Archiv für November 2010


25 Jahre BEIGEWUM

29. November 2010 – 19:20 Uhr

In den ver­gan­ge­nen 25 Jah­ren haben sich die ökono­mi­schen, gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Zustände gra­vie­rend ver­än­dert – und mit ihnen auch das Selbst­ver­ständ­nis und die Auf­ga­ben des BEIGEWUM. Anläss­lich sei­nes 25-​​jährigen Geburts­ta­ges dis­ku­tier­ten Bri­gitte Unger (Depart­ment of Public Sec­tor Eco­no­mics, Utrecht Uni­ver­sity School of Eco­no­mics), Karin Fischer (Abtei­lung für Poli­tik– und Ent­wick­lungs­for­schung am Insti­tut für Sozio­lo­gie, Uni­ver­si­tät Linz), Jörg Fle­cker (FORBA – For­schungs– und Bera­tungs­stelle Arbeits­welt), Gun­dula Lud­wig (Zen­trum für Gen­der Stu­dies und femi­nis­ti­sche Zukunfts­for­schung der Uni­ver­si­tät Mar­burg) und Heinz Stei­nert (em. Insti­tut für Gesell­schafts– und Poli­tikana­lyse, Uni­ver­si­tät Frank­furt) gemein­sam mit Beat Weber (BEIGEWUM) diese Ver­än­de­run­gen unter der Frage: „Wel­ches Wis­sen gegen die Krise?“.

„Nie war der Krieg zwi­schen Mainstream-​​ÖkonomInnen und Kri­ti­schen Ökono­mIn­nen grö­ßer als jetzt“

In der Key Note Speak stellte Bri­gitte Unger über­blicksar­tig die Ände­run­gen seit den 1980er Jah­ren dar: vom stär­ker wer­den­den Neo­li­be­ra­lis­mus und dem „abhe­ben“ der Finanz­märkte bis zur heu­ti­gen Situa­tion, in der die ökono­mi­schen Varia­blen (wie Ein­kom­mens­ver­tei­lung, Arbeits­lo­sig­keit und Leis­tungs­bi­lan­zen) soweit aus­ein­an­der­klaf­fen wie nie zuvor. Im Bereich der Wis­sen­schaf­ten wei­sen zwar auch füh­rende Ökono­men, wie Krug­man oder Stiglitz, auf die star­ken Ungleich­hei­ten hin, den­noch ist der Kampf zwi­schen Mainstream-​​ÖkonomInnen und Kri­ti­schen Ökono­mIn­nen noch stär­ker als vor der Krise. Auf­gabe des BEIGEWUM muss es sein Fach­in­for­ma­tio­nen für die Öffent­lich­keit zu „über­set­zen“. Heute gilt es ins­be­son­dere finanz­tech­ni­sche Fra­gen zu „ent­zau­bern“ und in poli­ti­sche Fra­gen zu „übersetzen“.

„Die Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten des Kapi­ta­lis­mus rela­ti­vie­ren“
Heinz Stei­nert machte deut­lich, dass es unsere Auf­gabe ist und bleibt zu zei­gen, dass man „die Dinge“ auch ganz anders den­ken kann und dass es ein „ande­res Wis­sen“ als die Mainstream-​​Ökonomie gibt. Wäh­rend der Krise gab es eine kurze Zeit, in der sich Neo­li­be­rale – auch in der Öffent­lich­keit – bla­miert haben – in diese Lücken gilt es hin­ein­zu­sto­ßen. Aller­dings machte Stei­nert auch die zen­trale Bedeu­tung der Medien bei der schnel­len Wie­der­her­stel­lung der neo­li­be­ra­len Hege­mo­nie deut­lich. Kri­sen­zei­ten bie­ten meist keine Chan­cen, radi­kale For­de­run­gen umzu­set­zen, die Men­schen und Öffent­lich­keit wer­den eher kon­ser­va­tiv und wün­schen sich die Zustände aus Vor­kri­sen­zei­ten zurück. Auf­gabe des BEIGEWUM muss es sein, die Pro­bleme des Kapi­ta­lis­mus auf­zu­zei­gen und dabei alle mög­li­chen Mit­tel und For­men zu nut­zen. Ein wich­ti­ger Ansatz­punkt sind die Lebens­ver­hält­nisse der Men­schen, denn Gesell­schaft ändert sich, wenn die Leute anders leben.

