Archiv für November 2011


Österreich ist ein Einwanderungs-, kein Gastarbeiterland. Zum ambivalenten Verhältnis von so genannten InländerInnen und so genannten AusländerInnen

30. November 2011 – 17:23 Uhr

Öster­reich ist ein Ein­wan­de­rungs­land! Daher sollte von Zuwan­de­rIn­nen, nicht von Gast­ar­bei­te­rIn­nen gespro­chen wer­den. Den­noch wird an der Fik­tion des „Gast­ar­bei­ters“ – im Neu­sprech umschrie­ben mit „cir­cu­lar migra­tion“ – fest­ge­hal­ten. Die seit län­ge­rem beste­hen­den, gegen­wär­tig wie­der stär­ker the­ma­ti­sier­ten Pro­bleme mit der Inte­gra­tion von Migran­tIn­nen in Öster­reich hän­gen nicht zuletzt mit die­sem „Miss­ver­ständ­nis“, das ein wech­sel­sei­ti­ges war und ist, zusam­men; die­ses nahm ihren Anfang mit den Anwerbe-​​kampagnen Ende der 1960er Jahre. Ein durch das Aus­län­der­be­schäf­ti­gungs­ge­setz unnö­tig lange auf­recht erhal­te­ner, pre­kä­rer Arbeits­markt­sta­tuts von Immi­gran­tIn­nen auf der einen Seite und Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten auf der ande­ren sind die Folge. Hinzu kom­men viel­fäl­tige For­men der Dis­kri­mi­nie­rung von Migran­tIn­nen, die ihre Trieb­fe­der nicht sel­ten aus ras­sis­ti­schen Impul­sen bezie­hen und eine poli­tisch weit­hin igno­rierte Rea­li­tät dar­stel­len.
Das natür­li­che Bevöl­ke­rungs­wachs­tum ist in Öster­reich mit Mitte der 1990er Jahre zum Still­stand gekom­men. Seit­dem wächst die Wohn­be­völ­ke­rung im Lande nur mehr, weil mehr Men­schen zuwan­dern (2010 waren das ca. 114.400 Per­so­nen) als abwan­dern (ca. 86.700 Per­so­nen), die Net­to­mi­gra­tion belief sich daher auf +27.700 im Jahr 2010. Große Zuwan­de­rungs­wel­len gab es im Zeit­raum 1989–1993 und (sic!) unter der Schwarz-​​Blauen-​​Regierung 2001–2005. Der Anstieg der Wohn­be­völ­ke­rung seit 1960 von ca. 7 Mio. auf 8,4 Mio. ist zu 2/​3 auf Zuwan­de­rung, zu 1/​3 auf den Über­hang von Gebur­ten gegen­über Ster­be­fäl­len zurück­zu­füh­ren. 2010 leb­ten ca. 895.000 Per­so­nen mit nicht-​​österreichischer Staats­bür­ger­schaft in Öster­reich („Aus­län­der“), ca. 1,5 Mio. Per­so­nen, das sind 18,6% der Gesamt­be­völ­ke­rung, mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, d. h. beide Eltern­teile wur­den im Aus­land gebo­ren. 642.000 Per­so­nen die­ser Gruppe leb­ten in Wien, das ent­spricht 41,6% von allen. Dem­ent­spre­chend liegt der Anteil der Per­so­nen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund in der Bun­des­haupt­stadt auch bei 38,2% – Zuwan­de­rung und Inte­gra­tion sind also pri­mär ein Wie­ner Pro­blem!
Aus Sicht der so genann­ten Aus­län­de­rIn­nen
Wie ein aktu­el­ler Bericht der OECD „The Labour Mar­ket Inte­gra­tion of Immi­grants and their Children“(Krause, K. und Lie­big, Th., siehe http://dx.doi.org/10.1787/5kg264fz6p8w-en) im Detail dar­legt, sind Migran­tIn­nen, ins­be­son­dere aus so genann­ten „lower income coun­tries“, d. h. hier­zu­lande pri­mär aus Ex-​​Jugoslawien und der Tür­kei stam­mend, am öster­rei­chi­schen Arbeits­markt auf viel­fäl­tige Art und Weise benach­tei­ligt. Das wird im beson­de­ren Maße an den „labour mar­ket out­co­mes“ ersicht­lich: So lag etwa die Beschäf­ti­gungs­quote von tür­ki­schen Frauen bei 40% (2010), die