Archiv für Mai 2009


Memorandum 2009

27. Mai 2009 – 23:21 Uhr

Jedes Jahr im Mai gibt die Arbeits­gruppe Alter­na­tive Wirt­schafts­po­li­tik ein Memo­ran­dum zu aktu­el­len wirt­schafts­po­li­ti­schen The­men her­aus. Die Memo-​​Gruppe selbst beschreibt Ihre Arbeit so: „In der ›Arbeits­gruppe Alter­na­tive Wirt­schafts­po­li­tik‹ arbei­ten Wirt­schafs­wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler sowie Gewerk­schaf­te­rin­nen und Gewerk­schaf­ter an der Ent­wick­lung wirt­schafts­po­li­ti­scher Vor­schläge und Per­spek­ti­ven, die sich an der Siche­rung sinn­vol­ler Arbeits­plätze, der Ver­bes­se­rung des Lebens­stan­dards, dem Aus­bau des Sys­tems der sozia­len Sicher­heit für die Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer sowie wirk­sa­mer Umwelt­si­che­rung in Deutsch­land ori­en­tie­ren.“ Die Memo­ran­den bezie­hen sich zwar auf Deutsch­land, die Dis­kus­sio­nen sind jedoch auch über den natio­na­len Kon­text hin­aus inter­es­sant. Die­ses Jahr wid­met sich die Gruppe unter dem Titel „Von der Krise in den Absturz? Sta­bi­li­sie­rung, Umbau, Demo­kra­ti­sie­rung“ den Fol­gen der Wirt­schafts­krise und ent­wi­ckelt Vor­schläge für eine andere Wirtschafts-​​, Sozial– und Bildungspolitik. 


Export­welt­meis­ter Deutsch­land

Im Mit­tel­punkt des Kapi­tels zur Finanz– und Wirt­schafts­krise steht die ver­fehlte Wirt­schafts­po­li­tik in der Bun­des­re­pu­blik. Über die Argu­men­ta­tion der Wett­be­werbs­fä­hig­keit wur­den die Löhne immer wei­ter gedrückt und so die Bin­nen­nach­frage stran­gu­liert. Der leichte Auf­schwung der ver­gan­ge­nen Jahre war daher vor allem export­ge­trie­ben. Die Kon­se­quen­zen der Lohn­zu­rück­hal­tung sind bekannt: Die Ein­kom­men aus Kapi­tal und Ver­mö­gen stie­gen, die aus Löh­nen san­ken. Es ist wenig ver­wun­der­lich dass ein Abschnitt wie folgt über­schrie­ben ist: „Lohn­zu­wachs in Deutsch­land – gut für ganz Europa“ (S. 75). Dabei macht die Memo-​​Gruppe dar­auf auf­merk­sam, dass nicht etwa höhere Steu­ern und Abga­ben Schuld an der schlech­ten (Netto-)Lohnentwicklung sind son­dern eine zu geringe Brut­to­lohn­stei­ge­rung – das hat­ten wir auch schon hier im Blog.

In einem wei­te­ren Kapi­tel wird der „Super-​​GAU der Finanz­märkte“ ana­ly­siert, bevor das Memo­ran­dum auf Beschäf­ti­gungs­pro­gramme und Arbeits­zeit­ver­kür­zun­gen ein­geht. Dabei wird vor allem auch die Qua­li­tät der Arbeits­plätze betrach­tet, da in Deutsch­land neue Jobs in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nur bei Teil­zeit­jobs bzw. Leih­ar­beit ent­stan­den sind. Ziel ist daher eine Umver­tei­lung der Arbeitszeit. 


Soziale Dienst­leis­tun­gen und Alters­si­che­rung

Ein Kapi­tel des Memo­ran­dum han­delt von sozia­len Dienst­leis­tun­gen, die öffent­lich zu orga­ni­sie­ren sind. Hier­bei geht es darum, soziale Dienst­leis­tun­gen für die Gesell­schaft anzu­bie­ten und die Memo-​​Gruppe stellt eine „soziale Dienst­leis­tungs­lü­cke“ (S. 151) fest. Hier­bei wird auch deut­lich, dass die öffent­li­chen Aus­ga­ben für soziale Dienst­lei­tun­gen in Öster­reich eben­falls unzu­rei­chend und noch gerin­ger als in Deutsch­land sind.
Soziale Dienst­leis­tun­gen erfül­len meh­rere Funk­tio­nen: Einer­seits kann so pro­fes­sio­nell ein ent­spre­chen­des Ange­bot geschaf­fen und in öffent­li­cher Ver­ant­wor­tung ange­bo­ten wer­den. Ande­rer­seits wird die heute oft pri­vat und vor allem von Frauen getra­gene Arbeit im Bereich der sozia­len Dienst­lei­tun­gen dann bezahlt. Es ist daher wenig ver­wun­der­lich, dass die Frau­en­er­werbs­tä­tig­keit posi­tiv mit dem Arbeits­vo­lu­men im sozia­len Dienst­leis­tungs­be­reich kor­re­liert. Um jedoch ein Schlie­ßen der Lücke zu errei­chen ist eine Trend­wende in der bis­he­ri­gen Poli­tik not­wen­dig. Der „schlanke Staat“ kann dann kein Leit­bild mehr sein, oder, um es mit den Wor­ten des Memo­ran­dum zu sagen: „Eine höhere Staats­quote und gute soziale Dienst­leis­tungs­ar­beit gehö­ren untrenn­bar zusam­men“ (S. 162).

