Archiv für November 2009


3.12.09: Perspektiven der Hochschuldemokratie

29. November 2009 – 20:24 Uhr

Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung u.a. mit Andreas Kel­ler (Berlin)


Zustän­di­ges Vor­stands­mit­glied des Bereichs Hoch­schule und For­schung bei der Gewerk­schaft Erzie­hung und Wis­sen­schaft sowie Autor des Buches „Hoch­schul­re­form und Hoch­schul­re­volte“ und Mit­glied des Bei­rats des Bun­des demo­kra­ti­scher Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wissenschaftler


Hör­saal C1 – Uni­cam­pus, Spi­tal­gasse 2–4, Hof 2, 18 bis 20 Uhr


Hoch­schu­len haben eine spe­zi­fi­sche Funk­tion in der Gesell­schaft: Sie sol­len Bil­dung ver­mit­teln und so dazu bei­tra­gen, dass es den Men­schen ermög­licht wird, an gesell­schaft­li­chen Pro­zes­sen zu par­ti­zi­pie­ren. Zudem sind Hoch­schu­len der Ort, an dem über For­schung auch gesell­schaft­li­cher Fort­schritt orga­ni­siert wer­den soll. Umso ver­wun­der­li­cher ist es, dass in der Debatte über die Steue­rung von Hoch­schu­len in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vor allem der Ver­gleich zu pri­va­ten Unter­neh­men gezo­gen wurde: Hoch­schu­len soll­ten von klei­nen Zir­keln mit star­ken Rek­to­rIn­nen gelenkt wer­den. Die­ser Hoch­schul­steue­rung set­zen die Stu­die­ren­den mit ihren Pro­tes­ten das Modell einer demo­kra­ti­schen Mit­be­stim­mung gegen­über. Seit nun­mehr über einem Monat wird auch dar­über debat­tiert, wie eine sol­che Demo­kra­tie aus­se­hen könnte. Die Plena des Wie­ner Audi­max‘ haben deut­lich gemacht, dass sol­che Dis­kurse anstren­gend, aber eben auch gewinn­brin­gend und vor allem mög­lich sind. Damit ist es gelun­gen, das Thema der Mit­be­stim­mung wie­der auf die poli­ti­sche Agenda zu set­zen. Den­noch blei­ben Fra­gen nach dem Ver­hält­nis der Hoch­schu­len zu Staat und Gesell­schaft, nach der inne­ren Ver­fas­sung der Hoch­schu­len, nach dem Sta­tus der Stu­die­ren­den in einer aka­de­mi­schen Selbstverwaltung.


Ver­an­stal­te­rIn­nen: STV PoWi, STV VWLWU, STV Dok­to­rat – WU, BEIGEWUM

25.11.09: Kopenhagen and beyond

20. November 2009 – 1:15 Uhr

Stra­te­gien alter­na­ti­ver Klima– und Energiepolitik

18:15 (s.t.) – 20 Uhr
Hör­saal III im Neuen Insti­tuts­ge­bäude (Erd­ge­schoss), Uni­ver­si­täts­straße 7, 1010 Wien 

es dis­ku­tie­ren:
Sabine Gru­ber, Fair­s­hare und Dia­ko­nie Öster­reich
Helga Kromp-​​Kolb, Uni­ver­si­tät für Boden­kul­tur
Alex­an­dra Strick­ner, Attac Öster­reich
Ulrich Brand, Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft, Uni Wien
Alex­an­der Egit, Green­peace CEE
Mode­ra­tion: Mar­kus Wis­sen, Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft, Uni Wien

Bei der Ver­an­stal­tung wird die neue Aus­gabe der
Zeit­schrift ‚Cri­ti­cal Cur­rents´ – ‚Con­tours of Cli­mate Justice. Ideas for shaping new cli­mate and energy poli­tics´ prä­sen­tiert und ist kos­ten­los erhältlich.

BEIGEWUM, Green­peace Cen­tral and Eas­tern Europe,
Attac Öster­reich, Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Wien

Krise der Demokratie und mögliche Alternativen

13. November 2009 – 18:10 Uhr

Krise der Demokratie und mögliche Alternativen*

Bern­hard Leubolt**


Die Welt­wirt­schafts­krise wird als Teil von mul­ti­plen sys­te­mi­schen Kri­sen ver­stan­den, wobei die Demo­kra­tie­krise und mög­li­che Stra­te­gien zu deren Bewäl­ti­gung im Mit­tel­punkt stehen.

Mul­ti­ple Kri­sen – auf­kom­mende „Post-​​Demokratie


Die aktu­elle Welt­wirt­schafts­krise ist zwar seit den 1920er/​30er Jah­ren die schwerste, aber auch bei wei­tem nicht die erste Finanz­krise der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit. Die euro­päi­schen Regie­run­gen rea­gier­ten weit­ge­hend mit Ver­staat­li­chung der pri­va­ten Ver­luste – ins­be­son­dere mit­tels der „Ban­ken­ret­tungs­pa­kete“ – „auf Pump“. Die dadurch aus­ufern­den Bud­get­de­fi­zite wer­den wohl Grund­lage für Fis­kalkri­sen der Staa­ten ablie­fern. Ähnlich wie unter Rea­gans Regie­rung wo das mit­tels unpro­por­tio­na­ler Anhe­bun­gen des Rüs­tungs­bud­gets geschah, wird diese „Poli­tik der lee­ren Staats­kas­sen“ in wei­te­rer Folge zum „Sach­zwang Bud­get­kon­so­li­die­rung“ füh­ren. Somit besteht dann eine neue Argu­men­ta­ti­ons­grund­lage für wei­tere Kür­zun­gen der Sozi­al­aus­ga­ben, die als unfi­nan­zier­bar dar­ge­stellt wer­den kön­nen. Die Wirt­schafts­krise wird somit aller Vor­aus­sicht nach – im Gefolge von stei­gen­der Arbeits­lo­sig­keit und sin­ken­den Sozi­al­aus­ga­ben – eine mehr oder weni­ger schwere soziale Krise nach sich ziehen.


