Archiv für Oktober 2009


Nieder mit Humboldt

28. Oktober 2009 – 21:31 Uhr

Ich weiss, damit mache ich mir hier keine Freunde, aber: der Ökonom hat recht. Ich weiss, es wird nicht gern gele­sen, aber: Öster­reichs Hoch­schul­sys­tem ist eines der eli­tärs­ten, die es im inter­na­tio­na­len Ver­gleich gibt. Ich weiss, es ist nicht oppor­tun, aber: Ein Bil­dungs­sys­tem, das der­art ver­ant­wor­tungs­los mit ihren Res­sour­cen umgeht, ist so ver­rot­tet wie die Zustände, die jetzt zu recht ange­klagt werden.

Ich würde mir gerade von der Lin­ken in Öster­reich wün­schen, dass sie sich doch lang­sam mal davon ver­ab­schie­det, sich vor den Kar­ren der aka­de­mi­schen Eli­ten die­ses Lan­des span­nen zu las­sen und statt­des­sen sozial gestaf­felte Zugangs­kri­te­rien für die höhere Bil­dung zu for­dern beginnt. Und, bitte, bitte: Ver­gesst Hum­boldt und die­sen gan­zen bil­dungs­bür­ger­li­chen Quatsch!

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80 Jahre ›Schwarzer Donnerstag‹ – John Kenneth Galbraith neu gelesen

19. Oktober 2009 – 18:19 Uhr

Am Don­ners­tag, den 24. Okto­ber 1929 „wech­sel­ten 12.894.650 Anteile den Besit­zer, die meis­ten zu einem Preis, der die Träume und Hoff­nung der bis­he­ri­gen Inha­ber rest­los Zer­störte“ (S. 136). Das schreibt John Ken­neth Galbraith in sei­nem Buch Der Große Crash 1929. Ursa­chen, Ver­lauf, Fol­gen.* An die­sem Tag – und nicht am ›Schwar­zen Frei­tag‹ – gin­gen die Bör­sen­kurse in New York am stärks­ten wäh­rend des Bör­sen­crashs 1929 zurück. Am kom­men­den Sams­tag jährt sich die­ser Tag zum acht­zigs­ten Mal. Ange­sichts der aktu­el­len Wirt­schafts­krise ist es loh­nend, den Klas­si­ker von Galbraith neu zu lesen.


Galbraith beschreibt in sei­nem Buch zunächst den Ver­lauf der Ent­wick­lun­gen, die spä­ter zum Gro­ßen Crash füh­ren soll­ten. Zwar ging es den Bau­ern bereits nach der Depres­sion der Jahre 1920 und 1921 auf Grund der gesun­ke­nen Agrar­preise schlecht, ins­ge­samt waren die 1920er-​​Jahre aber eine gute Zeit für die USA. Die Pro­duk­ti­vi­tät erhöhte sich, die Beschäf­ti­gung war auf einem hohen Niveau, und Armut konnte zwar nicht gänz­lich über­wun­den, aber ein gutes Stück zurück­ge­drängt wer­den (vgl. S. 34). Rück­bli­ckend stellt sich die Frage, ob die Zei­ten nicht nur gut, son­dern zu gut waren… Jeden­falls stie­gen in der Folge die zu Beginn der 1920er-​​Jahre nied­ri­gen Akti­en­kurse. Trotz eini­ger Rück­schläge war die Rich­tung der Kurse ein­deu­tig: Sie stie­gen. „Bis Anfang 1928 muss­ten selbst äußerst kon­ser­va­tiv ein­ge­stellte Leute glau­ben, dass die Akti­en­kurse sich sowohl den wach­sen­den Unter­neh­mens­ge­win­nen als auch den Aus­sich­ten auf wei­tere künf­tige Stei­ge­run­gen anpas­sen wür­den. Auch die Phase des Frie­dens und die ruhi­gen Zei­ten konnte man guten Gewis­sens ein­kal­ku­lie­ren, ebenso die Sicher­heit, dass die Regie­rung in Washing­ton die Erträge nicht stär­ker als im not­wen­di­gen Maß besteu­ern würde. Anfang 1928 begann dann die Phase der Über­trei­bung: eine Mas­sen­flucht in die Schein­welt […] nahm ernst­hafte For­men an“ (S. 44). 1928 schließ­lich wurde Her­bert Hoo­ver als neuer US-​​Präsident gewählt. Er hatte zwar zuvor als Han­dels­mi­nis­ter und Prä­si­dent Coo­lidge ver­sucht, den Markt unter Kon­trolle zu bekom­men, aller­dings war seine kri­ti­sche Hal­tung zur Ent­wick­lung an der Börse wenig bekannt. Nach Hoo­vers Wahl gab es einen regel­rech­ten Boom, am Tag nach der Wahl stie­gen die Papiere um 5 bis 15 Pro­zent. Außer Hoo­vers Wahl war nichts pas­siert, was als Ursa­che für die­sen Anstieg genannt wer­den könnte (S. 50).