Quote der im Inland gebo­ren Frauen dage­gen bei 68%; bei der Arbeits­lo­sen­quote der­sel­ben Per­so­nen­grup­pen lag die Rela­tion bei ca. 4% zu 12%. Bei im Land gebo­re­nen Kin­dern von Zuwan­de­rern ist die Wahr­schein­lich­keit, dass sie sich am Rande des Arbeits­mark­tes befin­den (defi­niert als „Not in Edu­ca­tion, Employ­ment or Trai­ning, NEET“, gering Qua­li­fi­zierte, 20–29 Jäh­rige) mit 12% vier­mal höher als bei Kin­dern von im Land gebo­re­nen Eltern. Beson­dere Pro­bleme haben Men­schen mit im Aus­land erwor­be­nen for­ma­len Qua­li­fi­ka­tio­nen („der ira­ni­sche Diplom­in­ge­nieur als Taxi­fah­rer“): So haben hoch-​​qualifizierte Per­so­nen eine um 50% nied­ri­gere Wahr­schein­lich­keit, in einem aus­bil­dungs­ad­äqua­ten Job zu arbei­ten als „nativ-born“-Personen, wenn sie aus ärme­ren Län­dern kom­men und ihre Aus­bil­dun­gen nicht aner­ken­nen lie­ßen. Oder anders for­mu­liert: Hoch­schul­ab­sol­ven­ten aus Rumä­nien sind in Öster­reich bei­spiels­weise zu 82,2% in Tätig­kei­ten zu fin­den, für die sie über­qua­li­fi­ziert sind – im Ver­gleich dazu ist dies bei Öster­rei­che­rIn­nen nur in 33,4% der Fall (siehe IHS/​WIFO 2008, Die ökono­mi­schen Wir­kun­gen der Immi­gra­tion in Öster­reich 1989–2007, http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?fid=23923&id=34980&ty peid=8& diplay_mode=2). Neben dem Feh­len eines Gesamt­kon­zep­tes zur Inte­gra­tion von Migran­tIn­nen wei­sen die OECD-​​AutorInnen auch dar­auf hin, dass Dis­kri­mi­ne­rung offen­sicht­lich ein rea­les Pro­blem für viele Zuwan­de­rIn­nen in Öster­reich ist, zu dem aber bis­her wenig kon­krete For­schungs­er­geb­nisse vor­lie­gen (etwa so genannte „cor­re­spon­dence tes­ting stu­dies“, die in ande­ren Län­dern zei­gen, dass Per­so­nen mit „aus­län­disch klin­gen­den“ Namen wesent­lich sel­te­ner zu Vor­stel­lungs­ge­sprä­chen ein­ge­la­den wer­den, obwohl ihre Lebens­läufe mit der inlän­di­schen Ver­gleichs­gruppe nahezu ident sind) und das öffent­li­che Pro­blem­be­wusst­sein auch weit­ge­hend fehlt.
Zu die­ser fak­ti­schen Schlech­ter­stel­lung von Migran­tIn­nen am Arbeits­markt kommt natür­lich in man­chen Fäl­len eine Art von Inte­gra­ti­ons­ver­wei­ge­rung hinzu, die sich etwa in man­geln­den Deutsch­kennt­nis­sen auch nach Jahr­zehn­ten des Auf­ent­hal­tes in Öster­reich mani­fes­tiert. Eine Men­tal­re­ser­va­tion, die genährt wird von der, mit den Jah­ren ver­blas­sen­den Hoff­nung auf Rück­kehr ins ver­meint­li­che Hei­mat­land und die den Betrof­fe­nen teuer zu ste­hen kommt: Sie sind weder hier noch dort zu Hause!
Aus Sicht der so genann­ten Inlän­de­rIn­nen
Ver­ein­facht for­mu­liert, erschwe­ren das Multi-​​Kulti-​​Getue der Grü­nen, die poli­ti­sche Kor­rekt­heit der Lin­ken und die Hetze der FPÖ bis dato die offe­nen Dis­kus­sion von nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen der Zuwan­de­rung – ins­be­son­dere auf Nied­rig­qua­li­fi­zierte. Die ökono­mi­sche Zunft, in der Mainstream-​​Variante im Beson­de­ren, ist ja gerade dabei, die letzte Repu­ta­tion zu ver­lie­ren, aber, wenn etwas klar ist, dann: Zusätz­li­ches (Arbeits-)Angebot drückt, sonst alles gleich, den (Lohn)Preis. Nur im unrea­lis­ti­schen Fall, dass Zuwan­de­rung