Archiv für Januar 2010


28.1.: Heterodoxe Ökonomie am Scheideweg?

26. Januar 2010 – 1:22 Uhr

Hetero­doxe Ökono­mie am Schei­de­weg – Wie geht es weiter?“

Don­ners­tag, 28. Jän­ner 2010, 19:00
Wirt­schafts­uni­ver­si­tät (Augasse 2–6, 1090 Wien)
Semi­nar­raum 5.46, Kern C, UZA1


Die Stu­di­en­ver­tre­tung Volks­wirt­schaft an der WU und der BEIGEWUM laden­herz­lich zur Podi­ums­dis­kus­sion, anläss­lich des soeben erschie­ne­nen Buchs Hetero­doxe Ökono­mie, her­aus­ge­ge­ben von Joa­chim Becker, Andrea Gri­sold, Ger­traude Mikl-​​Horke, Rein­hard Pir­ker, Her­mann Rau­chen­schwandt­ner, Oli­ver Schwank, Eli­sa­beth Spring­ler und Engel­bert Stock­ham­mer (Metropolis-​​Verlag,

266 Sei­ten, Novem­ber 2009).

Auto­rIn­nen des Buchs dis­ku­tie­ren Ver­gan­gen­heit und Per­spek­ti­ven für hetero­doxe Ökono­mie an der WU und ver­su­chen zu umrei­ßen, was die Hetero­doxe Ökono­mie heute aus­macht. Bei die­ser Gele­gen­heit wer­den auch zwei Gratis-​​Exemplare des neuen Buchs verlost.


genauere Infos


„Mythen der Krise“ – neues BEIGEWUM Buch!

25. Januar 2010 – 17:39 Uhr

Neues BEIGEWUM Buch:
„Mythen der Krise. Ein­sprü­che gegen fal­sche Leh­ren aus dem gro­ßen Crash“
Her­aus­ge­ge­ben vom Bei­rat für gesellschafts-​​, wirt­schafts– und umwelt­po­li­ti­sche Alter­na­ti­ven und von Attac Öster­reich
VSA Ver­lag, 128 Sei­ten (Februar 2010)
EUR 10.80
ISBN 978–3-89965–373-1



Zu Beginn der aktu­el­len Krise schien der Neo­li­be­ra­lis­mus, ja der Kapi­ta­lis­mus ins­ge­samt, schwe­ren Legi­ti­ma­ti­ons­scha­den zu neh­men. Doch mitt­ler­weile haben sich seine Apo­lo­ge­ten erholt und ver­su­chen mit allen Mit­teln, ihre Leh­ren zu verteidigen.

Mit Mythen wie „Der Staat ist schuld an der Krise“ oder „Europa ist nur Opfer“ wird Ursa­chen­ver­leug­nung betrie­ben. Mit Ansa­gen wie „Jetzt droht die Hyper­in­fla­tion“, „Wir ver­er­ben nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen Schul­den ohne Ende“ oder „Jetzt müs­sen alle den Gür­tel enger schnal­len“, wird ver­sucht, eine Abkehr von der herr­schen­den wirt­schafts­po­li­ti­schen Dok­trin zu ver­hin­dern. Mit War­nun­gen wie „Die Ban­ken sind um jeden Preis zu ret­ten“ wird beschleu­nigt in Sack­gas­sen gesteu­ert. Doch auch kri­tisch auf­tre­tende Ansätze wie die Zinskri­tik ver­su­chen die Krise zu nut­zen, um für ihre Irr­leh­ren zu werben.

Die Auto­rIn­nen neh­men sich die kur­sie­ren­den Mythen vor und ord­nen sie in die Berei­che Kri­sen­ur­sa­chen, Kri­sen­be­schrei­bung sowie Kri­sen­lö­sun­gen ein. Die auch für Nicht-​​ÖkonomInnen ein­gän­gige Dar­stel­lung und das Auf­grei­fen von hart­nä­ckig wir­ken­den Vor­ur­tei­len machen ihr Buch zu einer will­kom­me­nen Argu­men­ta­ti­ons­hilfe für all jene, die dem herr­schen­den Krisen-​​Management kennt­nis­reich ent­ge­gen tre­ten wollen.

Prä­sen­ta­tion am Di, 16.3. 2010 um 19h in der Städ­ti­schen Büche­rei Wien am Urban Loritz Platz mit Karin Küb­lböck, Mar­kus Mar­ter­bauer und Georg Feigl: „Alle Gür­tel enger schnal­len, sonst droht der Staats­bank­rott und andere Mythen der Krise“


Wei­tere Termine:

10. Februar 16h und Frei­tag, 12. Februar 9h05: Inter­view mit Co-​​Autor Beat Weber in der Ö1-​​Sendung „Kon­text – Sach­bü­cher und Themen“

24. März 2010 um 18h an der WU Wien, Hs. 5.46 © mit Helene Schu­berth, Eli­sa­beth Spring­ler und Beat Weber

19. April 2010 um 19h Buch­prä­sen­ta­tion und Dis­kus­sion mit Katha­rina Muhr (BEIGEWUM) im Kul­tur­hof Amstetten

Inhalts­ver­zeich­nis: Inhalts­ver­zeich­nis (PDF)

Text­probe: Mythos – Alle müs­sen Gür­tel enger schnal­len (PDF)

Bestell­mög­lich­keit

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Neu: Kurswechsel 4/09: „State(s) of Workfare“

25. Januar 2010 – 17:26 Uhr

Work­fare: Does it work? Is it fair? Der Begriff Work­fare ver­weist auf einen tief­grei­fen­den Wan­del des Staa­tes, der eine stra­te­gi­sche Neu­aus­rich­tung sei­ner sozi­al­po­li­ti­schen Instru­mente gemäß den Vor­ga­ben dere­gu­lier­ter Arbeits­märkte und aus­ge­gli­che­ner Staats­haus­halte mit sich bringt. Das neue Kurs­wech­sel– Heft geht die­sen Ver­än­de­run­gen mit Fokus auf die Poli­tik­fel­der der Sozi­al­hilfe– und Arbeits­markt­po­li­tik nach und arbei­tet seine sozia­len Impli­ka­tio­nen heraus.

 

Mit Bei­trä­gen von Roland Atz­mül­ler, Hans-​​Jürgen Bie­ling, Chris­tian Brütt, Niko­laus Dim­mel, Mar­cel Fink, Britta Grell, Mar­kus Gries­ser und Bet­tina Leibetseder.