Das Memo­ran­dum geht auch auf die Frage der Alters­ver­sor­gung ein. Dabei wird auf die Gefahr der Alters­ar­mut durch das Absen­ken des Ren­ten­ni­veaus in Deutsch­land ebenso ein­ge­gan­gen wie auf die Frage der Demo­gra­fie und der Pro­duk­ti­vi­täts­ent­wick­lung. Dabei wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ers­tens nicht die poten­ti­elle, son­dern die tat­säch­li­che Erwerbs­tä­ti­gen (also nicht die Arbeits­lo­sen) rele­vant sind, und dass zwei­tens von der stei­gen­den Pro­duk­ti­vi­tät ein Teil für höhere Bei­trags­zah­lun­gen abge­zweigt wer­den kann. Eine Kapi­tal­de­ckung jeden­falls kann aus vie­len Grün­den keine Alter­na­tive sein – ers­tens muss auch hier eine Ren­dite erwirt­schaf­tet wer­den, zwei­tens sind die Unsi­cher­hei­ten imma­nent und drit­tens ist ein soli­da­ri­sche Umla­ge­sys­tem gerech­ter als ein pri­va­tes Sys­tem, dass man sich eben auch leis­ten kön­nen muss. 


Bildung

Seit eini­gen Jah­ren befin­det sich im Memo­ran­dum auch jeweils ein Bil­dungs­teil, ein Bil­dungs­text hat es sogar schon unter die Memorandum-​​Klassiker geschafft (PDF). Die­ses Jahr ist das Thema die neo­li­be­rale Aus­rich­tung der ökono­mi­schen Bil­dung. Hier­bei wer­den u.a. Plan­spiele für Schü­le­rin­nen und Schü­ler unter­sucht und so auf­ge­zeigt, dass ein bestimm­tes Den­ken geför­dert wer­den soll. Das Thema knüpft an an die Frage der Finanz­bil­dung, wie sie bspw. von Mar­tin Schürz und Beat Weber the­ma­ti­siert wurde, an.


Fazit

Das Memo­ran­dum lohnt sich. Zwar ist der Schwer­punkt die Poli­tik in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, vie­les ist jedoch in der öster­rei­chi­schen Poli­tik nicht unähn­lich und die For­de­run­gen der Arbeits­gruppe Alter­na­tive Wirt­schafts­po­li­tik sind zu unter­stüt­zen. Das Memo­ran­dum bleibt eines der erfreu­li­chen Gegen­pu­bli­ka­tio­nen zum (noch?) herr­schen­den neo­li­be­ra­len Mainstream.


AG Alter­na­tive Wirt­schafts­po­li­tik
MEMORANDUM 2009
Von der Krise in den Absturz?
Sta­bi­li­sie­rung, Umbau, Demo­kra­ti­sie­rung
Alter­na­ti­ven der Wirt­schafts­po­li­tik
Neue Kleine Biblio­thek 138,
268 Sei­ten
EUR 17,90 [D] /​ EUR 18,40 [A] /​ SFR 32,00
ISBN 978–3-89438–409-8

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4.6.09: „Wege aus der Krise“ mit Kurt Rothschild

22. Mai 2009 – 15:22 Uhr

Don­ners­tag, 4. Juni 2009, 19 Uhr, im Repu­bli­ka­ni­schen Club: 

WEGE AUS DER KRISE

Eine Ana­lyse der Finanz– und Kon­junk­tur­krise. Wel­che wirt­schafts­po­li­ti­schen Kon­se­quen­zen soll­ten gezo­gen wer­den? Gibt es Ansätze für mög­li­che Alternativen?

Ein Gespräch mit: Prof. Kurt ROTHSCHILD und Helene SCHUBERTH (BEIGEWUM), Mode­ra­tion: Sibylle SUMMER (Rep. Club)

Prof. Kurt W. ROTHSCHILD

geb. 1914 in Wien, stu­dierte Rechts­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Wien, musste 1938 emi­grie­ren. An der Uni­ver­si­tät Glas­gow stu­dierte er Natio­nal­öko­no­mie und Poli­ti­sche Phi­lo­so­phie und arbei­tete dort als Assis­tent. 1966 wurde er Pro­fes­sor für Volks­wirt­schafts­lehre an der Uni­ver­si­tät Linz. Roth­schild gilt als Doyen der öster­rei­chi­schen Wirtschaftswissenschaften.

Helene SCHUBERTH:

Ökono­min österr. Natio­nal­bank, Mit­glied BEIGEWUM

Repu­bli­ka­ni­scher Club – Neues Öster­reich, Rockh­gasse 1, 1010, Ein­gang Cafe Hebenstreit

Wenn sich die Regierung einmischt

20. Mai 2009 – 16:00 Uhr

Die Bestim­mung von Auto-​​Emissionen, die Obama ges­tern in Washing­ton ange­kün­digt hat, wer­den als der wich­tigste Bei­trag der USA zur Kli­ma­po­li­tik gese­hen. Und die Vor­ga­ben sind ja nicht schlecht: Erst­mals seit zwei Jahr­zehn­ten soll die Treib­stoff­ef­fi­zi­enz von Autos, die in den USA gefah­ren wer­den dür­fen, wie­der steigen.

Wäh­rend andere kli­ma­po­li­ti­sche Geset­zes­vor­la­gen noch im Kon­gress ste­cken, kön­nen schon mal fol­gende Schlüsse gezo­gen werden:

Ers­tens, die Obama-​​Administration hat keine Beden­ken, ihren Ein­fluss für Refor­men gel­tend zu machen, die vor kur­zem noch als undenk­bar erschie­nen sind. Dass die Auto­mo­bil­in­dus­trie dem neuen Plan zustimmt, liegt sicher­lich daran, dass die Regie­rung inzwi­schen in wei­ten Tei­len selbst Anteile daran hält; aber es ist den­noch bemer­kens­wert.

Zwei­tens zeigt sich, wie geschickt die Obama-​​Administration im Augen­blick den poli­ti­schen Pro­zess bestimmt. Die Repu­bli­ka­ner sind ent­we­der über­ge­lau­fen (wie Arnold Schwar­ze­negger) oder haben nicht viel zu sagen.