Diese sozia­len und ökono­mi­schen Kri­sen wer­den von wei­te­ren Kri­sen beglei­tet: Nicht zuletzt der Kli­ma­wan­del zeigt eine pro­funde und struk­tu­relle Umwelt­krise auf. Beglei­tet wer­den diese Kri­sen außer­dem von einer über die letz­ten Jah­ren auf­kom­mende Demokratie-​​Krise. Obwohl Demo­kra­tie auf glo­ba­ler Ebene for­mal ihren Durch­bruch erreicht zu haben scheint, sind Phä­no­mene wie Poli­tik­ver­dros­sen­heit an der Tages­ord­nung – ins­be­son­dere in Län­dern, die als „kon­so­li­dierte Demo­kra­tien“ gal­ten. Der bri­ti­sche Poli­tik­wis­sen­schaf­ter Colin Crouch brachte die dies­be­züg­li­che Debatte in sei­nem 2003 in Ita­lien erschie­ne­nen Buch auf den Punkt – es handle sich um „Post-​​Demokratie“:

Der Begriff bezeich­net ein Gemein­we­sen, in dem zwar nach wie vor Wah­len ab-​​gehalten wer­den, Wah­len, die sogar dazu füh­ren, daß Regie­run­gen ihren Abschied neh­men müs­sen, in dem aller­dings kon­kur­rie­rende Teams pro­fes­sio­nel­ler PR-​​Experten die öffent­li­che Debatte wäh­rend der Wahl­kämpfe so stark kon­trol­lie­ren, daß sie zu einem rei­nen Spek­ta­kel ver­kommt, bei dem man nur über eine Reihe von Pro­ble­men dis­ku­tiert, die die Exper­ten zuvor aus­ge­wählt haben. […] Im Schat­ten die­ser poli­ti­schen Insze­nie­rung wird die reale Poli­tik hin­ter ver­schlos­se­nen Türen gemacht: von gewähl­ten Regie­run­gen und Eli­ten, die vor allem die Inter­es­sen der Wirt­schaft ver­tre­ten.“ (Crouch 2008, S. 10)


Der dem kri­ti­schen Main­stream zure­chen­bare Crouch geht in die­sem Zusam­men­hang von einer Dege­ne­ra­tion der Demo­kra­tie aus, die sich ins­be­son­dere durch die Ori­en­tie­rung auf die poli­ti­sche Mitte und angeb­lich objek­tive Pro­blem­lö­sun­gen mit­tels „Exper­ten­gre­mien“ aus­zeich­net. Seine Kol­le­gin Chan­tal Mouffe (2006) warnt in die­sem Zusam­men­hang vor der Ent­po­li­ti­sie­rung, die einer­seits Inter­es­sen ver­schlei­ert und dadurch den Inter­es­sen mäch­ti­ger Min­der­hei­ten zu Gute kommt und ande­rer­seits das Wie­der­auf­kom­men des Faschis­mus bzw. der extre­men Rech­ten ermög­licht. Letz­tere bleibt vie­ler­orts im poli­ti­schen Spek­trum als ein­zige Kraft beste­hen, die glaub­haft Alter­na­ti­ven ver­tritt, die sich jen­seits des „post-​​politischen“ Kon­sens befinden.


Demo­kra­ti­sie­rung von Staat und Budget


Alter­na­ti­ven zur Post-​​Demokratie gehen unwei­ger­lich mit Poli­ti­sie­rung ein­her. Gesell­schaft­lich rele­vante Ent­schei­dun­gen soll­ten dem­nach demo­kra­tisch ent­schie­den wer­den statt an „Exper­ten­gre­mien“ dele­giert zu wer­den. Vor­der­grün­dig betrifft das Ent­schei­dun­gen im All­tag. Die femi­nis­ti­sche For­de­rung „das Pri­vate öffent­lich zu machen“ und somit also zu pri­va­ti­sie­ren kann dies­be­züg­lich auf viele Berei­che umge­legt werden.