 

Außer­halb des Schwer­punkts in die­sem Heft eine aktu­elle Debatte zum Thema Spa­ren und Mana­ge­ria­lis­mus im öffent­li­chen Bereich. Mit Bei­trä­gen von Flo­ren­tine Maier, Johan­nes Leit­ner, Michael Meyer, Rein­hard Mill­ner, Bruno Ross­mann, Christa Schlager


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Demokratisierung und aufkommende Postdemokratie

19. Januar 2010 – 16:20 Uhr

Bei­trag[1] von Bern­hard Leu­bolt [2]

Die aktu­elle Trans­for­ma­tion der Demo­kra­tie um das Span­nungs­feld von Gerech­tig­keit und Glo­ba­li­sie­rung ist Leit­thema die­ses Bei­trags. Dafür wird erst die Ent­ste­hungs­ge­schichte der demo­kra­ti­schen Idee kurz umris­sen, um davon aus­ge­hend ide­al­ty­pisch Dimen­sio­nen demo­kra­ti­scher Ent­wick­lung zu skiz­zie­ren. Der hier prä­sen­tierte Ide­al­ty­pus geht in drei­er­lei Hin­sicht über kon­ven­tio­nelle Sicht­wei­sen hin­aus, die Demo­kra­tie auf Wahl– und Eigen­tums­recht redu­zie­ren: (1) Auf Pro­zess­ebene wird die Ergän­zung reprä­sen­ta­ti­ver Demo­kra­tie durch direkte und par­ti­zi­pa­tive For­men vor­ge­schla­gen; [3] auf inhalt­li­cher Ebene wer­den sowohl (2) soziale als auch (3) Wirt­schafts­de­mo­kra­tie als not­wen­dige Ergän­zun­gen the­ma­ti­siert. Tabelle 1 skiz­ziert die­ses breite Ver­ständ­nis von Demo­kra­tie, das im anschlie­ßen­den Kapi­tel näher dar­ge­stellt wird. Auf die­ser Grund­lage wird die Ent­wick­lung der Demo­kra­tie ab dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs behan­delt. Beson­ders her­aus­ge­stellt wer­den dabei Debat­ten um das Auf­kom­men von „Postdemokratie“.

Tabelle: Dimen­sio­nen von Demo­kra­tie[4]

Pro­zess Inhalt
Bereich Poli­tisch Sozio-​​ökonomisch
Wor­über? Regel­set­zung Resultats-​​orientiert
Ideal Frei­heit Gleich­heit und Gerechtigkeit
Wie? Teil­habe an poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen
Staats­macht: büro­kra­tisch /​​ öffent­lich /​​ pri­vat
Partizipation
Zugang zu Res­sour­cen
Soziale und öko­no­mi­sche Rechte: uni­ver­sell oder par­ti­ell („Treffsicherheit“)
For­men Direkt, reprä­sen­ta­tiv, partizipativ Wohl­fahrts­staat, betrieb­li­che Demokratie

Demo­kra­tie – Begriffs­be­stim­mung und Geschichte

Der Begriff „Demo­kra­tie“ kommt aus dem anti­ken Grie­chen­land und schließt die Begriffe Volk (démos) und Herr­schaft (kra­tía) ein. Der Begriff hatte jedoch damals nicht unbe­dingt eine posi­tive Kon­no­ta­tion, son­dern war viel­mehr „ein par­tei­li­cher Ter­mi­nus, der von den obe­ren Klas­sen geprägt wurde, um die ‚Über­macht’ (krátos) der Besitz­lo­sen (démos) zu bezeich­nen, wenn ‚Demo­kra­tie’ herrscht“, wie Can­fora in sei­ner „kur­zen Geschichte der Demo­kra­tie“ anmerkt. [5] Demo­kra­tie wurde mit Chaos gleich­ge­setzt, das ein­trete, wenn die unge­bil­de­ten Mas­sen die Macht über­neh­men. Daher dis­tan­zierte sich ins­be­son­dere Plato von die­ser Herr­schafts­form.[6] In der „Wiege der Poli­tik“ Athen eta­blierte sich in wei­tere Folge dann auch eine Herr­schafts­form, die diese Kri­tik berück­sich­tigte. Nicht-​​versklavte männ­li­che Bür­ger (teil­weise auch bloß Krie­ger) fäll­ten poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen. Schon in die­ser Zeit war Staats­bür­ger­schaft (im Stadt­staat) Vor­aus­set­zung zur Teil­nahme an den kol­lek­ti­ven Ent­schei­dun­gen. Außer­dem musste das Ein­kom­men groß genug sein, um Steu­ern zu ent­rich­ten und auch Wehr­dienst musste geleis­tet wer­den. Alle Frauen und die Mehr­heit der Män­ner blie­ben somit aus­ge­schlos­sen. Daher kann Demo­kra­tie in ihren klas­si­schen Ursprün­gen im anti­ken Grie­chen­land mit Can­fora als „Gemein­schaft bewaff­ne­ter Män­ner“ [7] bezeich­net werden.

Die dahin­ter ste­hende gesell­schaft­li­che Tra­di­tion setzt sich seit­her wei­test­ge­hend durch. Mit Ran­cière gespro­chen, „gibt es [in den Augen der Mäch­ti­gen bzw. der ‚Olig­ar­chie’] nur eine gute Demo­kra­tie, die­je­nige, die die Kata­stro­phe demo­kra­ti­scher Zivi­li­sa­tion ver­hin­dert“ [8]. Nach Ran­cière war es stets die gesell­schaft­li­che Min­der­heit einer „Olig­ar­chie“, die ihre über Her­kunft, Reich­tum und Bil­dung erreich­ten Pri­vi­le­gien nicht an die Mas­sen bzw. „den Pöbel“ abge­ben wollte.

In der wei­te­ren geschicht­li­chen Ent­wick­lung zeigte sich dann auch, dass die ers­ten „demo­kra­ti­schen Rechte“ libe­rale Grund­rechte zum Schutz des Indi­vi­du­ums vor staat­li­chen Ein­grif­fen waren. Die auf­kom­mende bür­ger­li­che Öffent­lich­keit [9], die sich in den Salons und Kaf­fee­häu­sern for­mierte, ver­langte nach Schutz vor staat­li­cher Will­kür. Wich­tigs­tes bür­ger­li­ches Anlie­gen war jedoch auch in die­ser Zeit schon der Schutz ihres pri­va­ten Eigen­tums und der fami­liä­ren Pri­vat­sphäre vor staat­li­chen oder frem­den Ein­flüs­sen. Diese Ent­wick­lung ging ein­her mit der zuneh­men­den Eta­blie­rung kapi­ta­lis­ti­scher Ver­ge­sell­schaf­tung. [10] In der Rechts­ge­schichte schlägt sie sich in der frü­hen Eta­blie­rung des Eigen­tums­rechts als ers­tem ver­brief­ten Recht nie­der. Die in die­sem Zusam­men­hang garan­tierte Frei­heit wird in der Phi­lo­so­phie als „nega­tive Frei­heit“ bezeich­net, die nach Isaiah Ber­lin [11] einen Zustand bezeich­net, in dem keine von ande­ren Men­schen oder Orga­ni­sa­tio­nen aus­ge­hen­den Zwänge indi­vi­du­el­les Ver­hal­ten erschwe­ren oder verhindern.