Drit­tens erkennt man das wie­der­keh­rende Motiv, die Krise für Refor­men zu nut­zen. Der Kom­pro­miss soll, so der Plan der Regie­rung, die not­wen­dige Inno­va­tion sti­mu­lie­ren, um die ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft im zen­tra­len Bereich der Auto­in­dus­trie wie­der top zu machen.

Vier­tens sieht man daran auch, dass hier wie­der ein­mal auf alt­be­währte Kräfte gesetzt wird. Im Ver­gleich zu den Inves­ti­tio­nen in High­way Con­struc­tion nimmt sich der Anteil an Public Trans­por­ta­tion sehr beschei­den aus. Und: Die bes­sere Effi­zi­enz von Autos bedeu­tet ja nicht unbe­dingt, dass weni­ger Schad­stoffe in die Luft geschleu­dert wer­den (Jevons Para­dox).

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Christian Marazzi: „Finance as a real economy“ – Bericht

13. Mai 2009 – 12:47 Uhr

Bei einem Vor­trag am 4.5.09 in Wien sprach der pos­tope­rais­ti­sche Ökonom Chris­tian Marazzi (Pro­fes­sor an der Hoch­schule der ita­lie­ni­schen Schweiz und Autor von Büchern wie „Fetisch Geld. Wirt­schaft, Staat, Gesell­schaft im mone­ta­ris­ti­schen Zeit­al­ter“ und „Capi­tal and Lan­guage. From the New Eco­nomy to the War Eco­nomy“) über das Ver­hält­nis von Finanz– und Real­wirt­schaft. Frü­her seien Finanz­bla­sen am Ende von Kon­junk­tur­zy­klen auf­ge­tre­ten, und seien somit aus mar­xis­ti­scher Sicht als Aus­druck von Ver­wer­tungs­pro­ble­men im Real­sek­tor auf­ge­fasst wor­den: Dem­nach flüchte über­schüs­si­ges Kapi­tal in den Finanz­sek­tor, und führe dort zu Ver­mö­gens­preis­in­fla­tion, bis die Blase schließ­lich platzt. In die­sem Kon­text sei zu Recht von Ent­kop­pe­lung von Finanz– und Real­sphäre die Rede.
Diese Ana­lyse sei für die Periode des For­dis­mus tref­fend gewe­sen, so Marazzi, mitt­ler­weile habe sich aber ein Wan­del zu einem post­for­dis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­re­gime durch­ge­setzt, wo Finanz­we­sen und Real­wirt­schaft enger mit­ein­an­der ver­wo­ben sind. Post­for­dis­ti­sche Pro­duk­tion sei durch die fort­schrei­tende Aus­la­ge­rung des Wert­schöp­fungs­pro­zes­ses aus den Unter­neh­men gekenn­zeich­net. Unter­neh­men im fort­schrei­ten­den Bereich imma­te­ri­el­ler Pro­dukte über­las­sen das Pro­du­zie­ren ande­ren und kon­zen­trie­ren sich aufs Koor­di­nie­ren und die Abschöp­fung von Wert, der außer­halb ihrer selbst pro­du­ziert wird – von schlecht bezahl­ten Free­lan­cern, oder gar gra­tis von Kon­su­men­ten, die durch ihr Feed­back Ideen zur Pro­dukt­ent­wick­lung bei­steu­ern und ent­schei­dende Hand­griffe selbst bei­steu­ern (das Modell youtube) bzw. deren selbst­ge­schaf­fene Kul­tur ver­ein­nahmt und kom­mer­zi­ell ver­mark­tet wird (Lifestyle-​​Produkte). Das Finanz­we­sen spielt zum Funk­tio­nie­ren die­ses Modells eine ent­schei­dende Rolle. Ers­tens spielt die finan­zi­elle Steue­rung der Unter­neh­men eine zen­trale Rolle für das Out­sour­cing (Share­hol­der Value-​​Orientierung führt zu Druck auf Unter­neh­mens­ver­schlan­kung). Zwei­tens schließt der Kon­su­men­ten­kre­dit die Lücke zwi­schen gerin­gen Lohn­ein­kom­men und der not­wen­di­gen Kauf­kraft für den Kon­sum.
In der Aus­wei­tung der Pri­vat­ver­schul­dung komme auch ein eigen­sin­ni­ger Anspruch auf einen Lebens­stan­dard der Pri­vat­haus­halte zum Aus­druck, eine Ver­wei­ge­rung von Beschei­den­heit und Zufrie­den­heit mit einem kar­gen Lohn, was als eine Art Aus­druck des Klas­sen­kamp­fes unter Bedin­gun­gen des Post­for­dis­mus inter­pre­tiert wer­den könne, der sich ansons­ten vor allem in der Ver­tei­di­gung von Gemein­gü­tern gegen Pri­va­ti­sie­rung mani­fes­tiere.
Die aktu­elle Krise führt zu einem Weg­bre­chen der kre­dit­ge­stütz­ten Nach­frage, ohne die das Sys­tem nicht läuft.
Die Redi­men­sio­nie­rung und Ein­schrän­kung des Finanz­sek­tors und damit des Kre­dits allein sei die fal­sche Ant­wort auf die Krise, weil damit der Kre­dit als (pri­va­ti­sierte Form der) Arti­ku­la­tion und Finan­zie­rung von sozia­len Ansprü­chen zer­schla­gen werde, ohne dass ein Ersatz ange­bo­ten würde. Auf­grund der Zer­schla­gung des öffent­li­chen Sek­tors und Wohl­fahrts­staa­tes etwa sei ohne Stu­di­en­kre­dit von den pri­va­ten Haus­hal­ten keine Bil­dung zu finan­zie­ren.
Um aus der Krise zu kom­men, müsste man die Pri­vat­ver­schul­dung erset­zen durch ein Recht auf ein Sozi­al­ein­kom­men, also umver­tei­len. Für die unmit­tel­bare Lösung des Pro­blems der „toxic assets“ der Ban­ken sei die Refi­nan­zie­rung der Immo­bi­li­en­kre­dit­schuld­ner der beste Weg.

