von Stephan Pühringer
Grundfragen der Ökonomie – Plural, Reflexiv, Lebensnah“ ist ein Lehrbuch, das seinen programmatischen Untertitel einlöst und zugleich bewusst eine Lücke der ökonomischen Grundlagenausbildung füllt. Im Gegensatz zu standardökonomischen Lehrbüchern, die Studierende anleiten wollen, „wie Ökonom:innen zu denken“, um ein „neutrales Verständnis“ der Wirtschaft zu erlangen, versteht dieses Buch Ökonomie als gesellschaftliche Praxis, als historisch wandelbaren und politisch umkämpften Gegenstandsbereich, und baut auch didaktisch auf solch einem Verständnis auf. Dieser Zugang lässt sich in drei Merkmalen charakterisieren, die eine breite Anwendbarkeit des Buches für verschiedene Kontexte und Leser:innengruppen ermöglichen: (i) die konsequente Gegenstandsorientierung und Einbettung des Gegenstandsbereichs Wirtschaft in Gesellschaft und Ökologie, (ii) die systematisch verfolgte Pluralität ökonomischer Perspektiven in jedem Kapitel und Themenbereich und (iii) die modulare, studierendenbezogene Aufbereitung, die sowohl einen breiten Zugang als auch vertiefte Problemorientierung ermöglicht.
1) Gegenstandsorientierung und Einbettung. Das Lehrbuch versteht Ökonomie und den Prozess des Wirtschaftens nicht als in sich geschlossenes System, sondern als Teil gesellschaftlicher Ordnungen und Naturverhältnisse. Damit wird eine Grundentscheidung gegen abstrakte, entkontextualisierte Einführungen getroffen. Diese zeigt sich auch im Aufbau des Buches, das entlang realwirtschaftlicher Leitfragen organisiert ist: Wozu wirtschaften Gesellschaften (Wohlstand, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit)? In welchen Kontexten und Wechselverhältnissen tun sie dies (Natur, Gesellschaft, Geschichte, Politik)? Welche Faktoren und Institutionen prägen wirtschaftliche Prozesse (Arbeit, Kapital, Boden, Technologie, Geld)? Und in welchen unterschiedlichen Arenen wirken Akteur:innen, Institutionen und Machtverhältnisse (Produktion/Reproduktion, Verteilung, Märkte, Commons, Globalisierung, Staat)? Diese Orientierung am Untersuchungsgegenstand der Wirtschaft fördert dabei eine konsequente Reflexionshaltung: Ökonomie ist als ein Bündel institutionell strukturierter, historisch entstandener, konfliktreicher und reflexionsbedürftiger Praktiken zu analysieren.
Diese Einbettung der Wirtschaft in gesellschaftliche Machtverhältnisse spiegelt sich in der systematischen Verknüpfung mit Querschnittsfragen wider, insbesondere mit sozial-ökologischen Krisenphänomenen. Die Wahl der Beispiele, die an den jeweiligen Stellen eingeführt werden, die wiederkehrenden Einordnungen zu ökologischen Grenzen, globalen Ungleichheiten und öffentlich-politischen Entscheidungsprozessen, sowie die Referenzen auf aktuelle Forschungsstränge (im Format „Aus der Forschung“) zeigen, dass ökonomische Erkenntnisse nicht jenseits von Gegenwartsdiagnosen produziert werden können. Der Band stellt auf diese Weise die Anschlussfähigkeit ökonomischer Argumentation an reale Problemlagen ins Zentrum. So wird ein Lehrmodus etabliert, in dem die Trennung von „Theorie“ und „Anwendung“ obsolet wird: Erkennen, Einordnen und Beurteilen wird integriert vermittelt.