Mit leich­ten Schwan­kun­gen ging es so wei­ter, wobei vor allem Ter­min­ge­schäfte stark aus­ge­wei­tet wur­den. Galbraith beschreibt, wie zuneh­mend Spe­ku­la­tio­nen ohne Eigen­tum ein­setz­ten. Am Eigen­tum als sol­ches waren Spe­ku­lan­ten nicht inter­es­siert – son­dern ledig­lich am Wert­zu­wachs. Daher wur­den ein Mecha­nis­mus ent­wi­ckelt, der das Spe­ku­lie­ren von den „Las­ten des Eigen­tums befreit“ und über Kre­dite funk­tio­niert (S. 51ff, Zitat S. 53). Damit war der Spe­ku­la­tion Tür und Tor geöff­net, und der Glaube, dass jeder gewin­nen könne (und würde) tat sein übriges.

In der Folge gab es kein Hal­ten mehr. War­nende Stim­men gab es wenige, und die, die es gab, wur­den igno­riert oder denun­ziert als Men­schen, die die gute Stim­mung kaputt­re­den wol­len. Ein bis heute berühm­ter Beschwich­ti­ger der dama­li­gen Zeit war Prof. Irving Fis­her (bspw. S. 107). Auch andere Wis­sen­schaft­ler und zahl­rei­che Medien gehör­ten zu den unkri­ti­schen Beglei­tern – und oft genug betei­lig­ten Spe­ku­lan­ten – im Jahre 1929. Zwei­fel waren weder erlaubt noch erwünscht, und wei­tere Instru­mente zur Aus­wei­tung der Spe­ku­la­tio­nen wur­den ein­ge­setzt, ins­be­son­dere die Hebel­kraft (Lever­age) spielte eine immer grö­ßere Rolle (S. 93ff.), wie übri­gens auch in der aktu­el­len Krise. Es wur­den Trusts mit wohl­klin­gen­den Namen wie Shen­an­doah gegrün­det, die direkt über­zeich­net waren und im Wert oft kräf­tig anstie­gen – um nach dem Crash kaum noch etwas Wert zu sein.


Der Crash

Selbst als die Akti­en­kurse ein­bra­chen gin­gen viele von einem tem­po­rä­ren Knick aus. Ende Okto­ber 1929 gab es dann jedoch kein Hal­ten mehr. Dazu Galbraith: „Was den Anstoß gab, wis­sen wir nicht. Wahr­schein­lich ist es auch gar nicht wich­tig, dass wir es wis­sen“ (S. 129). Bei den ers­ten Ein­brü­chen machte die Hoff­nung einer „orga­ni­sier­ten Unter­stüt­zung“ die Runde, die Lage spitzte sich den­noch mehr und mehr zu. Und am 24. Okto­ber gab es dann schlicht keine Käu­fer mehr für die Anteile, deren Werte daher ins Boden­lose stürz­ten (S. 136f.). Zwar ver­such­ten große Ban­ken mit einer orga­ni­sier­ten Stüt­zung des Mark­tes ein­zu­grei­fen (S. 138ff.), was die Preise auch kurz­fris­tig wie­der zum Stei­gen brachte. Tat­säch­lich glaub­ten viele nach dem Schwar­zen Don­ners­tag, dass man das Schlimmste über­stan­den habe. Aller­ding folgte am Diens­tag, dem 29. Okto­ber „der ver­hee­rendste Tag in der Geschichte der New Yor­ker Börse“ (S. 150, das Buch von Galbraith erschien 1954!).