Posi­tive Frei­heit impli­ziert hin­ge­gen die Mög­lich­keit, die nega­tive Frei­heit von frem­den Ein­flüs­sen auch dahin gehend zu nut­zen, das eigene Leben zu gestal­ten. „No taxa­tion wit­hout rep­re­sen­ta­tion“ war dies­be­züg­lich die For­de­rung, mit der sich die bri­ti­sche Bour­geoi­sie gegen­über den Ade­li­gen durch­set­zen konnte. Auch die fran­zö­si­sche Revo­lu­tion war von ähn­li­chen Gedan­ken getra­gen. In die­sem Fall stützte sich die bür­ger­li­che Bewe­gung jedoch gleich­zei­tig auch auf die große Mehr­heit der Bevöl­ke­rung wie die Losung „Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit“ auf­zeigt. Nach der Nie­der­schla­gung von Jako­bi­ne­rIn­nen und Sans­cu­lot­tes um Robes­pierre setzte sich aber auch hier das Besitz­bür­ger­tum durch. Das Wahl­recht war dann – wie in Eng­land – von Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit, Bil­dungs­stand und Geschlecht abhän­gig. Ana­log zum anti­ken Grie­chen­land wur­den die Vor­rechte der patri­ar­cha­len Olig­ar­chie also auch im Zuge der bür­ger­li­chen Revo­lu­tion kaum beein­träch­tigt. [12]

Demo­kra­ti­sie­rung im 20. Jahrhundert

Mit weni­gen Aus­nah­men wurde das all­ge­meine Wahl­recht erst im 20. Jahr­hun­dert eta­bliert und das auch oft bloß etap­pen­weise. Das Frau­en­wahl­recht folgte dabei meist zuletzt, was die patri­ar­chale Tren­nung zwi­schen den Män­nern vor­be­hal­te­ner „Öffent­lich­keit“ und den Frauen zuge­schrie­be­ner „Pri­vat­heit“ im Fami­li­en­haus­halt wie­der­spie­gelt. Wäh­rend Frauen Für­sor­ge­ar­beit im Pri­vat­haus­halt zuge­schrie­ben wird, sind Män­ner in den Berei­chen von Lohn­ar­beit und Poli­tik präsent.

Hin­ter der Errei­chung des all­ge­mei­nen Wahl­rechts stan­den mas­sive gesell­schaft­li­che Kämpfe. In Europa war die Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung – in wei­ten Tei­len reprä­sen­tiert durch sozia­lis­ti­sche oder sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­teien – zen­trale Prot­ago­nis­tin für die­sen demo­kra­ti­schen Wan­del, der vor allem in den Zei­ten nach den Welt­krie­gen statt­fand. Die pro­pa­gierte Vor­stel­lung von Demo­kra­tie umfasste jedoch nicht bloß poli­ti­sche, son­dern auch soziale Rechte. Beson­de­res Augen­merk wurde dabei auf Arbeits­rechte gelegt, aber auch die Demo­kra­ti­sie­rung der Arbeits­welt wurde dis­ku­tiert. Wäh­rend des Zusam­men­bruchs der Mon­ar­chie arbei­tete z.B. die öster­rei­chi­sche Sozi­al­de­mo­kra­tie unter Otto Bauer dar­auf hin, demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren betrieb­li­cher Selbst­ver­wal­tung zu initi­ie­ren, was in den Bestim­mun­gen zu den Betriebs­rä­ten Ein­zug in die öster­rei­chi­sche Ver­fas­sung gefun­den hat. Ten­den­zen zur Eta­blie­rung von sozio-​​​​ökonomischer Demo­kra­tie wur­den jedoch auch in die­ser Phase von kon­ser­va­ti­ven und libe­ra­len Kräf­ten abge­schwächt oder ver­hin­dert.[13]

Erst nach dem 2. Welt­krieg setzte dann eine neue Dyna­mik ein: die Ent­wick­lung von Wohl­fahrts­staa­ten in Europa. In die­ser Zeit war ein anti­fa­schis­ti­scher Grund­kon­sens die Basis für die Betei­li­gung von sozia­lis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Par­teien in ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lun­gen.[14] Die resul­tie­ren­den Ver­fas­sun­gen ent­hiel­ten weit­ge­hen­dere Arbeits­rechte als je zuvor. Öko­no­misch setzte sich das Modell des Keyne­sia­nis­mus bzw. „For­dis­mus“ durch, das auf Mas­sen­pro­duk­tion für den Mas­sen­kon­sum inner­halb der Natio­nal­staa­ten abzielte. Henry Fords Losung, dass „seine Arbei­ter sich seine Autos leis­ten kön­nen müs­sen“, wurde Pro­gramm. Kor­po­ra­tis­ti­sche Arran­ge­ments nah­men „sozi­al­part­ner­schaft­li­che“ For­men an – Gewerk­schaf­ten beka­men somit eine aktive Rolle bei der For­mu­lie­rung von Poli­tik. Frauen blie­ben dabei weit­ge­hend aus­ge­schlos­sen, da sowohl Staat als auch kor­po­ra­tis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen von Män­ner­bün­den[15] domi­niert wurden.

Sozi­al­po­li­tik – ursprüng­lich von Bis­mark zur Schwä­chung der Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung ein­ge­führt – wurde stark aus­ge­baut. Der bri­ti­sche Sozio­loge T.H. Mar­shall sprach von der Eta­blie­rung von „sozia­ler Staats­bür­ger­schaft“ (social citi­zenship).[16] Durch die Gewäh­rung von poli­ti­schen und sozia­len Rech­ten wür­den Klas­sen­un­ter­schiede lang­sam ver­schwin­den und statt­des­sen wür­den sich glei­che Staats­bür­ge­rIn­nen gegen­über­tre­ten. Die Uni­ver­sa­li­sie­rung von öffent­li­chen Dienst­leis­tun­gen – ins­be­son­dere von sozi­al­po­li­ti­schen wie Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und Gesund­heits­ver­sor­gung – war dafür essen­zi­elle Grund­lage. Gesetz­lich garan­tierte soziale Rechte, die ein­ge­klagt wer­den konn­ten, stell­ten einen gro­ßen Unter­schied zur vor­her gege­be­nen Abhän­gig­keit von Almo­sen gut­mü­ti­ger rei­cher Men­schen dar. Ide­al­ty­pisch kann daher die Ent­wick­lung der Demo­kra­tie in Europa mit der schritt­wei­sen Ein­füh­rung bzw. dem Erkämp­fen von libe­ra­len Grund­rech­ten (civil rights), poli­ti­schen Rech­ten und sozia­len Rech­ten ver­stan­den wer­den.[17]

Die als Ergeb­nis des „demo­kra­ti­schen Klas­sen­kamp­fes“[19] eta­blier­ten staat­li­chen Sozi­al­leis­tun­gen grif­fen auch in polit-​​​​ökonomische Pro­zesse ein. Der Pro­zess der Kom­mo­di­fi­zie­rung, d.h. des „zur Ware wer­dens“ bzw. der Inwert­set­zung von Arbeits­pro­duk­ten, wurde in man­chen Berei­chen rück­gän­gig gemacht – z.B. musste dann für den Besuch von Schu­len oder Kran­ken­häu­sern kein indi­vi­du­el­ler Preis mehr bezahlt wer­den. In der Lite­ra­tur wird der ent­spre­chende Pro­zess als „De-​​​​Kommodifizierung“ bezeich­net, wodurch „Anti-​​​​Wert“ ent­ste­hen konnte.[20] Durch steu­er­lich finan­zierte staat­li­che Leis­tun­gen wur­den einige Berei­che der Pro­fit­lo­gik ent­zo­gen, was posi­tive Aus­wir­kun­gen auf die Bür­ge­rIn­nen hatte, die soziale Rechte gül­tig machen konnten:

Indem er Armut, Arbeits­lo­sig­keit und tota­ler Lohn­ab­hän­gig­keit ein Ende setzt, stei­gert der Wohl­fahrts­staat poli­ti­sche Res­sour­cen und ver­rin­gert zugleich jene sozia­len Spal­tun­gen, die die poli­ti­sche Ein­heit der Arbei­ter­schaft gefähr­den.“[21]

Gleich­zei­tig begüns­tigte die De-​​​​Kommodifizierung auch die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung. Die staat­li­che Bereit­stel­lung sozia­ler Dienst­leis­tun­gen begüns­tigt in viel­fa­cher Weise der Repro­duk­tion der mensch­li­chen Arbeits­kraft. Staat­li­che Bil­dung kann betrieb­li­che Wei­ter­bil­dung teil­weise erset­zen, staat­li­che Gesund­heits­ver­sor­gung ver­rin­gert krank­heits­be­dingte Arbeits­aus­fälle, usw. Auch Geschlech­ter­ver­hält­nisse kön­nen durch Pro­zesse der De-​​​​Kommodifizierung beein­flusst wer­den. Die vor­hin erwähnte Tren­nung in „Pri­vat­heit“ und „Öffent­lich­keit“ im Arbeits­le­ben kann durch staat­li­che Ange­bote von Für­sor­ge­ar­beit (Care) wie Kin­der– und Alten­be­treu­ung dahin­ge­hend beein­flusst wer­den, dass Frauen am Arbeits­le­ben teil­neh­men. Der damit ein­her­ge­hende Pro­zess von Kom­mo­di­fi­zie­rung ist ein dop­pel­ter: (1) Die neu ent­ste­hen­den Arbeits­plätze wer­den größ­ten­teils von Frauen aus­ge­übt und (2) eröff­net die staat­li­che Über­nahme der Für­sor­ge­ar­beit Frauen die Mög­lich­keit zur Lohn­ar­beit. Esping-​​​​Andersen bezeich­net diese Pro­zesse als De-​​​​Familiarisierung,[22] die in ers­ter Linie in den sozi­al­de­mo­kra­tisch gepräg­ten Wohl­fahrts­staa­ten in Skan­di­na­vien ein­ge­tre­ten ist. In den libe­ra­len sowie den kon­ser­va­ti­ven Wohl­fahrts­staa­ten Mit­tel– und Süd­eu­ro­pas ist Sozi­al­po­li­tik hin­ge­gen noch stär­ker fami­lia­ri­siert.[23] Wäh­rend in libe­ra­len Wohl­fahrts­staa­ten und in Süd­eu­ropa der Grad der De-​​​​Kommodifizierung rela­tiv gering ist, wurde in Zen­tral­eu­ropa trotz De-​​​​Kommodifizierung rela­tiv wenig de-​​​​familiarisiert. Das Modell des männ­li­chen Fami­li­e­n­er­näh­rers wurde hier in der Zeit der dyna­mi­schen Ent­wick­lung der Sozi­al­po­li­tik kaum ange­tas­tet. Anders als in Skan­di­na­vien wurde in den 1960er und 1970er Jah­ren von staat­li­cher Seite nicht ver­sucht, den staat­li­chen Bedarf an Arbeits­plät­zen durch die Inte­gra­tion von Frauen in die Lohn­ar­beit zu decken. Viel­mehr wurde hier auf männ­li­che „Gast­ar­bei­ter“ gesetzt.[24] Die staat­lich for­cier­ten Migra­ti­ons­pro­zesse führ­ten gleich­zei­tig auch Pro­bleme vor Augen, die mit der Kop­pe­lung von sozia­len Rech­ten an Staats­bür­ger­schaft ver­bun­den sind. Pro­zesse der Über­aus­beu­tung migran­ti­scher Arbeits­kraft waren auch erste Ansatz­punkte zur Auf­kün­di­gung des for­dis­ti­schen Wohl­fahrts­staats, der auf der kon­ti­nu­ier­li­chen Aus­wei­tung des Mas­sen­kon­sums basierte.[25]

Die Welle der Demo­kra­ti­sie­rung erfasste bis in die 1970er Jahre immer wei­tere Berei­che. In Öster­reich wurde unter Kreisky – im Rah­men der kor­po­ra­tis­ti­schen Tra­di­tion – bei­spiels­weise auch das Bil­dungs­we­sen für die Betei­li­gung von betrof­fe­nen Grup­pen geöff­net. Sozio-​​​​ökonomische Demo­kra­ti­sie­rung ging dabei mit poli­ti­scher Demo­kra­ti­sie­rung ein­her, da gleich­zei­tig der Zugang ver­brei­tert und die Betei­lig­ten an Ent­schei­dun­gen betei­ligt wur­den. Die schon erwähn­ten Pro­ble­ma­tik der domi­nie­ren­den Män­ner­bünde setzte sich aber auch in die­ser Phase fort. Der deut­sche Ungleich­heits­for­scher Kre­ckel führt dies vor allem dar­auf zurück, dass der (in Öster­reich und Deutsch­land domi­nante) Kor­po­ra­tis­mus an der männ­lich domi­nier­ten Erwerbs­ar­beit anknüpfte und Frauen daher auto­ma­tisch aus­schloss.[26]

Die zuneh­mende Büro­kra­ti­sie­rung kann als wei­te­res Pro­blem betrach­tet wer­den. Auf der einen Seite hel­fen büro­kra­ti­sche Pro­ze­du­ren zwar, per­sön­li­che Herr­schafts­for­men ein­zu­däm­men, da glei­che Regeln für alle zu gel­ten haben.[27] Gleich­zei­tig ist die Büro­kra­tie auch ein hier­ar­chi­sches Sys­tem, das dazu ten­diert, sich vom gesell­schaft­li­chen Leben abzu­kop­peln. Staat­lich erbrachte Dienst­leis­tun­gen wur­den daher viel­fach nicht als öffent­li­che (d.h. tat­säch­lich gesell­schaft­lich und demo­kra­tisch) Leis­tun­gen iden­ti­fi­ziert – weder sei­tens der Nut­ze­rIn­nen noch sei­tens der Beam­tIn­nen. Neben die­ser Pro­ble­ma­tik zeigte sich schon im „gol­de­nen Zeit­al­ter“ der sozio-​​​​ökonomischen Demo­kra­ti­sie­rung im For­dis­mus, dass die Ver­brei­te­rung des Zugangs teil­weise zu Qua­li­täts­ver­lus­ten führte. Die Phä­no­mene von „Mas­sen­kul­tur“ und der dadurch bedingte Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit wur­den beson­ders von Ver­tre­tern der Frank­fur­ter Schule (v.a. Haber­mas, Adorno, Hork­hei­mer) aus­ge­ar­bei­tet. So schrei­ben Hork­hei­mer und Adorno[28] schon 1944:

Die Abschaf­fung des Bil­dungs­pri­vi­legs durch Aus­ver­kauf lei­tet die Mas­sen nicht in die Berei­che, die man ihnen ehe­dem vor­ent­hielt, son­dern dient, unter den beste­hen­den gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen, gerade dem Zer­fall der Bil­dung, dem Fort­schritt der bar­ba­ri­schen Beziehungslosigkeit.“

Die in der „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ ent­hal­tene Kri­tik am Ver­lust der kri­ti­schen Bil­dung, die ursprüng­lich dazu gedient hatte, das gesell­schaft­li­che Esta­blish­ment auf ihre Füh­rungs­rol­len in Poli­tik und Wirt­schaft vor­zu­be­rei­ten, um dann von Mas­sen (aus)bildung abge­löst zu wer­den, deren Haupt­auf­gabe die Vor­be­rei­tung auf den Arbeits­markt war, wurde von Haber­mas noch brei­ter auf die Gesell­schaft bezo­gen. Die kri­ti­sche bür­ger­li­che Öffent­lich­keit wurde durch eine durch kom­mer­zi­elle Inter­es­sen „ver­mach­tete“ Öffent­lich­keit der Mas­sen­kul­tur und –gesell­schaft abge­löst.[29] In Bezug auf die Trans­for­ma­tion der Demo­kra­tie hatte Agnoli[30] ähn­li­che Gedan­ken: Er radi­ka­li­sierte die bürgerlich-​​​​aufklärerische Kri­tik der Frank­fur­ter Schule dahin­ge­hend, die Kon­ti­nui­tät der Pro­zesse der gesell­schaft­li­chen Abson­de­rung der Herr­schen­den auf­zu­zei­gen. In der sich eta­blie­ren­den Mas­sen­ge­sell­schaft ent­wi­ckelte sich ein Typus der Mas­sen– bzw. Staats­par­tei, die einen star­ken „Zug zur poli­ti­schen Mitte“ auf­weist. Dafür ist es not­wen­dig, dass sich Par­teien weg von ihren Mit­glie­dern ent­wi­ckel­ten, was meist über Büro­kra­ti­sie­rung geschah. An die Stelle gesell­schaft­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung tritt dann die Aus­ein­an­der­set­zung um Kom­pe­tenz in der Ver­wal­tung von „Sachzwängen“:

Die poli­ti­sche Par­tei des Ver­fas­sungs­staa­tes – dort, wo sie sich am volls­ten aus­ge­bil­det hat – wirkt in letz­ter Instanz als Klas­sen­or­gan der Kon­ser­va­ti­ven, weil sie keine Klas­sen mehr zu ken­nen vor­gibt, son­dern nur noch ‚Men­schen’. In ihr herr­schen beim Ent­schei­dungs­pro­zess nicht der Drang und der Druck exis­ten­ter Bevöl­ke­rungs­grup­pen, son­dern der ‚Sach­zwang’.“[31]

Schon in der Phase des for­dis­ti­schen Wohl­fahrts­staats zeig­ten sich also erste Anzei­chen des Pro­zes­ses, der in der aktu­el­len Debatte als „post­de­mo­kra­tisch“ beschrie­ben wird.

Neo­li­be­ra­ler Auto­ri­ta­ris­mus und Postdemokratie

In den 1980er Jah­ren wur­den der keynesianisch-​​​​fordistische Nach­kriegs­kon­sens vom Neo­li­be­ra­lis­mus ver­drängt. David Har­vey[32] zeigt auf, dass es sich dabei um ein Pro­jekt der Wie­der­her­stel­lung der Macht der herr­schen­den Klas­sen han­delte. In mate­ri­el­ler Hin­sicht zeigt sich das deut­lich in Ein­kom­mens– und Ver­mö­gens­ver­tei­lung. Nicht nur die (im Gini-​​​​Koeffizienten gemes­sene) per­so­nelle Ein­kom­mens­ver­tei­lung, son­dern auch die funk­tio­nale Ver­tei­lung zwi­schen Kapi­tal und Arbeit ver­än­dern sich bestän­dig zu Guns­ten der Reichs­ten. Die größ­ten Ver­lie­rer sind dabei auf den ers­ten Blick die männ­li­chen Brot­ver­die­ner von einst, die auf­grund von Real­lohn­ein­bu­ßen oft nicht mehr alleine ihre Fami­lien ernäh­ren kön­nen. Auf Frauen wir­ken die Umstruk­tu­rie­run­gen klas­sen­se­lek­tiv:[33] Gene­rell üben jetzt mehr Frauen Erwerbs­ar­beit aus. In den ärme­ren Fami­lien wird die Lohn­ein­buße des ehe­ma­li­gen Fami­li­e­n­er­näh­rers meist durch Teil­zeit­ar­beit der Frauen aus­ge­gli­chen, deren Arbeits­be­las­tung im Haus­halt jedoch nicht gleich­zei­tig sinkt. Rei­chere DoppelverdienerInnen-​​​​Familien hin­ge­gen leis­ten sich zuneh­mend Haus­häl­te­rin­nen. Meist von Migran­tin­nen aus­ge­führte Haus­halts­ar­beit wird dann zwar bezahlt, führt aber auch zur Aus­wei­tung des Niedriglohnsegments.

Diese soziale Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung wird ver­schärft durch Ten­den­zen zur Pri­va­ti­sie­rung, da der Zugang zu sozia­ler Infra­struk­tur dann stär­ker durch finan­zi­elle Mög­lich­kei­ten geprägt wird. Auch die Umstruk­tu­rie­rung der Sozi­al­po­li­tik im Sinn von „work­fare“ statt „wel­fare“[34] wie z.B. mit­tels der Hartz IV Gesetze in Deutsch­land trägt zur auto­ri­tä­ren Wende bei, da „akti­vie­rende Arbeits­markt­po­li­tik“ an den Zwang gekop­pelt wird, Erwerbs­ar­beit nach­zu­ge­hen – auch unter sehr schlech­ten Arbeits­be­din­gun­gen. Die sozio-​​​​ökonomische Kom­po­nente wird auch durch Umstruk­tu­rie­run­gen des Arbeits­re­gimes ver­än­dert. Die „Fle­xi­bi­li­sie­rung“ (d.h. der Abbau) arbeits­recht­li­cher Stan­dards geht ein­her mit der Ero­sion kor­po­ra­tis­ti­scher Mecha­nis­men der „Sozi­al­part­ner­schaft“. An deren Stelle tre­ten jedoch nicht offe­nere For­men von Mit­be­stim­mung, son­dern Kom­bi­na­tio­nen aus Ziel­vor­ga­ben des obe­ren Manage­ments (mit­tels Indi­ka­to­ren usw.) und auto­nome Team­struk­tu­ren unter den Arbeit­neh­me­rIn­nen, die frei sind in der Wahl der Mit­tel zur eige­nen Aus­beu­tung.[35]