2) Pluralität als Strukturprinzip. Die Plurale Ökonomik wird in diesem Band nicht als aneinandergereihte Aufzählung unterschiedlicher Denkschulen mit ihren unterschiedlichen methodischen und epistemologischen Grundlagen verstanden. Vielmehr wird versucht, konkurrierende Perspektiven systematisch auf gleiche Fragestellungen zu beziehen. Damit wird Pluralismus unmittelbar greifbar: Unterschiedliche Annahmen über Akteur:innen, Institutionen, Zielgrößen und Wirkungszusammenhänge erzeugen unterschiedliche Erklärungen und werden nicht durch Aggregation, sondern durch kontrollierte Gegenüberstellung vermittelt. Das Buch leistet genau dies, ohne Scheingewissheiten zu produzieren oder in Relativismus zu verfallen. Die resultierende Spannung zwischen „Mainstream“-Modellen (mit ihrer Effizienzorientierung, Rationalität und der Zentralität von Märkten), postkeynesianischen Zugängen (mit der Betonung fundamentaler Unsicherheit, effektiver Nachfrage und Verteilungsfragen), marxistische Analysen (mit der Konzentration auf Klassenverhältnisse, Akkumulationsdynamiken und Ausbeutung), institutionenökonomischen Ansätzen (mit der Betonung auf Regeln, Normen und Institutionen), feministischen Perspektiven (mit dem Fokus auf Sorge, Reproduktion und geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen) sowie der Ökologischen Ökonomik (mit der Einbettung in planetare Grenzen und ihrer methodologischen Öffnung in Richtung Naturwissenschaft) wird nicht nivelliert, sondern anhand konkreter Fragestellungen und Themenbereiche gegenübergestellt.
Die Leser:innen erlernen so nicht nur alternative Begriffe und Zugänge im jeweiligen Gedankengebäude der „Denkschulen“, sondern lernen, wie sich deren unterschiedliche ontologische, methodische und epistemologische Grundlagen auch in Fragestellungen und Schwerpunktsetzungen und daraus folgenden Politikimplikationen niederschlagen. Damit verbunden ist die Reflexivität über die performative Dimension ökonomischer Theorien. Der Band thematisiert, dass die Ökonomik nicht nur beschreibt, sondern Wirklichkeit mit hervorbringt: Begriffe, Messinstrumente und Modelle strukturieren Wahrnehmungen und bringen Handlungen hervor. Ein kritischer Umgang mit ökonomischen Standardkategorien (etwa BIP, Produktivität, Humankapital), Grundannahmen (Neutralität des Geldes, Natürlichkeit von Märkten) und Erklärungsmustern (Grenzproduktivitätstheorie, Trickle-down) wird so Teil der Einführung. Diese Reflexivität dient nicht der Delegitimierung mainstreamökonomischer Ansätze, sondern versucht, konkrete Fragen zu klären: Unter welchen Bedingungen sind bestimmte Modelle sinnvoll? Welche Fragen beantworten sie, welche nicht? Wo werden sie politisch wirksam? Auf diese Weise wird Pluralität nicht zum Selbstzweck, sondern zum Kriterium für gesamtheitlichen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn.
3) Modularität und Lernfreundlichkeit. Die Anlage des Bandes ist studierendenbezogen und modular. Das bedeutet nicht nur, dass die Kapitel in sich abgeschlossen und auch einzeln direkt einsetzbar sind (etwa in Vorlesungen, Seminaren oder Selbststudium), sondern auch, dass sie in verschiedenen Kombinationen sinnvoll aufeinander bezogen werden können. Der Aufbau mit Querverweisen, die klare Begriffseinführung direkt im Text, das abschließende Glossar und strukturierte Literaturempfehlungen machen den Band zu einem didaktischen Werkzeugkasten. Studierende können eigenen Interessen folgen, Lehrende thematische Schwerpunkte setzen, ohne auf einen linearen Aufbau der Inhalte angewiesen zu sein.