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26.5.09: „Macht, Verteilung und Demokratie“

12. Mai 2009 – 11:16 Uhr

Diens­tag, 26.5. 2009 um 19h an der WU Wien, HS. 3.35 ©
Dis­kus­sion anläss­lich der Prä­sen­ta­tion von Kurs­wech­sel 1/​2009

mit

Christa Schla­ger (BEIGEWUM)
Mar­tin Schürz (BEIGEWUM)
Sig­hard Neckel (Uni­ver­si­tät Wien)
Mode­ra­tion: Rosa Lyon (Ö1)

Orga­ni­siert von BEIGEWUM, Stu­di­en­ver­tre­tung Volks­wirt­schaft an der WU Wien und Zeit­schrift Kurswechsel.

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Immer wieder: Die Rente

11. Mai 2009 – 23:15 Uhr

Die Indi­vi­dua­li­sie­rung sozia­ler Risi­ken ist ein Merk­mal der Poli­tik der ver­gan­ge­nen Jahre. Dazu gehört auch die (Teil-)Privatisierung der Alters­vor­sorge. Begrün­det wurde und wird die­ser Schritt vor allem mit der demo­gra­fi­schen Ent­wick­lung. Zwar hat sich gerade das pri­vate Pen­si­ons­sys­tem in der der­zei­ti­gen Krise kräf­tig bla­miert und damit alle Kri­ti­ker bestä­tigt, zu glau­ben, damit sei das Thema erle­digt, ist jedoch naiv. Dazu sind die Sum­men, um die es für die Finanz­wirt­schaft geht, schlicht zu hoch. Im Kurier wird der übli­chen und üblen Pro­pa­ganda ein­mal mehr Platz gege­ben. Das Fazit des Kom­men­tars: „Nicht zuletzt ist die Eigen­in­itia­tive gefragt: Wer sich allein auf das öffent­li­che Ren­ten­sys­tem des Jah­res 2030 oder 2040 ver­lässt, könnte bit­ter ent­täuscht wer­den. Nun hat auch die pri­vate Vor­sorge ihre Kos­ten und Fal­len. Doch nie­mand sollte sich täu­schen las­sen: Die ›Ren­ten­ga­ran­tien‹ der heu­ti­gen Poli­ti­ker­ge­ne­ra­tion gel­ten in 30 Jah­ren garan­tiert wenig.“ Aha. Pri­vate Vor­sorge gegen die Demo­gra­fie, wenn­gleich mit „Kos­ten und Fal­len“.  Auch wenn es müh­sam ist seien an die­ser Stelle noch ein­mal ein paar Fak­ten dargestellt:


  1. Die Ver­schie­bung der Bevöl­ke­rungs­struk­tur ist kei­nes­falls eine neue Ent­wick­lung. Die deut­sche Gewerk­schaft ver.di hat dies in einer Bro­schüre schön dar­ge­stellt: „Vor über hun­dert Jah­ren kamen auf eine Per­son über 65 Jah­ren rund zwölf Erwerbs­fä­hige. 2000 sind es gerade noch vier“ (S. 8). Nach der Demografie-​​Logik müsste es einem Rent­ner bzw. einer Rent­ne­rin vor hun­dert Jah­ren dem­nach blen­dend gegan­gen sein. Tat­säch­lich ist der Wohl­stand heute aber erheb­lich höher. Die Frage der Höhe der Alters­pen­sio­nen ist jeden­falls nicht linear von der Bevöl­ke­rungs­zu­sam­men­set­zung abzuleiten.

  2. Die Finan­zier­bar­keit der Alters­pen­sio­nen lei­tet sich viel­mehr von der volks­wirt­schaft­li­chen Wert­schöp­fung und deren Ver­tei­lung ab. Die Wert­schöp­fung wie­derum hängt auch an der Anzahl der Beschäf­tig­ten, aber eben auch an der Frage der Pro­duk­ti­vi­tät. Je höher diese ist, desto weni­ger Arbeits­kraft wird für den Erhalt des Wohl­stands­ni­veaus benötigt.

  3. Wie wer­den eigent­lich die Ren­di­ten der kapi­tal­ge­deck­ten Ren­ten erwirt­schaf­tet? Ver­mut­lich wird das Geld in eine Kiste gesteckt, in die­ser Kiste arbei­tet es dann ein paar Jahre und man kann es zum Zeit­punkt der Pen­sio­nie­rung samt Zin­sen aus die­ser Kiste her­aus­neh­men. Oder wie soll man das ver­ste­hen, dass das Geld für einen arbei­tet? Das ist natür­lich ziem­li­cher Quatsch, die Ren­dite für kapi­tal­ge­deckte Sys­teme wird von der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung erwirt­schaf­tet. Diese unter­liegt jedoch der demo­gra­fi­schen Ver­än­de­rung genauso wie die Ein­zah­le­rin­nen und Ein­zah­ler in das staat­li­che Sys­tem – schlicht, weil es um die­selbe Popu­la­tion geht. Der ein­zige Aus­weg aus die­sem Dilemma ist ein Ren­ten­im­pe­ria­lis­mus: Man kann das Geld im Aus­land „für sich arbei­ten las­sen“ – bzw. die dor­ti­gen Arbeits­kräfte. Das ist jedoch eine andere Debatte.