Das betrifft einer­seits den Staat selbst. Die gebräuch­li­che For­mu­lie­rung des „öffent­li­chen Sek­tors“ ist dies­be­züg­lich dahin­ge­hend zu über­prü­fen, in wie fern staat­li­che Poli­tik auch de facto öffent­lich gemacht wird. Hier gibt es auf loka­ler Ebene posi­tive Ten­den­zen zur Eta­blie­rung von Par­ti­zi­pa­ti­ons­pro­jek­ten. Lokale Par­ti­zi­pa­tion gilt dabei oft­mals als „Allheil-​​mittel“ gegen Poli­tik­ver­dros­sen­heit und mög­li­che Pro­teste der von den poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen betrof­fe­nen Grup­pen. Die posi­tive Kon­no­ta­tion von Par­ti­zi­pa­tion ist jedoch mit Vor­sicht zu betrach­ten. Meis­tens han­delt es sich dabei bloß um Befra­gun­gen und nicht um effek­tive Mit­be­stim­mung. Außer­dem betrifft Par­ti­zi­pa­tion nahezu immer gesell­schaft­lich rela­tiv mar­gi­nale The­men auf der Mikro-​​Ebene wie z.B. Park­ge­stal­tung. Dabei ist die Gefahr der Instru­men­ta­li­sie­rung hoch: Aktu­ell wäre eine par­ti­elle Ein­bin­dung im Rah­men eines „par­ti­zi­pa­ti­ves Spar­pa­kets“ vor­stell­bar, um „Spar­zwänge“ zu legi­ti­mie­ren. Das führt die Wich­tig­keit der Poli­ti­sie­rung stra­te­gisch zen­tra­ler Poli­tik­be­rei­che vor Augen. Hier müs­sen in der Zivil­ge­sell­schaft diese Berei­che erst iden­ti­fi­ziert wer­den, um dann Druck zu deren Demo­kra­ti­sie­rung auf­bauen zu können.


Ein Feld, das sich dafür aktu­ell beson­ders gut eig­nen würde, ist die Bud­get­po­li­tik. Dies­be­züg­lich gibt es das prak­ti­sche Bei­spiel aus Porto Ale­gre, wo die Bevöl­ke­rung über viele Jahre hin­weg effek­tiv Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz im Hin­blick auf staat­li­che Aus­ga­ben bekam. For­de­run­gen an den Lokal­staat – etwa nach Stra­ßen oder Kin­der­gär­ten – wur­den von den betref­fen­den Grup­pen öffent­lich in Sit­zun­gen ein­ge­bracht und in wei­te­rer Folge auch öffent­lich beschlos­sen oder abge­lehnt. Der Staat wurde also ansatz­weise „ver­öf­fent­licht“ (näher dazu: Leu­bolt 2006) und gleich­zei­tig fun­gierte das Par­ti­zi­pa­tive Bud­get auch für teil­neh­mende Bür­ge­rIn­nen als „Schule der Demo­kra­tie“ wie fol­gende Aus­sage einer Teil­neh­me­rin zeigt:

Sogar ich habe nur an meine Straße gedacht, als ich zum Par­ti­zi­pa­ti­ven Bud­get gekom­men bin. Aber ich habe andere Per­so­nen und Gemein­schaf­ten getrof­fen und habe viel grö­ßere Pro­bleme ken­nen gelernt. Was ich als Rie­sen­pro­blem gese­hen habe, war nichts im Ver­gleich zur Situa­tion ande­rer Per­so­nen. Keine Woh­nung zu haben, unter einem Tuch zu schla­fen oder die Frage der Abwäs­ser unter freiem Him­mel, wo Kin­der spie­len und lau­fen. Ich ver­gaß meine Straße, sodass sie sogar bis heute nicht asphal­tiert ist.“ (Roselaine; in: Leu­bolt 2006, S.74f.)

Dass ärmere Teil­neh­me­rIn­nen – ins­be­son­dere Frauen – über­durch­schnitt­lich stark ver­tre­ten waren, lag auch stark daran, dass Par­ti­zi­pa­tion nicht bloß kleine Pro­jekte, son­dern das gesamte Bud­get betraf. Die auf­ge­wen­dete Zeit zahlte sich für die teil­neh­men­den Men­schen aus, da sie Ent­schei­dun­gen tref­fen konn­ten, die von beson­de­rer Rele­vanz waren. Lob­by­ing war in Porto Ale­gre nicht mehr pri­va­ti­siert – weg­wei­sende Ent­schei­dun­gen nicht bloß zwi­schen Poli­ti­ke­rIn­nen und „wich­ti­gen Men­schen“ in Vier-​​Augen-​​Gesprächen gefällt. Viel­mehr fand öffent­li­ches Lob­by­ing um staat­li­che Geld­ver­gabe statt und einige Teil­neh­me­rIn­nen ent­wi­ckel­ten wie Roselaine einen neuen sozia­len Geist: Im Aufeinander-​​prallen von per­sön­li­chen Bedürf­nis­sen konnte zumin­dest teil­weise das „ich“ zum „wir“ und somit eine „Schule der Demo­kra­tie“ eta­bliert werden.


Demo­kra­ti­sie­rung der Arbeitswelt


Die betrieb­li­che Rea­li­tät stellt für die meis­ten einen wenig dis­ku­tier­ten unde­mo­kra­ti­schen Raum dar. Mit dem Ein­tritt an den Arbeits­platz wird gleich­zei­tig die Mög­lich­keit zur Mit­be­stim­mung an Vor­ge­setzte abge­ge­ben. Außer­halb Latein­ame­ri­kas wurde die­ser Umstand in den letz­ten Jah­ren wenig dis­ku­tiert. Dabei kamen wich­tige Impulse für die Debatte vom öster-​​reichischen Sozi­al­de­mo­kra­ten Otto Bauer, der in sei­nem Werk „Der Weg zum Sozia­lis­mus“ schon 1919 ausführte:

Wenn die Regie­rung alle mög­li­chen Betriebe beherrschte, dann würde sie dem Volk und er Volks­ver­tre­tung gegen­über allzu mäch­tig; sol­che Stei­ge­rung der Macht der Regie­rung wäre der Demo­kra­tie gefähr­lich. Und zugleich würde die Regie­rung die ver­ge­sell­schaf­tete Indus­trie schlecht ver­wal­ten; nie­mand ver­wal­tet Indus­trie­be­triebe schlech­ter als der Staat. Des­halb haben wir Sozi­al­de­mo­kra­ten nie die Ver­staat­li­chung, immer nur die Ver­ge­sell­schaf­tung der Indus­trie gefor­dert.“ (Bauer 1976 [1919],S.96; Herv.B.L.)