Die vielen Autor:innen haben es geschafft, komplexe Themen- und Fragestellungen in einer klaren Sprache zu vermitteln, ohne in Vereinfachungen zu verfallen. Begriffe werden sauber definiert und oft mit gegenwartsbezogenen Beispielen ergänzt. Besonders hervorzuheben ist die konsequente Verbindung von Theorie- und Empiriebezug: Wo Theorien eingeführt werden, wird auf die Reichweite ihrer empirischen Evidenzen verwiesen; wo empirische Befunde gezeigt werden, wird ihre interpretative Offenheit und ihre Abhängigkeit von theoretischen Prämissen ausgewiesen. Diese didaktische Konsequenz ist in Einführungswerken selten.
Den Herausgeber:innen ist es gelungen, ein, im besten Sinne, kritisches Lehrbuch zusammenzustellen. „Kritisch“ nicht nur als normativ-politische Positionierung, sondern wissenschaftliche Kritik als Reflexion der Grenzen von theoretischen Aussagen und deren konkreter Anwendbarkeit. Der Band eröffnet Räume für konstruktive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven. Damit leisten die Autor:innen mehr als die Vermittlung unterschiedlicher, voneinander abgeschlossener „Denkschulen“. Sie ermächtigen die Lernenden zu eigenen Positionen zu zentralen ökonomischen Themenbereichen. Dabei werden explizit auch normative Fragestellungen aufgeworfen: Die Sorge um Gerechtigkeit, um demokratische Legitimität und um ökologische Tragfähigkeit wird nicht als Ökonomie-externe Randbedingungen behandelt, sondern als analytisch relevante Dimension.
Die Zusammensetzung der Autor:innen ist in diesem Zusammenhang nicht nur symbolisch relevant. Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in einer Disziplin, die noch immer überwiegend männlich geprägt ist, sowie eine auch disziplinär und institutionell diverse Autor:innenzusammensetzung geben dem Band eine Breite, die sich im Text niederschlägt. Feministische und care-ökonomische Perspektiven, die in klassischen Einführungen oft marginalisiert sind, sind hier integrativ präsent. Ökologische Perspektiven werden nicht auf Umweltkapitel begrenzt, sondern als Grunddimension ökonomischen Denkens verstanden. Institutionelle und politische Fragen sowie Fragen der sozialen Ungleichheit werden nicht an die Politikwissenschaft oder die Soziologie delegiert, sondern als integrale Bestandteile ökonomischer Analysen behandelt. Das Ergebnis ist ein Lehrbuch, das nicht nur über Pluralität spricht, sondern sie verkörpert. Dass die Herausgeber:innen und die Autor:innen damit eine normative Debatte in der Disziplin adressieren, ist offensichtlich und begrüßenswert.
Eben deshalb ist das Buch für die Vermittlung von ökonomischen Grundlagen hervorragend verwendbar. Es eignet sich in Einführungen, um Studierenden von Beginn an die Breite, Tiefe und gesellschaftliche Relevanz ökonomischen Denkens zu vermitteln. Er eignet sich ebenso für thematische Lehrveranstaltungen: Die modularen Kapitel zu Geld, Boden, Märkten, Staat, Technologie, Globalisierung etc. können als gut strukturierte Einstiege in vertiefende Diskussionen dienen.
Mein Fazit zum Buch fällt entsprechend aus: Dieses Lehrbuch stellt einen wichtigen Meilenstein für die ökonomische Grundlagenausbildung dar. Es ist ein pluraler, reflexiver, am Gegenstand orientierter Beitrag, der das Lernen und Lehren der Ökonomie neu strukturiert. Die Modularität und Studierendenorientierung erhöhen seine Breitenwirksamkeit; die wissenschaftliche Stringenz und Pluralität machen es zu einem fachlich ansprechenden Werk. Ich gratuliere Lukas Bäuerle, Anna Katharina Keil, Rouven Reinke und Stella Wasenitz zu dieser tollen Arbeit und wünsche ihnen viele Lehrende und Lernende.
Der Link zum Buch: https://shop.haufe.de/prod/grundfragen-der-oekonomie?srsltid=AfmBOorOPwW1bSnqj1hIKFzMKeKQEkZSDItJ1H-AIrIHeU_7rhfXe9–