Galbraith beschreibt in sei­nem Buch detail­liert die Tage Ende Okto­ber, die in die Geschichte als Gro­ßer Crash ein­gin­gen. Er räumt dabei auch mit eini­gen Legen­den auf (etwa, dass es zahl­rei­che Selbst­morde in New York gege­ben habe, S. 168f.). Er beschreibt die Hilf­lo­sig­keit der Akteure und die Auf­de­ckung von Unter­schla­gun­gen sowie die Pleite zahl­rei­cher Unter­neh­men. Galbraith beschreibt fer­ner die schwie­rige Auf­ar­bei­tung der Krise. Vor allem aber: Er ana­ly­siert ihre Ursachen. 


Die Ursa­chen

John Ken­neth Galbraith benennt fünf Punkte als Ursa­chen für den Gro­ßen Crash und die fol­gende Welt­wirt­schafts­krise (S. 216ff.):

  1. Die schlechte Ein­kom­mens­ver­tei­lung: Die Ein­kom­men waren 1929 beson­ders ungleich ver­teilt. Genaue Zah­len lägen für diese Zeit nicht vor, aller­dings sei davon aus­zu­ge­hen, dass 5 Pro­zent der Bevöl­ke­rung mehr als 30 Pro­zent des Ein­kom­mens erziel­ten. „Auf­grund die­ser höchst unglei­chen Ein­kom­mens­ver­tei­lung war die Wirt­schaft von mög­lichst hohen Inves­ti­tio­nen oder von einem mög­lichst hohen Ver­brauch an Luxus­gü­tern oder von bei­den Fak­to­ren gleich­zei­tig abhän­gig. Die Rei­chen konn­ten nicht Unmen­gen von Brot kau­fen, um ihr Geld umzu­set­zen.“ Die Aus­ga­ben der Rei­chen waren jedoch für die schlech­ten Nach­rich­ten von der Börse beson­ders emp­fäng­lich. Mit Blick auf die aktu­elle Krise hat Engel­bert Stock­ham­mer bereits im April die Frage gestellt: Was hat die Finanz­krise mit der Ein­kom­mens­ver­tei­lung zu tun?

  2. Die pre­käre Struk­tur der Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten. Galbraith nennt eine „außer­ge­wöhn­li­che Anzahl von aus­ge­buff­ten Geschäf­te­ma­chern, Blen­dern und Schwind­lern“ in den Direk­ti­ons­bü­ros der Unter­neh­men. Zen­tra­ler Schwach­punkt – auch das erin­nert an heute – waren die unüber­schau­ba­ren neuen Struk­tu­ren bei den Hol­dings und Trusts. Die Ver­schach­te­lun­gen waren so stark, dass ein Aus­fall an einer Stelle oft gra­vie­rende Fol­gen hatte.

  3. Die Labi­li­tät des Ban­ken­we­sens. Hier­bei geht es Galbraith vor allem um die Ket­ten­re­ak­tion aus der Pleite einer Bank und dem Abzug der Ein­la­gen bei ande­ren Ban­ken (Ban­ken­run). Hier­auf wurde nach der Krise mit der Ein­rich­tung von Ein­la­gesi­che­rungs­sy­te­men rea­giert. Aktu­ell muss das nie­der­län­di­sche Sys­tem nach der Pleite der DSB-​​Bank nach einem Ban­ken­run ein­grei­fen.