Auch auf Pro­zess­ebene geht die Ten­denz in Rich­tung Demo­kra­tie­ab­bau, was als „Post­de­mo­kra­tie“ (Crouch) bzw. „post-​​​​politische“ Ent­wick­lung (Mouffe, Ran­cière) bezeich­net wird. Zen­trale Ele­mente sind hier (1) das Ver­schwim­men der Gren­zen zwi­schen Unter­neh­men und Staat und (2) die Ablö­sung von inter­es­sens­ba­sier­ter Poli­tik durch „objek­tive“ Behand­lung von „Sach­zwän­gen“ durch Exper­tIn­nen. Crouch[36] betont beson­ders die Domi­nanz des „glo­ba­len Unter­neh­mens“: Die mit dem Pro­zess der „Glo­ba­li­sie­rung“[37] zusam­men­hän­gende stei­gende Mobi­li­tät des Kapi­tals erhöht des­sen Druck­po­ten­tial gegen­über natio­na­len Regie­run­gen. Auch insti­tu­tio­nelle Umstruk­tu­rie­run­gen der Staa­ten för­dern die­sen Pro­zess: Einer­seits führt der Fokus auf „Public – Pri­vate Part­nerships“ (PPPs) dazu, dass der Staat in vie­len kon­kre­ten Pro­jek­ten direkt mit Unter­neh­men zusam­men­ar­bei­tet. Trans­pa­renz und Rechen­schaft, die in klas­sisch büro­kra­ti­schen Pro­zes­sen wich­tig waren, gehen dabei ebenso ver­lo­ren wie die Mög­lich­keit von gewähl­ten Ver­tre­te­rIn­nen, eigen­stän­dig Ent­schei­dun­gen zu tref­fen.[38] Ande­rer­seits wird auch staat­li­ches Han­deln selbst in Reform­pro­zes­sen des „New Public Manage­ment“ nach dem Vor­bild der unter­neh­me­ri­schen Orga­ni­sa­tion „ver­be­triebs­wirt­schaft­licht“. Das Ergeb­nis bezeich­nen die renom­mier­ten Governance-​​​​Forscher Peters und Pierre[39] als „Faust’schen Tausch“ von kurz­fris­ti­ger Effi­zi­enz zu Las­ten von Demokratie.

Im poli­ti­schen Pro­zess wer­den die von Agnoli schon für den For­dis­mus skiz­zier­ten Ten­den­zen zur De-​​​​Politisierung wei­ter radi­ka­li­siert. Poli­tik wird in die­sem Sinne nicht mehr als Auf­ein­an­der­pral­len von ent­ge­gen­ge­setz­ten Inter­es­sen betrie­ben, son­dern als objek­ti­ves Lösen von Pro­ble­men unter der Last der „Sach­zwänge der Glo­ba­li­sie­rung“. Auf Akteurs­ebene betrifft das vor allem ehe­mals linke Par­teien, die sich auch selbst umstruk­tu­rie­ren: Um den „Zug zur Mitte“ voll­zie­hen zu kön­nen, wer­den Ent­schei­dungs­kom­pe­ten­zen auf wenige füh­rende Köpfe zen­tra­li­siert und der Par­tei­ap­pa­rat dabei büro­kra­ti­siert. Die Staats­ap­pa­rate selbst wer­den ähn­lich umstruk­tu­riert: stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen wer­den zuneh­mend weni­ger in Par­la­men­ten getrof­fen, son­dern durch Exe­ku­tive und Judi­ka­tive (letz­te­res v.a. in der EU), wirt­schaft­li­che Appa­rate wie Finanz­mi­nis­te­rium und Zen­tral­bank wer­den gegen­über ande­ren Appa­ra­ten gestärkt. Eini­ges wird auch auf „Exper­ten­gre­mien“ aus­ge­la­gert, die als objek­tiv prä­sen­tiert wer­den.[40] Ran­cière sieht darin die Demo­kra­tie­feind­lich­keit der „Olig­ar­chie“ des gesell­schaft­li­chen Esta­blish­ments, die ihre „natür­li­che Über­le­gen­heit“ auf­grund von Her­kunft und Bil­dung nicht an „den Pöbel“ abge­ben wol­len.[41] Als Reak­tion of die soge­nannte Poli­tik­ver­dros­sen­heit im post­de­mo­kra­ti­schen Zeit­al­ter gibt es teil­weise Par­ti­zi­pa­ti­ons­pro­jekte auf loka­ler Ebene. Meis­tens betref­fen diese Pro­jekte jedoch bloß Mikro­stru­ku­ren (z.B. par­ti­zi­pa­tive Park­ge­stal­tung) wäh­rend stra­te­gisch zen­trale Ent­schei­dun­gen (z.B. EU-​​​​Reformvertrag, aktive Rechts­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs) in ent­po­li­ti­sier­ten und meist auch intrans­pa­ren­ten Räu­men statt­fin­den. Vie­ler­orts sind die ein­zi­gen Par­teien, die sich dem post­de­mo­kra­ti­schen Kon­sens ent­ge­gen­stel­len, neo­fa­schis­tisch, wäh­rend Par­teien des lin­ken Spek­trums sich zur poli­ti­schen Mitte hin als Staats­par­teien zu eta­blie­ren versuchen.

Fazit

Das hier skiz­zierte Kon­zept von Demo­kra­tie ist breit ange­legt als poli­tisch und sozio-​​​​ökonomisch sowie pro­zess­haft, d.h. die Pro­zesse von Demo­kra­ti­sie­rung und Ent-​​​​Demokratisierung ste­hen im Mit­tel­punkt der Betrach­tung. Zen­tra­les Moment bei die­sen Pro­zes­sen ist das Ver­hält­nis der „Olig­ar­chie“ zur „Masse des Vol­kes“. Im Lauf der Geschichte zeigte sich, dass die „Olig­ar­chie“ stets Bemü­hun­gen zeigte, sich vom Rest abzu­schot­ten und zu ver­hin­dern, dass „der unge­bil­dete Pöbel“ Ent­schei­dun­gen trifft. Nach der Erkämp­fung des all­ge­mei­nen Wahl­rechts kam es nach dem Zwei­ten Welt­krieg zu einer kur­zen Welle der Demo­kra­ti­sie­rung. Im Zuge der neo­li­be­ra­len Trans­for­ma­tio­nen ver­stärk­ten sich dann Ten­den­zen zur Ent-​​​​Demokratisierung, die in aktu­el­len Debat­ten als „post­de­mo­kra­tisch“ bezeich­net wer­den. Im Zuge des­sen wer­den sozio-​​​​ökonomische Rechte abge­baut und ent­spre­chende Ent­schei­dun­gen als „öko­no­mi­sche Sach­zwänge der Glo­ba­li­sie­rung“ de-​​​​politisiert. Wenn diese Ent­wick­lun­gen die Par­teien des lin­ken Spek­trums erfas­sen, sind es oft bloß neo­fa­schis­ti­sche Par­teien, die sich gegen den post­de­mo­kra­ti­schen Kon­sens stel­len. Um mög­li­che Neo­fa­schis­men zu ver­hin­dern, gilt es, pro­gres­sive Kon­zepte von Re-​​​​Politisierung und Demo­kra­ti­sie­rung zu ent­wi­ckeln, die an der Dyna­mik der Nach­kriegs­zeit anknüp­fen und in Bezug auf Geschlech­ter­ver­hält­nisse und Staats­bür­ger­schaft neue Ansätze zu fin­den, um den Pro­zess der Demo­kra­ti­sie­rung wei­ter voranzutreiben.