„Auf die Uni­ver­si­tä­ten kann als Ort Kri­ti­scher Wis­sen­schaf­ten nicht ver­zich­tet wer­den“

Auch wenn Gun­dula Lud­wig dar­auf hin­wies, dass die Uni­ver­si­tä­ten nie „der“ linke Ort waren, hat sich ihre Situa­tion seit Mitte der 1990er Jahre deut­lich ver­schärft. Dies lässt sich in ver­schie­de­nen Dimen­sio­nen fest­stel­len: der Ökono­mi­sie­rung des Sozia­len (ver­stärkte Effi­zi­enz­ge­dan­ken, mehr For­schung statt Lehre), den Bedin­gun­gen des Arbei­tens (hoher Druck für alle Hoch­schul­mit­glie­der, nicht nur die Hoch­schu­len, auch die Sub­jekte soll­ten zum „Unter­neh­mer ihrer selbst“ wer­den), par­al­lel zur Ökono­mi­sie­rung der Uni­ver­si­tä­ten fin­det eine Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung statt. Dar­aus abge­lei­tet muss die Kri­tik zen­tral an der Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung und den Arbeits­ver­hält­nis­sen in Zusam­men­hang mit den Lebens­wei­sen anset­zen. Es sollte über Pra­xen der Ver­wei­ge­rung nach­ge­dacht wer­den und zudem eine kri­ti­sche Selbst­re­fle­xion statt­fin­den, denn auch für viele Wis­sen­schaft­le­rIn­nen ist das Kon­zept des/​der „Unter­neh­me­rIn seiner/​ihrer selbst“ ver­füh­re­risch. Wich­tig bleibt es, die ver­meint­li­chen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten auf­zu­bre­chen und immer wie­der auch „außer­halb des Kapi­ta­lis­mus“ zu den­ken. Der Ansatz, Infor­ma­tio­nen zu „über­set­zen“, ist zwar rich­tig, aber es braucht auch noch mehr „ande­res“ Wissen.

„Es ist eine Illu­sion zu glau­ben, dass die Spar­pa­kete so von der Gesell­schaft hin­ge­nom­men wer­den“
Jörg Fle­cker berich­tete über den Wan­del der Ziele der (außer­uni­ver­si­tä­ren) For­schung. So sind heute viel weni­ger Regie­run­gen oder die EU-​​Kommission direkte Adres­sa­ten von For­schungs­er­geb­nis­sen. Viel­mehr wird zu span­nen­den Fra­ge­stel­lun­gen gear­bei­tet und gehofft, dass unbe­kannte Nut­ze­rIn­nen die Ergeb­nisse auf­grei­fen und ver­wen­den kön­nen. Jedoch ermög­li­chen För­de­run­gen insb. im Bereich der EU immer wie­der die Schaf­fung von Frei­räu­men, in denen Wis­sen gegen den Main­stream gene­riert wer­den kann. Die aktu­ell geplante Strei­chung der Basis­för­de­rung für unab­hän­gige Insti­tute wird es aller­dings sehr schwer machen, nach­hal­tig kri­ti­sche Wis­sen­schaft zu betrei­ben. Die gegen­wär­tige Situa­tion hält Jörg Fle­cker für sehr irri­tie­rend: sah es anfangs kurz so aus, als seien die Mark­tra­di­ka­len schwer von der Krise getrof­fen wor­den, war bald klar, dass dras­ti­sche Spar­pa­kete kom­men wer­den. Dies trifft nun ein und einer­seits ent­steht das Gefühl, die­sen voll­kom­men macht­los gegen­über zu ste­hen, ander­seits glaubt Fle­cker nicht, dass die Gesell­schaft diese Ein­schnitte ohne wei­te­res hin­neh­men wird.