aus­schließ­lich kom­ple­men­tär wirkt, gibt es nur posi­tive Effekte. Daher sind die Gewerk­schaf­ten auch gegen­über Zuwan­de­rung tra­di­tio­nell skep­tisch (aber lei­der nicht nur des­halb …). Immi­gra­tion erhöht, vor allem wenn in kur­zer Zeit mehr als 2–3% der Beschäf­tig­ten am Arbeits­markt zusätz­lich auf­tre­ten (wie 1990–1991), die Arbeits­lo­sig­keit derer, die sich zusätz­li­cher Kon­kur­renz gegen­über­se­hen: Dies gilt für Niedrig-​​, aber auch für Hoch­qua­li­fi­zierte, für letz­tere sind nur die Aus­wir­kun­gen in sozi­al­po­li­ti­scher Hin­sicht weni­ger pro­ble­ma­tisch. Lt. der oben bereits zitier­ten IHS/​WIFO-​​Unterschung von 2008 erhöht zwar ein zusätz­li­ches aus­län­di­sches Arbeits­an­ge­bot von 1% (ca. 30.000 Per­so­nen) BIP und Beschäf­ti­gung ein­deu­tig, aber auch die Arbeits­lo­sig­keit erhöht sich, die Löhne wer­den ten­den­zi­ell gesenkt (stei­gen weni­ger) und auch das BIP pro Kopf sinkt. Wich­tig ist in die­sem Zusam­men­hang, dass das Dur­schnitts­werte sind: in ein­zel­nen Sek­to­ren und ein­zel­nen Regio­nen fal­len die Effekte für ein­zelne Grup­pen weit höher aus! Dies gilt im übri­gen auch für die aktu­elle Arbeits­markt­öff­nung 2011, mit der ca. 20.000 Per­so­nen bis­her zusätz­lich am öster­rei­chi­schen Arbeits­markt aus den EU8-​​Staaten auf­ge­tre­ten sind. Es kann also, ohne allzu spe­ku­la­tiv zu sein zu wol­len, davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Ver­luste in den rea­len Ein­kom­men der untern 3 Dezile seit Anfang der 1990er Jahre auch (!) auf die Zuwan­de­rungs­wel­len in die­sem Zeit­raum zurück­ge­führt wer­den kön­nen. Wenn aber diese nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen der Zuwan­de­rung auf ein­zelne Grup­pen von der Poli­tik nicht wahr­ge­nom­men wer­den – dann, ja dann, haben die Rat­ten­fän­ger vom Schlage eines Her­ren Stra­che oder Sar­ra­zin ver­mehrt Zulauf!
Wenn wir nicht heute die Pro­bleme bei der Inte­gra­tion von Migran­tIn­nen ernst­haft in Angriff neh­men, dann wer­den sich uns in Zukunft mehr noch als gegen­wär­tig auf den Kopf fal­len: Die Erwerbs­be­völ­ke­rung 15–64 Jahre wird ohne Migra­tion bis 2050 aller Vor­aus­sicht nach um 1,4 Mio. Per­so­nen zusätz­lich schrump­fen. Wenn auch kein Grund zu pani­schem Alar­mis­mus auf Grund der Tat­sa­che einer altern­den Bevöl­ke­rung besteht (wir wer­den aller Vor­raus­sicht rei­cher wer­den bis 2050, die Beschäf­ti­gungs­quo­ten kön­nen erhöht wer­den, etc.), so ist doch klar: Der Anteil an Per­so­nen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund wird jeden­falls noch anstei­gen in den nächs­ten Jahr­zehn­ten!
Con­clu­sio: Es ist die­ses Unent­schie­dene in die­sem Lande – da holen wir, im inter­na­tio­na­len Ver­gleich rela­tive viele Migran­tIn­nen ins Land, nen­nen sie „Gast­ar­bei­te­rIn­nen, hal­ten sie in pre­kä­ren Arbeits­markt– und Lebens­ver­hält­nis­sen, wol­len sie nicht inte­grie­ren – und wun­dern uns dann, wenn die Betrof­fe­nen auch nicht wol­len! Warum kön­nen wir nicht ehr­li­cher sein: Wir las­sen nur so viele Ein­wan­de­rIn­nen zu, wie wir poli­tisch auch ver­kraf­ten kön­nen, behan­deln diese jedoch dann auch anstän­dig und ermög­li­chen ihnen die Integration!