  4. Der deso­late Zustand der Außen­han­dels­bi­lanz. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten waren nach dem ers­ten Welt­krieg der größte Gläu­bi­ger der Welt. Zudem bestand zunächst noch ein Han­dels­über­schuss, der diese Posi­tion wei­ter stärkte. Zwar war der Saldo zwi­schen Expor­ten und Impor­ten nicht son­der­lich groß, den­noch musste er abge­deckt wer­den. „Das Aus­land konnte die Pas­siv­sal­den gegen­über den Ver­ei­nig­ten Staa­ten nicht mehr oder nicht mehr lange mit erhöh­ten Gold­über­wei­sun­gen bezah­len. Das hieß, es musste ent­we­der seine Importe aus den USA zurück­fah­ren oder alter­na­tiv mit sei­nen Dar­le­hens­ver­bind­lich­kei­ten in Ver­zug gera­ten.“ Auch die unaus­ge­gli­chene Leis­tungs­bi­lanz, aller­dings unter umge­kehr­ten Vor­zei­chen, ist in der aktu­el­len Krise ein Thema. So set­zen u.a. Öster­reich, vor allem aber Deutsch­land auf eine reine Export­stra­te­gie (sin­kende Real­löhne, sin­kende Bin­nen­nach­frage aber gute Wett­be­werbs­fä­hig­keit auf den Weltmärkten).

  5. Der schlechte Zustand der Wirt­schafts­po­li­tik und der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. Galbraith nennt die Ideo­lo­gie des aus­ge­gli­chen Haus­halts (=Kon­trak­tion der Nach­frage) und die Angst vor Infla­tion (=stei­gende Zin­sen und Ver­teue­rung von Geld), die eine ver­nünf­tige Geld­po­li­tik ver­hin­derte, obwohl das Land vor einer Defla­tion stand. Auch diese Debat­ten ken­nen wir von heute. Galbraith schrieb sei­ner­zeit (S. 225): „Sowohl die aktive Fis­kal­po­li­tik – Besteue­rung und Staats­aus­ga­ben – als auch eine ver­nünf­tige Geld­po­li­tik zu unter­las­sen war das Glei­che, wie jeg­li­che kon­struk­tive Wirt­schafts­po­li­tik abzu­leh­nen. Die Wirt­schafts­ex­per­ten jener Tage besa­ßen genü­gend Ein­mü­tig­keit und Auto­ri­tät, um die Füh­rer bei­der Par­teien zu ver­an­las­sen, alles, was Defla­tion und Depres­sion hätte bekämp­fen kön­nen, zu ver­mei­den […], ein Tri­umph der Schul­weis­heit über die Pra­xis. Die Fol­gen waren verheerend.“

 

Galbraith 2009

Natür­lich waren Ursa­chen, Ver­lauf und Fol­gen 1929 andere als 2009, auch wenn heute noch nicht klar ist, wie die aktu­elle Krise wei­ter­geht. Erschre­ckend sind einige Par­al­le­len aber schon, die Dog­ma­tik der Ökono­mie, die Ein­kom­mens­ver­tei­lung usw. Es lohnt sicher daher unbe­dingt, sich eine der bekann­tes­ten Inter­pre­ta­tion der Welt­wirt­schafts­krise zu Gemüte zu füh­ren – und John Ken­neth Galbraith neu zu lesen.

 

* Alle Sei­ten­an­ga­ben bezie­hen sich auf den unver­än­der­ten Nach­druck der 4. Auf­lage aus dem Jahr 2009. Das Buch erschien erst­mals 1954.

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4.11.09: Kritik in der Krise?! Kurswechsel Heftpräsentation

19. Oktober 2009 – 14:11 Uhr

Kri­tik in der Krise?!
Posi­tio­nie­run­gen und Refle­xio­nen einer Kri­ti­schen Sozia­len Arbeit

Mitt­woch, 4. Novem­ber 2009, 18.30 – 21.00 Uhr
Albert Schweit­zer Haus,  Schwarz­spa­nier­str. 13, 1090 Wien

Vol­ker Eick (FU Ber­lin), Fabian Kessl (Uni Duis­burg), Susanne Mau­rer (Uni Mar­burg) und Nina Oel­kers (Hoch­schule Vechta), Auto­rIn­nen des Kurs­wech­sels 3/​09,  dis­ku­tie­ren gemein­sam mit Besu­che­rIn­nen und den her­aus­ge­ben­den Auto­rIn­nen Josef Bakic, Marc Die­bä­cker, Eli­sa­beth Ham­mer (FH Soziale Arbeit Wien, kriSo)