„Wir soll­ten uns nicht die klei­nen Schritte auf­zwin­gen las­sen“

Für einen glo­bal­his­to­risch erwei­ter­ten Blick auf die Krise plä­dierte Karin Fischer. Es ist not­wen­dig, in die Kri­sen­ana­ly­sen grö­ßere Zeit­räume als auch die Süd­per­spek­tive ein­zu­be­zie­hen. Auch in den Süd­län­dern ist die enorme Kri­sen­haf­tig­keit des Kapi­ta­lis­mus schon  seit den 80er Jah­ren zu spü­ren. Aller­dings gibt es auch Län­der, deren Ökono­mien gerade wach­sen kön­nen und sol­che, die mit anti­zy­kli­scher Poli­tik und Ban­ken­re­gu­lie­rung posi­tive Bei­spiele set­zen kön­nen. Jedoch müs­sen die Hoff­nung auf Latein­ame­rika und die der­zei­ti­gen Ver­schie­bun­gen von Zen­trum– Peri­phe­rieg­ren­zen, durch die Regio­nal­mächte auf­ge­wer­tet wer­den, auch immer kri­tisch reflek­tiert wer­den, da noch nicht klar ist, wie eman­zi­pa­to­risch diese Ver­än­de­run­gen sind. Von ent­schei­den­der Bedeu­tung wird es sein, wie wich­tig demo­kra­ti­sche Fra­gen in die­ser Ent­wick­lung sind.
Die Rück­er­obe­rung der Demo­kra­tie ist aber auch ein zen­tra­ler Ansatz­punkt für kri­ti­sche Men­schen in Europa. Gegen den bewuss­ten Aus­schluss von Ent­schei­dun­gen hel­fen Denk­kol­lek­tive, gegen­sei­ti­ger Aus­tausch über Publi­ka­ti­ons­or­gane und das gemein­same Arbei­ten an poli­ti­schen Perspektiven.

Der Abend endete mit Dank und Glück­wün­schen für 25 Jahre BEIGEWUM-​​Arbeit und der Ermun­te­rung, die kri­ti­sche Arbeit fortzusetzen.

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Krise: Zwischenstop in Irland

26. November 2010 – 12:56 Uhr

Der­zeit hält die Krise in Irland. Mit Sicher­heit wird es nicht die letzte Sta­tion sein.  EU und IWF schnü­ren an einem Hilfs­pa­ket von bis zu 100 Mil­li­ar­den Euro, um die Bewäl­ti­gung der hohen  Schul­den der iri­schen Ban­ken zu meistern.


Ähnlich wie Island war Irland lange Zeit ein neo­li­be­ra­ler Mus­ter­staat: Unternehmenssteuer-​​Dumping, hohe wirt­schaft­li­che Anpas­sungs­be­reit­schaft, Bud­get­über­schüsse, tol­les Wachs­tum. 2008 stellte sich her­aus, dass der Wohl­stand nicht Ergeb­nis einer erfolg­rei­chen wirt­schafts­po­li­ti­schen Linie, son­dern einer kre­dit­fi­nan­zier­ten Immo­bi­li­en­blase war, deren Plat­zen zu einem Schul­den­berg führte. Die­ser Schul­den­berg über­stieg anfangs die Kräfte der Ban­ken, die dar­auf­hin staat­lich unter­stützt bzw. ganz ver­staat­licht wur­den. Durch das Ein­tref­fen lau­fen­der Kor­rek­tu­ren der Ver­lust­schät­zun­gen der Ban­ken nach oben über­steigt er nun auch die Kräfte des Lan­des (das mit einer Garan­tie­er­klä­rung für sämt­li­che Ein­la­gen über das zwei­ein­halb­fa­che der jähr­li­chen Wirt­schafts­leis­tung schon 2008 eine gigan­ti­sche Ansage getrof­fen hatte). Wenn nach Irland auch Por­tu­gal, dann Spa­nien und viel­leicht Ita­lien die Kräfte aus­ge­hen, ist wohl auch die nächst­hö­here Sicherheitsnetz-​​Ebene, EU und IWF, in der Bre­douille. Das Schulden-​​Weiterreichen und damit Zeit kau­fen ist dann zu Ende, und die Stunde der For­de­rungs­ver­zichte schlägt. Die ers­ten Ver­zichte hat ein gerin­ger Teil der unbe­si­cher­ten Anlei­he­hal­ter der Anglo Irish Bank (und zwar Spe­zia­lis­ten­fonds, die diese For­de­run­gen mit Abschlä­gen von aus­län­di­schen Ban­ken erwor­ben hat­ten, in der Hoff­nung, dass sie bei den Ver­hand­lun­gen mit Anglo Irish ein biss­chen mehr raus­krie­gen als sie bezahlt haben) letzte Woche bereits hin­ge­nom­men, wei­tere wer­den wohl fol­gen müssen.