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Imagine Economy: „Schuldenbremse“ – Vorschau aufs neue BEIGEWUM-Buch

21. November 2011 – 17:20 Uhr

Im Früh­jahr 2012 erscheint das neue BEIGEWUM-​​Buch „Ima­gine Eco­nomy. Neo­li­be­rale Meta­phern in der Wirt­schafts­po­li­tik“, das sich mit der Rolle von Meta­phern im wirt­schafts­po­li­ti­schen Dis­kurs und ihren Ein­fluss auf das Den­ken und Han­deln aus­ein­an­der­setzt. Aus aktu­el­lem Anlass machen wir hier (PDF) einen Bei­trag zum Thema „Schul­den­bremse“ aus die­sem Buch vorab verfügbar.


Mehr über den Band, der im Rah­men der Reihe Arts, Cul­ture and Edu­ca­tion im Löcker Ver­lag erschei­nen wird, gibt es in den abschlie­ßen­den Bemer­kun­gen die­ses Arti­kels: (link)

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Vermögensungleichheit USA 2007-2009

21. November 2011 – 16:57 Uhr

Von der Fed wurde eine außer­tour­li­che Erhe­bung zu pri­va­tem Ver­mö­gen in den USA in der Krise durch­ge­führt. Ziel­set­zung war es, fest­zu­stel­len, wie sich die Ver­mö­gens­po­si­tio­nen der pri­va­ten Haus­halte in den USA im Zuge der Finanz­krise ver­än­dert haben. Der Sur­vey of Con­su­mer Finan­ces (SCF) wird ansons­ten regel­mä­ßig alle drei Jahre seit 1983 erho­ben. Die Fed ver­glich nun die Ver­mö­gens­si­tua­tion der US-​​Bevölkerung im Kri­sen­jahr 2009 mit jener im Vor­kri­sen­jahr 2007. Es wur­den die­sel­ben Haus­halte befragt (Paneldaten).


 Wich­tige Ergebnisse  

 1.     Enorme Sta­bi­li­tät in der Ver­mö­gens­un­gleich­heit in den USA seit den 1980er Jah­ren. Der Anteil des obers­ten 1 % bleibt bei einem Drit­tel des gesam­ten Ver­mö­gens aller Haus­halte (33,3%). Und dies obwohl die Ver­mö­gens­ver­luste durch die Krise auf die Reichs­ten kon­zen­triert waren; d.h. abso­lut ver­lo­ren die Rei­chen zwar beträcht­lich (99. Per­zen­til­wert: 9 Mio. USD 2007 Rück­gang auf 7 Mio. USD 2009); rela­tiv betrach­tet ver­än­dert sich in der Krise für die Rei­chen nichts (2007: 33,3%).

 

2.     Fast die gesam­ten Anlei­hen wer­den von den reichs­ten 10% in den USA gehal­ten; und fast 2/​3 hat das reichste 1 %. Auch Unter­neh­mens­ver­mö­gen ist enorm kon­zen­triert: über die Hälfte wird vom obers­ten 1% gehalten.

 

3.     Der Anteil der unte­ren Hälfte der pri­va­ten Haus­halte (0–50%) am gesam­ten Ver­mö­gen aller Haus­halte sank von 2,5% auf 1,5%. Hat­ten die unte­ren 50% schon vor der Krise – rela­tiv gese­hen – fast nichts an Ver­mö­gens­wer­ten, so sank die­ser Wert in der Krise signifikant.