In Koope­ra­tion mit: Arbei­ter­kam­mer Wien, Ren­ner Insti­tut, Die Grüne Bil­dungs­werk­statt, Geför­dert durch: WienKultur

Orga­ni­sa­tion und Kon­takt: Josef Bakic, Marc Die­bä­cker, Eli­sa­beth Ham­mer (Ver­ein kri­ti­sche Soziale Arbeit)

Prä­sen­ta­tion des Kurs­wech­sel Heft 03/​2009 „Kri­ti­sche Soziale Arbeit“

In den Bei­trä­gen von Josef Bakic, Lju­bo­mir Bra­tic, Marc Die­bä­cker, Vol­ker Eick, Eli­sa­beth Ham­mer, Uwe Hirsch­feld, Fabian Kessl, Susanne Mau­rer, Eva Nadai, Nina Oel­kers und Mar­tina Rich­ter wer­den unter­schied­li­che Mög­lich­kei­ten des Ein­sat­zes von Kri­tik in der Sozia­len Arbeit vor­ge­stellt. Die Leis­tungs­fä­hig­keit Kri­ti­scher Sozia­ler Arbeit wird anhand wesent­li­cher pro­fes­si­ons­theo­re­ti­scher Fra­ge­stel­lun­gen  und aus­ge­wähl­ter Hand­lungs­fel­der auf­ge­zeigt, womit ein Dis­kurs fort­ge­setzt wird, der in den letz­ten Jah­ren erste Kon­tu­ren eines „Anders­den­ken“ sicht­bar gemacht hat.

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Private Pensionssysteme und die Finanzkrise

12. Oktober 2009 – 15:06 Uhr

Die Ver­mö­gen, die inter­na­tio­nal für die Alters­vor­sorge „ange­spart“ wur­den, sind rie­sig. Die Pen­si­ons­fonds alleine (also ohne pri­vate Ver­si­che­rungs­ver­träge, Pen­si­ons­rück­stel­lun­gen und Fonds von Finanz­in­sti­tu­tio­nen) hat­ten 2007 ein Ver­mö­gen von sage und schreibe 17.900.000.000.000 also fast 18 Bil­lio­nen US Dol­lar. 57 Pro­zent davon lagen in den Pen­si­ons­fonds der USA. Im OECD-​​Schnitt sind damit über 75 Pro­zent des BIP in Pen­si­ons­fonds ver­an­lagt. 2001 waren es 67 Pro­zent. Getrie­ben waren diese Aus­wei­tun­gen von der Vor­stel­lung immer höhe­rer Renditen.

USA mach­ten es vor, Europa folgte

Seit 2000 zieht Europa nach. Zwi­schen 2001 und 2007 stieg das in Pen­si­ons­fonds ver­an­lagte Ver­mö­gen in Europa um 141 Pro­zent auf 4.300 Mrd US Dol­lar. Zum Ver­gleich: Das BIP stieg im glei­chen Zeit­raum um 32 Pro­zent. Spit­zen­rei­ter sind die Nie­der­lande (fast 160 Pro­zent des BIP) vor Groß­bri­tan­nien (110 Pro­zent). Öster­reich, das auch ein star­kes Wachs­tum der pri­va­ten Pen­si­ons­fonds in die­sem Zeit­raum auf­wies, befin­det sich mit rund 6 Pro­zent auf einem eher nie­de­ren Niveau.

Absturz und Ver­luste in der Krise

Der Trend in Rich­tung pri­va­ter Pen­si­ons­vor­sorge hat auf­grund der dadurch erzeug­ten „Kapi­tal­markt­in­fla­tion“ die Finanz­märkte zusätz­lich auf­ge­bläht. Die ver­spro­che­nen hohen Ertrags­ra­ten kapi­tal­ge­deck­ter Alters­vor­sorge haben die share­hol­der– Phi­lo­so­phie und die Kurz­sich­tig­keit der Finanz­märkte noch ver­stärkt. Die ste­tige Ver­grö­ße­rung der Dis­kre­panz zwi­schen Bör­sen­kur­sen und rea­len Wer­ten baute ein enor­mes Absturz­po­ten­tial auf.
Die mas­sive Ent­wer­tung von Pen­si­ons­ver­mö­gen führt nun zu erheb­li­chen Finan­zie­rungs­lü­cken und bringt bei Leis­tungs­zu­sa­gen Unter­neh­men zusätz­lich unter Druck. Leis­tungs­kür­zun­gen und redu­zierte Ertrags­er­war­tun­gen füh­ren zu Nach­fra­ge­aus­fäl­len und ver­schär­fen den wirt­schaft­li­chen Abschwung. Die stark pro­zy­kli­schen Effekte kapi­tal­ge­deck­ter Vor­sorge in Kri­sen­zei­ten wir­ken zusätz­lich destabilisierend.

