Archiv für September 2009


Gut gemeint oder gut gewesen?

29. September 2009 – 15:55 Uhr

Las­sen wir die Kon­junk­tur­pa­kete wir­ken,“ ist das Stan­dard­zi­tat öster­rei­chi­scher Poli­ti­ke­rIn­nen, um einem drit­ten sozia­len Paket eine Absage zu ertei­len. Nur, wer weiß, WIE und WANN die Pakete wirken?

 

Inter­na­tio­nal haben alle Kon­junk­tur­pa­kete gemein, dass sie nicht eva­lu­iert wer­den. Viele ver­schie­dene Insti­tu­tio­nen strei­ten sich um die Wirk­sam­keit von Mil­lio­nen– und Mil­li­ar­den­be­trä­gen. Auch den öster­rei­chi­schen Pake­ten wer­den unter­schied­lichste Effekte beschei­nigt, je nach bewer­ten­der Organisation.

 

Diese Situa­tion ist unbe­frie­di­gend. Und bedenkt man, dass in den letz­ten Jah­ren nicht nur auf­grund der Krise immer wie­der Kon­junk­tur­pa­kete geschnürt wur­den, ver­wun­dert es umso mehr, dass keine ein­heit­li­che nach­träg­li­che Bewer­tung stattfindet.

 

Es braucht drin­gend eine ex-​​post Eva­lu­ie­rung von kon­junk­tur­be­le­ben­den Maß­nah­men, vor­zugs­weise im euro­päi­schen Ver­gleich. Der große Vor­teil einer nach­träg­li­chen Eva­lu­ie­rung wäre die Tat­sa­che, dass bereits getä­tigte und nicht bloß ver­an­schlagte Aus­ga­ben als Daten­grund­lage zur Ver­fü­gung ste­hen wür­den. So könnte gezeigt wer­den, ob und inwie­weit Aus­ga­ben für die Sta­bi­li­sie­rung getä­tigt wur­den, und was diese bewirkt haben.

 

Kon­junk­tur­pa­kete sol­len nicht nur gut gemeint sein und ob ihrer blo­ßen Ankün­di­gung Wir­kung ent­fal­ten. Ent­schei­dend sind Infor­ma­tio­nen, um zukünf­tige Maß­nah­men ziel­ge­rich­tet gestal­ten zu kön­nen, und deren Effekte dort­hin zu len­ken, wo diese not­wen­dig sind.

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Appell zur Reform der Ökonomie

25. September 2009 – 14:30 Uhr

Eine Appell zur Reform der Ökono­mie, getra­gen von einer keynesianisch-​​institutionalistischen Allianz:

„Dear Col­lea­gue

The web plea/​petition in sup­port of the words below by Paul Krug­man now has over 1300 signa­tures, the majo­rity of which are qua­li­fied aca­de­mics. Thank you to ever­yone who has given their support.

But only 3% of the signa­to­ries are under­gra­duate stu­dents. Please ask your stu­dents if they sup­port this state­ment. (You may remind ever­yone that signing is free, and they can leave the web­site before making a donation.)

Few eco­no­mists saw our cur­rent cri­sis com­ing, but this pre­dic­tive failure was the least of the field’s pro­blems. More import­ant was the profession’s blind­ness to the very pos­si­bi­lity of cata­stro­phic failu­res in a mar­ket eco­nomy … the eco­no­mics pro­fes­sion went astray because eco­no­mists, as a group, mis­took beauty, clad in impressive-​​looking mathe­ma­tics, for truth … eco­no­mists fell back in love with the old, idea­li­zed vision of an eco­nomy in which ratio­nal indi­vi­du­als inter­act in per­fect mar­kets, this time gus­s­ied up with fancy equa­ti­ons … Unfor­t­u­na­tely, this roman­ti­ci­zed and saniti­zed vision of the eco­nomy led most eco­no­mists to ignore all the things that can go wrong. They tur­ned a blind eye to the limi­ta­ti­ons of human ratio­na­lity that often lead to bub­bles and busts; to the pro­blems of insti­tu­ti­ons that run amok; to the imper­fec­tions of mar­kets – espe­cially finan­cial mar­kets – that can cause the economy’s ope­ra­ting sys­tem to undergo sud­den, unpre­dic­ta­ble cras­hes; and to the dan­gers crea­ted when regu­la­tors don’t believe in regu­la­tion. … When it comes to the all-​​too-​​human pro­blem of reces­si­ons and depres­si­ons, eco­no­mists need to aban­don the neat but wrong solu­tion of assu­ming that ever­yone is ratio­nal and mar­kets work per­fectly.“ (New York Times, Sep­tem­ber 2nd, 2009.)

SIGN „Revi­ta­li­zing Eco­no­mics After the Crash“ 

I think this is an import­ant oppor­tu­nity to make an impact – and help to change eco­no­mics for the bet­ter. Pro­gress on the peti­tion will be announ­ced to the inter­na­tio­nal press in October.