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Fuß­no­ten

[1] Die­ser Bei­trag wird im Früh­jahr 2010 in einer Publi­ka­tion der GBW zum The­men­be­reich „Glo­ba­li­sie­rung – Gerech­tig­keit – Demo­kra­tie“ im Planet-​​​​Verlag erscheinen.

[2] Pro­mo­ti­ons­sti­pen­diat der Heinrich-​​​​Böll-​​​​Stiftung im Rah­men des Kol­legs „Glo­bal Social Poli­cies and Gover­nance“ (http://www.social-globalization.uni-kassel.de/); Redak­ti­ons­mit­glied des „Jour­nal für Ent­wick­lungs­po­li­tik“ (http://www.mattersburgerkreis.at/jep/); Vor­stands­mit­glied des BEIGEWUM.

[3] Die Kom­bi­na­tion von reprä­sen­ta­ti­ver, direk­ter und par­ti­zi­pa­ti­ver Demo­kra­tie wird hier jedoch nicht wei­ter ver­tieft. Vgl. dazu: Bern­hard Leu­bolt, Andreas Novy und Bar­bara Bein­stein: Gover­nance and Demo­cracy – KATARSIS Sur­vey Paper, in: Cahiers du Centre de recher­che sur les inno­va­tions socia­les (CRISES), Collec­tion Étu­des thé­o­ri­ques, H. ET0908 (2009) http://www.crises.uqam.ca/cahiers/ET0908.pdf (Stand: 17-​​​​11-​​​​2009).

[4] Andreas Novy und Bern­hard Leu­bolt: Scale-​​​​Sensitive Socio­eco­no­mic Demo­cra­ti­sa­tion, auf der „RSA-​​​​conference: Under­stan­ding and Shaping Regi­ons: Spa­tial, Social and Eco­no­mic Futures“ Kon­fe­renz prä­sen­tier­tes paper, Leu­ven, 6–8 April 2009, S. 4, http://www.regional-studies-assoc.ac.uk/events/2009/apr-leuven/papers/Novy.pdf (Stand: 26.11.2009).

[5] Luciano Can­fora: Eine kurze Geschichte der Demo­kra­tie. Von Athen bis zur Euro­päi­schen Union, Köln: Papy­Rossa 2006, S. 35f.

[6] Neben Can­fo­ras Buch vgl. auch: Jac­ques Ran­cière: Hat­red of Demo­cracy, Lon­don: Verso 2009.

[7] Can­fora (Anm. 3), S. 35.

[8] Ran­cière (Anm. 4), S. 4; Übers. BL.

[9] Vgl.: Jür­gen Haber­mas: Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit. Unter­su­chun­gen zu einer Kate­go­rie der bür­ger­li­chen Gesell­schaft. Mit einem Vor­wort zur Neu­auf­lage 1990, Frank­furt: Suhr­kamp 1990.

[10] Eine aus­ge­zeich­nete Beschrei­bung der his­to­ri­schen Ent­ste­hung des Kapi­ta­lis­mus fin­det sich bei: Jür­gen Krom­phardt: Kon­zep­tio­nen und Ana­ly­sen des Kapi­ta­lis­mus, Göt­tin­gen: Van­den­hoeck & Ruprecht, 4. Aufl. 2004.

[11] Isaiah Ber­lin: Two Con­cepts of Liberty (1958) http://www.nyu.edu/projects/nissenbaum/papers/twoconcepts.pdf (Stand: 23-​​​​11-​​​​2009).

[12] Neben Can­fo­ras Buch (Anm. 3) gibt auch „Der acht­zehnte Bru­maire des Louis Napo­leon“ von Karl Marx (MEW 8, Ber­lin: Dietz; bzw.: http://www.ml-werke.de/marxengels/me08_115.htm) inter­es­sante Ein­bli­cke in die Geschichte der fran­zö­si­schen Revolution.

[13] Zu den austro-​​​​marxistischen Kon­zep­tio­nen vgl.: Otto Bauer: Der Weg zum Sozia­lis­mus, Werk­aus­gabe, Wien: Euro­pa­ver­lag 1976. In einem ande­ren Bei­trag beziehe ich mich aus­führ­li­cher dar­auf: Bern­hard Leu­bolt: Krise der Demo­kra­tie und mög­li­che Alter­na­ti­ven, http://www.beigewum.at/2009/11/krise-der-demokratie-und-mogliche-alternativen/ (Stand: 26.11.2009)

[14] Vgl.: Can­fora (Anm. 3).

[15] Vgl.: Eva Kreisky: Das ewig Män­ner­bün­di­sche? Zur Stan­dard­form von Staat und Poli­tik, Hg. Claus Leg­ge­wie, Wozu Poli­tik­wis­sen­schaft? Über das Neue in der Poli­tik, Darm­stadt: Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft 1994.

[16] Vgl.: Tho­mas Hum­phrey Mar­shall: Citi­zenship and Social Class, and other Essays, Cam­bridge: Cam­bridge Uni­ver­sity Press 1950.

[17] Vgl.: Guil­lermo O’Donnell: Human Deve­lop­ment, Human Rights, and Demo­cracy, Hg. Guil­lermo O’Donnell, Jorge Var­gas Cul­lell und Osvaldo M. Iaz­zetta, The Qua­lity of Demo­cracy: Theory and App­li­ca­ti­ons, Notre Dame: Uni­ver­sity of Notre Dame Press 2004.

[18] Eigene Dar­stel­lung nach: Ebd.

[19] Der Begriff stammt von Korpi, der damit auf die klassen-​​​​basierten insti­tu­tio­nel­len Kämpfe von sozialdemokratischen,sozialistischen und/​​oder kom­mu­nis­ti­schen Par­teien hin­wies, die zur Eta­blie­rung von sozi­al­po­li­ti­schen Arran­ge­ments führ­ten. Vgl.: Wal­ter Korpi: The Demo­cra­tic Class Struggle, Lon­don: Rout­ledge 1983

[20] Der Begriff der De-​​​​Kommodifizierung geht auf Esping-​​​​Andersen zurück; vgl.: Gøsta Esping-​​​​Andersen: The three worlds of wel­fare capi­ta­lism, Cam­bridge: Polity Press 1990Gøsta Esping-​​​​Andersen: Die drei Wel­ten des Wohl­fahrts­ka­pi­ta­lis­mus. Zur Poli­ti­schen Öko­no­mie des Wohl­fahrts­staa­tes, Hg. Ste­phan Les­se­nich und llona Ost­ner, Wel­ten des Wohl­fahrts­ka­pi­ta­lis­mus: Der Sozi­al­staat in ver­glei­chen­der Per­spek­tive, Frank­furt: Cam­pus 1998.
Der bra­si­lia­ni­sche Sozio­loge Oliveira beschrieb die Ent­wick­lung mit Hilfe der Marx’schen Kate­go­rien zur Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie als „Auf­kom­men des Anti-​​​​Werts“; vgl.: Fran­cisco de Oliveira: O Sur­gi­mento do Anti­va­lor. Capi­tal, Força de Tra­balho e Fundo Público, In: Novos Estu­dos 9 (1988), H. 22.