Wenn nun die kapi­tal­ge­deckte wie auch die umla­ge­fi­nan­zierte Rente von der demo­gra­fi­schen Ent­wick­lung tan­giert wird, was bedeu­tet das für die Sicher­heit der Ren­ten? Hat der Kurier doch recht mit sei­ner Skep­sis? Um die Ant­wort vor­weg­zu­neh­men: Hat er nicht. Die Frage der Höhe der staat­li­chen Alters­pen­sio­nen ist eine Frage der Ver­tei­lung. Neh­men wir an, die Wirt­schaft wächst in Zukunft pro Jahr im Schnitt um ledig­lich 1%. Bei gleich­blei­ben­der Ver­tei­lung haben dann alle 1% mehr: Die Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer, die Sozi­al­leis­tungs­be­zie­he­rin­nen und –bezie­her, die Unter­neh­me­rin­nen und Unter­neh­mer und der Staat. Damit das BIP bei sin­ken­der Zahl der Arbei­ten­den tat­säch­lich steigt muss die Pro­duk­ti­vi­tät erhöht wer­den. Die ent­spricht der his­to­ri­schen Ent­wick­lung der Ver­gan­gen­heit: Trotz sin­ken­der Arbeits­zeit stieg der volks­wirt­schaft­li­che Reich­tum. Poli­tisch wäre dem­nach „nur“ zu ent­schei­den, dass die Pro­duk­ti­vi­täts­zu­wächse nicht voll­stän­dig den Unter­neh­mern und den Arbeit­neh­mern zur Ver­fü­gung ste­hen, son­dern eben auch dem Ren­ten– und Sozi­al­sys­tem.  Da Pro­blem ist also nicht das umla­ge­fi­nan­zierte Sys­tem, son­dern die Rentenpolitik.


In der Aus­ein­an­der­set­zung geht es um viel Geld für die Finanz­wirt­schaft. Des­halb ist die Pro­pa­ganda gegen das staat­li­che Umla­ge­sys­tem auch so aus­dau­ernd. Dabei wird auch gerne die Tat­sa­che ver­schwie­gen, dass die Mil­li­ar­den Euro in den Pen­si­ons­fonds, die Ren­dite erwirt­schaf­ten sol­len, mit­ver­ant­wort­lich sind für die Bla­se­n­öko­no­mie der Vergangenheit.

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Pflegt, Männer!

8. Mai 2009 – 16:09 Uhr

In der lau­fen­den Debatte um neue Kon­junk­tur­pa­kete wird immer wie­der dar­auf ver­wie­sen, dass die stei­gende Arbeits­lo­sig­keit mehr­heit­lich Män­ner betrifft. Dies ist nicht ver­wun­der­lich, sind doch Män­ner eher in den nun stark von der Krise betrof­fe­nen Indus­trie­zwei­gen beschäf­tigt. Die For­de­rung nach einem Kon­junk­tur­pa­ket für soziale Dienst­leis­tun­gen lässt sich dem­nach ver­meint­lich leicht vom Tisch wischen – mit einem Aus­bau des Pfle­ge­an­ge­bots würde man den der­zeit Arbeits­lo­sen nicht hel­fen können.

Diese Argu­men­ta­tion verwundert.

Es ist bekannt, dass die demo­gra­fi­sche Ent­wick­lung eine dau­er­hafte und nach­hal­tige Lösung erfor­dert. Es ist bekannt, dass der Pfle­ge­sek­tor ein schnell wach­sen­der und zukunfts­träch­ti­ger sowie beschäf­ti­gungs­in­ten­si­ver Sek­tor ist. Es ist bekannt, dass Frauen die Haupt­last der Pflege tra­gen, for­mell wie infor­mell. Es ist bekannt, dass der­zeit eine Berufs­gruppe in den Pfle­ge­be­ru­fen beson­ders gesucht wird, die der Heim­hil­fen. Dies ist eine Berufs­gruppe, die rasch aus­ge­bil­det und ein­ge­setzt wer­den kann. Und es ist bekannt, dass Pfle­ge­dienst­leis­ter expli­zit Män­ner in Pfle­ge­be­ru­fen suchen, da für pfle­ge­be­dürf­tige Men­schen männ­li­che Ansprech­part­ner der­zeit nur in Form von Heim­lei­tern und Zivil­die­nern ver­füg­bar sind.

Was spricht also gegen Män­ner in der Pflege? Der nied­rige Lohn? Die häu­fige Teil­zeit­be­schäf­ti­gung? Die kör­per­lich anstren­gen­den Tätig­kei­ten? Oder ist es ein­fach nur so, dass man sich Män­ner im Frau­en­be­ruf „Pflege“ nicht vor­stel­len kann?

Es ist erstaun­lich, mit wel­cher Leich­tig­keit die For­de­rung nach einem sinn­vol­len Aus­bau von sozia­len Dienst­leis­tun­gen ent­ge­gen getre­ten wird. Ein Kon­junk­tur­pa­ket soziale Dienst­leis­tun­gen würde viele posi­tive Effekte brin­gen. Eine den Bedürf­nis­sen der Men­schen ange­passte Pflege und Betreu­ung, Beschäf­ti­gung und Wachs­tum auch für struk­tur­schwa­che Regio­nen und Ent­las­tung für Per­so­nen, die sich der­zeit infor­mell um Pfle­ge­be­dürf­tige bemühen.

Und all jenen Män­nern, die sich Sor­gen um das „explo­die­rende Bud­get­de­fi­zit“ machen, sei gesagt, dass auch ihre Wahr­schein­lich­keit, pfle­ge­be­dürf­tig zu wer­den, rela­tiv hoch ist. Sie wer­den es zu schät­zen wis­sen, wür­den wir heute die rich­ti­gen Inves­ti­tio­nen tätigen.

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Budgetk(r)ampf , Teil 2

8. Mai 2009 – 13:24 Uhr

Mit die­sem Bud­get stel­len wir sicher: Nie­mand wird im Regen ste­hen gelas­sen.“
Zu die­ser Aus­sage hat sich Finanz­mi­nis­ter Pröll hin­rei­ßen lassen.

Kann er dies auch einhalten?