Best wis­hes
Geoff Hodg­son

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Ein Jahr danach

19. September 2009 – 9:12 Uhr

Beim Hören des Pod­casts von Pla­net Money zum ein­jäh­ri­gen Jubi­läum der Krise (und zugleich des Pod­casts selbst) sind einige inter­es­sante Beob­ach­tun­gen zu machen. Zum Bei­spiel: wie schnell die Finanz­mäch­ti­gen die­ser Welt ihre Ter­mi­no­lo­gie änder­ten; inner­halb weni­ger Tage wur­den „melt down of the glo­bal finan­cial sys­tem“, „sys­temic cri­sis“, „too big to fail“, und so wei­ter all­ge­mein übli­che Schlag­worte. Und abge­se­hen davon, dass hier Panik vor­herrschte, sieht man auch, wie schon an die­ser Stelle die Recht­fer­ti­gung zur Sta­bi­li­sie­rung eines Herr­schafts­ver­hält­nis­ses mas­sen­me­dial aus­strahlte; die Macht die­ses Herr­schafts­ver­hält­nis­ses zeigt sich eben gerade in der unhin­ter­frag­ten Über­nahme die­ser neuen Ter­mi­no­lo­gie.
Eine andere inter­es­sante Beob­ach­tung ist aber auch, wie skep­tisch diese Medien inzwi­schen gewor­den ist (nur ein Bei­spiel). Wäh­rend alle ökono­mi­schen Indi­ka­to­ren dar­auf hin­wei­sen, dass die Rezes­sion ihrem Ende zugeht – zumin­dest wenn man sie so aus­legt, wie man das vor dem 15.September 2008 zu tun pflegte –, und die Ver­tre­ter des inter­na­tio­na­len Finanz­ka­pi­tals ihr Selbst­ver­trauen wie­der­ge­won­nen haben, mögen es die Jour­na­lis­ten die­ser Welt nicht so recht glau­ben. Natür­lich sind die all­ge­mei­nen Rah­men­be­din­gun­gen bei wei­tem schlech­ter als noch vor einem Jahr: selbst wenn die Rezes­sion vor­bei sein sollte, ist die Arbeits­lo­sig­keits­rate in den Indus­trie­län­dern stark gestie­gen. Es gibt einen gene­rel­len Vor­be­halt gegen die Finanz­welt: Wie wird sich das poli­tisch niederschlagen?

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OECD für öffentliche Beschäftigung und soziale Absicherung in der Krise

16. September 2009 – 9:48 Uhr

Unver­däch­ti­ger könnte der Zeuge nicht sein: Nach­dem die OECD über Jahre, wenn nicht gar Jahr­zehnte hin­weg der Dere­gu­lie­rung der Arbeits­märkte das Wort gere­det hat, wer­den in letz­ter Zeit die Töne etwas mode­ra­ter und ana­ly­tisch differenzierter. 

Im heute (16. Sep­tem­ber 2009) ver­öf­fent­lich­ten „Employ­ment Out­look 2009“, einem Werk von immer­hin 282 eng beschrie­be­nen Sei­ten mit einer Unzahl an Daten, Fak­ten und Ana­ly­sen zum Arbeits­markt­ge­sche­hen, for­dert das OECD-​​Sekretariat die Mit­glied­staa­ten u. a. auf zu über­le­gen, ob für bestimmte Pro­blem­grup­pen, zumin­dest tem­po­rär und auf enge Ziel­grup­pen focu­siert, nicht öffent­li­che Beschäf­ti­gungs­pro­jekte und eine engere soziale Absi­che­rung wir­kungs­volle Mit­tel in der Krise wären. Das ist ein neuer Ton!

Im zen­tra­len Kapi­tel zur Krise wird davon aus­ge­gan­gen, dass die Arbeits­lo­sig­keit in der OECD bis Ende 2010 um 25 Mio. Per­so­nen gegen­über dem Tief­punkt Ende 2007 zuneh­men wird; das ist ein Anstieg um ca. 80%! Diese Zunahme ist bis­her zwi­schen den Län­dern sehr unter­schied­lich aus­ge­fal­len – auf die nähe­ren Gründe geht die OECD aller­dings nicht ein; und er wird bis Ende nächs­ten Jah­res sehr unter­schied­li­che Län­der­quo­ten mit sich brin­gen: ESP 19,8%, GER 11,8%, USA 10,1%, JAP und AUT 5,8%.

Die Kon­junk­tur– und Sta­bi­li­sie­rungs­pro­gramme, die in ihrem Aus­maß sehr unter­schied­lich aus­ge­fal­len sind (FRA und KOR bil­den Mini­mum und Maxi­mum, AUT liegt am unte­ren Ende), haben ihre beab­sich­tig­ten Wir­kun­gen lt. OECD eini­ger­ma­ßen erfüllt.

Das Betrof­fen­heits­mus­ter nach Sek­to­ren, Alter, Aus­bil­dung, Beruf, Geschlecht, etc. ist dem vor­an­ge­gan­ge­ner Kri­sen nicht unähn­lich. In AUT fällt auf, dass Nied­rig­qua­li­fi­zierte und Frauen bis­her von der Krise nur durch­schnitt­lich betrof­fen sind.