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16./17.12.11 in Graz: Wirtschaftskrise Diskussion

21. November 2011 – 15:41 Uhr

16./17.12. 2011: „Wirt­schafts­krise: Die nächste Etappe…And then what?“ Im Forum Stadt­park, Graz. Vor­trag, Dis­kus­sion und Work­shop mit Joa­chim Becker (Kurs­wech­sel Redaktion)

24.11.11: BEIGEWUM in Berlin

21. November 2011 – 15:39 Uhr

Do, 24.11.2011 um 19h Dis­kus­sion zur Euro­krise mit Kle­mens Him­pele und Beat Weber (BEIGEWUM) und Flo Becker (Gruppe soziale Kämpfe), mode­riert von Chris­tina Kaindl (Luxem­burg Stif­tung) in der All­mende, Kott­bus­ser­damm 25–26, 10967 Berlin

Ver­mö­gen­steu­ern: Ja! Aber wie und welche?

21. November 2011 – 14:49 Uhr

Recht­zei­tig zur aktu­el­len Debatte um den Bei­trag von Ver­mö­gen­steu­ern in der Bud­get­kon­so­li­die­rung: Ein Vorab-​​Einblick in das Debat­ten­fo­rum des dem­nächst erschei­nen­den Kurs­wech­sel Heft 4/​2012 (Haupt­thema „Care Ökono­mie“), mit Bei­trä­gen von Mar­git Schrat­zen­stal­ler und Chris­toph Berka/​Josef Tho­man über die Mach­bar­keit unter­schied­li­cher Vari­an­ten der Vermögensbesteuerung.

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ÖkonomInnen-Appell gegen Schuldenbremse

17. November 2011 – 13:54 Uhr

Die öster­rei­chi­sche Regie­rung nimmt sich das deut­sche Modell einer „Schul­den­bremse“ als Vor­bild. Als die Schul­den­bremse in Deutsch­land ein­ge­führt wurde, rea­gier­ten 64 Ökono­mIn­nen mit dem Appell „Die Schul­den­bremse gefähr­det die gesamt­wirt­schaft­li­che Sta­bi­li­tät und die Zukunft unse­rer Kin­der“. Aus aktu­el­lem Anlass hier zur Wieder-​​Lektüre.

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Die Schuldenbremse als Farce

15. November 2011 – 11:51 Uhr

Nun befin­det sich die Bun­des­re­gie­rung also auf direk­tem Weg eine soge­nannte Schul­den­bremse in Ver­fas­sungs­rang zu heben. Die wesent­li­che Frage, was das nun genau bedeu­tet, dürfte zwar noch offen sein, doch fest steht, dass damit pünkt­lich zum Wirt­schafts­ab­schwung ein neu­er­li­ches Spar­pa­ket ver­han­delt wer­den wird. Diese Unbe­stimmt­heit liegt auch daran, dass es meh­rere For­men von Fis­kal­re­geln gibt, die in der Debatte alle als Schul­den­bremse bezeich­net werden.

Wahr­schein­lich ist, dass die deut­sche Rege­lung über­nom­men wird, die weit­ge­hend mit den soeben erst ver­schärf­ten euro­päi­schen Bud­get­vor­ga­ben überein­stimmt. Beide ent­hal­ten im Kern die Umset­zung der äußert rigi­den soge­nann­ten Medium Term Objec­tives (mit­tel­fris­tige Haus­halts­ziele). Im Falle Öster­reichs und Deutsch­lands ist das (fast) ein struk­tu­rel­les Null­de­fi­zit. Aus­ge­hend von der soeben ver­öf­fent­lich­ten Herbst­pro­gnose der EU-​​Kommission, die das struk­tu­relle Defi­zit für Öster­reich mit 2,8 % des BIP (2013) pro­gnos­ti­ziert, müsste die Kon­so­li­die­rung folg­lich über 8 Mrd. Euro betra­gen – ein Viel­fa­ches des Spar– und Steu­er­pa­kets aus dem Vor­jahr. Das würde pro Per­son zu einer durch­schnitt­li­chen Zusatz­be­las­tung von 1.000 Euro pro Jahr füh­ren, was ange­sichts die­ses Volu­mens – selbst bei einer schwer­punkt­mä­ßi­gen Belas­tung der reichs­ten Haus­halte – auch die Mit­tel­schicht emp­find­lich tref­fen würde.

