The European Union: The Threat of Disintegration – ein Bericht von der 22. Euromemo-Konferenz – BEIGEWUM

The European Union: The Threat of Disintegration – ein Bericht von der 22. Euromemo-Konferenz

am 18. Oktober 2016 um 13:51h

Theurl Simon

Vom 15. bis 17. Sep­tem­ber tra­fen sich in Coim­bra in Por­tu­gal Öko­nom­In­nen aus ganz Euro­pa um im Rah­men der 22. EURO­ME­MO-Kon­fe­renz die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on zu dis­ku­tie­ren. Die Kon­fe­renz wird jähr­lich von der Euro­me­mo­grup­pe orga­ni­siert – einem Netz­werk von Öko­nom­In­nen die sich für Voll­be­schäf­ti­gung, sozia­le Gerech­tig­keit, öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit und inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät ein­set­zen. Dem Titel der Kon­fe­renz ent­spre­chend – „The Euro­pean Uni­on: the Thre­at of Dis­in­te­gra­ti­on“ – stan­den bei die­ser Kon­fe­renz ins­be­son­de­re die sich zuspit­zen­den Des­in­te­gra­ti­ons­ten­den­zen, im Zen­trum der Debat­ten. Die EU, so der Aus­gangs­punkt der Debat­te, wird zuneh­mend von neo­li­be­ra­ler Wirt­schafts­po­li­tik domi­niert, wel­che nicht in der Lage ist die öko­no­mi­sche Kri­se zu über­win­den, adäqua­te Hil­fe für die trans­kon­ti­nen­tal Flüch­ten­den zu leis­ten und rechts­po­pu­lis­ti­schen bis ‑extre­mis­ti­schen anti­de­mo­kra­ti­schen Bewe­gun­gen ihre Grund­la­ge zu ent­zie­hen. Unfä­hig Wachs­tum, Kon­ver­genz, Men­schen­rech­te und Demo­kra­tie zu garan­tie­ren, schei­tert die EU an ihren eige­nen Maß­stä­ben. Stei­gen­de Frus­tra­ti­on in der Bevöl­ke­rung und der zuneh­men­de Legi­ti­mi­täts­ver­lust sind die bit­te­ren Kon­se­quen­zen des poli­ti­schen Scheiterns.

 

Anhal­ten­de Kri­se in der Peri­phe­rie befeu­ert Desintegration

Neun Jah­re nach dem Aus­bruch der Finanz­kri­se im Jahr 2007 befin­det sich vor allem die Peri­phe­rie der Euro­päi­schen Uni­on nach wie vor in der Kri­se. Das macht sich nicht zuletzt in sta­gnie­ren­den Arbeits­ein­kom­men und stei­gen­der Arbeits­lo­sig­keit, vor allem unter Jugend­li­chen, bemerk­bar. Als eine der Kon­se­quen­zen der Export­über­schuss­po­li­tik, vor allem von Deutsch­land, drif­ten die BIP-Wachs­tums­ra­ten, die indus­tri­el­le Pro­duk­ti­on und die Beschäf­ti­gungs­ra­ten der euro­päi­schen Mit­glieds­län­der wei­ter aus­ein­an­der. Dass die Markt­li­be­ra­li­sie­rung der letz­ten Deka­den zur erhoff­ten „Euro­päi­schen Kon­ver­genz“ führt ent­spricht somit kaum der Rea­li­tät – so die Bot­schaft der Eröff­nungs­re­de „The Sta­te of the Uni­on“ von Luis Lopez von der Uni­ver­si­tät von Coimbra.

 