Relikte des Ansat­zes der Sozia­li­sie­rung fin­den sich heute noch in den Bestim­mun­gen zu Be-​​triebsräten in der öster­rei­chi­schen Ver­fas­sung: Die nicht ganz zur Gel­tung kom­mende Idee dahin­ter war, dass Betriebe mit zuneh­men­der Größe ver­ge­sell­schaf­tet wer­den soll­ten – der Betriebs­rat sollte dabei als demo­kra­ti­sches Organ des Manage­ments die­nen, als Basis für die kol­lek­tive Selbst­ver­wal­tung der Arbei­te­rIn­nen. Das wei­tere demo­kra­ti­sche Kon­zept sah vor, über Betriebs­räte, KonsumentInnen-​​Räte und staat­li­chen Ver­tre­te­rIn­nen die unter-​​nehmerischen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und somit eine Art „basis­de­mo­kra­ti­sche Sozi­al­part­ne­rIn­nen­schaft“ mit ein­ge­schränk­tem Mit­spra­che­recht der Kapi­ta­lis­tIn­nen zu schaffen.


In Zei­ten der Welt­wirt­schafts­krise würde sich somit eine Per­spek­tive für staat­lich „zu ret­tende Betriebe“ wie z.B. die Aus­trian Air­lines auf­tun: Der staat­li­chen Sub­ven­tio­nie­rung gro­ßer Kon­zerne wie Luft­hansa oder Magna könnte die For­de­rung nach Errich­tung eines öffent­li­chen Betrie­bes mit demo­kra­ti­schen Bestim­mungs­rech­ten für Beleg­schaft und Gesell­schaft ent­ge­gen­ge­stellt werden.

Kon­kret wird die Per­spek­tive der Demo­kra­ti­sie­rung der Arbeits­welt beson­ders inner­halb der Bewe­gung soli­da­ri­scher Ökono­mie wie­der dis­ku­tiert (vgl. z.B. www.solidarische-oekonomie.at; Altvater/​Sekler 2006). Dabei geht es meis­tens noch um Bewe­gun­gen, die in ers­ter Linie jen­seits oder gegen den Staat agie­ren und dabei ver­su­chen auf loka­ler Ebene Kon­zepte zur Demo­kra­ti­sie­rung der Arbeits­welt zu ver­wirk­li­chen. Der Bezug auf einen zu ver­öf­fent­li­chen­den Staat könnte hier in zwei­er­lei Hin­sicht Impulse geben: Einer­seits kann mit Hilfe staat­li­cher Gel­der das Beste­hen im Kon­kur­renz­kampf erleich­tert wer­den, um Pro­ble­men wie mög­li­cher „Selbst­aus­beu­tung“ begeg­nen zu kön­nen; ande­rer­seits könn­ten solidar-​​ökonomisch geführte Betriebe auch als „Schu­len der Demo­kra­tie“ wir­ken, die Impulse zur Ver­öf­fent­li­chung und Ver­ge­sell­schaf­tung von Staat und Wirt­schaft geben.


Fazit: Demo­kra­ti­sie­rung von Wirt­schaft und Gesellschaft


Die hier ver­tre­tene Per­spek­tive der Demo­kra­ti­sie­rung setzt an der All­tags­welt an. Das schließt natür­lich auch die Fami­lie bzw. den Haus­halt als ursprüng­li­chen Hort des Pri­va­ten mit ein. Im Hin­blick auf Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit und inner­fa­mi­lä­rer Demo­kra­tie sind dabei viele Pro­zesse invol­viert, die hier nicht geson­dert behan­delt wur­den. Die zen­tra­len Bezüge die­ses Bei­trags waren im Hin­blick auf das Auf­kom­men einer post-​​demokratischen Gesell­schaft alter­na­tive Zugänge in Form der Demo­kra­ti­sie­rung von Wirt­schaft und Gesell­schaft vor­zu­stel­len. Das impli­ziert auch, nicht jeg­li­che Ver­staat­li­chung bzw. Ein­satz staat­li­cher Mit­tel posi­tiv zu sehen. Viel­mehr gilt es, bestän­dig demo­kra­ti­sche Mei­nungs­bil­dung ein­zu­for­dern und somit Staat und Öffent­lich­keit begriff­lich von­ein­an­der zu unter­schei­den. Dabei kann ein wahr­haft öffent­li­cher Sek­tor als kon­krete Uto­pie die­nen. Das schließt auch die Sozia­li­sie­rung bzw. Demo­kra­ti­sie­rung von Unter­neh­men mit ein, was als Alter­na­tive zu staat­lich sub­ven­tio­nier­ten Pri­va­ti­sie­run­gen oder der rei­nen staat­li­chen Sub­ven­tio­nie­rung pri­va­ter Unter­neh­men gese­hen wer­den kann.