Neben einer Kopie der deut­schen Schul­den­bremse wur­den als Alter­na­tive anschei­nend zwei wei­tere Fis­kal­re­geln dis­ku­tiert. Die mode­ra­teste Ver­sion wäre eine Erwei­te­rung der bis­he­ri­gen Pra­xis der Aus­ga­ben­ober­gren­zen auf alle Gebiets­kör­per­schaf­ten plus Beschrän­kung ihrer Zuwächse mit der mit­tel­fris­ti­gen Wachs­tums­rate. Aus­ga­ben­ober­gren­zen könn­ten zwar prin­zi­pi­ell wirt­schafts­po­li­tisch ver­kraft­bar aus­ge­stal­tet wer­den, hät­ten aber bereits eine lang­fris­tige Kür­zung des Staats­haus­halts und somit eine Behin­de­rung des sozia­len Fort­schritts zur Folge. Völ­lig jen­sei­tig wäre hin­ge­gen eine wei­tere Fis­kal­re­gel, näm­lich die von der ÖVP ver­langte Fest­schrei­bung einer Staats­schul­den­quote von 60 % des BIP bis 2020. Hier­für wären etwa 40 Mrd Euro – das ent­spricht mehr als der Hälfte des Bun­des­bud­gets – not­wen­dig. Wür­den zwi­schen­zeit­lich z.B. wei­tere Ban­ken­hil­fen gewährt, kämen sogar noch wei­tere Mil­li­ar­den hinzu.

Denn sie wis­sen, was sie tun?

Wäre die Sache wirt­schafts­po­li­tisch nicht so ernst, wäre diese grobe Fest­le­gung kaba­rett­reif: Jene Regie­rung, die noch im Vor­jahr mit der ver­spä­te­ten Bud­get­vor­lage die Ver­fas­sung gebro­chen hat, ver­pflich­tet sich und zukünf­tige Regie­rung mit­tels Ver­fas­sungs­än­de­rung zu wei­te­ren dra­ko­ni­schen Kon­so­li­die­rungs­maß­nah­men – die sie bis­her zu Recht mit dem Hin­weis auf die rela­tive Sta­bi­li­tät und die schwa­chen Wirt­schafts­pro­gno­sen aus­ge­schlos­sen hatte. Völ­lig unklar ist zudem, wes­halb es diese ver­fas­sungs­mä­ßige poli­ti­sche Selbst­ent­mün­di­gung braucht, denn nichts – abge­se­hen von wirt­schafts­po­li­ti­schem Sach­ver­stand – hin­dert die Regie­rung jed­wede Regel zu befol­gen, die sie poli­tisch auch tat­säch­lich befol­gen will.

Trotz­dem ist diese Inkon­se­quenz in gewis­sem Sinne auch wie­der kon­se­quent: Im Novem­ber des Vor­jah­res schloss der Bun­des­kanz­ler wei­tere Kon­so­li­die­rungs­maß­nah­men in die­ser Legis­la­tur­pe­riode aus, ehe er dann im März in Brüs­sel recht­li­che Ände­run­gen abseg­nete, die wei­tere Spar­pa­kete erfor­der­lich mach­ten. Und nun im Okto­ber bil­ligte er das Regie­rungs­ziel eines maxi­ma­len Defi­zits von 3,2 % des BIP 2012, nur um dann kurz dar­auf gemein­sam mit sei­nen euro­päi­schen Amts­kol­le­gIn­nen aus­ge­gli­chene Haus­halte in allen euro­päi­schen Staa­ten zu for­dern. Über­trof­fen wird er nur von sei­ner Finanz­mi­nis­te­rin, die zeit­gleich die Steu­er­be­las­tung redu­zie­ren, den Bud­get­pfad fort­füh­ren und die Staats­ver­schul­dung auf 60 % sen­ken will. Alles klar?

Das Argu­ment für diese poli­ti­sche Farce: Es brau­che ein glaub­haf­tes Signal an die Finanz­märkte, um die Zins­kos­ten rela­tiv nied­rig zu hal­ten. Die Pointe: In Spa­nien, wo eben erst eine Schul­den­bremse beschlos­sen wurde, hat man bewie­sen, dass ein aus­ge­gli­che­ner Haus­halt in der Ver­fas­sung das eben nicht leis­ten kann. Die Sekun­där­markt­zins­sätze spa­ni­scher Staats­an­lei­hen stie­gen in den Tagen rund um den Beschluss wei­ter an und wur­den erst durch die EZB-​​Intervention kurz­fris­tig sta­bi­li­siert – mitt­ler­weile haben sie sogar ein neues, untrag­ba­res Rekord­ni­veau erreicht.