In einem offe­nen Brief in der Finan­cial Times hat der iri­sche Finanz­mi­nis­ter ange­kün­digt, trotz immen­sen Bud­get­drucks kei­nes­falls an den nied­ri­gen Unter­neh­mens­steu­er­sät­zen in Irland rüt­teln zu wol­len. Irland müsse wach­sen, um die Schul­den­last abzu­tra­gen. Er zitiert eine OECD Stu­die, wonach eine Erhö­hung der Unter­neh­men­steu­ern mit größ­ter Wahr­schein­lich­keit das Wachs­tum behin­dere. Irlands Regie­rung scheint den neo­li­be­ra­len Rat­schlä­gen also unge­bro­chen zu fol­gen. Mul­ti­na­tio­nale Kon­zerne dro­hen Irland in der Tat mit Abwan­de­rung im Fall einer Steu­er­er­hö­hung. Dass bei einer auch nur gering­fü­gi­gen Anhe­bung der Steu­ern sofor­ti­ger Massen-​​Exodus statt­fin­det ist jedoch nicht zu erwar­ten, schließ­lich hat Irland auch andere „Stand­ort­vor­teile“ (Lage, Aus­bil­dungs­ni­veau, Spra­che etc.). Mit dem klas­sisch keyne­sia­ni­schen Argu­ment, eine ein­sei­tige Auf­bür­dung der Anpas­sungs­las­ten auf die Schul­tern der Lohn­ab­hän­gi­gen würde die Mas­sen­kauf­kraft in Irland und somit auch den Unter­neh­men scha­den, wer­den die Kon­zerne jedoch nicht zu beein­dru­cken sein: Irland hat Züge einer ver­län­ger­ten Werk­bank, wo Mul­tis für den Export statt für den Bin­nen­kon­sum pro­du­zie­ren. Schät­zun­gen, wonach das Brut­to­so­zi­al­pro­dukt (Ein­künfte der Staats­an­ge­hö­ri­gen) um rund ein Fünf­tel unter dem Brut­to­in­lands­pro­dukt (Ein­künfte der Orts­an­säs­si­gen) liege, sind ein Indiz, dass mas­sive Zuflüsse von Aus­lands­ka­pi­tal rein der Ver­lo­ckung nied­ri­ger Steu­ern zu ver­dan­ken sind. Diese Gel­der wer­den in Irland ver­steu­ert, in wei­te­rer Folge aber über ver­zerrte Trans­fer­preise inner­halb mul­ti­na­tio­na­ler Unter­neh­men wie­der ins Aus­land trans­fe­riert. In die­sem Modell abhän­gi­gen Wachs­tums bleibt Irland durch die wirt­schafts­po­li­ti­sche Wei­chen­stel­lung der Regie­rung gefan­gen. Aus der dar­über geleg­ten Finan­zia­li­sie­rung, die eine Zeit­lang die Illu­sion von Wohl­stand über das Land brachte, ist für abseh­bare Zeit die Luft raus – außer von irgend­wo­her kom­men mas­sive Zuströme von wohl­ha­ben­den Men­schen, die iri­sche Häu­ser kau­fen, und den Immo­bi­li­en­boom wie­der in Gang brin­gen. Die poli­ti­schen Eli­ten, die in kor­rup­ter Weise mit dem Finanz­boom ver­knüpft waren, sind dele­gi­ti­miert. Ob es zu einem sys­tem­in­ter­nen Umsturz wie in Island kom­men wird, wird sich bei den Wah­len spä­tes­tens im Früh­jahr zeigen.