Als Beleg für diese Behaup­tung wer­den immer die beschlos­se­nen Kon­junk­tur­pa­kete her­an­ge­zo­gen. Wie effek­tiv sind diese aber?

Zu den Kon­junk­tur­pa­ke­ten wer­den ja fast alle dis­kre­tio­nä­ren Maß­nah­men gezählt, die seit letz­tem Früh­ling beschlos­sen wur­den. Dies ist aller­dings nicht über­mä­ßig kor­rekt. Als der so genannte „Oster­frie­den“ unter Kanz­ler Gusen­bauer geschlos­sen wurde, der auch die Sen­kung der Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rungs­bei­träge für Nied­rig­ver­die­ne­rIn­nen beinhal­tet, war von einer Wirt­schafts­krise noch nicht viel die Rede. Jeden­falls wur­den die Maß­nah­men nicht im Zusam­men­hang mit einer sich abzeich­nen­den Krise beschlos­sen. Bis Herbst waren alle über die hohe Infla­tion in Öster­reich besorgt, es wur­den Infla­ti­ons­be­kämp­fungs­maß­nah­men beschlossen.

Die „neue“ Regie­rung – das Kabi­nett Faymann-​​Pröll – hat lt. OeNB Maß­nah­men gesetzt, die einen Kon­junk­tur­ef­fekt von 0,6% heuer und 1,1% nächs­tes Jahr aus­lö­sen wer­den. Gut, seien wir ein­mal nicht so klein­lich und schla­gen wir auch die „Anti-​​Teuerungs-​​Pakete“ den Kon­junk­tur­pa­ke­ten dazu. Wenn auch die unter dem Titel „Anti-​​Teuerung“ beschlos­se­nen Maß­nah­men von 2008 mit­ge­zählt wer­den, ergibt sich ein Kon­junk­tur­ef­fekt von 0,8% im Jahr 2009 und 1,4% des BIP 2010. Ist die­ser Effekt wirk­lich berau­schend? Immer­hin wer­den ange­kün­digte 6,6 Mrd. Euro (2,2% des BIP) heuer und 6,9 Mrd. (2,4% des BIP) nächs­tes Jahr aus­ge­ge­ben. Damit wer­den kumu­lie­rend 25.000 Arbeits­plätze geschaf­fen. Ist es wirk­lich effek­tiv, dass wir heuer 2,2% des BIP inves­tie­ren, um einen Wachs­tums­ef­fekt von 0,8% des BIP zu errei­chen? Und die­ser dann nicht mehr als 12.000 Arbeits­plätze bringt? Ganz ehr­lich: das soll ein Kon­junk­tur­pa­ket sein?

Ein Kon­junk­tur­pa­ket, das auch als Recht­fer­ti­gung für – im Regie­rungs­pro­gramm unab­hän­gig von der Wirt­schafts­krise ohne­hin vor­ge­se­he­nen – Ein­spa­rungs­vor­ha­ben her­an­ge­zo­gen wird – weil es ja über­all an Geld fehlt, das für „Kon­junk­tur­be­le­bung“ frei gemacht wer­den muss.

Als Recht­fer­ti­gung für eine restrik­tive Per­so­nal­po­li­tik des Bun­des: bis 2013 sol­len rund 1.800 Plan­stel­len ein­ge­spart wer­den, obwohl es wohl aus­ge­spro­chen wider­sin­nig ist, gerade in der Krise Stel­len abzu­bauen. Als Recht­fer­ti­gung für die „äußerste Zurück­hal­tung bei den gestalt­ba­ren Ermes­sens­aus­ga­ben“, was viele von öffent­li­chen För­de­run­gen und Auf­trä­gen abhän­gige Ver­eine, Insti­tu­tio­nen und Insti­tute – und damit tau­sende Beschäf­tigte – trifft. Ach ja, „wir spa­ren bei uns selbst“? Wer ist denn die­ses omi­nöse „wir“? Wir alle sind „der Staat“. Und ja, wir mer­ken auch, dass jetzt schon gespart wird. Die bedarfs­ori­en­tierte Min­dest­si­che­rung fin­det in kei­nem der wirk­lich sehr dicken Bud­ge­tun­ter­la­gen auch nur eine Erwähnung.

Ande­rer­seits hätte sich die Regie­rung auch eini­ges an wirk­lich teu­ren Maß­nah­men spa­ren kön­nen. Eine Steu­er­re­form, die keine Reform ist, son­dern wie­der mal ein „Geschenke ver­tei­len“ an Grup­pen, die es wirk­lich nicht nötig hät­ten: Der Gewinn­frei­be­trag, der je nach Dar­stel­lung zwi­schen 150–300 Mio. Euro kos­ten wird, und damit den Selb­stän­di­gen neben der Tari­f­ent­las­tung eine 2. Ent­las­tung bie­tet. Der Fami­li­en­frei­be­trag, der 220 Mio. Euro kos­tet und nur den Bes­ser­ver­die­nen­den was brin­gen wird, das Schie­ben der Bemes­sungs­grund­lage für den Spit­zen­steu­er­satz von 51.000 auf 60.000 Euro, was 120 Mio. Euro kos­ten wird, sogar die Ver­dop­pe­lung der Absetz­bar­keit der Kir­chen­bei­träge wird unter den Begriff „Steu­er­re­form“ sub­su­miert und damit unter die kon­junk­tur­po­li­ti­sche Maßnahmen.

Viel Geld wird also aus­ge­ge­ben. Aller­dings – wie bereits beschrie­ben –wenig ziel­ge­rich­tet und mit nied­ri­ger Beschäftigungswirkung.