Fünf Bil­lio­nen Dol­lar vernichtet

In der gesam­ten OECD ist der Markt­wert von pri­va­ten Pen­si­ons­an­spar­plä­nen zwi­schen Dezem­ber 2007 und Okto­ber 2008 um ca fünf Bil­lio­nen Dol­lar gefal­len (5.000.000.000.000 Dol­lar bzw 3,6 Bil­lio­nen Euro – das ent­spricht 33 Pro­zent der gesam­ten Wirt­schafts­leis­tung der EU-​​27 Län­der). In den USA haben selbst die Fonds, die ein rela­tiv aus­ge­wo­ge­nes Port­fo­lio (rund 30 Pro­zent Akti­en­an­teil) haben, im Durch­schnitt 17 Pro­zent ihres Werts ver­lo­ren.
Die Finanz­krise hat die kapi­tal­ge­deck­ten Pen­si­ons­sys­teme mas­siv getrof­fen. Die Ver­luste der pri­va­ten Pen­si­ons­sys­teme in den Jah­ren 2008 und 2009 sind enorm. In den USA wird gerech­net, dass die Ver­luste der Pen­si­ons­fonds fünf Jahre an Gewin­nen aus­ra­diert haben. Die öster­rei­chi­schen Pen­si­ons­kas­sen haben im Durch­schnitt 13 Pro­zent ver­lo­ren. Im Jän­ner 2009 hat der Fach­ver­band der öster­rei­chi­schen Pen­si­ons­kas­sen bekannt gege­ben, dass ca 42.000 der 63.000 Bezie­he­rIn­nen von Frmen­pen­sio­nen mit Ver­lus­ten rech­nen müs­sen. In etli­chen Fäl­len kam es zu Kür­zun­gen um 20 Pro­zent und mehr.

Die kri­ti­schen Varia­blen von Pensionssystemen

Demo­gra­phie
Die demo­gra­phi­sche Ent­wick­lung stellt alle Pen­si­ons­sys­teme vor Her­aus­for­de­run­gen, Kapi­tal­de­ckungs­sys­teme sind dabei nicht demo­gra­phie­re­sis­ten­ter. Wie mit der demo­gra­phi­schen Ent­wick­lung umge­gan­gen wird, ist letzt­lich immer eine Frage der Ver­tei­lung des jeweils real erwirt­schaf­te­ten Ein­kom­mens. Auch in kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men mit in Aktien, Anlei­hen und sons­ti­gen Finanz­pro­duk­ten ver­an­lag­ten Pen­si­ons­ver­mö­gen kann immer nur das als Arbeits-​​, Gewinn-​​, Pen­si­ons­ein­kom­men etc. ver­teilt wer­den, was auch tat­säch­lich real erwirt­schaf­tet wird. Wäh­rend öffent­li­che Umla­ge­sys­teme hier­bei ein brei­tes Risi­ko­poo­ling und einen brei­ten Las­ten­aus­gleich ermög­li­chen, erfolgt der „Aus­gleich“ in den meis­ten kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men über die hef­ti­gen „Ups and Downs“ der Börsenkurse.