Für OECD-​​Verhältnisse eben­falls inter­es­sant ist die Fest­stel­lung, dass zwar die Per­sis­tenz einer ein­mal gestie­ge­nen Arbeits­lo­sen­quote sich durch die Struk­tur­re­for­men der ver­gan­gen Jahre redu­ziert hat, aller­dings auf Kos­ten einer höhe­ren zykli­schen Varia­bi­li­tät; d. h. hätte es weni­ger Maß­nah­men zur Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeits­märkte in der Ver­gan­gen­heit gege­ben, wäre der gegen­wär­tige Anstieg der Arbeits­lo­sig­keit wohl gerin­ger ausgefallen.

Wie ein­gangs erwähnt, legt die OECD für Per­so­nen mit hohem Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keits­ri­siko nahe, öffent­li­che Beschäf­ti­gungs­pro­gramme anzu­bie­ten. Das war bis­her stets ver­pönt. Aus öster­rei­chi­scher Sicht ist an dem Vor­schlag inter­es­sant, dass Sozi­al­öko­no­mi­sche Betriebe (SÖB), die hie­sige Vari­ante eines der­ar­ti­gen Pro­gramms, in meh­re­ren Eva­lu­ie­run­gen sehr posi­tiv abge­schnit­ten haben (Wifo 2006, Lech­ner et. al. 2007, Hujer et. al. 2009).

Auch der zweite Denk­an­stoß der OECD sollte AUT eine Über­le­gung wert sein: Für all jene Grup­pen am Arbeits­markt mit pre­kä­ren Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen, die weni­ger abge­si­chert sind als die Kern­grup­pen mit lan­gen Ver­si­che­rungs­epi­so­den, soll­ten die sozia­len Siche­rungs­ma­schen enger gefloch­ten wer­den – zumin­dest tem­po­rär in der Krise. Dazu gehör­ten auch höhere Ersatz­quo­ten am Beginn der Arbeits­lo­sig­keit, weil hier das Absi­che­rungs­ni­veau in AUT im inter­na­tio­na­len Ver­gleich nied­rig ausfällt.

In einem wei­te­ren Kapi­tel des „Employ­ment Out­look“ wird die unor­tho­doxe Frage gestellt: „Is Work the best Anti­dote to Poverty?“

Alles in Allem ist der dies­jäh­rige Beschäf­ti­gungs­aus­blick der OECD ein äußerst lesens­wer­tes Doku­ment zum Ver­ständ­nis der Arbeits­markt­vor­gänge in der Krise.

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Schopenhauer und die Tobin Tax

15. September 2009 – 18:05 Uhr

Durch die Ant­wort des für Steu­ern zustän­di­gen EU-​​Kommissars László Kovács auf die Anfrage der öster­rei­chi­schen grü­nen EU-​​Abgeordneten Ulrike Lun­acek scheint der Höhe­punkt der Schopenhauer’schen zwei­ten Phase, die eine gute Idee durch­läuft, erreicht wor­den zu sein: als Unsinn wird die Idee einer Finanz­trans­ak­ti­ons­be­steue­rung näm­lich nicht mehr abge­tan, son­dern auf das hef­tigste bekämpft. In der drit­ten Phase wird sie ein­ge­führt. Dabei bedient sich Kovács erstaun­lich oft gän­gi­ger Argu­mente. Das sollte die­je­ni­gen, die sich schon län­ger und gründ­li­cher mit dem Thema aus­ein­an­der­set­zen, opti­mis­tisch stimmen.

Es ist, so wie meis­tens beim Thema Steu­ern, zu beob­ach­ten, dass auch bei der Finanz­trans­ak­ti­ons­be­steue­rung ideo­lo­gi­sche Hal­tun­gen als poli­ti­sche, ökono­mi­sche und recht­li­che Argu­men­ta­tio­nen getarnt daher­kom­men. Auch Ste­phan Schul­meis­ter ord­net die pro– und contra-​​Argumente in der Dis­kus­sion um die Finanz­trans­ak­ti­ons­steu­ern unter­schied­li­chen Welt­bil­dern zu, die jeweils von unter­schied­li­chen Annah­men über Erwar­tungs­bil­dung und Ver­hal­ten auf Finanz­märk­ten aus­ge­hen. (1) Dem­nach kann es soweit gehen, dass Spe­ku­la­tion einer­seits als „ein unver­zicht­ba­res Ele­ment der Preis­bil­dung“ gese­hen wird, obwohl aus der Empi­rie her­vor­geht, dass genau wegen einem Über­maß an kurz­fris­ti­ger Spe­ku­la­tion sich die Aktien– und Wech­sel­kurse oder die Roh­stoff­preise von ihrem „natür­li­chen“ Gleich­ge­wicht entfernen.

Fol­ge­rich­tig wird von einer Seite die ein­dämp­fende Wir­kung einer noch so gerin­gen Finanz­trans­ak­ti­ons­steuer gerade auf die kurz­fris­ti­gen Spe­ku­la­tio­nen betont, und von der ande­ren Seite wird die Gefähr­dung der Liqui­di­tät der Märkte heraufbeschworen.