Immer wie­der wird ins Tref­fen geführt, dass so früh gehan­delt wurde. Die ökono­mi­schen Bedin­gun­gen haben sich aller­dings wei­ter dra­ma­tisch ver­schlech­tert: Als das letzte so genannte Kon­junk­tur­pa­ket ange­dacht wurde, gin­gen die Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tute noch von rund 30.000 Arbeits­lo­sen zusätz­lich aus. Jetzt wird schon mit annä­hernd 100.000 Per­so­nen gerech­net. Und die Pro­gno­sen wer­den schlech­ter, nicht bes­ser. Trotz­dem wur­den seit­her keine zusätz­li­chen Kon­junk­tur­pa­kete beschlos­sen. Einen umfas­sen­den Schutz­schirm gibt es bis jetzt nur für die Ban­ken und die Banker.

Viele wer­den dage­gen im Regen ste­hen bleiben.

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Stress Test

7. Mai 2009 – 3:12 Uhr

Heute wer­den in den USA die lange erwar­te­ten Stress Tests der Ban­ken ver­öf­fent­licht. Oder wer­den sie? Als Tre­a­sury Secretary Timo­thy Geith­ner die Tests vor 12 Wochen ankün­digte, rea­gier­ten die Märkte – und an denen misst sich die Regie­rung Obama offen­sicht­lich – posi­tiv. Inzwi­schen gibt es Zwei­fel am Effekt der Übung. Für Geith­ner besteht die Gefahr, dass er ent­we­der die Wahr­heit sagt – und damit einen Bankrun aus­löst –, oder so tut, als wäre alles in Ord­nung – und damit seine Glaub­wür­dig­keit untergräbt.

Jon Ste­wart fasste das in der gest­ri­gen Aus­gabe von The Daily Show so schön zusam­men: „Do you want to know how the finan­cial sys­tem works – or do you want the finan­cial sys­tem to work?“ Mir gefällt beson­ders die Ana­lo­gie zur Hei­sen­berg­schen Unschärferelation.


Update, 7.Mai: Das Ergeb­nis beein­druckt in den Staa­ten nie­man­den. Der Unter­schied zu Öster­reich: In den USA ist man schein­bar der Mei­nung, eine sol­che Medi­en­ver­an­stal­tung zu benö­ti­gen. Hier­zu­lande zieht man es vor, die Ergeb­nisse sol­cher Tests gleich gar nicht zu ver­öf­fent­li­chen.

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Buchrezension: Reinhard Bispinck/Thorsten Schulten/Peeter Raane (Hrsg.): Wirtschaftsdemokratie und expansive Lohnpolitik – Zur Aktualität von Viktor Agartz

4. Mai 2009 – 20:49 Uhr

Wer war Vik­tor Agartz, wel­che wirt­schafts­po­li­ti­schen Kon­zepte ver­trat er, und sind seine Über­le­gun­gen heute noch rele­vant? Ein kürz­lich erschie­ne­ner Tagungs­band wid­met sich die­sen Fra­gen, und weist auf die Aktua­li­tät „klas­si­scher“ sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Wirt­schafts­po­li­tik hin.

 

Vik­tor Agartz

 

Vik­tor Agartz (1897–1964) gilt als einer der ein­fluss­reichs­ten und bedeu­tends­ten Wirtschaftspolitiker/​innen der west­deut­schen Gewerk­schaf­ten und Sozi­al­de­mo­kra­tie in der Nach­kriegs­zeit. Im Zen­trum sei­ner Über­le­gun­gen stand die soziale und demo­kra­ti­sche Neu­ge­stal­tung der BRD nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Zu Agartz’ wich­tigs­ten Kon­zep­ten gehö­ren die expan­sive Lohn­po­li­tik und die Wirtschaftsdemokratie.

 

In einem kürz­lich erschie­ne­nen Sam­mel­band zu einer Tagung des Wirt­schafts– und Sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tuts (WSI) in der Hans-​​Böckler-​​Stiftung und der Rosa-​​Luxemburg-​​Stiftung NRW anläss­lich des 110. Geburts­tags von Vik­tor Agartz wird argu­men­tiert, dass des­sen zen­trale Über­le­gun­gen heute noch von Rele­vanz sind.

 

Expan­sive Lohnpolitik

 

 

Für Agartz ist „jede expan­die­rende Wirt­schaft von der Gefahr bedroht, dass die Nach­frage hin­ter dem Waren­an­ge­bot zurück­bleibt“ (S. 154). Die Lohn­po­li­tik ist in Agartz’ Vor­stel­lung nicht ein­fach pro­duk­ti­vi­täts­ori­en­tiert, son­dern ver­sucht, „die wirt­schaft­li­che Expan­sion von sich aus zu for­cie­ren, um durch bewusste Kauf­kraft­stei­ge­rung eine Aus­wei­tung der Pro­duk­tion her­aus­zu­for­dern“ (S. 154). Zugleich wirke diese expan­sive Lohn­po­li­tik als Struk­tur­peit­sche, wel­che die Unter­neh­men zu höhe­rer Pro­duk­ti­vi­tät zwinge. Agartz war stets auf die gewerk­schaft­li­che Auto­no­mie bedacht, und plä­dierte gegen die Unter­ord­nung gewerk­schaft­li­cher Tarif­po­li­tik unter andere Ziele, denn der Lohn sei „immer ein poli­ti­scher Lohn“.

 

Gleich­zei­tig sah er in der expan­si­ven Lohn­po­li­tik aber keine ego­is­ti­sche Inter­es­sens­po­li­tik, son­dern eine wachs­tums­för­dernde struk­tur­po­li­ti­sche Erwei­te­rung der damals keyne­sia­nisch gepräg­ten Vor­stel­lun­gen des ökono­mi­schen Main­stream. Gegen die Kri­tik, dass Lohn­er­hö­hun­gen über den Pro­duk­ti­vi­täts­spiel­raum hin­aus eine Lohn-​​Preis-​​Spirale in Gang set­zen, wandte Agartz ein, dass die Preis­set­zung der Unter­neh­men nicht durch voll­kom­mene Kon­kur­renz deter­mi­niert sei, son­dern der jewei­li­gen Macht­kon­stel­la­tion folge. Es sei „Sache einer Regie­rung, Preis­stei­ge­run­gen durch eine aktive Preis­po­li­tik zu mil­dern oder zu ver­hü­ten.“ (S. 154) Expan­sive Lohn­po­li­tik sei des­halb ein Instru­ment zur Begren­zung der Monopolrenten.