Wirt­schafts­wachs­tum
Jedes Pen­si­ons­sys­tem hängt vom Wachs­tum der Real­wirt­schaft ab

Es gibt keine wun­der­bare Ren­ten­ver­meh­rung, jedes Pen­si­ons­sys­tem ist von der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung abhän­gig. Es geht dabei letzt­lich um die Real­wirt­schaft und nicht um vir­tu­elle Erträge aus „fan­ta­sie­vol­len“ Finanz­pro­duk­ten. Wäh­rend die Argu­mente für Wachs­tum för­dernde Effekte kapi­tal­ge­deck­ter Sys­teme wenig über­zeu­gen, wer­den die nega­ti­ven Effekte auf das Wachs­tum durch deren pro­zy­kli­sche, desta­bi­li­sie­rende Wir­kung gerade in Kri­sen­zei­ten umso deut­li­cher. Dem­ge­gen­über gehen von öffent­li­chen, auch in der Krise die Kauf­kraft erhal­ten­den Umla­ge­sys­te­men wesent­li­che sta­bi­li­sie­rende und damit Wachs­tum för­dernde Effekte aus (auto­ma­ti­sche Stabilisatoren).

Jedes Pen­si­ons­sys­tem hängt von der demo­gra­phi­schen und der real­wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung ab, kapi­tal­ge­deckte Sys­teme zusätz­lich auch von den insta­bi­len Finanz­märk­ten. Da das Risiko und die Schwan­kun­gen auf den Finanz­märk­ten sehr hoch sind, ist eine auch nur eini­ger­ma­ßen ver­läss­li­che Vor­her­sage der Höhe kapi­tal­ge­deck­ter Ren­ten – über etwaige, zumeist sehr nied­rige Garan­tie­zins­sätze hin­aus (z.B. klas­si­sche Lebens­ver­si­che­rung) – nicht mög­lich. Die Pen­si­ons­höhe wird ganz ent­schei­dend vom Zeit­punkt des Pen­si­ons­an­tritts und der dann jeweils vor­herr­schen­den Lage am Finanz­markt mit­be­stimmt. Abrupte dras­ti­sche Kurs­ein­brü­che kön­nen die Lebens­pla­nung von Jahr­zehn­ten inner­halb weni­ger Tage oder Wochen völ­lig auf den Kopf stel­len. Hohe, oft völ­lig unrea­lis­ti­sche Ertrags­er­war­tun­gen trei­ben das Risiko wei­ter in die Höhe und füh­ren zu oft­mals völ­lig unzu­rei­chen­den Sum­men, die für die Pen­sion ange­spart wer­den. Zu beach­ten ist in die­sem Zusam­men­hang, dass die Vola­ti­li­tät der Finanz­märkte seit Anfang der Neun­zi­ger Jahre stark zu genom­men hat.


Jedes Sys­tem ver­wen­det die ange­spar­ten Mit­tel in der Gegenwart


Weder in einem umla­ge­fi­nan­zier­ten noch in einem kapi­tal­ge­deck­ten Sys­tem bleibt das „ange­sparte“ Geld im Tre­sor lie­gen – es fin­det immer sofort wie­der sei­nen Ein­gang in das Wirt­schafts– und/​oder Finanz­sys­tem. So legt der Staat die ein­be­zahl­ten Pen­si­ons­bei­träge nicht „unter den Kopf­pols­ter“: Sie flie­ßen in Form von Pen­sio­nen für die ältere Gene­ra­tion und sichern damit deren Teil­ha­be­chan­cen und ermög­li­chen Konsum.


Eben­so­we­nig kom­men die Pen­si­ons­bei­träge für kapi­tal­ge­deckte Sys­teme in ein Spar­schwein. Sie flie­ßen auf die Finanz­märkte, wo ver­sucht wird höchst­mög­li­che Ren­di­ten zu erzie­len. Die­ses Geld ist daher kei­nes­wegs „sicher“, wie gerade die Ereig­nisse der letz­ten Monate deut­lich vor Augen geführt haben.


Wie stark der Zusam­men­hang zwi­schen den so der Wirt­schaft zunächst ent­nom­me­nen (über Bei­träge bzw Spar­ein­la­gen) und dann wie­der zurück­flie­ßen­den Mit­teln (über Pen­si­ons­leis­tun­gen) ist, ist aber stark sys­tem­ab­hän­gig und mit unter­schied­lichs­ten Ris­ken behaftet.