Auch Kovács bedient sich einer ein­sei­ti­gen ökono­mi­schen Lite­ra­tur, wenn er mit den oben geschil­der­ten Argu­men­ten gegen die Ein­füh­rung einer Finanz­trans­ak­ti­ons­steuer ein­tritt. Zudem sind Kovács‘ Quel­len ver­al­tet und er lässt viele aktu­elle Modelle außer Acht – u. a. das vom WIFO, das aber aus der Dis­kus­sion über die Finanz­trans­ak­ti­ons­be­steue­rung nicht mehr weg­zu­den­ken ist.(2)

Kovács‘ Befürch­tun­gen hin­sicht­lich des Scha­dens, der die Ein­füh­rung der Finanz­trans­ak­ti­ons­steuer in der Real­wirt­schaft anrich­ten könnte, über­zeu­gen ein­fach nicht mehr wie frü­her, weil man inzwi­schen den Scha­den kennt, der durch die immer inno­va­ti­ver wer­den­den Finanz­pro­dukte und durch die Spe­ku­la­tio­nen, die keine Ent­spre­chung in der rea­len Wirt­schaft haben, ange­rich­tet wurde.

Diese total ableh­nende Hal­tung gegen­über der Finanz­trans­ak­ti­ons­steuer zeugt zum Teil daher, dass diese als das All­heil­mit­tel in der Finanz­krise prä­sen­tiert und somit ein bewusst fal­sches Bild geschaf­fen wird. Dem ist aber nicht so. Das Mit­tel der Besteue­rung wäre nicht da, um die Finanz­markt­auf­sicht und –regu­lie­rung zu erset­zen, son­dern um diese zu ergän­zen. Dabei soll­ten diese Steu­ern die Kom­mis­sion aus einem ganz ande­ren Grund sehr wohl inter­es­sie­ren: Das Auf­kom­men, das gene­riert wer­den könnte, könnte die Euro­päi­sche Union gut gebrau­chen – gerade in einer Phase, wo Gedan­ken dar­über gemacht wer­den, wie das Bud­get refor­miert wer­den könnte. Der Vor­teil dabei ist auch, dass diese Steu­ern – im Gegen­satz zu ande­ren Umsatz­steu­ern, die haupt­säch­lich regres­sive Wir­kun­gen ent­wi­ckeln – zu den pro­gres­si­ven Steu­ern gehö­ren wür­den, ohne dass man beim Tarif allzu krea­tiv sein muss. Die unglei­che Ver­tei­lung des Wert­pa­pier­be­sit­zes müsste schon dafür sorgen.

Wei­ters bedient sich die Kom­mis­sion recht­li­cher Argu­men­ta­tio­nen. Aller­dings ist auch die­ses Gebiet – vor allem im EU-​​Kontext – nicht frei von Wider­sprü­chen, und so ste­hen Richt­li­nien, die eine Finanz­trans­ak­ti­ons­steuer unter­bin­den, andere gegen­über, die eine Har­mo­ni­sie­rung diver­ser ande­rer Steu­ern anstre­ben, sei es im Bereich der Mehr­wert­steuer, sei es die Zins­be­steue­rung, oder die Unter­neh­mens­be­steue­rung. Einer Har­mo­ni­sie­rung der in diver­sen euro­päi­schen Län­dern beste­hen­den Besteue­rungs­for­men auf den Ver­kehr bzw. Umsatz von Wert­pa­pie­ren steht sich somit nur die Kom­mis­sion sel­ber im Weg.

So wie Ignacio Ramo­net in sei­nem berühm­ten Le Monde-​​Artikel schon im Jahr 1997 schrieb: Es ist eine „Demü­ti­gung der Natio­nal­staa­ten“ – und zu heu­ti­ger Zeit würde man sagen, eine Demü­ti­gung auch der Euro­päi­schen Union – „als die maß­geb­li­chen Garan­ten von Demo­kra­tie und All­ge­mein­wohl, dass sich die Finanz­märkte längst einen eige­nen Staat geschaf­fen haben, einen supra­na­tio­na­len Staat, der über eigene Appa­rate, eigene Bezie­hungs­flechte und eigene Hand­lungs­mög­lich­kei­ten ver­fügt.“ (3) Und das sollte Herrn Kovács, die Kom­mis­sion und die Euro­päi­sche Union Sorge berei­ten und dazu anlei­ten, in die ent­ge­gen­ge­setzte Rich­tung zu steu­ern. Nicht umgekehrt.


Anmer­kun­gen

(1) Schul­meis­ter, Ste­phan, Han­dels­dy­na­mik und Preis­schwan­kun­gen auf Finanz­märk­ten und das Sta­bi­li­sie­rungs­po­ten­tial einer Finanz­trans­ak­ti­ons­steuer, WIFO Monats­be­richte 8/​2008, 608f.

(2) Schul­meis­ter, St., Schrat­zen­stal­ler, M., Picek, O., A Gene­ral Finan­cial Tran­sac­tion Tax. Moti­ves, Reve­nues, Fea­si­bi­lity and Effects, WIFO, Wien, 2008.