Im Gegen­satz zu vie­len Poli­ti­ke­rIn­nen dürfte den meis­ten Finanz­markt­ak­teu­ren klar sein, dass reine Spar­po­li­tik ohne Rück­sicht auf Ver­luste nicht die lang­fris­ti­gen Ein­nah­men sichern kann, die es zur Bedie­nung der Staats­schul­den bei gleich­zei­ti­ger Auf­recht­er­hal­tung selbst rudi­men­tä­rer Staats­auf­ga­ben braucht. Ins­be­son­dere weil die grund­le­gen­den ökono­mi­schen Pro­bleme (Spa­nien: geplatzte Immo­bi­li­en­blase, Rekord­ar­beits­lo­sig­keit, pri­vate Ver­schul­dung; Öster­reich: Ban­ken­sek­tor bzw. des­sen Ost-​​Abhängigkeit, Italien-​​Verflechtung) unge­löst blei­ben, ist eine Schul­den­bremse in der Ver­fas­sung etwa so wirk­sam bzw. glaub­wür­dig wie ein Gesetz gegen schlech­tes Wetter.

Schul­den­bremse = Wohl­stands­bremse = Ablenkungsmanöver

Und das führt zum erns­ten Teil die­ser Farce. Was eine Schul­den­bremse brin­gen wird, ist also weni­ger eine Redu­zie­rung der Zins­kos­ten oder sta­bile Staats­haus­halte, son­dern im Gegen­teil eine ten­den­zi­elle Desta­bi­li­sie­rung von Wirt­schaft und Gesell­schaft durch die Ein­schrän­kung zukünf­ti­gen Wohl­stan­des. Für die­sen braucht es näm­lich Inves­ti­tio­nen, die sinn­vol­ler Weise von jenen bezahlt wer­den, die den größ­ten Nut­zen dar­aus zie­hen, näm­lich die zukünf­ti­gen Begüns­tig­ten über höhere zukünf­tige Ein­kom­men. Zudem braucht es die Mög­lich­keit, kon­junk­tu­relle Schwan­kun­gen aus­zu­glei­chen, um die kurz– wie lang­fris­ti­gen, indi­vi­du­el­len wie gesell­schaft­li­chen Fol­gen von Arbeits­lo­sig­keit abzu­mil­dern. Schul­den­brem­sen gefähr­den bei­des und kön­nen somit rasch zu Wohlstands-​​, Investitions-​​, Beschäftigungs-​​, Sozial– und Zukunfts­brem­sen mutieren.

Ein wei­te­res Pro­blem ist, dass mit der Schul­den­bremse indi­rekt sug­ge­riert wird, die Staats­ver­schul­dung wäre auf unver­ant­wort­li­che Bud­get­po­li­tik zurück­zu­füh­ren. Damit wird davon abge­lenkt, dass erst mit der Krise 2008 die Staats­ver­schul­dung wie­der gestie­gen, zuvor aller­dings in der Euro­zone kon­ti­nu­ier­lich gesun­ken ist (von 72,8 % vor ihrer Grün­dung auf 66,1 % des BIP 2007, ähnlich auch in Öster­reich). Würde man die­sen Zusam­men­hang stär­ker berück­sich­ti­gen, wäre zu erken­nen, dass es zur mit­tel­fris­ti­gen Redu­zie­rung der Staats­ver­schul­dung keine wirt­schafts­po­li­ti­sche Zwangs­ja­cke, son­dern Maß­nah­men gegen die haupt­säch­li­chen schul­den­trei­ben­den Fak­to­ren braucht: Ein kri­sen­an­fäl­li­ges Finanz­sys­tem, das Ban­ken­ret­tun­gen not­wen­dig macht; Kon­junk­tur­schwä­che und stei­gende Arbeits­lo­sig­keit, die die Steu­er­ein­nah­men sen­ken und zu höhe­ren Aus­ga­ben füh­ren (ins­be­son­dere für Arbeits­markt­po­li­tik); und letzt­lich unzu­rei­chende Bei­träge von Rei­chen und Unter­neh­men, die von der wirt­schaft­li­chen und steu­er­po­li­ti­schen Ent­wick­lung vor der Krise beson­ders profitierten.

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