 

Wirt­schafts­de­mo­kra­tie

 

Nach der Kata­stro­phe des Zwei­ten Welt­kriegs stand die Grün­dung einer neuen demo­kra­ti­schen Gesell­schafts­ord­nung an. Für Agartz sollte die Demo­kra­tie aus drei Grün­den nicht an den Fabriks­to­ren enden: Ers­tens sta­bi­li­siere Wirt­schafts­de­mo­kra­tie die stets gefähr­dete poli­ti­sche Demo­kra­tie. Zwei­tens ermög­li­che sie die Ent­wick­lung der for­ma­len zur leben­di­gen Demo­kra­tie. Und drit­tens beför­dere sie die Eman­zi­pa­tion der Lohn– und Gehaltsempfänger/​innen von Untertan/​innen zu selbst­be­wuss­ten Bürger/​innen.

 

Agartz’ Kon­zept der Wirt­schafs­de­mo­kra­tie beinhal­tete die Ver­ge­sell­schaf­tung der Schlüs­sel­in­dus­trien und von unten nach oben orga­ni­sierte, demo­kra­ti­sche Pla­nungs­in­sti­tu­tio­nen, wel­che einen volks­wirt­schaft­li­chen Rah­men­plan aus­ar­bei­ten sol­len. Er sah wei­ters eine pari­tä­ti­sche Beset­zung und Demo­kra­ti­sie­rung der Auf­sichts– und Kon­troll­be­hör­den sowie der Wirt­schafts­kam­mern vor. Zen­tral ist zudem die Aus­wei­tung der pari­tä­ti­schen Mit­be­stim­mung auf alle pri­va­ten und öffent­li­chen Betriebe. Schließ­lich befür­wor­tete Agartz eine stär­kere Regu­lie­rung der Märkte. Ziel Agartz’ war die Sozia­li­sie­rung der Unternehmer/​innen/​funktion, nicht aber die Abschaf­fung der Marktwirtschaft.

 

Wirt­schafts­po­li­tik in der glo­ba­len Krise

 

Die Bei­träge des Sam­mel­ban­des dis­ku­tie­ren enga­giert Agartz’ Kon­zepte und die Frage ihrer heu­ti­gen Rele­vanz, da sie aber vor der aktu­el­len Krise geschrie­ben wur­den, gehen sie nicht auf die mitt­ler­weile stark ver­än­derte Situa­tion der Welt­wirt­schaft ein. Diese unter­streicht aber nur die not­wen­dige Abkehr von neo­li­be­ra­len Denk­mus­tern, „klas­si­sche“ sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Wirt­schafts­po­li­tik erscheint vor die­sem Hin­ter­grund wie­der modern. Aber auch wenn neu­er­dings alle Keynesianer/​innen seien, ist vie­ler­orts doch nur ein rudi­men­tä­rer Keynes angekommen.

 

Die glo­bale Wirt­schafts­leis­tung befin­det sich im freien Fall, die USA wer­den ihre bis­he­rige Rolle als Haupt­ab­neh­me­rin von Pro­duk­ten export­ori­en­tier­ter Län­der mit­tel­fris­tig nicht län­ger spie­len kön­nen. Stei­gende Arbeits­lo­sig­keit erhöht den Druck auf die Löhne, was zu einem wei­tern Weg­bre­chen der Nach­frage führt. Im schlimms­ten Fall mün­det diese Ent­wick­lung in eine Defla­ti­ons­spi­rale und Depres­sion. Soll dies ver­mie­den wer­den, muss der län­ger anhal­tende Nach­fra­ge­aus­fall von Sei­ten der USA durch expan­sive Finanz– und Lohn­po­li­tik insb. in Län­dern mit Han­dels­bi­lanz­über­schüs­sen – v.a. China, Japan, Deutsch­land sowie einige klei­nere EU-​​Staaten – kom­pen­siert wer­den. Aus makro­öko­no­mi­scher Sicht sind höhere staat­li­che Inves­ti­ti­ons– und Kon­sum­aus­ga­ben, sowie eine sta­bi­li­sie­rende Lohn­po­li­tik unab­ding­bar zur Ein­gren­zung die­ser „Jahrhundertkrise“.

 

In die­ser Hin­sicht sind die im Buch dis­ku­tier­ten lohn­po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen aktu­el­ler denn je. Und auch wirt­schafts­de­mo­kra­ti­sche Über­le­gun­gen gewin­nen in die­sem Umfeld an Charme. Ein wich­ti­ger Kon­tra­punkt gegen die Kurz­fris­to­ri­en­tie­rung der Finanzmarktakteur/​innen im Betrieb kann die Stär­kung der Mit­be­stim­mung sein. Und was spricht gegen die Aus­wei­tung von Mit­be­stim­mungs– und Demo­kra­tie­ele­men­ten in öffent­li­chen Betrie­ben und Regu­lie­rungs­be­hör­den? Warum soll­ten Betriebe, die öffent­li­che Hilfs­gel­der in Anspruch neh­men, nicht auf eine demo­kra­tisch bestimmte Sozi­al­charta ver­pflich­tet werden?

 

„Wirt­schafts­de­mo­kra­tie und expan­sive Lohn­po­li­tik – Zur Aktua­li­tät von Vik­tor Agartz“ von Rein­hard Bispinck/​Thorsten Schulten/​Peeter Raane (Hrsg.) ist 2008 im VSA-​​Verlag Ham­burg erschie­nen. Es umfasst 244 Sei­ten und kos­tet 17,80 EUR.

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