Gleich­zei­tig ist auch zu beto­nen, dass der erste Schritt zur Demo­kra­ti­sie­rung die öffent­li­che The­ma­ti­sie­rung – d.h. die Poli­ti­sie­rung – gesell­schaft­li­cher Pro­bleme ste­hen muss. Diese Poli­ti­sie­rung beginnt im All­tag, im eige­nen Haus­halt, am eige­nen Arbeits­platz, geht aber gleich­zei­tig auch in die Makro-​​Ebene poli­ti­schen Han­delns. Die Zusam­men­set­zung von „Exper­ten­gre­mien“ für poli­ti­sche Refor­men ist dem­nach im Hin­blick auf die ver­tre­te­nen und aus­ge­schlos­se­nen Inter­es­sen genauso zu hin­ter­fra­gen wie Ent­schei­dungs­struk­tu­ren auf natio­na­ler, euro­päi­scher und inter­na­tio­na­ler Ebene.


Im Hin­blick auf poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen im Zuge der Kri­sen­be­wäl­ti­gung ist die Bud­get­po­li­tik von beson­de­rem Inter­esse: Wer bezahlt für die Krise? Wem wird gehol­fen? Wer lei­det beson­ders unter den Aus­wir­kun­gen? „Ban­ken­ret­tungs­pa­kete“, staat­li­che Gel­der an die männ­lich domi­nierte Auto­mo­bil­in­dus­trie, Pri­va­ti­sie­rung und gleich­zei­tige Sub­ven­tio­nie­rung gro­ßer Flug­li­nien spre­chen dies­be­züg­lich eine deut­li­che Spra­che. Um zu die­sen Prak­ti­ken Alter­na­ti­ven for­mu­lie­ren zu kön­nen, lohnt sich ein Blick auf aktu­elle Ent­wick­lun­gen in Latein­ame­rika ebenso sehr wie ein Blick in die jün­gere Geschichte Euro­pas. In der Ver­ar­bei­tung die­ser Erfah­run­gen ist jedoch ebenso wich­tig, aus den damals auf­ge­tre­te­nen Pro­ble­men und Wider­sprü­chen zu ler­nen, um neue – bes­sere – Alter­na­ti­ven rea­lis­tisch for­mu­lie­ren zu kön­nen. Es bleibt die Hoff­nung, dass die­ser Weg von pro­gres­si­ven Kräf­ten und nicht von deren neo­li­be­ra­len oder neo-​​faschistischen Wider­parts erfolg­reich beschrit­ten wird.


Lite­ra­tur

Alt­va­ter, Elmar/​Sekler, Nicola (Hg., 2006): Soli­da­ri­sche Ökono­mie. Rea­der des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats von Attac. Ham­burg: VSA.
Bauer, Otto (1976): Der Weg zum Sozia­lis­mus. Werk­aus­gabe. Wien: Euro­pa­ver­lag. Erst­aufl. 1919, 89–131.
Crouch, Colin (2008): Post­de­mo­kra­tie. Frank­furt: Suhr­kamp.
Leu­bolt, Bern­hard (2006): Staat als Gemein­we­sen. Das Par­ti­zi­pa­tive Bud­get in Rio Grande do Sul und Porto Ale­gre. Wien: LIT.
Mouffe, Chan­tal (2006): On the Poli­ti­cal. Lon­don: Routledge.


* Der vor­lie­gende Arti­kel basiert auf einem Bei­trag zum Eröff­nungs­po­dium der attac Sommer-​​akademie 2009 in Krems zum The­men­feld „Alter­na­ti­ven rund um die glo­bale Krise, Stra­te­gien zu einem zukünf­ti­gen Wirt­schafts– und Gesell­schafts­sys­tem“ und wird auch in einer Bro­schüre im ÖGB-​​Verlag ver­öf­fent­licht.
** Sti­pen­diat der Heinrich-​​Böll-​​Stiftung im Pro­mo­ti­ons­kol­leg „Glo­bal Social Poli­cies and Gover­nance“ an der Uni­ver­si­tät Kas­sel, wis­sen­schaft­li­cher Pro­jekt­mit­ar­bei­ter an der WU-​​Wien, Redak­ti­ons­mit­glied des „Jour­nal für Ent­wick­lungs­po­li­tik“, Vor­stands­mit­glied des BEIGEWUM.

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Wege aus der Krise? Einige Anmerkungen

9. November 2009 – 17:19 Uhr

Es gibt zwei Grund­mus­ter des Wirt­schaf­tens:
* Gemein­wirt­schaft­lich­keit: Nie­mand kann bei wirt­schaft­li­chen Hand­lun­gen zu Las­ten ande­rer (Erwerbs-)Vorteile für sich erzie­len.
* Eigen­wirt­schaft­lich­keit: Wirt­schaft­li­che Hand­lun­gen wer­den mit der Absicht unter­nom­men, (Erwerbs-)Vorteile für sich ohne Rück­sicht dar­auf zu erzie­len, zu wes­sen Las­ten sie gehen.