(3) Ramo­net, Ignacio (1997) Die Märkte ent­schär­fen. in: Le Monde diplo­ma­ti­que Nr.5406, 12.

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Ist die Krise männlich?

9. September 2009 – 11:55 Uhr

Vor genau zehn Jah­ren warf sie end­gül­tig das Hand­tuch. Brooks­ley Born, damals Vor­sit­zende der Com­mo­dity Futures Tra­ding Com­mis­sion, der für den Deri­va­te­han­del zustän­di­gen US-​​amerikanischen Auf­sichts­be­hörde, hat einen lan­gen von Anfang an aus­sichts­lo­sen Kampf für die Regu­lie­rung der Kre­dit­de­ri­vate ver­lo­ren und legte schließ­lich ihre Vor­sitz­funk­tion zurück. Alan Green­span, neben Finanz­mi­nis­ter James Rubin und Chef­be­ra­ter Law­rence Sum­mers einer ihrer mäch­ti­gen Geg­ner, warf ihr nicht nur Inkom­pe­tenz vor, son­dern ging einen Schritt wei­ter: Ihre Regu­lie­rungs­vor­schläge wür­den gar eine Finanz­krise aus­lö­sen. Vor weni­gen Wochen erhielt Born eine große Aus­zeich­nung der John-F.-Kennedy-Bibliothek in Bos­ton für ihren Mut. Hätte sie sich damals mit ihren schein­bar harm­lo­sen For­de­run­gen nach einer Clea­ring­stelle und Beauf­sich­ti­gung des Kre­dit­de­ri­va­te­han­dels durch­ge­setzt, wären die Aus­wir­kun­gen der Finanz­krise bei wei­tem nicht so dramatisch. 

Das Bei­spiel einer Frau, die einen aus­sichts­lo­sen Kampf für das Selbst­ver­ständ­li­che führt, ist mehr als die von Wis­sen­schaf­tern viel belä­chelte anek­do­ti­sche Evi­denz. Die­ser Fall offen­bart zahl­rei­che struk­tu­relle Cha­rak­te­ris­tika der Finanz­welt, die dar­auf hin­deu­ten, dass Finanz­kri­sen nicht bloß mit Regu­lie­rungs­ver­sa­gen, feh­len­der Moral oder makro­öko­no­mi­schen Ungleich­ge­wich­ten zusam­men­hän­gen. Die Krise ist sys­te­misch. Eine der sys­te­mi­schen Ele­mente ist das Feh­len von Frauen und deren Inter­es­sen in den regu­la­to­ri­schen Ent­schei­dungs­gre­mien. Die Finanz­krise ist männ­lich, aber nicht in dem sim­plen Sinne, wie er oft dis­ku­tiert wird, dass Finanz­markt­ak­teure männ­lich sind. Letz­tere sind Getrie­bene, die unter unge­heu­rem Ren­di­te­druck ein laxes Regel­werk aus­rei­zen, oder wie es John May­nard Keynes for­mu­liert hat: „Es gibt nichts, was so ver­hee­rend ist, wie ratio­na­les Anla­ge­ver­hal­ten in einer irra­tio­na­len Welt.“ Dass Frauen in die­sem Regel­werk anders agie­ren wür­den oder kön­nen, ist frag­lich, wenn­gleich empi­ri­sche Unter­su­chun­gen gezeigt haben, dass Frauen weni­ger risi­ko­freu­dig seien (Bar­ber and Odean 2001) und daher – ent­ge­gen dem gän­gi­gen Vor­ur­teil – stär­ker ratio­nal agier­ten, das Inves­ti­ti­ons­ver­hal­ten von Inves­to­ren männ­li­chen Geschlechts hin­ge­gen von über­trie­be­nem Selbst­ver­trauen gekenn­zeich­net sei, das in kei­ner Bezie­hung zur Fähig­keit die­ser stehe. Irra­tio­na­li­tät und inef­fi­zi­ente, kri­sen­an­fäl­lige Märkte seien die Folge. 

Betrach­tet man aber die Finanz­krise mit dem Blick einer his­to­risch und legis­tisch inter­es­sier­ten Ökono­mIn, dann rücken soge­nannte epis­te­mi­sche Netz­werke ins Blick­feld, die in den letz­ten zwei bis drei Jahr­zehn­ten wesent­lich dafür ver­ant­wort­lich waren, dass sich neo­li­be­rale regu­la­to­ri­sche Prak­ti­ken, die am bes­ten mit dem Begriff der Selbst­re­gu­lie­rung umschrie­ben wer­den kön­nen, welt­weit aus­ge­brei­tet haben. An die Stelle des Staa­tes tra­ten staatlich-​​private Netz­werke: unab­hän­gige Finanz­markt­auf­sichts­be­hör­den, Exper­ten und auch Ver­tre­ter der Finanz­in­dus­trie. Es ent­stand eine Struk­tur, in der sich natio­nal­staat­li­che und inter­na­tio­nale, halb­staat­li­che und pri­vate Netz­werke über­la­gern, und die, wie der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Phil Cerny sagt, den im Mit­tel­al­ter übli­chen Herr­schafts­for­men nicht unähn­lich ist. Diese epis­te­mi­schen Netz­werke sind selbst-​​referenziell; sie sind immun gegen Kri­tik von außen, da sie sich ihr nicht stel­len. Das über­bor­dende Selbst­ver­trauen und die Legi­ti­ma­tion, ein sol­ches zu haben, bezieht man aus der Zuge­hö­rig­keit zur Denk­schule der neo­klas­si­schen mark­tra­di­ka­len Ökono­mie, ein von Männ­nern kon­stru­ier­tes Gedan­ken­ge­bäude, das die letz­ten Jahr­zehnte umfas­sende Gül­tig­keit bean­spruchte und dies nach wie vor tut.