Im Umla­ge­ver­fah­ren wer­den die Bei­träge sofort wie­der als Pen­sio­nen aus­be­zahlt und damit nach­fra­ge­wirk­sam. In kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men gibt es zuerst eine Ver­an­la­gung auf den Finanz­märk­ten, die für sich noch keine Aus­wei­tung der rea­len Inves­ti­tio­nen, son­dern mit­un­ter nur ein Auf­blä­hen der Bör­sen­kurse bewirkt.


Finanz­markt­ris­ken tref­fen vor allem kapi­tal­ge­deckte Systeme


Eine Wirt­schafts­krise, wie die aktu­ell gege­bene, ist auf­grund der all­ge­mei­nen Belas­tung der öffent­li­chen Haus­halte und der pro­ble­ma­ti­schen Ent­wick­lung auf den Arbeits­märk­ten selbst­ver­ständ­lich auch für umla­ge­fi­nan­zierte Sys­teme eine finan­zi­elle Belas­tung. Das Risiko aber, dass schlag­ar­tig Ver­mö­gen ent­wer­tet wer­den und somit die Alters­si­che­rung nicht mehr aus­rei­chend gege­ben ist, gibt es nur in kapi­tal­ge­deck­ten Systemen.


In einem umla­ge­fi­nan­zier­ten Sys­tem, wie dem öster­rei­chi­schen (Aus­falls­haf­tung des Bun­des), sind auch bei kri­sen­be­ding­ten Bei­trags­aus­fäl­len die Pen­si­ons­leis­tun­gen sicher­ge­stellt. Die damit ein­her­ge­hende Finan­zie­rungs­lü­cke erhöht zwar kurz­fris­tig den erfor­der­li­chen Bun­des­bei­trag, deren Aus­maß ist aber nicht annä­hernd so hoch wie die, durch die Finanz­krise ver­u­sach­ten Fehl­be­träge in kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men. Gleich­zei­tig gehen davon auch wesent­li­che kon­junk­tur­sta­bi­li­sie­rende Effekte (auto­ma­ti­sche Sta­bi­li­sa­to­ren) aus. Wäh­rend die Ver­mö­gens­ver­nich­tung bei kapi­tal­ge­deck­ten Sys­te­men hin­ge­gen kri­sen­ver­schär­fend wirkt.


Auch Kos­ten­ab­wä­gun­gen spre­chen für umla­ge­fi­nan­zierte, öffent­li­che Sys­teme. Die Zur­ver­fü­gung­stel­lung adäqua­ter Ein­kom­men im Alter ver­ur­sacht natür­lich erheb­li­che Kos­ten und zwar unab­hän­gig vom Finan­zie­rungs­ver­fah­ren. Öffent­li­che Umla­ge­ver­fah­ren erwei­sen sich dabei auf­grund gerin­ge­rer Ver­wal­tungs– und Ver­triebs­kos­ten sowie feh­len­der Ver­mö­gens­ver­wal­tungs­kos­ten und Gewinn­zah­lun­gen auch als effi­zi­en­ter als kapi­tal­ge­deckte pri­vate Sys­teme. Ver­meint­li­che Kos­ten­vor­teile kapi­tal­ge­deck­ter Sys­teme resul­tie­ren aus viel ein­ge­schränk­te­ren Leis­tungs­spek­tren (z.B. keine Abde­ckung des Inva­li­di­täts­ri­si­kos) und/​oder (oft weit) über­höh­ten Renditeannahmen.


Lang­zeit­be­rech­nun­gen bele­gen: Die Finan­zie­rung des öster­rei­chi­schen Umla­ge­ver­fah­ren läuft nicht aus dem Ruder. Das öster­rei­chi­sche Umla­ge­sys­tem bleibt trotz mas­si­ver Ver­schie­bun­gen in der Alters­struk­tur finan­zier­bar, die Kos­ten­ent­wick­lung läuft kei­nes­wegs aus dem Ruder. Trotz stei­gen­der Zahl der Älte­ren in der Gesell­schaft wird es nur zu einem mode­ra­ten Anstieg beim Pen­si­ons­auf­wand kommen.


Die Stu­die ist hier down­load­bar.

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