Dem­ge­mäß gibt es zwei Grund­mus­ter der Ver­tei­lung von Über­schüs­sen: Sie wer­den
* ent­we­der von der Gemein­schaft, die sie her­vor­ge­bracht hat, nach von der Gemein­schaft selbst fest­ge­leg­ten Regeln ebenso gemein­schaft­lich genutzt bezie­hungs­weise ver­braucht
* oder von einer Per­son oder Wirt­schafts­ein­heit auf eine andere Per­son oder Wirt­schafts­ein­heit über­tra­gen, wobei diese Über­tra­gung
- ent­we­der als Raub, also als erzwun­gene Her­gabe und gewalt­same Aneig­nung,
- oder als Tausch, also als Ver­kauf und Kauf auf einem Markt (Ver­trag durch schlüs­sige Hand­lun­gen) statt­fin­den kann.


Diese Grund­mus­ter las­sen sich zeit­ge­nös­sisch als Soli­da­ri­sche Ökono­mie und als Kapi­ta­lis­ti­sche Riva­li­täts­wirt­schaft fassen.


Bedingt durch die poli­ti­sche Schwä­che der Arbeiter/​innenbewegung nicht erst seit zwei Jahr­zehn­ten wur­den soli­dar­öko­no­mi­sche Ele­mente zuneh­mend aus der vor­herr­schen­den kapi­ta­lis­ti­schen Ökono­mie ver­drängt. Das neo­li­be­rale Dogma vom „freien Wett­be­werb in offe­ner Markt­wirt­schaft“ hat zur Riva­li­tät (auch unter den Kapi­tal­frak­tio­nen) und zum Tota­li­ta­ris­mus des pri­va­ten Gewin­ne­ma­chens geführt. Der Leis­tungs­fe­ti­schis­mus wurde zum Leis­tungs­fa­schis­mus wei­ter per­ver­tiert. Leistungsträger/​innen, die den maxi­ma­len Anfor­de­run­gen des Finanz­ka­pi­tals nicht gewach­sen sind („Minderleister/​innen“) oder sogar Wider­stand ent­ge­gen­set­zen, wer­den durch Hin­aus­wurf aus den „Tem­peln der Mehr­wert­ab­schöp­fung“ bei gleich­zei­ti­ger Kür­zung von Sozi­al­leis­tun­gen gesell­schaft­lich „liqui­diert“. Die in den ökono­mi­schen Struk­tu­ren ver­bor­gene Gewalt läuft ebenso bru­tal auf eine soziale Ver­nich­tung hin­aus wie die offene Gewalt des Faschis­mus auf die phy­si­sche Vernichtung.


So offen­bart sich in der aktu­el­len Krise die Sys­tem­ei­gen­tüm­lich­keit des Kapi­ta­lis­mus: die Beein­träch­ti­gung der Gesamt­ge­sell­schaft durch die „Kauf­kraft­schwä­chung“ ihrer Mehr­heit. Als „Kos­ten­fak­to­ren“ sind erwerbs­ar­bei­tende Men­schen Stör­ele­mente im ver­selbst­stän­dig­ten Haupt­zweck der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft, dem Trieb der pri­va­ten Kapi­tal­an­häu­fung. Das Kapi­tal als „Kom­mando über unbe­zahlte Arbeit“, wie Karl Marx und Fried­rich Engels in ihrem Haupt­werk sein unde­mo­kra­ti­sches Wesen bloß­le­gen, ruft den Wider­spruch zwi­schen gesell­schaft­li­cher Pro­duk­tion und indi­vi­du­el­ler Aneig­nung her­vor. Er bewirkt, dass „die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­tion … auf der einen Seite für die Gesell­schaft ver­liert, was sie auf der ande­ren für den ein­zel­nen Kapi­ta­lis­ten gewinnt“. Dazu tra­gen auch gezielte Pri­va­ti­sie­run­gen öffent­li­chen und gemein­wirt­schaft­li­chen Eigen­tums bei. Dadurch wer­den bedeut­same Berei­che der Gesell­schaft dem Ein­fluss form­al­de­mo­kra­tisch legi­ti­mier­ter Kör­per­schaf­ten ent­zo­gen und der Ver­fü­gungs­ge­walt demo­kra­tie­lo­ser Kapi­tal­ei­gen­tü­mer­gre­mien unterworfen.


Das Kapi­tal ist ein herr­schaft­li­ches Ver­hält­nis zwi­schen Per­so­nen, das durch die Ver­fü­gung über Sachen ver­mit­telt wird. So erfolgt unter dem trü­ge­ri­schen Schein von „Sach­lich­keit“ die Her­ab­wür­di­gung von Men­schen zu „Arbeits­kräf­ten“, die nur solange Erwerbs­ar­beit fin­den, solange sie als „Waren“ für das Kapi­tal ver­wert­bar sind. Dar­aus resul­tiert eine ten­den­zi­elle Beein­träch­ti­gung ihres Zutrau­ens in die Zuver­läs­sig­keit ihrer eige­nen Erfah­rung. Die­ser Zer­stö­rungs­vor­gang berei­tet die see­li­sche Grund­lage für das Emp­fin­den auf, bedeu­tungs­los zu sein, und führt zum Ent­ste­hen von Ich-​​Schwäche. Ganz zu schwei­gen davon, dass diese psy­chi­schen Mecha­nis­men bei Erwerbs­ar­beits­lo­sen noch viel hef­ti­ger wir­ken. Feh­lende poli­ti­sche Bil­dung und man­gelnde Kennt­nisse von gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hän­gen begüns­ti­gen zusätz­lich die Anfäl­lig­keit vie­ler Betrof­fe­ner für auto­ri­täre Lösun­gen zu Las­ten ande­rer Benach­tei­lig­ter. Die Ent­frem­dung durch Erwerbs­ar­beit oder ihr Feh­len wird poli­tisch zur mensch­li­chen Selbst­ent­frem­dung ver­dreht. Das Kapi­tal erweist sich dadurch nicht bloß als demo­kra­tie­los, son­dern viel­mehr als demokratiegefährdend.