Frauen wer­den von die­sen Netz­wer­ken fern gehal­ten. Der Frau­en­an­teil in den diver­sen Komi­tees liegt im Durch­schnitt bei weit unter zehn Pro­zent (Schu­berth und Young 2009). Die Ent­schei­dungs­trä­ger sind fast aus­schließ­lich männ­lich, Ent­schei­dun­gen wer­den hin­ter ver­schlos­se­nen Türen getrof­fen. Frauen sind hier aus­ge­schlos­sen, weil ihr Den­ken und Han­deln der ökono­mi­schen Ratio­na­li­tät nicht ent­spre­chen würde, da sie wenig Ver­ständ­nis dafür auf­bräch­ten, so das Vor­ur­teil, dass nur das ziel­stre­bige und durch Regu­lie­rung unge­störte Ver­fol­gen des Eigen­nut­zens im rauen Wind des Wett­be­werbs den Fort­schritt für die Mensch­heit brin­gen würde. Frauen, die mit­spie­len wol­len, müs­sen über­zeu­gend die­ses Vor­ur­teil wider­le­gen, so wie über­haupt der refle­xive Mit­spie­ler das Äußerste ist, was gedul­det wird. Sofern es den Frauen gelingt, in diese, Glau­bens­bru­der­schaf­ten nicht unähn­li­chen, exklu­si­ven Klubs vor­zu­drin­gen, ist dies mit hohen Anpas­sungs­leis­tun­gen ver­bun­den, mit der Unter­ord­nung unter die herr­schen­den Prin­zi­pien des ökono­mi­schen Mainstream.

Finanz­markt­re­gu­lie­rung wird als tech­ni­sche Ange­le­gen­heit begrif­fen. Der Ein­satz von quan­ti­ta­ti­ven Model­len der Risi­ko­ab­schät­zung hat bei den Regu­la­to­ren eine Kon­trol­lil­lu­sion erzeugt – mit den bekann­ten Fol­gen. Die Bedeu­tung der Finanz­markt­re­gu­lie­rung geht aller­dings weit über die Siche­rung der Finanz­markt­sta­bi­li­tät hin­aus. Das angel­säch­si­sche Selbst­re­gu­lie­rungs­sys­tem hat nicht nur die Welt­wirt­schaft an den Rand des Abgrunds geführt, son­dern unab­hän­gig davon weit­rei­chende gesell­schafts­po­li­ti­sche Aus­wir­kun­gen gehabt: unter dem Druck der Aktio­närs­in­ter­es­sen wurde Risiko indi­vi­dua­li­siert, Pen­si­ons­vor­sorge pri­va­ti­siert und sozi­al­staat­li­che Leis­tun­gen zurück­ge­drängt. Dies ging ein­her mit fal­len­den Lohn­quo­ten und Dere­gu­lie­rung und Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeits­märkte. Frauen sind von die­ser Umge­stal­tung der Gesell­schaft beson­ders betrof­fen: die Pre­ka­ri­sie­rung der Arbeits­welt trifft sie äußerst hart, die hohen geschlechts­spe­zi­fi­schen Ein­kom­mens­un­ter­schiede haben sich aus­ge­wei­tet, das Ver­mö­gen ist zwi­schen den Geschlech­tern noch stär­ker ungleich ver­teilt. Klar ist aber auch, dass die Erhö­hung der Staats­schul­den bereits jetzt den Druck enorm ver­stärkt, bei den Sozial-​​, Bil­dungs– und Gesund­heits­aus­ga­ben ein­zu­spa­ren; der Ver­tei­lungs­kampf um knappe Bud­get­mit­tel wird inten­si­ver; Frauen trifft das über­pro­por­tio­nal, da viele von ihnen Emp­fän­ge­rin­nen sozi­al­staat­li­cher Trans­fers sind. Die nach über­stan­de­ner Krise erfor­der­li­che Kon­so­li­die­rung des Bud­gets wird den Druck in diese Rich­tung noch wei­ter erhö­hen. Das „Zurück­drän­gen der Frauen an den Herd“, die Ver­rich­tung unbe­zahl­ter Haus-​​, Pflege– und Betreu­ungs­ar­beit wären die Folge.