Junckers Inves­ti­ti­ons­plan wird nicht ausreichen

In ihren Bemü­hun­gen, die Kon­junk­tur mit­hil­fe expan­si­ver Geld­po­li­tik anzu­re­gen, stößt die Euro­päi­sche Zen­tral­bank an ihre mone­tä­ren Gren­zen, wäh­rend die spar­po­li­ti­sche Aus­rich­tung der Kom­mis­si­on die­se Maß­nah­men ohne­hin kon­ter­ka­riert. Dabei nimmt die Gefahr zu, in eine Defla­ti­on zu schlit­tern. Wäh­rend der Spiel­raum für öffent­li­che Inves­ti­tio­nen, vor allem in den Län­dern die am stärks­ten von der Kri­se betrof­fen sind, durch eine fal­sche Wirt­schafts­po­li­tik ein­ge­schränkt wird, ist es sehr unwahr­schein­lich, dass Junckers im Früh­ling 2015 vor­ge­leg­ter Inves­ti­ti­ons­plan die not­wen­di­gen Inves­ti­tio­nen sti­mu­lie­ren kann. Es zeich­net sich bereits ab, dass durch die frei­ge­setz­ten Mit­tel kei­ne neu­en Inves­ti­tio­nen ange­regt wer­den kön­nen, son­dern, dass jene Inves­ti­tio­nen, wel­che unab­hän­gig von Jun­kers Inves­ti­ti­ons­plan so wie so getä­tigt wer­den, nun mit öffent­li­chen Mit­teln sub­ven­tio­niert wer­den. Wäh­rend die dadurch erziel­ten Gewin­ne in die Taschen der Inves­to­ren flie­ßen, wer­den Tei­le der Inves­ti­ti­ons­kos­ten sozia­li­siert. Es ist nicht zu erwar­ten, dass sich dadurch die Nach­fra­ge in dem Aus­maß erhö­hen lässt, dass es zu neu­en Wachs­tums­dy­na­mi­ken und sin­ken­der Arbeits­lo­sig­keit kommt. Fort­schrei­ten­de Diver­genz zwi­schen den ein­zel­nen Mit­glieds­län­dern, aber auch zwi­schen den Ein­kom­men der Men­schen in den Mit­glieds­staa­ten, wird den Druck auf das Euro­päi­sche Pro­jekt zuneh­mend erhöhen.

 

Poli­ti­sche Bruch­li­ni­en tre­ten immer kla­rer hervor

Par­al­lel zu den öko­no­mi­schen Kri­sen­er­schei­nun­gen wur­den die poli­ti­schen Bruch­stel­len der Euro­päi­schen Uni­on ver­stärkt dis­ku­tiert. Das Schei­tern im Umgang mit der Flücht­lings­si­tua­ti­on führt vor Augen, dass die aktu­el­le Uni­on nicht in der Lage ist die not­wen­di­ge Koor­di­nie­rung zur gemein­sa­men Ver­sor­gung und Ver­tei­lung der migrie­ren­den zustan­de zu brin­gen. Anstel­le koor­di­nier­ten Han­delns wird aus einer huma­ni­tä­ren Kri­se ein natio­na­lis­ti­sches „Schwar­zer Peter“ Spiel. Der dabei statt­fin­den­de Rück­griff auf natio­na­lis­ti­sche Denk- und Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter, wel­che Aus­druck im Auf­he­ben des Schen­gen-Abkom­mens fin­det, stellt erneut das Euro­päi­sche Pro­jekt in Frage.

Davon ver­mö­gen vor allem die erstar­ken­den rechts­po­pu­lis­ti­schen und rechts­ex­tre­men Par­tei­en und Bewe­gun­gen zu pro­fi­tie­ren. Im Anschluss an die Zuspit­zung der „Ver­hand­lun­gen“ mit der grie­chi­schen Regie­rung im letz­ten Jahr, wel­che sich in der Dro­hung eines Aus­schlus­ses Grie­chen­lan­des zuspitz­te, lie­fert Groß­bri­tan­ni­en nun den ers­ten tat­säch­li­chen Prä­ze­denz­fall für einen Aus­tritt aus der Euro­päi­schen Uni­on. Sowohl die poli­ti­schen als auch die öko­no­mi­schen Aus­wir­kun­gen im Kon­text der skiz­zier­ten Ent­wick­lun­gen und Situa­tio­nen inner­halb der EU las­sen sich nur schwer vor­weg­neh­men. Die poli­ti­sche Kri­se der Euro­päi­schen Uni­on lässt sich auf drei Dimen­sio­nen zurück­füh­ren: die poli­ti­sche Öko­no­mie, die Migra­ti­ons­kri­se und der Auf­stieg der rechts-natio­na­lis­ti­schen Par­tei­en – fasst Hans-Jür­gen Bie­ling von der Uni­ver­si­tät Tübin­gen die aktu­el­le Situa­ti­on zusam­men. Wäh­rend also die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on in der Bewäl­ti­gung der öko­no­mi­schen und huma­ni­tä­ren Kri­se ver­sagt und ihre Exis­tenz­le­gi­ti­mi­tät an rechts­po­pu­lis­ti­sche bis rechts­ex­tre­me Bewe­gun­gen ver­liert, ver­sucht Jun­ker einen Kon­sens für die EU durch eine ver­stärk­te „Sicher­heits­po­li­tik“ zu bewahren.

