Memorandum 2009

Klemens Himpele am 27. Mai 2009 um 23:21h

Jedes Jahr im Mai gibt die Arbeits­gruppe Alter­na­tive Wirt­schafts­po­li­tik ein Memo­ran­dum zu aktu­el­len wirt­schafts­po­li­ti­schen The­men her­aus. Die Memo-​​Gruppe selbst beschreibt Ihre Arbeit so: „In der ›Arbeits­gruppe Alter­na­tive Wirt­schafts­po­li­tik‹ arbei­ten Wirt­schafs­wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler sowie Gewerk­schaf­te­rin­nen und Gewerk­schaf­ter an der Ent­wick­lung wirt­schafts­po­li­ti­scher Vor­schläge und Per­spek­ti­ven, die sich an der Siche­rung sinn­vol­ler Arbeits­plätze, der Ver­bes­se­rung des Lebens­stan­dards, dem Aus­bau des Sys­tems der sozia­len Sicher­heit für die Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer sowie wirk­sa­mer Umwelt­si­che­rung in Deutsch­land ori­en­tie­ren.“ Die Memo­ran­den bezie­hen sich zwar auf Deutsch­land, die Dis­kus­sio­nen sind jedoch auch über den natio­na­len Kon­text hin­aus inter­es­sant. Die­ses Jahr wid­met sich die Gruppe unter dem Titel „Von der Krise in den Absturz? Sta­bi­li­sie­rung, Umbau, Demo­kra­ti­sie­rung“ den Fol­gen der Wirt­schafts­krise und ent­wi­ckelt Vor­schläge für eine andere Wirtschafts-​​, Sozial– und Bildungspolitik. 


Export­welt­meis­ter Deutsch­land

Im Mit­tel­punkt des Kapi­tels zur Finanz– und Wirt­schafts­krise steht die ver­fehlte Wirt­schafts­po­li­tik in der Bun­des­re­pu­blik. Über die Argu­men­ta­tion der Wett­be­werbs­fä­hig­keit wur­den die Löhne immer wei­ter gedrückt und so die Bin­nen­nach­frage stran­gu­liert. Der leichte Auf­schwung der ver­gan­ge­nen Jahre war daher vor allem export­ge­trie­ben. Die Kon­se­quen­zen der Lohn­zu­rück­hal­tung sind bekannt: Die Ein­kom­men aus Kapi­tal und Ver­mö­gen stie­gen, die aus Löh­nen san­ken. Es ist wenig ver­wun­der­lich dass ein Abschnitt wie folgt über­schrie­ben ist: „Lohn­zu­wachs in Deutsch­land – gut für ganz Europa“ (S. 75). Dabei macht die Memo-​​Gruppe dar­auf auf­merk­sam, dass nicht etwa höhere Steu­ern und Abga­ben Schuld an der schlech­ten (Netto-)Lohnentwicklung sind son­dern eine zu geringe Brut­to­lohn­stei­ge­rung – das hat­ten wir auch schon hier im Blog.

In einem wei­te­ren Kapi­tel wird der „Super-​​GAU der Finanz­märkte“ ana­ly­siert, bevor das Memo­ran­dum auf Beschäf­ti­gungs­pro­gramme und Arbeits­zeit­ver­kür­zun­gen ein­geht. Dabei wird vor allem auch die Qua­li­tät der Arbeits­plätze betrach­tet, da in Deutsch­land neue Jobs in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nur bei Teil­zeit­jobs bzw. Leih­ar­beit ent­stan­den sind. Ziel ist daher eine Umver­tei­lung der Arbeitszeit. 