Irland und die Län­der der Süd­pe­ri­phe­rie (Por­tu­gal, Ita­lien, Spa­nien), die im Fokus der aktu­el­len Finanz­be­sorg­nis ste­hen haben eine auf­fäl­lige Gemein­sam­keit: Sie bil­den die Gruppe mit der höchs­ten Ein­kom­mens­un­gleich­heit inner­halb des Euro­raums (und gemein­sam mit ande­ren Haupt-​​Krisenbetroffenen Lett­land und UK auch inner­halb der EU) (Gini Koef­fi­zi­ent lt. UN Defi­ni­tion, Werte von 2008). Die viel beschwo­re­nen Ungleich­ge­wichte zwi­schen Zen­trum und Peri­phe­rie in Han­del und Finan­zie­rung wer­den ergänzt durch interne Ungleich­hei­ten in den Peripherie-​​Ländern. Der neo­li­be­rale Glaube, Ungleich­heit sei eine not­wen­dige Begleit­er­schei­nung von ökono­mi­scher Pros­pe­ri­tät wird dadurch ein­mal mehr in Frage gestellt. Eine wirt­schafts­po­li­ti­sche Kurs­kor­rek­tur steht nicht an. Ihre Eig­nung als kurz­fris­tige Kri­sen­hilfe in der jet­zi­gen ver­fah­re­nen Situa­tion wäre auch unge­wiss. Über­haupt ist die Fan­ta­sie betref­fend kurz­fris­tige Lösun­gen der­zeit aller­orts ziem­lich verpufft.


Es ist jeden­falls schwer vor­stell­bar, wie es ohne eine Schul­den­re­struk­tu­rie­rung, also teil­wei­sen Forderungsverzicht, für sämt­li­che in Dis­kus­sion ste­hende Staa­ten der Euro-​​Peripherie (Grie­chen­land, Irland, Spa­nien, Por­tu­gal, Ita­lien) wei­ter­ge­hen kann. Ein­zel­fall­lö­sun­gen hal­ten nicht, denn die Restruk­tu­rie­rung in Ein­zel­fäl­len erhöht sofort den Druck auf ver­gleich­bare Fälle (Anstieg der Finan­zie­rungs­kos­ten für Staa­ten bzw. Ban­ken aus die­sen Län­dern). Die ande­ren Staa­ten zögern mit die­ser Lösung, denn die Schul­den­re­duk­tio­nen tref­fen die For­de­run­gen der eige­nen Ban­ken und Fonds: In Deutsch­land, Frank­reich, Groß­bri­tan­nien etc wür­den mas­sive Ver­luste aus For­de­run­gen an Irland und Co. wei­tere staat­li­che Ban­ken­hilfs­pa­kete auf die Tages­ord­nung set­zen. Die Furcht vor Domi­no­ef­fek­ten und anschlie­ßen­dem Chaos ist groß.


Der neo­li­be­rale Weg aus der Sta­gna­tion ist geschei­tert und hat die gesamte nörd­li­che Hemi­sphäre in eine ver­fah­rene Situa­tion manö­vriert, in der guter Rat teuer ist.

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3.12.: Diskussion „Interregnum & Krisenpolitik“

24. November 2010 – 20:02 Uhr

3.12. Podi­ums­dis­kus­sion:


INTERREGNUM – Große Kri­sen, umkämpfte Kri­sen­aus­gänge und

Kri­sen­po­li­ti­ken im his­to­ri­schen Vergleich

Interregnum_​Plakat


Beginn: 18.15 Uhr


Ort: NIG, Hör­saal 3 (Uni­ver­si­täts­straße 7, 1010 Wien)


mit


*Mario Candeias

(Refe­rent für Kapi­ta­lis­mus­kri­tik der Rosa-​​Luxemburg-​​Stiftung, Berlin)


*Frank Deppe

(em. Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaft, Marburg)


*Jörg Nowak

(Poli­tik­wis­sen­schaf­ter, Berlin)


*Susan Zim­mer­mann

(His­to­ri­ke­rin, Cen­tral Euro­pean Uni­ver­sity, Budapest)


*Eli­sa­beth Steinklammer

(Mode­ra­tion)


Inkl. Aus­schnitte aus dem Film „Der Gewinn der Krise“ von Jörg Nowak


Mit welcher/​n Krise/​n haben wir es heute über­haupt zu tun? Gibt es historische

Par­al­le­len im 20. Jahr­hun­dert zur aktu­el­len Kri­sen­kon­stel­la­tion? Welche

Gesell­schafts­teile sind in wel­chem Aus­maß von der Krise betrof­fen? Und:

Wie las­sen sich die gegen­wär­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen über die  „(Nicht)Wege

aus der Krise“ ein­schät­zen?  Diese und andere Fra­gen wer­den im Rah­men der

Ver­an­stal­tung „Inter­re­gnum – Große Kri­sen, umkämpfte Kri­sen­aus­gänge und

Kri­sen­po­li­ti­ken im his­to­ri­schen Ver­gleich“ auf­ge­grif­fen. Dabei geht es nicht nur

um eine kri­ti­sche Bestands­auf­nahme bis­he­ri­ger Kri­sen­ana­ly­sen, son­dern auch um

alter­na­tive Hand­lungs­per­spek­ti­ven. Zur Ver­tie­fung der in der Dis­kus­sion aufge–

worfe­nen Punkte fin­det am 9. Dezem­ber 2010 ein Work­shop mit dem Sozial–

wis­sen­schaf­ter und Polit­öko­no­men Bernd Rött­ger (Braun­schweig) statt.



Eine Koope­ra­ti­ons­ver­an­stal­tung

der Grü­nen Bil­dungs­werk­statt Wien

mit der Stu­di­en­ver­tre­tung Politikwissenschaft,

juri­di­kum (zeit­schrift für kritik|recht|gesellschaft)

und dem BEIGEWUM.

Kurt W. Rothschild 1914-2010

24. November 2010 – 12:05 Uhr

Kurt W. Roth­schild ist am 15. Novem­ber 2010 von uns gegan­gen. Mit Roth­schild ver­lie­ren wir nicht nur den bedeu­tends­ten öster­rei­chi­schen Ökono­men, son­dern mit ihm ver­lie­ren wir auch eine Per­sön­lich­keit, deren Vor­bild­wir­kung kaum hoch genug ein­ge­schätzt wer­den kann. Der Lebens­weg von Kurt Roth­schild und sei­ner Frau Vally, wel­che gemein­sam über knapp 75 Jahre (!) eine äußerst lie­bens­wür­dige und wür­de­volle Bezie­hung pfleg­ten, war alles andere als mühe­los. Auf­ge­wach­sen in klein­bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­sen im Roten Wien der 30er Jahre erlebte Roth­schild äußerst authen­tisch die fata­len ökono­mi­schen und sozia­len Kon­se­quen­zen der 1. Welt­wirt­schafts­krise 1929/​30. Zwei­fels­ohne waren diese Zei­ten prä­gend für Roth­schilds gesam­tes zukünf­ti­ges For­schungs­re­per­toire: Fra­gen der Arbeits­lo­sig­keit, des Außen­han­dels sowie Fra­gen der Ein­kom­mens­ver­tei­lung und der Macht in der Ökono­mie spiel­ten immer die zen­trale Rolle in Roth­schilds Werk. Die Grund­phi­lo­so­phie Roth­schilds über die Rolle der Ökono­mie als Wis­sen­schaft hat sich sicher­lich bereits in die­ser poli­tisch äußerst tra­gi­schen Zeit gebil­det. Roth­schild schreibt über sei­nen Grund­an­spruch an die Wis­sen­schaft 1966 in der Ein­lei­tung zu sei­nem Buch „Markt­form, Lohn und Außen­han­del“ folgendes:


Der grund­le­gende Stand­punkt „… besteht letz­ten Endes darin, dass der Natio­nal­öko­nom sich stets bewusst sein soll, daß die Theo­rie nie Selbst­zweck wer­den darf. Sie sollte stets der gründ­li­chen Durch­leuch­tung unse­rer Umwelt die­nen, damit diese bes­ser und men­schen­wür­di­ger gestal­tet wer­den kann.“


Die­sem anspruchs­vol­len Grund­satz folgte Roth­schild in all sei­nen Arbeiten!


1938 muss­ten er und seine Frau als jüdi­sche Bür­ge­rIn­nen gemein­sam von Öster­reich in die Schweiz flüch­ten und dann wei­ter nach Glas­gow (Schott­land) emi­grie­ren. Dort war Roth­schild bis 1947 tätig und machte in die­ser Zeit auch engste Bekannt­schaft mit der jun­gen keyne­sia­ni­schen Diskussion.