 

Gibt es lin­ke Handlungsspielräume?

Die zu dis­ku­tie­ren­de Fra­ge nach poli­ti­schen Hand­lungs­spiel­räu­men zwi­schen „Des­in­te­gra­ti­on und Erneue­rung der Euro­päi­schen Uni­on“ wur­de von Céd­ric Durand, von der Paris XIII Uni­ver­si­tät, beim Abschluss­ple­num auf­ge­grif­fen. Durand ana­ly­siert den Pro­zess der euro­päi­schen Inte­gra­ti­on aus regu­la­ti­ons­theo­re­ti­scher Per­spek­ti­ve, als Ver­schie­bung der domi­nan­ten struk­tu­rel­len For­men: vom Ein­kom­mens­ne­xus über das Wett­be­werbs­ver­hält­nis hin zu Geld und Finan­zen. Die­se Betrach­tungs­wei­se hilft zu ver­ste­hen, wie­so sich kei­ne Legis­la­ti­ve für einen sozia­len Aus­gleich der Gewin­ne mate­ria­li­sie­ren konn­te, die zuneh­mend erst durch Wett­be­werb und dann durch Finanz­ak­ti­vi­tä­ten erzielt wur­den. Denn Durand ana­ly­siert den Pro­zess der Euro­päi­schen Inte­gra­ti­on seit der Mit­te der 80er Jah­re als eine räum­li­che Rekon­fi­gu­ra­ti­on von Staat­lich­keit, wel­che trans­na­tio­na­le Finanz­in­ter­es­sen gegen­über Arbeits­in­ter­es­sen struk­tu­rell bevor­zug­te. Die Euro­päi­sche Inte­gra­ti­on und dabei vor allem der Euro, in Abwe­sen­heit einer sinn­vol­len euro­päi­schen Fis­kal­po­li­tik, erzeug­te nicht nur die struk­tu­rel­len öko­no­mi­schen Ungleich­ge­wich­te, son­dern führ­te auch zu einer Desyn­chro­ni­sie­rung von Klas­sen­in­ter­es­sen und somit von Klas­sen­kämp­fen. Die­se räum­li­che und zeit­li­che Ungleich­zei­tig­keit mache lin­ke Erfol­ge auf der kon­ti­nen­ta­len Ebe­ne zur­zeit unmög­lich. Auf Grund­la­ge die­ser Ana­ly­se plä­diert Durand schließ­lich für eine selek­ti­ve Des­in­te­gra­ti­on aus den geld­po­li­ti­schen Arran­ge­ments und Han­dels­ver­ein­ba­run­gen, wel­che durch das gleich­zei­ti­ge Enga­ge­ment der Stär­kung vor­han­de­ner sozi­al- und umwelt­po­li­ti­scher Koope­ra­tio­nen auf inter­na­tio­na­lem Level gestützt wird. Eine The­se, die sicher noch brei­ter zu dis­ku­tie­ren ist!

 

Aus­blick: Euro­me­mo 2017

Die (offi­zi­el­len) Ergeb­nis­se der Dis­kus­sio­nen wer­den Ende des Jah­res im EUROMEMORANDUM 2017 ver­öf­fent­licht und kön­nen dann auf der Home­page her­un­ter­ge­la­den wer­den. Des Wei­te­ren star­tet ab 2017 eine Dis­kus­si­ons­rei­he, bei der in kur­zen Papers Stel­lung zu aktu­el­len Ent­wick­lun­gen (unter ande­rem in Hin­blick auf den Bre­x­it oder Per­spek­ti­ven in den euro­päi­schen Peri­phe­rien) genom­men wird.

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