfe wie­der in Gang zu brin­gen. Ein­zelne Ban­ken schei­nen auf diese Poli­tik, die auch den USA nicht unum­strit­ten ist, ansprin­gen zu wollen.

Etwas mehr Regu­lie­rung soll es aller­dings auch geben. Das Finan­cial Sta­bi­lity Forum soll zu einem Finan­cial Sta­bi­lity Board (FSB) mit ver­stärk­tem Man­dat aus­ge­baut wer­den. Das FSB soll sich unter ande­rem um den Auf­bau eines Früh­warn­sys­tems für die Finanz­märkte und die Ver­än­de­rung der Auf­sichts­sys­teme küm­mern. Regu­lie­rung und Auf­sicht sol­len „auf alle sys­te­misch wich­ti­gen Finanz­in­sti­tu­tio­nen, –instru­mente und –märkte“ aus­ge­dehnt wer­den. Hierzu sol­len auch „sys­te­misch wich­tige Hedge­fonds“, die mit sehr hoher Kre­dit­fi­nan­zie­rung spe­ku­la­ti­ver Akti­vi­tä­ten arbei­ten, gehö­ren. Was „sys­te­misch wich­tig“ ist, ist in der Erklä­rung nicht defi­niert und ziem­lich inter­pre­ta­ti­ons­fä­hig. Von einer umfas­sen­den Kon­trolle kann so kei­nes­falls die Rede sein. Mehr Trans­pa­renz ist allein nicht aus­rei­chend. Bereits vor der Krise waren Kri­sen­ge­fah­ren durch­aus erkenn­bar, doch folg­ten keine prä­ven­ti­ven Gegen­maß­nah­men. Die Regu­lie­rungs­be­hör­den zeig­ten sich allzu eng auf die Wün­sche der Finanz­welt aus­ge­rich­tet. Not­wen­dig wären ein Ver­bot ver­schie­de­ner inno­va­ti­ver Finanz­in­stru­mente sowie eine Geneh­mi­gungs­pflicht für neue Instru­mente. Von ent­spre­chen­den Schrit­ten ist in der Dekla­ra­tion kein Wort zu fin­den. Auf Steu­er­pa­ra­diese soll ver­stärk­ter Druck aus­ge­übt wer­den. Hier­bei wird eher auf die Unter­bin­dung von Steu­er­flucht als auf den eben­falls sehr wich­ti­gen Aspekt der Regu­lie­rungs­flucht abge­stellt. Man­gelnde Regu­lie­rung und Auf­sicht machen neben steu­er­lich „para­die­si­schen“ Zustän­den die Haupt­at­trak­ti­vi­tät der Steu­er­pa­ra­diese auf. Viel­fach han­delt es sich bei die­sen „Para­die­sen“ übri­gens um kleine Reste des kolo­nia­len Impe­ri­ums Groß­bri­tan­ni­ens und der Niederlande.

Die viel­leicht unmit­tel­bar stärkste Wir­kung des G-​​20-​​Gipfels ist die Stär­kung des IWF (und ande­rer inter­na­tio­na­ler Finanz­in­sti­tu­tio­nen). Über den IWF soll Liqui­di­tät für Län­der der Semi-​​Peripherie (wie Teile Ost­eu­ro­pas oder Latein­ame­ri­kas) und der Peri­phe­rie bereit­ge­stellt wer­den. Hier­bei wer­den auch kon­krete Sum­men genannt, die aller­dings zum Teil nur Bekräf­ti­gun­gen bereits frü­he­rer Beschlüsse sind. Der IWF hat die Wirt­schafts­po­li­ti­ken, die zur gegen­wär­ti­gen Krise geführt haben, sys­te­ma­tisch unter­stützt. Wirt­schafts­po­li­tisch hat er seine Linie kaum kor­ri­giert. Grund­le­gende Ursa­chen der Ver­schul­dung von (semi-)peripheren Ökono­mien gehen seine Pro­gramme nicht an, oft­mals zemen­tie­ren sie diese sogar. Die Stimm­rechts­ver­tei­lung im IWF ist hoch­gra­dig unde­mo­kra­tisch zu Guns­ten der Indus­trie­län­der (vor allem der USA) ver­zerrt und wird abseh­bar auch bei den ange­peil­ten Stimm­rechts­re­for­men höchst pro­ble­ma­tisch blei­ben. Eine weit bes­sere Alter­na­tive wäre die Ver­gabe von Liqui­di­tät über UNO-​​Organisationen.

Das G-​​20-​​Treffen zeigt geo-​​politische Ver­schie­bun­gen an. Im Gegen­satz zu den bis­he­ri­gen G-​​7-​​Treffen saßen große Län­der des Südens mit am Tisch. China ist ein zwar noch recht dis­kre­ter, aber doch zen­tra­ler Akteur. Die US-​​Regierung ist zumin­dest zu Teil­kom­pro­mis­sen gezwun­gen. Im Kern zeich­net sich ab, dass Kern­ele­mente der Wirt­schafts­mo­delle der letz­ten drei Jahr­zehnte bewahrt und um eine etwas ver­stärkte Kon­trolle ergänzt wer­den sol­len. Der kleinste gemein­same Nen­ner ließe sich so beschrei­ben: So viel Kon­ti­nui­tät mit den Jah­ren des Neo­li­be­ra­lis­mus wie mög­lich und eine Begren­zung der Kor­rek­tu­ren auf das unver­meid­lich Scheinende.

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