Die Demo­kra­tie­lo­sig­keit der Wirt­schaft wird damit zum Haupt­an­satz­punkt für Bemü­hun­gen, Wege aus der Krise zu fin­den. Denn mil­li­ar­den­schwere Kon­junk­tur­pa­kete, Stüt­zun­gen und Garan­tien der Öffent­li­chen Hand nahezu bedin­gungs­los über die beste­hende kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­struk­tur aus­zu­schüt­ten, die diese Krise her­vor­ge­bracht hat, läuft nur dar­auf hin­aus, der nächs­ten Krise Vor­schub zu leisten.


Über­schüsse sind unver­zicht­bar, aber ihre auto­ma­ti­sche Ver­tei­lung zum Kapi­tal ist es nicht. Es genügt aber nicht, bloß Umver­tei­lung und diese nur durch Steu­ern (Sekun­där­ver­tei­lung) oder Trans­fer­leis­tun­gen (Ter­tiärver­tei­lung) bewerk­stel­li­gen zu wol­len. Diese von repräsentativ-​​demokratischen Kör­per­schaf­ten zu beschlie­ßen­den Maß­nah­men kön­nen auf Dauer die „auto­ma­ti­sche“ Umver­tei­lung von der Arbeit zum Kapi­tal durch die anti­de­mo­kra­ti­sche kapi­ta­lis­ti­sche Eigen­tums­ord­nung nicht kor­ri­gie­ren. Dafür bedarf es Ein­griffe in die Pri­mär­ver­tei­lung, also in die Ver­tei­lung des gesell­schaft­li­chen Mehr­pro­dukts dort, wo es ent­steht: im demo­kra­tie­lo­sen Bereich der Arbeits­welt. Es geht damit auch um die Ver­wirk­li­chung eines ande­ren Arbeits­be­griffs, der auf einem Bewusst­sein der Men­schen von ihrer gesell­schaft­li­chen Ver­bun­den­heit beruht, von den Ele­men­ten der Soli­da­ri­tät sowie des Schöp­fe­ri­schen und Iden­ti­täts­stif­ten­den geprägt und die Grund­lage eines „guten Lebens für alle“ ist.


Gesell­schaft­li­ches Eigen­tum an Grund und Boden, Fabrik und Büro ist Vor­aus­set­zung und Aus­druck die­ses Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zes­ses. Es ent­steht, wenn demo­kra­tisch legi­ti­mierte Öffent­li­che Hände die in ihrem Ein­fluss­be­reich befind­li­chen Betriebe und Unter­neh­men gemein­sam mit demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Vertreter/​inne/​n der Beschäf­tig­ten und der Verbraucher/​innen, „also der­je­ni­gen Grup­pen, für die der Betrieb da sein soll“, ver­wal­ten. Das soll zur „wirt­schaft­li­chen Selbst­ver­wal­tung des gan­zen Vol­kes“ füh­ren, wie es der Theo­re­ti­ker des Aus­tromar­xis­mus Otto Bauer in sei­nen Sozia­li­sie­rungs­kon­zep­ten formulierte.


Gesell­schaft­li­ches Eigen­tum mani­fes­tiert sich in der Bestel­lung von Auf­sichts– und Lei­tungs­or­ga­nen durch die Triade Öffent­li­che Hand, Beschäf­tigte und Verbraucher/​innen, in der demo­kra­ti­schen Ver­tei­lung des inner­be­trieb­li­chen Über­schus­ses auf die ein­zel­nen Ein­kom­mens­ar­ten nach gesetz­lich fest­ge­leg­ten sta­tu­ta­ri­schen Prin­zi­pien bezie­hungs­weise des außer­be­trieb­lich zu ver­tei­len­den Über­schus­ses nach gesetz­lich fest­ge­leg­ten Zweck­bin­dun­gen. Diese Struk­tur­merk­male sol­len der Beein­träch­ti­gung der Gesamt­ge­sell­schaft durch die Schwä­chung ihrer gesell­schaft­li­chen Mehr­heit vor­beu­gen sowie einem bedarfs­de­ckungs­ori­en­tier­ten, gebrauchs­wert­ge­lei­te­ten und selbst­kos­ten­ba­sier­ten Wirt­schaf­ten Vor­schub leisten.