Die Aus­ge­stal­tung des Finanz­sys­tems hat mas­sive Aus­wir­kun­gen auf die Lebens­be­din­gun­gen von Frauen. Dass diese nach wie vor in finanz­markt­re­gu­la­to­risch wich­ti­gen Ent­schei­dungs­gre­mien nicht ver­tre­ten sind, ist demo­kra­tie­po­li­tisch nicht zu akzep­tie­ren. Jene, die von wirt­schafts­po­li­ti­schen Maß­nah­men betrof­fen sind, müs­sen auch mit­ent­schei­den können.

In ihrer Dan­kes­rede bei der Preis­ver­lei­hung unter­nahm Brooks­ley Born den ver­zwei­fel­ten Ver­such, an die Ver­nunft der Ent­schei­dungs­trä­ger zu appel­lie­ren, die selbst­ver­ständ­li­chen regu­la­to­ri­schen Schritte nun doch umzu­set­zen, ansons­ten, so Born „wer­den wir in den kom­men­den Jah­ren von den Fol­gen unse­res Schei­terns ver­folgt wer­den“. Da nicht die­je­ni­gen schei­tern, die die Krise ver­ur­sacht haben, geht die­ser Appell ins Leere.


Lite­ra­tur

Bar­ber, Brad M. and Terrance Odean (2001), Boys will be Boys: Gen­der, Overe­con­fi­dence and Com­mon Stock Invest­ment, in: Quart­erly Jour­nal of Eco­no­mics. 116(1): 261–292.
Schu­berth, H: and B. Young, Finan­cial Mar­ket Regu­la­tion and Gen­der (2009), in: Young Bri­gitte and Diane Elson (Hrsg.), Glo­bal Finan­cial Gover­nance and Gen­der: Key Issues and Policy Rules. Rout­ledge, (forth­co­m­ing 2009).

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›Starve the beast‹ reloaded?

3. September 2009 – 22:05 Uhr

»›Star­ving the beast‹ is a fiscal-​​political stra­tegy of some Ame­ri­can con­ser­va­ti­ves to use bud­get defi­cits via tax cuts to force future reduc­tions in the size of govern­ment«, so steht es in der eng­lisch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia. Der Staat soll dem­nach über Steu­er­kür­zun­gen aus­ge­hun­gert und so der Staats­ein­fluss redu­ziert wer­den. Über sin­kende Ein­nah­men erhöht man zudem den Druck für ›Refor­men‹. Diese sind meis­tens gegen einen rele­van­ten Teil der Bevöl­ke­rung gerich­tet und daher unpo­pu­lär, wes­halb externe Druck­mit­tel wie die Staats­ver­schul­dung her­hal­ten müs­sen um die (Sozial-)Kürzungen zu legi­ti­mie­ren. Die »Kampf­pa­role der Rea­go­no­mics« (Wolf­gang Lieb) scheint inhalt­lich wiederzukehren.

Steu­ern nied­rig lassen?

In Öster­reich wur­den Kapi­tal­ein­kom­men und Bes­ser­ver­die­nende in den ver­gan­ge­nen Jah­ren steu­er­lich ent­las­tet. So wurde die Kör­per­schafts­steuer gesenkt, die Erb­schafts– und Schen­kungs­steuer ganz aus­lau­fen gelas­sen, die Ver­mö­gen­steuer wird seit Jah­ren nicht erho­ben, für Selb­stän­dige sind neue Frei­be­träge ein­ge­führt wor­den, die Ein­kom­men­steuer wurde für Spit­zen­ver­die­ne­rIn­nen gleich mehr­fach gesenkt, pro­fi­tie­ren diese doch von der Aus­wei­tung des Grund­frei­be­trags, der Sen­kung der Steu­er­ta­rife und der Ver­schie­bung des zu ver­steu­ern­den Ein­kom­mens, ab der der Spit­zen­steu­er­satz greift. Kurzum: Der Staat ver­zich­tet auf zahl­rei­che Ein­nah­men. Diese Poli­tik zeigt Wir­kung! Viele der ›Refor­men‹ (sprich: Spar­maß­nah­men) der ver­gan­ge­nen Jahre wur­den mit dem klam­men Staats­haus­halt begrün­det; aktu­ell wird die Min­dest­si­che­rung nur 12 Mal im Jahr aus­be­zahlt – statt 14 mal, wie ursprüng­lich geplant. Stra­ßen, Schu­len usw. schie­ben einen erheb­li­chen Inves­ti­ti­ons­be­darf vor sich her, der wegen der klamm gemach­ten Kas­sen nicht beho­ben wird. Und über Null­lohn­run­den im öffent­li­chen Dienst wird auch flei­ßig spe­ku­liert…
Die lee­ren Kas­sen sind kein Natur­ge­setz. Einer­seits sind sie einer ver­fehl­ten Steu­er­po­li­tik geschul­det, ande­rer­seits einer fal­schen Wirt­schafts­po­li­tik, die zu sehr auf Export und zu wenig auf den Bin­nen­markt geach­tet hat und drit­tens natür­lich den Ban­ken­ret­tungs– und Kon­junk­tur­pa­ke­ten. Gerade letz­tere müs­sen auch bezahlt wer­den. Einen Teil die­ser Finan­zie­rung könnte man über eine Ver­mö­gen­steuer tra­gen, hier sper­ren sich ÖVP und SPÖ bekannt­lich, andere schla­gen die Erhö­hung der Mehr­wert­steuer vor. Josef Pröll hat jetzt nach­ge­legt und offen gesagt, um was es geht: Im Som­mer­ge­spräch mit dem ORF sagte er ers­tens, dass schon eine Dis­kus­sion über neue Steu­ern schäd­lich sei, zwei­tens gab er bekannt, dass die Kon­so­li­die­rung des Bud­gets nur aus­ga­ben­sei­tig erfol­gen solle und drit­tens, dass der Druck durch die Krise heil­sam sei, um Refor­men anzu­sto­ßen. Aha.