[21] Esping-​​​​Andersen: Die drei Wel­ten des Wohl­fahrts­ka­pi­ta­lis­mus. Zur Poli­ti­schen Öko­no­mie des Wohl­fahrts­staa­tes, S. 23.

[22] Gøsta Esping-​​​​Andersen: Social Foun­da­ti­ons of Post­in­dus­trial Eco­no­mies, Oxford: Oxford Uni­ver­sity Press 1999.

[23] Esping-​​​​Andersen unter­schei­det sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Wohl­fahrts­staa­ten (Skan­di­na­vien) von libe­ra­len (z.B. Groß­bri­tan­nien, USA) und konservativ-​​​​korporatistischen (z.B. Deutsch­land, Frank­reich, Öster­reich). Auf­grund des deut­lich gerin­ge­ren Gra­des der De-​​​​Kommodifizierung und der damit ver­bun­de­nen Aus­la­ge­rung von Sozi­al­po­li­tik auf Fami­lien wird Süd­eu­ro­pas Sozi­al­mo­dell oft als fami­li­en­ba­siert bezeich­net; vgl. z.B.: Alberta Andreottiu.a.: Does a Sou­thern Euro­pean Model Exist?, In: Jour­nal of Con­tem­porary Euro­pean Stu­dies 9 (2001), H. 1.

[24] Vgl.: Eve­lyne Huber und John D. Ste­phens: Deve­lop­ment and Cri­sis of the Wel­fare State: Par­ties and Poli­cies in Glo­bal Mar­kets, Chi­cago: The Uni­ver­sity of Chi­cago Press 2001.

[25] Vgl.: Éti­enne Balibar und Imma­nuel Wal­ler­stein: Rasse, Klasse, Nation: Ambi­va­lente Iden­ti­tä­ten Ham­burg: Argu­ment, 2. Aufl. 1998.

[26] Rein­hard Kre­ckel: Poli­ti­sche Sozio­lo­gie der sozia­len Ungleich­heit, Frank­furt: Cam­pus, 3. Aufl. 2004

[27] Das grund­le­gende Werk zur Büro­kra­tie ist: Max Weber: Wirt­schaft und Gesell­schaft. Grund­riß der Ver­ste­hen­den Sozio­lo­gie, Tübin­gen: Mohr Sie­beck, 5. Aufl. 1980; zur Kri­tik vgl.: Jan Reh­mann: Max Weber: Moder­ni­sie­rung als pas­sive Revo­lu­tion. Kon­text­stu­dien zu Poli­tik, Phi­lo­so­phie und Reli­gion im Über­gang zum For­dis­mus, Ham­burg: Argu­ment 1998.

[28] Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Adorno: Dia­lek­tik der Auf­klä­rung. Phi­lo­so­phi­sche Frag­mente, Frank­furt: Fischer, 14. Aufl. 2003, S. 169.

[29] Haber­mas (Anm. 7).

[30] Johan­nes Agnoli: Die Trans­for­ma­tion der Demo­kra­tie und ver­wandte Schrif­ten, Ham­burg: Kon­kret Lite­ra­tur Ver­lag 2004.

[31] Ebd., S. 41.

[32] David Har­vey: Kleine Geschichte des Neo­li­be­ra­lis­mus, Zürich: Rot­punkt­ver­lag 2007.

[33] Vgl.: Jörg Nowak: Geschlech­ter­po­li­tik und Klas­sen­herr­schaft: Eine Inte­gra­tion mar­xis­ti­scher und femi­nis­ti­scher Staats­theo­rien, Müns­ter: West­fä­li­sches Dampf­boot 2009.

[34] Vgl.: Jamie Peck: Work­fare Sta­tes, New York: Guil­ford Publi­ca­ti­ons 2001.

[35] Vgl.: Klaus Dörre und Bernd Rött­ger, Hg.: Das neue Markt­re­gime. Kon­tu­ren eines nach­for­dis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­mo­dells, Ham­burg: VSA 2003.

[36] Colin Crouch: Post­de­mo­kra­tie, Frank­furt: Suhr­kamp 2008.

[37] Ent­ge­gen dem Dis­kurs um „Sach­zwänge der Glo­ba­li­sie­rung“ beste­hen auf natio­nal­staat­li­cher jedoch eigent­lich noch grö­ßere Hand­lungs­spiel­räume. Ein Indiz dafür sind die natio­nal­staat­li­chen Reak­tio­nen auf die aktu­elle Weltwirtschaftskrise.

[38] In Arbei­ten „Gover­nance“ wird das beson­ders deut­lich. Vgl.: Leu­bolt, Novy und Bein­stein (Anm. 1)

[39] B. Guy Peters und Jon Pierre: Multi-​​​​level Gover­nance and Demo­cracy: A Faus­tian Bar­gain?, Hg. Ian Bache und Matthew Flin­ders, Multi-​​​​level Gover­nance, Oxford: Oxford Uni­ver­sity Press 2004.

[40] Vgl. die Debatte zu Post­de­mo­kra­tie: Crouch; Chan­tal Mouffe: On the Poli­ti­cal, Lon­don: Rout­ledge 2006; mit etwas ande­rem Blick­win­kel vgl. auch: John Kann­an­ku­lam: Auto­ri­tä­rer Eta­tis­mus im Neo­li­be­ra­lis­mus: Zur Staats­theo­rie von Nicos Pou­lant­zas, Ham­burg: VSA 2008.

[41] Ran­cière (Anm.4).

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Was es mir wert ist.

11. Januar 2010 – 20:13 Uhr

Finanz­mi­nis­ter Pröll will die Öster­rei­chi­sche Natio­nal­bank ver­staat­li­chen. Ich kann nur ver­mu­ten, die hier ver­sam­mel­ten Wirt­schafts­wis­sen­schaft­le­rIn­nen stim­men die­sem Schritt voll inhalt­lich zu. Von mir nur ein Hin­weis auf eine seman­ti­sche Irri­ta­tion. In der Ankün­di­gung, die rest­li­chen, nicht-​​staatlichen Anteile der ÖNB für die Repu­blik auf­kau­fen zu wol­len, hat Pröll heute gesagt:

„50 Mil­lio­nen – das ist es mir wert.“

Ich will ja nicht klein­lich erschei­nen. Aber, wirk­lich: wie kann ein Finanz­mi­nis­ter – wie kann irgend jemand, der über öffent­li­che Gel­der ver­fügt – sich so eine Aus­sage erlau­ben? Dass es ihm das wert ist? Im Sinne von: Das geneh­mige ich mir? Statt viel­leicht dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es den staat­li­chen Inter­es­sen ent­spre­chen würde, einen sol­chen Schritt zu set­zen? Statt den Satz etwa so zu for­mu­lie­ren: „50 Mil­lio­nen – das ist die Sache wert.“ – ?

Wie geschrie­ben, eine seman­ti­sche Irri­ta­tion. Aber vom Ges­tus schon auf­fäl­lig. Wie nen­nen wir das: geleb­ten Josefinismus?

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