1942, im Alter von 28 Jah­ren (!), schickte er einen Arti­kel an das Eco­no­mic Jour­nal, das dama­lige „Core Jour­nal“ der Ökono­mie, des­sen Her­aus­ge­ber kein Gerin­ge­rer als John May­nard Keynes (JMK) selbst gewe­sen ist. Dazu Roth­schild im O-​​Ton: „Mei­nen ers­ten theo­re­ti­schen Auf­satz, den ich gemacht habe an der Uni, habe ich im jugend­li­chen Über­mut gleich an die füh­rende Zeit­schrift geschickt, an das Eco­no­mic Jour­nal. Er (JMK, W.A.) war der Her­aus­ge­ber. Nach ein paar Tagen habe ich einen Brief bekom­men, wo er schrieb, das gefällt mir, das werde ich bringen.“


Als Roth­schild 1947 wie­der zurück nach Öster­reich kam, wurde er nicht gerade mit offe­nen Armen emp­fan­gen. Seit 1947 arbei­tete Roth­schild am Öster­rei­chi­schen Insti­tut für Wirt­schafts­for­schung (WIFO) und erst 1966 bekam Roth­schild den längst über­fäl­li­gen Lehr­stuhl an der neu gegrün­de­ten Uni­ver­si­tät Linz, wo er bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung 1984 arbei­tete und dabei auch die Posi­tion des Rek­tors inne hatte. Seit damals lebte Roth­schild mit sei­ner Frau in Wien, in jener beschei­de­nen Woh­nung, wel­che das Ehe­paar bereits 1947 – in einem Tausch­ge­schäft in Schott­land (!) – erstan­den hatte.


Roth­schild unter­stützte die Arbei­ten des BEIGEWUM von Beginn an, sowohl mora­lisch als auch in Form von zahl­rei­chen Vor­trä­gen und Buch­bei­trä­gen. Roth­schild hielt bereits 1989, bei der ers­ten gro­ßen Kon­fe­renz des BEIGEWUM („Steue­rungs­pro­bleme der Wirt­schafts­po­li­tik – Auf dem Weg in eine andere Moderne“, BEIGEWUM 1989) das Haupt­re­fe­rat und unter­stützte den Ver­ein bis zuletzt. Nur die letzte Ein­la­dung für den 9.Juni 2010 musste er aus gesund­heit­li­chen Grün­den ausschlagen.


Das, was Roth­schild so außer­or­dent­lich macht, ist seine wis­sen­schaft­li­che Offen­heit, ver­bun­den mit einer stets kon­struk­ti­ven Dis­kus­sion zu den unter­schied­lichs­ten Theo­rien, Metho­den und The­men. Er ist kaum jemals einer neuen Idee abge­neigt. Aber er dis­ku­tiert diese stets mit unnach­gie­bi­ger Strenge, ver­bun­den mit kon­struk­ti­ven Anmerkungen.


Auch wenn uns der geniale Dis­kus­si­ons­part­ner Kurt Roth­schild abhan­den gekom­men ist, so hin­ter­lässt er uns einen Schatz an Lite­ra­tur, wel­chen es zu stu­die­ren und zu nut­zen gilt. Aber ich würde mir auch wün­schen, dass sich über die ökono­mi­sche Wis­sen­schaft hin­aus mög­lichst viele Men­schen der Rothschild’schen Grund­prin­zi­pien anneh­men wür­den: Offen­heit, Tole­ranz, Güte und Freund­lich­keit – nahezu die gesam­ten huma­nis­ti­schen Grund­werte. Es gibt sel­ten eine Per­son, bei wel­cher Werk und Leben so eins waren – das ist das Bewun­derns­wer­teste bei Rothschild!


Roth­schild war uns stets eine große Hilfe und er wird uns feh­len. Sein groß­ar­ti­ges Werk wird jedoch für immer bei uns sein. Und es wird uns noch oft hel­fen für eine gerech­tere und sozia­lere Welt einzutreten.


In tie­fer Trauer und Anteilnahme!


Ein lan­ges Inter­view mit Kurt W. Roth­schild ist nach­zu­le­sen in Kurs­wech­sel 4/​2006: „Die Gefahr der Gewöhnung“

Sein aus­ge­zeich­ne­tes (und wit­zi­ges!) Kurz-​​Interview mit Renate Gra­ber im Stan­dard (vom 24.10.2009) ist ein „Muss“ für Jede/n!“Da hab ich mir gedacht: Habt’s mich gern“ – Kurt Roth­schild im „Anders gefragt“-Interview


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