Risiko

Thomas Koenig am 30. April 2009 um 18:10h

Seit Ulrich Beck 1986 mit der Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Risi­ko­ge­sell­schaft einen aka­de­mi­schen Voll­tref­fer gelan­det hat (Tscher­no­byl!), pro­pa­giert er die­sen Gedan­ken wo immer man ihn lässt. Inzwi­schen ist ihm sein Trade­mark zur Welt­ri­si­ko­ge­sell­schaft ange­wach­sen. In einem Kom­men­tar im Stan­dard schreibt Beck von der Zukunft der EU und malt den Teu­fel an die Wand:

„Wenn Europa an der glo­ba­len Wirt­schafts­krise zer­bre­chen sollte, dann wird es keine Gren­zen geben für das Unglück, die Not und die Schande sei­ner Poli­ti­ker und fünf­hun­dert Mil­lio­nen Menschen!“

Becks Inten­tion ist sicher ehren­wert, er rich­tet sich gegen einen neuen Natio­na­lis­mus und for­dert eine „durch die Krise erneu­erte EU“. Aber abge­se­hen vom schlech­ten Deutsch („Die Lage spitzt sich zu: ent­we­der Mehr-​​Europa oder Nicht-​​Europa. Die­ser Impe­ra­tiv des mög­li­chen Schei­terns [sic!] begrün­det die Hoff­nung à la baisse“ und so wei­ter) hat Beck kein Argu­ment anzu­brin­gen. Son­dern nur, seien wir ehr­lich, Ideologie:

„In der Welt­ri­si­ko­ge­sell­schaft sind iso­lierte Natio­nal­staa­ten weder hand­lungs­fä­hig noch über­le­bens­fä­hig noch sou­ve­rän.“ Und: „Nur eine durch die Krise erneu­erte EU kann im Zusam­men­spiel mit der neuen US-​​Weltoffenheit Oba­mas glaub­wür­dig und wir­kungs­voll die Regu­lie­rung der Finanz­märkte einfordern.“

Wel­che Regu­lie­rung? Hier mache ich einen radi­ka­len Schnitt. Im gest­ri­gen Pod­cast von Pla­net Money (den ich allen, die an der Wirt­schafts­krise inter­es­siert sind, wirk­lich ans Herz legen will) spricht Nas­sim Taleb, Autor von Black Swan, über seine Vor­stel­lun­gen einer ver­nünf­ti­gen Regu­lie­rung der Finanz­märkte. Taleb spricht deut­li­che Worte (meine Transkription):

„Any pro­duct that relies on mathe­ma­ti­cal models will disap­pear or needs to disap­pear because we know not­hing about these pro­ba­bi­li­ties and the past of course is no indi­ca­tion and I pro­ved it […]. This idea of using his­to­ri­cal ana­ly­sis is com­ple­tely bogus and the idea of making an apriori theory of what a pro­ba­bi­lity of events should be is also bogus, so we should aban­don them. […] Ban these products!“

Taleb teilt nicht nur Becks opti­mis­ti­schen Blick auf die Obama-​​Administration nicht („The US govern­ment eco­no­mists, they are not equip­ped to under­stand that environ­ment [of the cur­rent cri­sis]. They are trai­ned in con­ven­tio­nal ways, they can­not under­stand it.“), er bringt auch kon­krete Vor­schläge zur Regulierung:

„We even­tually need to be orga­ni­zed in a way that resem­bles Mother Nature with not­hing too big to fail, with pro­ducts that are much less sen­si­tive to large devia­tion, namely, you know, just very sim­ple finan­cial pro­ducts, and, what people don’t like, and I say sorry, but we can no lon­ger afford debt. Debt doesn’t give you room for error. […] Unless you shut down the inter­net, unless you stop glo­ba­liza­tion, there is no room for errors. […] Debt is some­thing that fra­ge­li­zes the sys­tem. You have to choose: debt or glo­ba­liza­tion.“

Warum bringe ich diese bei­den in allen Belan­gen unglei­chen media­len Berichte? Inter­es­sant ist jeweils der Zugang zum Risiko. Für Ulrich Beck ist „das Risiko“ etwas gesell­schaft­lich Gege­be­nes, etwas Unhin­ter­geh­ba­res. Man kann allen­falls dar­über spe­ku­lie­ren, ob er zu die­sem Schluss basie­rend auf sei­nen sozio­lo­gi­schen Unter­su­chun­gen gekom­men ist, oder ob es sich um die Pro­pa­gie­rung sei­nes wich­tigs­ten Mar­ke­ting­pro­dukt han­delt (self-​​fulfilling pro­phecy). Nas­sim Taleb hin­ter­fragt die Evi­denz, die Nowen­dig­keit von Risiko, und lei­tet poli­ti­sche For­de­run­gen dar­aus ab. Das ist unge­wöhn­lich, und daher muten seine Vor­schläge radi­kal an. Intel­lek­tu­ell ist es jeden­falls ungleich bereichender.


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