In der Neu­zeit rei­chen Bemü­hun­gen um gesell­schaft­li­ches Eigen­tum bei­spiels­weise von den Dig­gers und der New Model Army im Eng­land der Mitte des 17. Jahr­hun­derts über die Pari­ser Kom­mune vom Früh­jahr 1871 und die Land­be­set­zun­gen in Mexiko Anfang des 20. Jahr­hun­derts bis zu den Arbei­ter­rä­ten in Mit­tel– und Ost­eu­ropa sowie den Gemein­wirt­schaft­li­chen Anstal­ten in Öster­reich nach dem Ers­ten Welt­krieg. Sie setz­ten sich nach dem Zusam­men­bruch des Faschis­mus in der jugo­sla­wi­schen Arbei­ter­selbst­ver­wal­tung, den eng­li­schen Arbei­ter­ko­ope­ra­ti­ven und den besetz­ten Betrie­ben Frank­reichs fort und leben gegen­wär­tig wei­ter in den viel­fäl­ti­gen Mus­tern der Soli­dar­öko­no­mie in Argen­ti­nien, Bra­si­lien und ande­ren latein­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern sowie wie im Genos­sen­schafts­netz­werk Mon­dra­gon im spa­ni­schen Bas­ken­land. Diese Bemü­hun­gen waren und sind nicht frei von Irr­tü­mern und Feh­lern der Bemü­hen­den und sie unter­la­gen bezie­hungs­weise unter­lie­gen oft den Anfein­dun­gen des Kapi­tals. Doch bele­gen diese Anfein­dun­gen die grund­sätz­li­che Rich­tig­keit die­ser Stoßrichtung.


Die Demo­kra­ti­sie­rung der Wirt­schaft eröff­net nicht zwangs­läu­fig das Para­dies. Kon­flikte wer­den nicht ver­schwin­den, aber für ihre Lösung bie­ten sich andere Vor­gänge an als das Aus­spie­len ökono­mi­scher Gewalt. Sie gewähr­leis­ten jeden­falls die Bedin­gung der Mög­lich­keit, nicht mehr län­ger eine Suppe aus­löf­feln zu müs­sen, die uns andere ein­bro­cken, son­dern, gesell­schaft­lich orga­ni­siert, unsere Suppe soli­da­risch selbst zu kochen.

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Ist das alles?!

4. November 2009 – 22:56 Uhr

Radi­ka­ler als die Wirk­lich­keit: 34 Mil­lio­nen schüt­telt der Minis­ter aus dem Ärmel, und lädt zu „brei­tem“ (?) Dia­log mit den Hoch­schul­part­ne­rIn­nen, bevor er sich nach Brüs­sel ver­zieht. Eine kurze Bedachtnahme:

Das mit dem Dia­log, das hat­ten wir schon. Kann sich über­haupt noch jemand erin­nern? Defi­nie­ren wir Dia­log nach wiki­pe­dia als

eine münd­lich oder schrift­lich zwi­schen zwei oder meh­re­ren Per­so­nen geführte Rede und Gegenrede,

dann ist das Unter­neh­men damals gründ­lich schief gegan­gen. Wich­ti­ger als der Gesprächs­in­halt ist aber ohne­hin das Signal, und noch wich­ti­ger als das Signal ist, dass über­haupt etwas gesagt wurde. Also wer­den sich am 25.11. ein paar (um genau zu sein: 50!) Per­so­nen ver­sam­meln und ein­mal reden, und das wars dann. Immer­hin wird der Hoch­schul­dia­log nicht so teuer wie der For­schungs­dia­log, von dem wir frei­lich auch nicht wis­sen, was er gekos­tet hat. Wert war er jeden­falls kei­nen Cent; und auf die­ses Preis-​​Leistungsverhältnis wird der Event Ende Novem­ber sicher auch kommen.

Und das führt schon zum zwei­ten Punkt: Die Trans­pa­renz. Dass Hahn plötz­lich so viel Geld hat, machte einige stut­zig. Aber ob nun das Geld aus einer Quelle kommt, die vor­her den Unis abge­zwackt wurde, ist gar nicht so wich­tig. Pro­ble­ma­ti­scher ist die Art, wie die Mit­tel plötz­lich aus dem Hut gezau­bert wer­den – vom Gön­ner Gio, der einen glimpf­li­chen Aus­gang der gan­zen Uni-​​Affäre braucht, will er wirk­lich das For­schungs­res­sort in Brüs­sel über­neh­men – und wie sie ver­ge­ben wer­den – von den Rek­to­ra­ten, in Zusam­men­ar­beit mit der ÖH. Das ist die Poli­tik der Sym­bo­lik, in der es um keine inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung geht. Und es ist auch eine Poli­tik der Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, in der sich der zustän­dige Res­sort­lei­ter abputzt an den Ver­tei­lungs­kämp­fen, die unter sei­nen wach­sa­men Augen dann aus­ge­tra­gen werden.

Die For­de­run­gen der Stu­die­ren­den und der Leh­ren­den (zumin­dest jener, die sich mit den Beset­ze­rIn­nen soli­da­risch erklärt haben) klin­gen ja anders. Aber mich irri­tiert, dass vor allem letz­tere auf Hahns uner­war­tete Geld­spende bis­her noch gar nicht rea­giert haben. Wie wäre es denn damit, dass die „exter­nen“ Lek­to­rIn­nen an jenen Insti­tu­ten, wo sie mehr als 50% der Lehre tra­gen, ihre Ver­träge kün­di­gen oder, wenn das recht­lich nicht gut mög­lich ist, sich soweit soli­da­ri­sie­ren, dass sie keine zukünf­ti­gen Ver­träge mehr unter­schrei­ben, sofern dort nicht sub­stan­ti­elle Ver­bes­se­run­gen drin­nen ste­hen? Ich wüsste einige Stu­di­en­rich­tun­gen, da würde der Lehr­be­trieb sofort zusammenbrechen.

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