Pröll star­tet Kam­pa­gne zum Schutz der Reichen

Man muss sich dies auf der Zunge zer­ge­hen las­sen: Josef Pröll for­dert, dass in einer Situa­tion der Wirt­schafts­krise, in der mas­siv Staats­geld zur Ret­tung von Ver­mö­gen ein­ge­setzt wurde, nicht über Steu­ern gespro­chen wer­den darf. Es ist ein merk­wür­di­ges Demo­kra­tie­ver­ständ­nis, wenn eine der zen­tra­len Auf­ga­ben des Par­la­ments – man erin­nere sich an »No taxa­tion wit­hout rep­re­sen­ta­tion« – ent­po­li­ti­siert und einem ver­meint­li­chen Sach­zwang unter­wor­fen wer­den soll. Was Pröll ver­sucht ist Erpres­sung: Wer über Steu­ern redet, dem wird am Ende noch die Schuld für den wei­te­ren Ver­lauf der Krise in die Schuhe gescho­ben. Damit schützt er seine Kli­en­tel: Die­je­ni­gen, die höhere Steu­ern bezah­len könn­ten und müss­ten!
Pröll sagt dies auch deut­lich: Er will Ver­mö­gen­steu­ern aus »Soli­da­ri­tät mit den Leis­tungs­be­rei­ten« aus­schlie­ßen. Leis­tungs­be­reit sind in die­ser Defi­ni­tion weder die Kran­ken­schwes­ter noch der Alten­pfle­ger, denn die haben sicher­lich keine Ver­mö­gen (es sei denn geerbt), die Ver­mö­gen­steu­ern nach sich zögen. Was Pröll hier offen­bart ist ein per­ver­tier­ter Leis­tungs­be­griff, denn nach die­ser Defi­ni­tion ist ein Gro­ßerbe mit viel Ver­mö­gen leis­tungs­be­rei­ter als bspw. Kin­der­gärt­ne­rIn­nen. Und: Vom Leis­tungs­fä­hig­keits­prin­zip scheint Pröll auch nichts zu hal­ten, dass näm­lich starke Schul­tern mehr tra­gen müs­sen als Schwa­che. Selbst wenn alle Ver­mö­gen­den leis­tungs­stär­ker wären als andere, würde sich die Frage stel­len, ob eine Ver­mö­gen­steuer nicht den­noch berech­tigt wäre. Von der Frage, was Leis­tung in einer Gesell­schaft ist, mal ganz zu schwei­gen.
Der dritte Punkt offen­bart die gesamt Pröll’sche Logik: Der Spar­druck soll gestei­gert wer­den, um ›Refor­men‹ (bspw. Ein­schnitte ins soziale Netz, Pri­va­ti­sie­run­gen, Null­lohn­run­den…) durch­set­zen zu kön­nen, die zu Las­ten gro­ßer Teile der Bevöl­ke­rung gehen. »Starve the beast« in Reinform.

Mehr­wert­steu­ern?

Dass das Schlanks­pa­ren sehr selek­tiv sein kann, haben die deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­ten bewie­sen: Erst haben sie zusam­men mit den Grü­nen die Spit­zen­steu­ern von 53 auf 42 Pro­zent gesenkt, die Kör­per­schaft­steuer mas­siv redu­ziert und damit einen bestimm­ten Teil der Bevöl­ke­rung ent­las­tet und als Folge – es musste ja gespart wer­den – bspw. Hartz IV ein­ge­führt. Dann haben sie zusam­men mit der CDU die Mehr­wert­steuer um 3 Pro­zent­punkte ange­ho­ben. Wenn also Pröll merkt – und er weiß es eigent­lich schon jetzt – dass das Spa­ren nicht aus­rei­chen wird, dann wird er noch lange nicht die Ver­mö­gen­den zur Kasse bit­ten, son­dern über Mehr­wert­steu­er­er­hö­hun­gen dis­ku­tie­ren. So wer­den die Las­ten der Ein­spa­run­gen und der Ein­nah­me­er­hö­hun­gen auf die Masse ver­teilt, was für die Bes­ser­si­tu­ier­ten natür­lich toll ist – ob sie sich mit Par­tei­spen­den oder Jobs nach der akti­ven Poli­tik­kar­riere erkennt­lich zei­gen? Und ob die SPÖ da – wie­der ein­mal – mitmacht? 

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