Soziale Dienst­leis­tun­gen und Alters­si­che­rung

Ein Kapi­tel des Memo­ran­dum han­delt von sozia­len Dienst­leis­tun­gen, die öffent­lich zu orga­ni­sie­ren sind. Hier­bei geht es darum, soziale Dienst­leis­tun­gen für die Gesell­schaft anzu­bie­ten und die Memo-​​Gruppe stellt eine „soziale Dienst­leis­tungs­lü­cke“ (S. 151) fest. Hier­bei wird auch deut­lich, dass die öffent­li­chen Aus­ga­ben für soziale Dienst­lei­tun­gen in Öster­reich eben­falls unzu­rei­chend und noch gerin­ger als in Deutsch­land sind.
Soziale Dienst­leis­tun­gen erfül­len meh­rere Funk­tio­nen: Einer­seits kann so pro­fes­sio­nell ein ent­spre­chen­des Ange­bot geschaf­fen und in öffent­li­cher Ver­ant­wor­tung ange­bo­ten wer­den. Ande­rer­seits wird die heute oft pri­vat und vor allem von Frauen getra­gene Arbeit im Bereich der sozia­len Dienst­lei­tun­gen dann bezahlt. Es ist daher wenig ver­wun­der­lich, dass die Frau­en­er­werbs­tä­tig­keit posi­tiv mit dem Arbeits­vo­lu­men im sozia­len Dienst­leis­tungs­be­reich kor­re­liert. Um jedoch ein Schlie­ßen der Lücke zu errei­chen ist eine Trend­wende in der bis­he­ri­gen Poli­tik not­wen­dig. Der „schlanke Staat“ kann dann kein Leit­bild mehr sein, oder, um es mit den Wor­ten des Memo­ran­dum zu sagen: „Eine höhere Staats­quote und gute soziale Dienst­leis­tungs­ar­beit gehö­ren untrenn­bar zusam­men“ (S. 162).

Das Memo­ran­dum geht auch auf die Frage der Alters­ver­sor­gung ein. Dabei wird auf die Gefahr der Alters­ar­mut durch das Absen­ken des Ren­ten­ni­veaus in Deutsch­land ebenso ein­ge­gan­gen wie auf die Frage der Demo­gra­fie und der Pro­duk­ti­vi­täts­ent­wick­lung. Dabei wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ers­tens nicht die poten­ti­elle, son­dern die tat­säch­li­che Erwerbs­tä­ti­gen (also nicht die Arbeits­lo­sen) rele­vant sind, und dass zwei­tens von der stei­gen­den Pro­duk­ti­vi­tät ein Teil für höhere Bei­trags­zah­lun­gen abge­zweigt wer­den kann. Eine Kapi­tal­de­ckung jeden­falls kann aus vie­len Grün­den keine Alter­na­tive sein – ers­tens muss auch hier eine Ren­dite erwirt­schaf­tet wer­den, zwei­tens sind die Unsi­cher­hei­ten imma­nent und drit­tens ist ein soli­da­ri­sche Umla­ge­sys­tem gerech­ter als ein pri­va­tes Sys­tem, dass man sich eben auch leis­ten kön­nen muss. 


Bildung

Seit eini­gen Jah­ren befin­det sich im Memo­ran­dum auch jeweils ein Bil­dungs­teil, ein Bil­dungs­text hat es sogar schon unter die Memorandum-​​Klassiker geschafft (PDF). Die­ses Jahr ist das Thema die neo­li­be­rale Aus­rich­tung der ökono­mi­schen Bil­dung. Hier­bei wer­den u.a. Plan­spiele für Schü­le­rin­nen und Schü­ler unter­sucht und so auf­ge­zeigt, dass ein bestimm­tes Den­ken geför­dert wer­den soll. Das Thema knüpft an an die Frage der Finanz­bil­dung, wie sie bspw. von Mar­tin Schürz und Beat Weber the­ma­ti­siert wurde, an.


Fazit

Das Memo­ran­dum lohnt sich. Zwar ist der Schwer­punkt die Poli­tik in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, vie­les ist jedoch in der öster­rei­chi­schen Poli­tik nicht unähn­lich und die For­de­run­gen der Arbeits­gruppe Alter­na­tive Wirt­schafts­po­li­tik sind zu unter­stüt­zen. Das Memo­ran­dum bleibt eines der erfreu­li­chen Gegen­pu­bli­ka­tio­nen zum (noch?) herr­schen­den neo­li­be­ra­len Mainstream.


AG Alter­na­tive Wirt­schafts­po­li­tik
MEMORANDUM 2009
Von der Krise in den Absturz?
Sta­bi­li­sie­rung, Umbau, Demo­kra­ti­sie­rung
Alter­na­ti­ven der Wirt­schafts­po­li­tik
Neue Kleine Biblio­thek 138,
268 Sei­ten
EUR 17,90 [D] /​ EUR 18,40 [A] /​ SFR 32,00
ISBN 978–3-89438–409-8


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